Sonntag, Juni 01, 2008

das Gepäckband

Wurde die schwere Flugzeugtüre im vorgeschriebenen «two step procedure» geöffnet und das Vorhandensein der Passagierabsaugvorrichtung verifiziert, dann ergiesst sich der Strom unserer Gäste explosionsartig in das Becken des fremden Flughafens.
Dies ist der Moment, wo der Status der Klassenzugehörigkeit und die Farbe des Vielfliegerausweises an Bedeutung verlieren. Es muss von Neuem um die Hierarchie gekämpft werden und wer jetzt mehr Beinfreiheit erhält, entscheidet nicht mehr der Geldbeutel, sondern der Bizeps und das Mass an Rücksichtslosigkeit.

Zeugten im Flugzeug Lockerheit und Gelassenheit von Stil und Würde, zählen jetzt nur noch Geschwindigkeit und Schlitzohrigkeit. Das ganze Spektakel wird in seiner Dynamik am Gepäckband abrupt gebremst. Schon in drei Reihen stehen die Gäste der Muskelmasse nach geordnet vor dem leeren Plastikband, das sich mit Schrittgeschwindigkeit noch arbeitslos im Kreise dreht. Eine Traube bildet sich vor dem Loch, an dem der Keller einige Augenblicke später die Reisegepäcke respektlos ausspuckt.

Als Uniformierter tut man gut daran, sich etwas im Hintergrund aufzuhalten. Gründe dafür gibt es genügend. Eine Uniform zieht die Hilflosen an wie der Dreck die Fliegen - und Hilflose gibt es viele in der reisefreudigen Welt. Verlorene Koffer sind der Alptraum. Selbstverständlich ist der Copilot der Swiss aus Zürich kommend schuld, wenn der Aeroflot Passagierin aus Moskau kommend der Koffer fehlt. Auch verständlich, dass ich das Problem vom verpassten Bus nach Pattaya lösen soll.

Noch schlimmer als das Trösten von aufgelösten Fluggästen ist aber der Kampf am Band. Fährt einem nicht gerade ein Trolley aus Kruppstahl in die Fersen, zertrümmert beinahe ein mit Schwung vom Band gehievter Hartschalenkoffer die eigene Kniescheibe. Herr und Frau Viel- und Wenigflieger kennen kein Pardon und keine Hemmungen, wenn es um das ergattern des eigenen Samsonites geht.
Ist der fein säuberlich angeschriebene Koffer einmal auf dem Schiebekarren, dann wird wieder losgespurtet. Schliesslich muss der Stempel noch in den Pass und das eigene Hab und Gut vor fremden Blicken geschützt werden.

Sind die letzten Einreiseformalitäten geklärt und öffnet sich endlich die milchglasige Pforte in das fremde Land, dann verlangsamt sich der Fluss menschlicher Körper wieder. Tafeln werden hochgehalten mit Namen aus allen Herren Ländern. Reiseveranstalter suchen ihre Gäste und Busse in verschiedenste Orte wollen gefüllt werden. Und genau in diesem Getümmel bekommt die Uniform wieder die Wichtigkeit, die ihr gebührt.

«Könnten sie mir vielleicht …….?»
«Sorry, I don‘t speak German!»

Kommentare:

  1. und alle Trolleys stehen so nah am Band, dass keiner mehr dazwischenkommt, um seinen Koffer abzuholen. Da kann der eigene Koffer schon mal zwei Runden unter den Augen des Besitzers drehen, weil dieser gerade in einen Diskurs mit dem Trolleyfahrer geraten ist.

    Schön auch die Beschwerden von Passagieren, dass die Besatzung ihre Koffer zuerst bekäme (in Skandinavien so geschehen). Seitdem müssen wir dort was länger warten.

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  2. .... das geht in die Kategorie "dies ist die Toilette der ersten Klasse und ich finde es eine Frechheit, dass Piloten diese ausschliesslich den Super HON Paxen vorbehaltene Einrichtung benutzen...."

    Manchmal frage ich mich ernsthaft, was für Individuen wir täglich herumkutschern!

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  3. Erstklassige Individuen!

    Oder zumindst solche mit Geld...

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  4. Nun, laut SWISS Uniform-Regulations sollte man doch die Uniform unkenntlich machen, sobald man ausser Betrieb ist. Somit wäre die etwas korrektere Lösung:
    1. Plaquette entfernen, Krawatte ausziehen
    2. Passagier "Sorry, would you mind.."
    3. Pilot: "Sorry, not on duty."

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  5. "Sorry, splitduty!" [auf Kollegen Vierstreif deutend]

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  6. Hallo
    Ich habe eine kurze Frage die indirekt zum Thema passt.
    Habe gelesen, dass am letzten Samstag eine Swiss Maschine aus Boston nicht starten konnte wegen hydraulischen Problemen. Die Maschine sei dann über die Nacht repariert worden, konnte jedoch Sonntags wieder nicht starten, wegen dem gleichen Defekt.
    Weiss jemand etwas genaueres?
    Wie teilt man so etwas den Passagieren mit, könnte mir vorstellen, dass einige sehr wütend reagieren?

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  7. Um solche Situationen zu vermeiden, empfiehlt es sich "nur" mit Handgepäck zu reisen, auch on duty. Die Kollegen aus den USA (sowohl Piloten als auch Kabine) sind darin Weltmeister und geben sicherlich gerne ein paar Tipps dazu, wie man als Crew Member am Besten den prallgefüllten Trolley, 2 kleiner Reisetaschen und 3 robuste Shoppingsäcke am transportiert und vorallem in der Kabine verstaut. Amerikanische Crews, so wurde mir mehrfach von selbigen bestätigt, checken aus diversen Gründen kein Gepäck ein und haben so manchen Tipp auf Lager ;-)

    Herzliche Grüsse aus London
    Angi

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  8. Amerikanische Crews fliegen nicht Airbus und haben genügend Stauraum an Bord...

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