Mittwoch, April 30, 2008

Abschied von Legenden



Neue Leute treten in unsere Firma ein und Altgediente gehen. Manager reden dann gerne vom «Zug im Kamin» und Copiloten freuen sich über die Sprünge in der Senioritätsliste. Verschwindet so ein Name aus dem Pilotencorps, dann verschwindet auch viel Erfahrung und viel Herzblut. Zehntausende von Flugstunden, unendlich viele Nachtflüge, unzählige von Jumpseatanfragen und immer wiederkehrende Gesamtarbeitsvertragsverhandlungen hinterlassen Spuren und zeichnen für immer.
Geprägt haben aber auch die vielen guten Gespräche, die tollen Erlebnisse, wilde Parties, feuerrote Sonnenbrände und die charmanten Begleiterinnen, die das gepeinigte Leder dann zärtlich im Hotelbett pflegten.
Natürlich gibt es auch die Individuen, die verbittert sind, nur noch das Negative sehen und ihr Umfeld bis zur Pensionierung terrorisieren. Diese gibt es immer und überall und von diesen wollen wir heute auch nicht reden.

Es gibt wohl kein anderes Business als die Fliegerei, in der Angestellte so lange einer Firma die Treue halten und diese viel mehr prägen, als die ein- und austretenden Manager und Vorgesetzten.
War das pilotische Wirken noch so nachhaltig, der Abschied verläuft in der Regel ruhig. Ein Letztflug nach Bangkok wird gesetzt, bei dem ein paar Crewmitglieder ausgesucht werden dürfen und eine Ehefrau auf dem Jumpseat kauert, weil auch beim Letztflug nach über dreissig Jahren jeder verkaufte Sitz mehr zählt als die Treue zur Firma.

Seit ich Langstreckenpilot bin, habe ich wellenweise Pensionierungen erlebt. Immer wieder wurden mir sympathische Personen in den Ruhestand entlassen und was geblieben ist, sind die Erinnerungen an die gemeinsam erlebten Stunden.
Nach ein paar Jahren verblasst die Erinnerung und irgendwann entfällt auch der Name aus dem Gedächnis.

In den nächsten Monaten verlassen uns aber zwei Legenden, deren Name ich nie vergessen werde. Auf drei oder vier Flugzeugtypen bin ich mit diesen Herren durch die Lüfte und Beizen gezogen, habe unendlich viel gelacht und noch viel mehr gelernt. Beide haben mit ihren Charaktereigenschaften stets zur guten Stimmung beigetragen und dabei nie die professionelle Arbeit aus den Augen verloren.

Für mich sind es Vorbilder, von denen ich versuche eine Scheibe abzuschneiden. Doch was macht Menschen zu Vorbildern? Erich Kästner hat eine Erklärung dafür und beschreibt mit diesen Zeilen die Beiden auch ganz trefflich:

Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um einen grossen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken gesagt oder getan hat, wovor wir zögern.

Sämu u Ise - Danke, dass ich mit Euch fliegen durfte!

Kommentare:

  1. Nachschlag: Ist das oben auf dem Bild eine Boeing 747-300? Eine der aus den Swissair- Zeiten. Hast du eingentlich noch offiziell bei der Swissair gearbeitet oder bist du dazugestossen als die Swissair schon Swiss hiess?

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  2. Wow! Ein Entenpelle-Post!

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  3. Also das würde mich jetzt auch interessieren, wo denn jetzt die alten Swissair Jumbos zum letzten mal gelandet sind, wenn sie denn nicht noch im Einsatz sind.

    Ach ja, Vorbilder. "Die Vorbilder kommen und gehen bis man irgendwann einmal sein eigenes sein darf" – Name des Autors ist mir gerade entfallen…

    LG Christoph

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  4. Schöner Post. Trifft gerade heute meine Situation. Ich muss mich von einem alten, sehr geschätzten Kollegen trennen. Kleiner Trost, er ist nicht ganz aus der(Arbeits)Welt er wird "nur" versetzt. Trotzdem wird vieles anders hier, wenn er nicht mehr hier sitzt. :-(

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  5. @dennis:
    Ja, ich bin noch bei Swissair geflogen. Zuerst als Copi auf dem MD80, dann ein Jahr F/E auf der 747, gefolgt von 3 Jahren 747 Copi und Md11.

    @cargo:
    ... jetzt habe ich gelernt, was Entenpelle heisst :-)

    @christoph:
    ... keine Ahnung, wo die ehem. SWR Jumbos jetzt fliegen.

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  6. Wow, da hast du ja die richtigen Ikonen der Luftfahrt geflogen. Wie gerne wäre ich mit einer MD 11 geflogen.
    Ich kann mich erinnern das wir vor einer Ewigkeit (vor ca.15 Jahren) auf Menorca waren. Damals konnte man im Winter (wir haben Freunde auf Menorca die wir regelmässig besuchen) nicht direkt von Deutschland nach Menorca fliegen, sondern man musste von Deutschland über Barcelona fliegen. Auf unserem Ticket stand, dass wir mit der Iberia von Barcelona nach Mahon fliegen sollten. Wir stiegen also in den Zubringer- Bus und der fuhr auf drei nagelneue MD-87ER zu. Kurz vorher bog der Bus links ab und fuhr immer weiter. Mein Vater meinte etwas ironisch "fahren wir jetzt mit dem Bus nach Menorca;-). Dann tauchten vier uralte DC 9-32 vor uns auf, die waren auch nicht von der Iberia sondern von der Aviaco. Die Flugzeuge sahen von aussen aus als wenn sie noch nie gewaschen wurden. Hinter den Triebwerken am Heck war es schwarz dreckig. Auch von Innen sah alles etwas mitgenommen aus. Als mein Vater die Flugbegleiterin fragte, ob der Sohnemann mal ins Cockpit gucken dürfte meinte der Pilot "das ich während des gesamten Fluges dort auf dem Jumpseat sitzen darf"(nach dem 11 Sept.01 undenkbar). Das schönste war eine riesige Runde über Mallorca, es wurde nur VFR geflogen und die beiden Piloten haben nicht einmal Englisch mit den Controllern gesprochen, nur Spanisch. Was für ein Erlebnis, zumal ich damals Segelflieger war. Ab da war ich DC 9 bzw. MD 80 Fan. Auf dem Rückweg sind wir übrigens wirklich mit einer nagelneuen MD 87-ER von Barcelona nach Frankfurt geflogen. War die Swissair nicht sogar die erste Fluggesellschaft die die MD 80 hatte?

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  7. schöner Uhrenladen aber noch schönere Gedanken!

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