Samstag, Mai 10, 2008

Gummibärchen auf dem Kopfkissen

Bekannte Unbekannte trafen sich die letzten Tage bei schönstem Wetter am Ufer des Bielersees, um sich besser kennen zu lernen. Die Ausbildungsstellen von den Fluglotsen und den Piloten haben zum Gespräch und Seminar geladen und wir folgten murrend dem Aufruf.
Murrend nicht weil wir einander nicht mögen oder nicht von der Wichtigkeit eines Austausches überzeugt wären, sondern weil die Sonne zu ersten Mal so richtig auf die Schweiz brannte, die kleine Brauerei am Hafen ihr neues Hanfbier feil bot und die grün schimmernden Weinberge von Twann beste Werbung für den schmackhaften Weisswein aus der Region machten.
So fanden wir uns Piloten mit leichter Verspätung im Hotel ein, weil mangelhafte Navigationskarten und eine fehlende Verkehrsleitstelle das Zurechtfinden in der fremden Stadt unheimlich erschwerte.
Da standen sie nun vor uns, die Kollegen von der ATC. Wir beschnupperten uns wie langjährige Briefbekanntschaften, die sich noch nie getroffen haben und genossen das Backwerk aus der lokalen Bäckerei gleich um die Ecke. Der Kaffee war etwas wässerig, aber zweifellos ein gelungener Kompromiss zwischen dem qualitativ hochstehenden Nespresso aus den Langstreckenflugzeugen und dem Sockensud aus der Kurzstreckenküche.

Aber bei diesem Seminar ging es nicht um Kompromisse, sondern um Austausch, Information und Aufklärung. So wurden die Teilnehmer vom Genuss des dritten Espresso abgehalten und ins Konferenzzimmer gebeten. Schon nach wenigen Minuten wurde dem einfachen Teilnehmer wie mir klar, dass er von der Arbeit am anderen Ende des Mikrofons viel zu wenig Ahnung hat.
Zu fragen und zu erklären gab es viel und stockten die Gespräche für einmal, konnte man die Kollegen Kontroller mit der provokativen Behauptung, Piloten hätten dank TCAS einen guten Überblick über die Geschehnisse am Himmel, wieder aus der Deckung holen.

Es setzte sich aber bald die Erkenntnis durch, dass für einmal die Adler am Himmel den ganzen Luftverkehr aus der Froschperspektive betrachten und die am Boden einen Überblick wie Raubvögel haben. Verkehrte Welt, aber das ist in der Luftfahrt nun mal so.

Gegen Abend wurde die Konferenztüre verschlossen und sowohl die Adler mit dem Froschblick als auch die Frösche mit dem Adlerblick verschoben sich Richtung See, wo lokaler Rebensaft wartete und das fachmännische Publikum einen Takeoff eines Schwans begutachtete, der etwa das gleiche Startverhalten zeigte wie ein schwerer A340 in Zürich.

Irgendwann ging die Sonne unter, irgendwann verschwand der letzte Deziliter Hanfbier in meiner Kehle und irgendwann verriegelten die Lokale wegen der restriktiven Polizeistunde der Stadt Biel ihre Tore. Als auch die Barmaid ihre Wirkungsstätte schloss, war die Zeit gekommen das eigene Hotelbett anzusteuern. Schnell fand ich trotz Strassenlärms Schlaf und viel zu schnell riss mich der morgendliche Weckruf der Seminarleitung aus den Federn.
Etwas schmerzte leicht in meinem Kopf und als ich mich aus dem Bett erhob war der Grund für den leichten Brummschädel schnell gefunden. Ein nett gemeinter Willkommensgruss der Hotellleitung in Form einer Gummibärchenpackung lag die ganze Nacht unter meiner linken Backe.

Morgen sitze ich wieder dann wieder im Cockpit, schaue mit einem Schmunzeln auf mein TCAS, frage nicht nach einer Abkürzung und freue mich, wenn ich eine bekannte Stimme am Funk höre.
Erklingt die Aufforderung: «Swiss one three eight, proceed direct to GORON», dann weiss ich, dass der Kurs auch nachhaltige Wirkung hatte.

Kommentare:

  1. Du chauffierst Gummibärchen nach Hongkong?
    Gab's permanente Verfärbungen oder Falten an der Wange?

    [die Jungs und Mädels vom ATC verstehen sich prima mit denen vom Cockpit - hab ich mir sagen lassen)

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  2. Wie bitte schmeckt denn Hanfbier?

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  3. @Chrissi:
    .... berauschend :-/

    @Frau Klugscheisser
    .... lange Geschichte :-)

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  4. Hat es zum «Twanner» wenigstens auch einen feinen Fisch aus dem Bielersee gegeben?

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  5. Die Fabel vom Frosch und dem Adler.

    Auch den startenden Schwan fand ich gut.

    Das hätte der sich bestimmt nie gedacht, dass er eines Tages in dieser Weise beobachtet und begutachtet würde: Von einer versammelten Fachkompetenz am Ufer, einem zusammengesetzten Publikum aus Piloten und Fluglotsen.

    La Réalité surpasse la Fiction.

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