Samstag, Mai 03, 2008

Feuchtgebiete

Langsam lasse ich meinen Körper in den schmutzigen Plastikstuhl fallen und ziehe meine Jeans etwas hoch, damit sich diese von der schweissnassen Haut lösen können. In der Ecke schräg über mir bewegt sich quietschend ein alter Ventilator hin und her und bringt mit seinem fettigen Propeller alle paar Sekunden Erleichterung und Erfrischung.
Ein scharfes Zischen hinter meinem linken Ohr kündigt meine bestellte Erfrischung an. Die Cola Dose wird geöffnet und Augenblicke später führe ich das kalte Aluminium an meine Lippen. Die eiskalte und ekelhaft braune Brühe erfrischt meinen Gaumen ungemein und läuft danach langsam meine Speiseröhre hinunter.
Als ich die Dose auf den Tisch stelle ist sie leer und verbeult. Leer, weil ich so viel Durst hatte und verbeult, weil das irgendwie männlich ist. Noch bevor mich der Ventilator das nächste Mal beglückt, bestelle ich eine neue Cola.

Die Jeans klebt noch immer an der Haut, aber ich kann dank der Erfrischung die Szene ein erstes Mal richtig geniessen. Auf der anderen Strassenseite sitzen leicht bekleidete Mädchen auf Hochstühlen und winken mir ununterbrochen zu. Eine Strassenverkäuferin versucht mir einen Frosch aus Tropenholz zu verkaufen und ein Laufbursche eines Nachtlokals schwärmt mir von einem Pingpong Spiel ohne Schläger vor.
«Zisch und Päng» - die nächste Coladose steht zerknüllt auf dem schmutzigen Plastiktisch.

Auf der Hauptgasse haben Strassenhändler ihre wackligen Verkaufsstände aufgebaut. Unter Plastikplachen türmen sich Produkte aus angeblich edler Manufaktur. Schriftzeichen, die sonst für Luxus und Qualität stehen, kleben an allerlei Produkten, fabriziert nicht weit von hier.
Menschenmassen meist westlicher Herkunft drängen sich durch die engen Gassen. Während die männlichen Einkäufer meistens vor DVD und Uhrenständen stehen bleiben, ziehen die Weiblein von einem Handtaschenstand zum Nächsten. Gemeinsam haben beide Geschlechter, dass sie unaufhörlich schwitzen.

Zwischendurch erkennt man auch Vertreter der jüngeren Generation im unübersichtlichen Menschengewühl. Diese befinden sich gerade auf einem Selbstfindungstrip bezahlt von Mama und Papa und reisen von der einen «Lonely Planet» Sehenswürdigkeit zur nächsten. Als Erkennungszeichen dienst der prall gefüllte Bergsteigerrucksack in Expeditionsgrösse, versehen mit einem «Free Tibet» Stoffabzeichen und einem T-Shirt am Körper aus chinesischer Manufaktur.
«Zisch und Päng» - die nächste Coladose steht zerknüllt auf dem schmutzigen Plastiktisch.

Der Laufbursche des Nachtlokals hatte Erfolg und eine Gruppe gut beleibter Männer betritt das schummrige Lokal. Mit ihnen verschwinden auch die leichtbekleideten Mädchen und die Hochstühle stehen für die nächste Viertelstunde leer.
Ein weiteres Mal werde ich angesprochen. Eine Frau mit männlichen Zügen oder ein Mann mit weiblichen Formen - so genau kann ich das nicht sagen, bietet mir Tickets für eine Show an, in der eine Schlangenfrau im Evakostüm die Schlange ihres Partner im Adamskostüm bändigt und zähmt.
Mir ist nicht nach solcher Unterhaltung und ich bestelle eine weitere Dose Zuckerwasser.

«Zisch und Päng» - die nächste Coladose steht zerknüllt auf dem schmutzigen Plastiktisch.

Jetzt erblicke ich zwei Kolleginnen, die schwer bepackt auf mich zukommen. Der erste Abend in Bangkok scheint für sie ein erfolgreicher gewesen zu sein. Mit leuchtenden Augen zeigen sie mir die erstandenen Handtaschen und Uhren für Freundinnen zu Hause. Dabei spüre ich die leichte Erregung ihrer Körper und die Glückshormone, die gerade in diesem Augenblick durch ihre Blutbahnen schiessen.

Ich wische mir mit etwas bereitgestelltem Toilettenpapier den Schweiss von der Stirne und nehme zur Kenntnis, dass Frauen in Feuchtgebieten leicht in Ekstase zu bringen sind. Schade hat es nichts mit mir zu tun.

Kommentare:

  1. *schwitz*

    Gibt es dort auch 1L-Pfandflaschen?

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  2. Toller Text, prima geschrieben! Richtig farbig, man wird direkt in die Feuchtgebiete geworfen.

    Gruss, Sevo

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