Freitag, April 18, 2008

vom Älter werden

Ich bin im besten Alter. Um die Vierzig zu sein ist ein kaum erkanntes Privileg, das es zu geniessen gilt. Ich behaupte das nicht einfach so aus dem Blauen heraus - nein, ich bin ein richtiger Altersexperte.
Viele Nachtflüge haben mich dazu gemacht. Während eines langen Fluges durch die dunkle Nacht durchlebt man alle Altersstadien eines geschlechtsreifen Mannes. Bringt die junge Kollegin aus der 3. Klasse etwas Schokolade und emotionale Wärme ins Steuerhäuschen, fühlt man sich wie ein junger Kurzstreckencopilot im Frühling. Minuten später hängt man wieder in den Gurten wie ein kurz vor der Pensionierung stehender Bordingenieur.

Irgendwann und zu unmöglicher Zeit pendelt sich die innere Altersuhr dann dort ein, wo sie Plus-Minus auch sein sollte. Ich denke, dass ich diesen Zustand soeben erreicht habe und glauben sie mir, es ist ein wunderschönes Gefühl. Es ist nicht ganz untypisch für mich, dass ich zufrieden und von einem schaumigen Cappuccino sekundiert in einem gemütlichen Kaffee sitze und den Moment innigst geniesse.

«Ich möchte noch einmal Zwanzig sein», ist ein Satz, der oft und leichtfertig über die Lippen geht. Um Gotteswillen nein! Wäre ich noch einmal Zwanzig und an der Schwelle zum Mann, müsste ich Paninibildchen sammeln, mich auf die Fussball EM freuen und die Brusthaare rasieren. Würde meine Seele im Körper einer Frau leben, hätte ich Sonnenbrillengläser so gross wie die Untertasse meines Cappuccinos auf dem Kopf und müsste eine Prada Handtaschenimmitation tragen, die aussieht als wäre ein Lastwagen darüber gerollt und ein Schloss als Zierde trägt, das so gross wie meine Hand ist. Nein Danke.

Aber auch das Alter hat seine Nachteile. Wenn nicht gerade eine Kollegin der 3. Klasse die Instrumente und unsere Seelen mit ihrem jugendlichen Scharm bepudert, pflege ich mit dem alten Herrn auf dem linken Sitz etwas Konversation zu betreiben. Und ich sage ihnen, Probleme haben die! Die Spätfünfziger müssen gleich mehrere Klippen gleichzeitig umschiffen. Die noch Ungeschiedenen sind sich fast Einstimmig einig, dass die Villa mit Gartenumschwung als Altersitz nicht taugt. Zuviel Garten, zuviel Arbeit, zuviel Personalkosten - das Gut muss weg. Etagenwohnungen irgendwo am Wasser mit Anbindung ans kulturelle Leben stehen bei den Ungeschiedenen hoch im Kurs. Die Geschiedenen leben schon in Etagenwohnungen, allerdings zu Miete, fern vom kulturellen Leben und mit Aussicht auf das Betonmeer.
Daneben wird fast exzessiv Sport betrieben, da immer irgendein Stadtmarathon vor der Türe steht. Das Mobiltelefon ist an den Hosengurt gekettet wie im Wilden Westen der Colt und nicht selten sind die gestandenen Herren schneller im SMS tippen, als die jungen Kolleginnen aus dem Heck des Fliegers. Stress pur!

Dazwischen stehe ich, etwas über vierzig und zufrieden. Betrachte ich die Personen um mich herum habe ich das Gefühl, dass bei mir die «Pause»-Taste gedrückt wurde. Ich kann zwar sofort wieder anlaufen wenn ich will oder muss, geniesse aber den Moment, den Tag und das Leben. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Einstellung absolut nicht im Trend liege. Denn wer nicht ständig unter Strom steht und seinen Tagesablauf mit Hilfe eines Blackberry minutiös plant, gilt als suspekt in unserer Gesellschaft.

Ich hoffe, dass dieses Narrenalter um die Vierzig noch lange andauert, ich mich den Trends noch lange widersetzen kann und nie Panini-Bilder sammeln muss. Also: Hände weg von meiner «Play»-Taste!

Kommentare:

  1. Sehr interessante Betrachtungsweise und schön zu lesen. An einen Punkt im Leben zu kommen, an dem man sich zufrieden und stressfrei fühlt ist ein schönes Ziel. An der Blackberry-Planen-Äußerung ist sicher etwas dran. Aber sich gerade nicht zum Standard zählen, kann doch auch wunderbar sein.
    Also, genießen Sie weiterhin den Cappuccino und das Leben. Ich werd's auch versuchen.

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  2. Severin Baerlocher18 April, 2008 17:39

    Ich werde mich hüten auch nur nach der Play-Taste zu suchen.

    Nebenbei, kennst du als vielgereister einen Ort auf der Welt in dem man diesen Sommer nicht von Fussbal spricht? Wenn ja kannst du mich da hinbringen?

    Liebi Grües,

    Sevo

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  3. Da bleibt mir nur noch eine Angst vorm Älter werden, dass ich vor lauter Zufriedenheit die «Play»-Taste nicht mehr finde und ich Formen annehme, die einem breiten und unbeweglichen Bordingenieur gleichen.

    Aber ich mag dir natürlich die Verschnaufpause gönnen :-)

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  4. Hallo NFF - willst du mich provozieren...?
    Ich bin zwar noch ein ungeschiedener "Frühfünziger", habe mich aber vom Einfamilienhaus bereits emotional gelöst, freue mich auf die Fussball-EM und stolpere sogar ab und zu über eine Packung Panini-Bilder in unserem Wohnzimmer.
    Ausserdem verhalte ich mich mindestens so "närrisch" wie du, besitze kein Blackberry und geniesse das Leben auch heute nicht weniger als mit 40.

    Tja, lieber NFF - du kannst getrost die "Play"-Taste ankicken. Ich kann dich beruhigen; bei positiver Einstellung und guter Führung stehen dir noch einige vergnügliche Jährchen bevor - wenns sein muss sogar auf dem linken Sitz...

    Gruss - Dide

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  5. @Dide:
    „Provozieren heißt, die Leute denken zu lassen.“ John Le Carré

    .... keine Angst Dide, ich will keinen Generationenstreit im Cockpit beginnen, aber manchmal muss ich über die wiedergewonnene Jugendlichkeit meiner Kollegen schon etwas schmunzeln.
    Es gibt sie natürlich, die die immer jung geblieben sind. Da zähle ich Dich explizit dazu. Bist und bleibst ein Vorbild!


    @elchristo:
    ... und wie ich die Cappuccinos geniessen werde!


    @sevo:
    ... bei mir auf dem Balkon, wenn der Grill das Fett im saftigen Fleisch zum Dampfen bringt, hat der Fussball garantiert keinen Platz.


    @Christoph:
    ... die Gefahr besteht bei mir tatsächlich, dass ich die "Play"-Taste nicht finde. Meine Frau und der Hund sorgen aber garantiert dafür, dass ich auf Trab bleibe.

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  6. Ich muss dir leider einen kleinen Dämpfer versetzen. Bald einmal wirst du in einem Alter sein wo ein anderer Satz dich die Wände hoch treibt: "Man ist immer so alt wie man sich fühlt." Du sagst dann nicht etwa "Ja, stimmt" sondern "Hilfeee, nur das nicht!!" Du liest dann vielleicht deinen Blog wieder einmal und denkst, da hat jemand nicht nur die "Play-" sondern die "FFWD-Taste" gedrückt.
    Aber keine Angst, natürlich hat auch dieses Alter seine Vorteile. Du musst vor immer weniger Leuten Respekt haben und du kannst die Tage in ihrer vollen Länge geniessen, da die senile Bettflucht dich schon um 5 aus den Federn treibt. Und schlussendlich darfst du geniale Blogs mit Kommentaren versehen und dabei suffisant lächeln weil du weisst, dass du dem armen Blogschreiber einen völligen Bockmist angegeben hast.

    Liebe Grüsse
    Peter

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  7. WELTKLASSE!

    "fühlt man sich wie ein junger Kurzstreckencopilot im Frühling"

    Wenn Du jetzt mein Grinsen sehen könntest :-)))


    ABER: Paninis sammelt manN auch (weit) über 20 noch... und ich bekenne mich dazu! Paninis bekommen eh erst Jahre später Wert, so zB. inzwischen mein Mexico86 Heft...oder das der EM08 in 10 Jahren... wenn wir zwei uns 12 Stunden im 340er um die Ohren schlagen. Stichwort "weisch no..." ;-)

    Das Leben ist schön... auch mit 34 :-)

    G! ein Kurzstreckenpilot im Frühling (auch wenn's draussen nicht so ausschaut...)

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  8. .... ja, auf diese Stunden im a340 Führerhaus freue ich mich :-)

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