Samstag, April 26, 2008

der Unterschied zwischen Uhren und der Zeit

Nicht immer kann man gewinnen, nicht immer steht man auf der Sonnenseite und nicht immer kann man Destinationen vermeiden, die einem nicht gefallen. Es braucht dann viel Motivation den Koffer zu packen und das traute Heim zu verlassen, wenn einem Frau und Hund bei der Abfahrt sehnsüchtig nachschauen.

Diese Motivation ist an der angeflogenen Destination Yaounde in vielerlei Hinsicht enorm wichtig. Ohne Motivation geht in der Haupstadt Kameruns gar nichts. Was in unseren Breiten juristisch relevant und gesellschaftlich verwerflich ist, wird in Kamerun ganz einfach «Motivation» genannt. Das Wort Bestechung wird tunlichst vermieden, es hat schliesslich einen so unseriösen Nachgeschmack.
So wechsle ich vor dem Arbeitsantritt an der Kasse im Operationszentrum einige Schweizer Fränkli in Euro um und bemühe mich, von der charmanten Dame kleine Scheine zu erhalten.
Wenn auch die Motivation noch nicht in meinem Geist angekommen ist, der Geldbeutel strotzt immerhin schon davon.

Mein Kapitän, der kurzfristig auf dem Reservedienst aufgeboten wurde, steht noch irgendwo auf der Autobahn zwischen Basel und Zürich. So besorge ich die Arbeitsunterlagen, informiere mich über das Wetter, den Zustand der afrikanischen Flugplätze und besorge das Mückenschutzmittel, das zwar penetrant stinkt, uns aber vor den Malariamücken beschützt.
Die Kollegen an den Nachbartischen im Planungsraum freuen sich auf Flüge nach Miami, Los Angeles oder Tokio und blicken mitleidig zu mir herüber. Einer muss ja nach Yaounde.

Stunden später ist dann die Motivation auch in meinem Geist angekommen. Eine lustige Crew und wunderbares Essen machen das Fehlen der Nespressomaschine mehr als wett und die traumhafte Aussicht auf die orange leuchtende Sahara lässt sogar mein heute nicht so afrikafreundliches Herz höher schlagen.
Kamerun lässt auch meinen Kapitän nicht unberührt. Wir diskutieren angeregt über die politische Lage im Land, die Schönheiten der Natur und ob es machbar sei, eine so durchgeschüttelte Nation aus der Ferne zu regieren. Der Präsident Kameruns zieht es nämlich vor, die meiste Zeit in einem Hotel in Genf zu wohnen und das Land von dort aus zu führen. Er könne dort besser arbeiten, meint der 75-jährige in einem Zeitungsinterview. Ich denke es hat mehr mit «Motivation» zu tun.

Nach gut fünf Stunden Flugzeit meint der Navigationscomputer, dass ein rasches Absinken jetzt angebracht wäre. Vor uns türmen sich stattliche Gewitterwolken auf, die wir wie Slalomfahrer respektvoll umfliegen.
Die Piste erscheint wenig später im Gegenlicht und im Hintergrung zeigt sich für einmal der «Mt. Kamerun» wolkenlos - traumhaftes Flugwetter!
Am Gate angekommen werden die Türen geöffnet und ein Teil der Passagiere verlässt das Flugzeug so langsam, wie die Putzmannschaft die Maschine betritt. Es riecht nach Mückenschutzmittel und Schweiss. Neue Passagiere erwarten wir keine und die Reise nach Yaounde kann weitergehen, sobald das Gepäck und die Fracht ausgeladen sind.

Unsere trockenen und nach Gerstensaft leckenden Kehlen drängen auf eine schnelle Weiterreise. Mein Chef erkundigt sich bei der charmanten Dame von der Bodenmannschaft, wann es dann weitergehen könne. Ihre Antwort beinhaltet alles, was Afrika so sympatisch macht und zeigt, was wir eigentlich von den Menschen hier noch lernen können: «Ecoute mon Captain, vous en Suisse avez les montres, nous avons le temps!»

Kommentare:

  1. Hallo NFF, wieder einmal köstlich, du solltest mehr nach Afrika fliegen, dort gibts immer die besten Storys.
    Was ich nicht ganz verstehe... wieso "muss" einer nach Yaounde, irgendwie gefällt mir diese Destination... es passiert immer irgendwas =)
    Freundliche Grüsse
    Lucien

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  2. .... da gebe ich mir aber Mühe, dass die Berichte aus Bangkok besser ausfallen. Sonst besorgst Du mir mit Deinen Kontakten noch mehr von diesen Westafrika Rotationen :-)

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  3. Leider macht er keine Einsatzpläne.. bekommt die gleichen "coolen" Einsätze wie alle anderen... also das heisst 3 mal im Monat HKG nachdem man fast 10 Jahre nicht mehr war...
    Wo gehts nächten Monat so hin?

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  4. [off topic] Feuerholz vom Strand

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  5. Wer kennt sie nicht, diese Durchsagen am Abfluggate:

    "Letzter Aufruf!!"

    Dazu oft exotische Namen die genannt werden, Mr.und Mrs. Soundso
    und so und so.

    Der alte Gorbi Spruch an Hony:
    "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

    So cool das daherkommt, eben dieser zitierte Spruch von der Zeit, die man haben sollte:
    Aber dann hat man konsequent zu sein und ebenso cool zu bleiben, falls der Zug mangels Pünktlichkeit abgefahren ist.

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  6. Womit fliegt Swiss eigentlich nach Afrika?
    Mit dem ach so unökologischen Kerosin aus den Tiefen Erden oder mit dem unökonomischen Bioethanol, welches dann grosse Löcher im Bauche der Bevölkerung reisst?
    Mal wieder so ein Kompromiss.

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  7. Peter, ich Blondie möchte wissen: wie heißt das Mückenmittel? Ist es etwas was ich noch nicht kenne?

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  8. Je nez parlez pas francaise! Kann bitte jemand den Spruch der Bodendame übersetzen.

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  9. .... ihr in der Schweiz habt die Uhren, wir haben die Zeit.

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