Dienstag, Mai 13, 2008

Frauenhimmel




Der Wecker rebelliert eine Handbreit neben meinem Kopf. Ich bin überzeugt, er würde mir eine knallen, wenn er nur könnte. Nach einer Minute ist der Ausgang des Zweikampfes zwischen mir und dem elektronischen Störenfried noch offen. Zwei weitere Minuten später hat er gewonnen. Ich jage ein paar Impulse in meinen linken Arm und bringe den Zeigefinger mit Mühe dazu, die Austaste zu drücken.
Eigentlich habe ich den Wecker nur als Notfall gestellt. Ein kurzer Mittagsschlaf sollte es werden und jetzt fühle ich mich beim Aufstehen nach vier Stunden Tiefschlaf wie ein Bergsteiger am «Hillary Step» kurz vor dem Everest Gipfelglück.

Nicht der frühmorgendliche Ausflug ist der Grund meines Schwächeanfalls, es sind vielmehr die kumulierten Freinächte an Bord der Flugzeuge, die meinen Körper durcheinanderbringen und desynchronisieren. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich unruhig und wenig und schlafen könnte ich, wenn ich wach sein sollte. So schlapp wie im Moment habe ich mich tatsächlich noch nie in meiner Karriere gefühlt. Da kommen die zehn Freitage nach diesem Einsatz gerade gelegen. Dies sind seit letztem September die ersten Ferien und auch die einzigen, die mir im Jahre 2008 vom Computer zugestanden werden. Doch Schuld sind nicht die Rechner im Hauptsitz, sondern die, die nicht rechnen können und die, die nicht rechnen können, schieben wiederum der Expansion den schwarzen Peter in die Schuhe. Ich könnte diesen jetzt schon langen Satz noch unendlich verlängern und in wenigen Worten das moderne Management von heute erklären, aber ich hüte mich davor, denn Expansion ist etwas, das man vergöttern muss, lieben muss. Expansion ist der Motor jeder Unternehmung und lässt die Herzen aller Investoren und Bonusempfänger höher schlagen.
So schweige ich und nehme zur Kenntnis, das wenigstens das Gesetz einmal auf meiner Seite ist und mich vor übertriebener Loyalität zur Firma schützt - 900 Flugstunden in zwölf Monaten sind das Maximum und das erreiche ich fast jedes Monatsende.

Bergsteigerisch gesehen bin ich jetzt zurück im Basecamp und habe meine Sinne wieder einigermassen zusammen. Nicht nur philosophisch betrachtet habe ich heute Berge erzwungen, auch physisch durfte ich Gipfelglück erleben.
Nachdem ich den hohen Wellengang geniessend nach zwanzig Bootsminuten in Discovery Bay eingetroffen bin, habe ich auf der Terrasse mit Meerblick das Frühstück und die Zeitung genossen, bin mit dem Bus nach «Tung Chung» gefahren, habe dort die dem Wind ausgesetzte Gondelbahn zur «Po Lin Monastry» bestiegen und danach ein paar Worte mit dem grossen Buddha gewechselt.
Auch er meinte ich sähe Müde aus und solle etwas mehr auf meinen Körper achten - Expansion hin oder her.

Ach ja, da war noch was. Leser, die bis hier hin durchgehalten haben bin ich noch die Erklärung schuldig, wie ich zur Überschrift dieses Artikels gekommen bin. Einige Kollegen aus der virtuellen und aviatischen Welt werden mir sicherlich wieder vorwerfen, ich hätte nur ein paar «verlorene Google-Seelen» anlocken wollen. Ist für einmal aber falsch. Ich war tatsächlich im Frauenhimmel, im richtigen Frauenhimmel.
Egal mit welchem Verkehrsmittel man «Tung Chung» erreicht, man muss die für Frauen heilige Halle des «City Gate Outlet Shoppingcenters» betreten. Auf drei Stockwerken warten unzählige Markenläden darauf, ihre Ware zu Schleuderpreisen zu verscherbeln. Unsere Kolleginnen findet man da kaum, denn die unterliegen noch immer der falschen Vorstellung, dass die Waren in der Frauenhölle «Ladies Market» besser und billiger seien.
Auch ich habe mich selbstverständlich etwas umgeschaut und auf ein Schnäppchen gehofft. Doch nach drei Läden war Schluss. Eine anderen Expansion hielt mich vom Kauf textiler Artikel ab, die Expansion meines Bauches.

ein VIT - very important Taxidriver

Kommentare:

  1. Na das ist doch endlich mal einer der erreichbar ist. Oder ist der vor lauter Telefonieren schon nicht mehr erreichbar????

    Sei froh, dass du kein VIP (Very important pilot) bist, (obwohl ja eigentlich jeder besonders wichtig ist) sonst müsstest du auch ständig telefonieren und die Erholung wäre definitv im Arsch....

    Gruess und gueti Erholig.

    Severin

    AntwortenLöschen
  2. ... Danke Severin!

    Ich muss ehrlich zugestehen, dass ich je länger je weniger erreichbar bin. Der Ausknopf des Handys ist doch eindeutig der wichtigste von allen!

    AntwortenLöschen
  3. Kommentar von meinem Herzblatt, wenn er das Handy wieder mal ausgeschaltet hat "Nur Dienstboten müssen immer erreichbar sein" - Recht hat er!

    Gruess TWR Mädel

    AntwortenLöschen
  4. ... und ich dachte, der Frauenhimmel sei ein Cockpit mit zwei gutaussehenden Piloten ... :-)

    der Taxifahrer erinnert mich mit seinen Handys an den Chef des Crewbusunternehmens in ATH, ist vielleicht ein Ableger in HKG :-)

    G!

    AntwortenLöschen
  5. Freue mich schon auf den nächsten Bericht und einen eventuellen VVIT!

    AntwortenLöschen
  6. Maximal 900 Flugstunden pro Jahr? Also im Durchschnitt Maximum 75 pro Monat? Und das bei einer riesigen Lohntüte! Aber klar, man jammert halt so gern!

    AntwortenLöschen
  7. ... 900h sind eine internationale Limite und haben mehr als ihre Berechtigung.
    Dass ein Arbeitstag auch noch aus anderen Arbeiten als Fliegen besteht, versteht einer der mit Anonym unterschreibt natürlich nicht.

    AntwortenLöschen
  8. Das ist die Schattenseite des Jobs:
    Man schläft keine Nacht mehr durch.

    Übrigens war ich noch nie beim großen Buddha. Muss ich unbedingt noch machen. Bisher hatten die neuen Brillen immer Vorrang (ohne seh ich noch nicht mal eine Statue, wenn ich direkt davorstehe).

    AntwortenLöschen
  9. ... ich führe Dich das nächste Mal an der Hand :-)

    AntwortenLöschen
  10. Ein Shoppingcenter als Frauenhimmel? Um Himmels Willen! Ich diesen Frauenhimmel will ich ganz bestimmt nicht.

    10 Tage Urlaub im ganzen Jahr? Herzliches Beileid, da kann nicht viel Zeit für's schöne Engadin übrig blieben. Das Flugstundenlimit kann ich nicht beurteilen, aber ich hoffe doch sehr, stets mit ordentlich ausgeschlafenen Piloten und Copiloten unterwegs zu sein.

    AntwortenLöschen
  11. 900 Flugstunden pro Jahr - das macht dein Beitrag klar - sind relativ. Und nicht alle sind in der Lage, die dadurch entstehenden koerperlichen Belastungen nachzuvollziehen. Interessant hingegen die Tatsache, wie schnell und unbedacht gewisse Besserwisser beinahe zwanghaft meinen, ihre unqualifizierten Aeusserungen kundtun zu muessen. Dabei uebersehen sie grosszuegig wesentliche Details wie etwa den Umstand, dass Flugbesatzungen nicht erst zwei Minuten vor dem Wegrollen einsteigen koennen. So gesehen werden ueber das ganze Jahr betrachtet aus 900 Flug- wohl einige Arbeitsstunden mehr. Aber das kuemmert den lieben Anonymus mit Sicherheit kaum - Hauptsache, er (oder sie) hat mal wieder gebruellt!

    Gruss
    Dide

    AntwortenLöschen
  12. So einem wünsche ich mal ne nette Busfahrt vor einem Nachtflug. Am besten in DAR eine Stunde über die Holperpiste oder JFK mal lockere 2h im Stau, dann ankommen noch kein Karibu gemacht, obwohl der Flieger seit dem Mittag da ist. Headcount stimmt nicht, Catering auch nicht und die Bodenstation funktioniert auch nicht so wie sie soll. Dann Nummer 70 in der Schlange für T/O und so weiter und so fort.... Aber wir haben es ja so easy. Mal eben schnell wohin jetten, aussteigen, Party machen mit der Crew und dann mal locker nach Hause fliegen und frisch und ausgeruht wieder ankommen... und 2 Tage später das gleiche wieder von vorne :-) und trotzdem macht es immer noch Spass!

    AntwortenLöschen
  13. ob anonymus mal tauschen möchte...

    am montag nicht zu wissen, ob die planung nicht wieder einmal die ganze woche auf den kopf stellt und einem zu einer ersatzfreizeit/freundeplanung zwingt ist ein weiterer vorteil

    wir jammern nicht, sonder zeigen tatsachen auf! und das die lohntüte riesig sein soll, habe ich bis jetzt noch nie bemerkt!

    AntwortenLöschen
  14. Ich ("bekennende Aviophobiekerin")lese regelmäßig und mit viel Vergnügen diesen Blog und freue mich immer wieder über die kleinen Einblicke ins Pilotenleben. Oft musste ich herzhaft lachen.Aber die derzeit hier stattfindende Diskussion trägt nicht gerade dazu bei, dem nächsten Urlaubsflug entspannt entgegen zu sehen. Wenn also die hier anwesenden und mitschreibenden Luftkutscher so nett wären und ihren Fokus wieder mehr auf die angenehmen Seiten ihres Berufes richten, wäre ich ihnen sehr zu Dank verpflichtet. Mein nächster Urlaub ist nämlich nicht mehr weit. Und wenn die Diskussion hier so weiter geht, dann werde ich wohl nach Amerika schwimmen anstatt zu fliegen.;-)))

    AntwortenLöschen
  15. Keine Angst Lloyd. Im Cockpit sind wir immer topfit. Solche Geschichten aus den schlaflosen Pilotenleben dienen eigentlich nur dazu, nichtfliegenden Kollegen zu erklären, warum Herr Pilot oder Frau Flightattendant während eines gemütlichen Abendessens plötzlich vom Stuhl fällt.
    Sag mir wann du nach Amerika fliegst und ich trage dich persönlich auf Händen dahin!

    AntwortenLöschen
  16. @nff(lache): Danke für das überaus großzügige Angebot, das ich hiermit überschwenglich dankend und voller Vorfreude annehme....ich gebe den Reisetermin rechtzeitig bekannt.;-))))

    AntwortenLöschen