Mittwoch, April 30, 2008

Abschied von Legenden



Neue Leute treten in unsere Firma ein und Altgediente gehen. Manager reden dann gerne vom «Zug im Kamin» und Copiloten freuen sich über die Sprünge in der Senioritätsliste. Verschwindet so ein Name aus dem Pilotencorps, dann verschwindet auch viel Erfahrung und viel Herzblut. Zehntausende von Flugstunden, unendlich viele Nachtflüge, unzählige von Jumpseatanfragen und immer wiederkehrende Gesamtarbeitsvertragsverhandlungen hinterlassen Spuren und zeichnen für immer.
Geprägt haben aber auch die vielen guten Gespräche, die tollen Erlebnisse, wilde Parties, feuerrote Sonnenbrände und die charmanten Begleiterinnen, die das gepeinigte Leder dann zärtlich im Hotelbett pflegten.
Natürlich gibt es auch die Individuen, die verbittert sind, nur noch das Negative sehen und ihr Umfeld bis zur Pensionierung terrorisieren. Diese gibt es immer und überall und von diesen wollen wir heute auch nicht reden.

Es gibt wohl kein anderes Business als die Fliegerei, in der Angestellte so lange einer Firma die Treue halten und diese viel mehr prägen, als die ein- und austretenden Manager und Vorgesetzten.
War das pilotische Wirken noch so nachhaltig, der Abschied verläuft in der Regel ruhig. Ein Letztflug nach Bangkok wird gesetzt, bei dem ein paar Crewmitglieder ausgesucht werden dürfen und eine Ehefrau auf dem Jumpseat kauert, weil auch beim Letztflug nach über dreissig Jahren jeder verkaufte Sitz mehr zählt als die Treue zur Firma.

Seit ich Langstreckenpilot bin, habe ich wellenweise Pensionierungen erlebt. Immer wieder wurden mir sympathische Personen in den Ruhestand entlassen und was geblieben ist, sind die Erinnerungen an die gemeinsam erlebten Stunden.
Nach ein paar Jahren verblasst die Erinnerung und irgendwann entfällt auch der Name aus dem Gedächnis.

In den nächsten Monaten verlassen uns aber zwei Legenden, deren Name ich nie vergessen werde. Auf drei oder vier Flugzeugtypen bin ich mit diesen Herren durch die Lüfte und Beizen gezogen, habe unendlich viel gelacht und noch viel mehr gelernt. Beide haben mit ihren Charaktereigenschaften stets zur guten Stimmung beigetragen und dabei nie die professionelle Arbeit aus den Augen verloren.

Für mich sind es Vorbilder, von denen ich versuche eine Scheibe abzuschneiden. Doch was macht Menschen zu Vorbildern? Erich Kästner hat eine Erklärung dafür und beschreibt mit diesen Zeilen die Beiden auch ganz trefflich:

Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um einen grossen toten Dichter, um Mahatma Gandhi oder um Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken gesagt oder getan hat, wovor wir zögern.

Sämu u Ise - Danke, dass ich mit Euch fliegen durfte!

Montag, April 28, 2008

Anflug nach einer langen Nacht



Mit dem Eintauchen in die Wolkenschicht über dem Schweizer Mittelland endet eine lange Afrikanische Nacht.

Samstag, April 26, 2008

der Unterschied zwischen Uhren und der Zeit

Nicht immer kann man gewinnen, nicht immer steht man auf der Sonnenseite und nicht immer kann man Destinationen vermeiden, die einem nicht gefallen. Es braucht dann viel Motivation den Koffer zu packen und das traute Heim zu verlassen, wenn einem Frau und Hund bei der Abfahrt sehnsüchtig nachschauen.

Diese Motivation ist an der angeflogenen Destination Yaounde in vielerlei Hinsicht enorm wichtig. Ohne Motivation geht in der Haupstadt Kameruns gar nichts. Was in unseren Breiten juristisch relevant und gesellschaftlich verwerflich ist, wird in Kamerun ganz einfach «Motivation» genannt. Das Wort Bestechung wird tunlichst vermieden, es hat schliesslich einen so unseriösen Nachgeschmack.
So wechsle ich vor dem Arbeitsantritt an der Kasse im Operationszentrum einige Schweizer Fränkli in Euro um und bemühe mich, von der charmanten Dame kleine Scheine zu erhalten.
Wenn auch die Motivation noch nicht in meinem Geist angekommen ist, der Geldbeutel strotzt immerhin schon davon.

Mein Kapitän, der kurzfristig auf dem Reservedienst aufgeboten wurde, steht noch irgendwo auf der Autobahn zwischen Basel und Zürich. So besorge ich die Arbeitsunterlagen, informiere mich über das Wetter, den Zustand der afrikanischen Flugplätze und besorge das Mückenschutzmittel, das zwar penetrant stinkt, uns aber vor den Malariamücken beschützt.
Die Kollegen an den Nachbartischen im Planungsraum freuen sich auf Flüge nach Miami, Los Angeles oder Tokio und blicken mitleidig zu mir herüber. Einer muss ja nach Yaounde.

Stunden später ist dann die Motivation auch in meinem Geist angekommen. Eine lustige Crew und wunderbares Essen machen das Fehlen der Nespressomaschine mehr als wett und die traumhafte Aussicht auf die orange leuchtende Sahara lässt sogar mein heute nicht so afrikafreundliches Herz höher schlagen.
Kamerun lässt auch meinen Kapitän nicht unberührt. Wir diskutieren angeregt über die politische Lage im Land, die Schönheiten der Natur und ob es machbar sei, eine so durchgeschüttelte Nation aus der Ferne zu regieren. Der Präsident Kameruns zieht es nämlich vor, die meiste Zeit in einem Hotel in Genf zu wohnen und das Land von dort aus zu führen. Er könne dort besser arbeiten, meint der 75-jährige in einem Zeitungsinterview. Ich denke es hat mehr mit «Motivation» zu tun.

Nach gut fünf Stunden Flugzeit meint der Navigationscomputer, dass ein rasches Absinken jetzt angebracht wäre. Vor uns türmen sich stattliche Gewitterwolken auf, die wir wie Slalomfahrer respektvoll umfliegen.
Die Piste erscheint wenig später im Gegenlicht und im Hintergrung zeigt sich für einmal der «Mt. Kamerun» wolkenlos - traumhaftes Flugwetter!
Am Gate angekommen werden die Türen geöffnet und ein Teil der Passagiere verlässt das Flugzeug so langsam, wie die Putzmannschaft die Maschine betritt. Es riecht nach Mückenschutzmittel und Schweiss. Neue Passagiere erwarten wir keine und die Reise nach Yaounde kann weitergehen, sobald das Gepäck und die Fracht ausgeladen sind.

Unsere trockenen und nach Gerstensaft leckenden Kehlen drängen auf eine schnelle Weiterreise. Mein Chef erkundigt sich bei der charmanten Dame von der Bodenmannschaft, wann es dann weitergehen könne. Ihre Antwort beinhaltet alles, was Afrika so sympatisch macht und zeigt, was wir eigentlich von den Menschen hier noch lernen können: «Ecoute mon Captain, vous en Suisse avez les montres, nous avons le temps!»

Mittwoch, April 23, 2008

Tag des Buches

Wettbewerb!



Wer als erster weiss, in welcher Stadt dieses Bild geschossen wurde, erhält von mir gratis ein Exemplar meines Buches.

Vorschläge als Kommentar abgeben. Der Erste mit der richtigen Lösung (aus der Schweiz) gewinnt ein Exemplar und dieses wird frei Porto nach Hause geschickt.

Teilnahmeberechtigt sind nur Personen mit Wohnort Schweiz. Nicht dass ich keine Bücher nach Deutschland oder Österreich versenden möchte, aber die Deutsche Post streikt ständig und Sendungen ins Ausland sind immer mit zolltechnischem Aufwand verbunden.....


Montag, April 21, 2008

Treffen über Norilsk

Norilsk gehört anscheinend zu den zehn am meisten verschmutzten Städten der Welt. Blickt man aus dem Cockpitfenster, präsentiert sich aber dem Betrachter ein einmaliges Bild, das nichts von den Umweltsünden ahnen lässt.





Als sich dann noch ein A340-600 der Lufthansa an uns vorbeischlich, dessen Pilot mir ausdrücklich versichert hat, dass die Konzernleitung nur den Flugbegleiterinnen die für diesen Flugzeugtypen so typischen Ausdruck "Sklavengalere" verboten hat und wir Piloten diesen Ausdruck sowohl am Funk als auch im Blog weiterhin benützen dürfen, war das Bild perfekt.

Samstag, April 19, 2008

Samstagmorgen in Tokio

Um fünf Uhr in der Früh hat mich der Schlaf verlassen. Statt mich noch ein paar Stunden im Bett zu wälzen, wurde der Zug nach Tokio bestiegen und ein kleiner Teil der Stadt per Pedes erkundet.

Obdachlose im Uena Park


Einsamkeit


auf dem Schulweg


Schweizer Architekturkunst



mmmmhhhhhh


Der Samstag kann kommen


Herbststimmung im frühlingshaften Tokio


Airbus Umschulung in der S-Bahn


Mittagsstärkung in der Gyosaküche

Freitag, April 18, 2008

vom Älter werden

Ich bin im besten Alter. Um die Vierzig zu sein ist ein kaum erkanntes Privileg, das es zu geniessen gilt. Ich behaupte das nicht einfach so aus dem Blauen heraus - nein, ich bin ein richtiger Altersexperte.
Viele Nachtflüge haben mich dazu gemacht. Während eines langen Fluges durch die dunkle Nacht durchlebt man alle Altersstadien eines geschlechtsreifen Mannes. Bringt die junge Kollegin aus der 3. Klasse etwas Schokolade und emotionale Wärme ins Steuerhäuschen, fühlt man sich wie ein junger Kurzstreckencopilot im Frühling. Minuten später hängt man wieder in den Gurten wie ein kurz vor der Pensionierung stehender Bordingenieur.

Irgendwann und zu unmöglicher Zeit pendelt sich die innere Altersuhr dann dort ein, wo sie Plus-Minus auch sein sollte. Ich denke, dass ich diesen Zustand soeben erreicht habe und glauben sie mir, es ist ein wunderschönes Gefühl. Es ist nicht ganz untypisch für mich, dass ich zufrieden und von einem schaumigen Cappuccino sekundiert in einem gemütlichen Kaffee sitze und den Moment innigst geniesse.

«Ich möchte noch einmal Zwanzig sein», ist ein Satz, der oft und leichtfertig über die Lippen geht. Um Gotteswillen nein! Wäre ich noch einmal Zwanzig und an der Schwelle zum Mann, müsste ich Paninibildchen sammeln, mich auf die Fussball EM freuen und die Brusthaare rasieren. Würde meine Seele im Körper einer Frau leben, hätte ich Sonnenbrillengläser so gross wie die Untertasse meines Cappuccinos auf dem Kopf und müsste eine Prada Handtaschenimmitation tragen, die aussieht als wäre ein Lastwagen darüber gerollt und ein Schloss als Zierde trägt, das so gross wie meine Hand ist. Nein Danke.

Aber auch das Alter hat seine Nachteile. Wenn nicht gerade eine Kollegin der 3. Klasse die Instrumente und unsere Seelen mit ihrem jugendlichen Scharm bepudert, pflege ich mit dem alten Herrn auf dem linken Sitz etwas Konversation zu betreiben. Und ich sage ihnen, Probleme haben die! Die Spätfünfziger müssen gleich mehrere Klippen gleichzeitig umschiffen. Die noch Ungeschiedenen sind sich fast Einstimmig einig, dass die Villa mit Gartenumschwung als Altersitz nicht taugt. Zuviel Garten, zuviel Arbeit, zuviel Personalkosten - das Gut muss weg. Etagenwohnungen irgendwo am Wasser mit Anbindung ans kulturelle Leben stehen bei den Ungeschiedenen hoch im Kurs. Die Geschiedenen leben schon in Etagenwohnungen, allerdings zu Miete, fern vom kulturellen Leben und mit Aussicht auf das Betonmeer.
Daneben wird fast exzessiv Sport betrieben, da immer irgendein Stadtmarathon vor der Türe steht. Das Mobiltelefon ist an den Hosengurt gekettet wie im Wilden Westen der Colt und nicht selten sind die gestandenen Herren schneller im SMS tippen, als die jungen Kolleginnen aus dem Heck des Fliegers. Stress pur!

Dazwischen stehe ich, etwas über vierzig und zufrieden. Betrachte ich die Personen um mich herum habe ich das Gefühl, dass bei mir die «Pause»-Taste gedrückt wurde. Ich kann zwar sofort wieder anlaufen wenn ich will oder muss, geniesse aber den Moment, den Tag und das Leben. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Einstellung absolut nicht im Trend liege. Denn wer nicht ständig unter Strom steht und seinen Tagesablauf mit Hilfe eines Blackberry minutiös plant, gilt als suspekt in unserer Gesellschaft.

Ich hoffe, dass dieses Narrenalter um die Vierzig noch lange andauert, ich mich den Trends noch lange widersetzen kann und nie Panini-Bilder sammeln muss. Also: Hände weg von meiner «Play»-Taste!

Freitag, April 11, 2008

Stau



Bin gerade aus den Federn geschlüpft, die Augen sind noch etwas verklebt und die Frisur sieht aus, wie die eines Teeniestars auf dem «Bravo» Titelbild. Der Spiegel in den ich schaue, steht in Sao Paulo im 15. Stockwerk eines Hotels in guter Gegend.
Grösszügige Fensterscheiben geben den Blick auf die «Avenida Paulista» frei, wo sich seit vier Uhr in der Früh der Verkehr ein Stelldichein gibt.
Es wird gehupt, gebremst, wieder gehubt und verladen was das Zeug hält. Zum Grundlärmpegel, der aus einem tiefen Brummen besteht, gesellen sich verschiedene Fahrzeugmelodien in diversen Oktaven.
Auffällig selten erklingt eine Sirene und in unregelmässigen Abständen lässt ein Abfalltransporter die geleerten Container auf den Asphalt knallen.

Es ist aber nicht dieser für Grossstädte normale Zivilisationslärm der mich weckt, es sind die zahlreichen Helikopter, die sich laut knatternd eine der Landemöglichkeiten auf den Geschäftshäusern suchen. Gemäss einem Artikel in der «NZZ» soll es in dieser Metropole, die sich auf einer Fläche von fünfzig mal hundert Kilometern erstreckt, etwa 500 private Helikopter geben und ein grosser Teil diese Flotte von Privatfliegern scheint sich jeden Morgen Richtung «Paulista» aufzumachen.
Der moderne Manager verzichtet aus Zeit- und Sicherheitsgründen gerne auf die lange Reise mit dem Auto und nimmt den umgedrehten Rasenmäher für den Weg zur Arbeit.
Ich, der noch müde im 15. Stockwerk des Hotels mitten im Geschäftsviertel im Bett liegt, kriegt den Arbeitsbeginn der Manager unfreiwilligerweise mit. Die Zeiger der Uhr stehen auf 0845 Uhr und wenn ich den Helikopterverkehr so beobachte kommt der Verdacht auf, dass die meisten Sitzungen in den Glaspalästen so gegen 9 Uhr beginnen.
So beobachte ich, wie sich fünf Helikopter um eine kleines Viereck streiten, das nicht weit von meinem Bett entfernt auf einem Hotel steht. Einer gewinnt und die vier anderen warten im Luftraum nahe meines Kopfkissens.

Alltag in Sao Paulo! Die über 19 Millionen anderen Einwohner versuchen mit verschiedensten Mitteln ihren Arbeitsplatz zu erreichen und tun dies vorzugsweise mit ihren Autos. Gemäss dem oben erwähnten Artikel bewegen sich auf dem Stadtgebiet dieser Metropole täglich 10 Millionen Fahrzeuge, das sind genau 2.5 Mal soviel wie in der ganzen Schweiz zusammen.
Die logische Folge davon ist ein Stau, der sich während der Stosszeiten auf mehr als 200 Kilometern erstreckt. Man stelle sich das einmal vor, jeden Tag stehen die Blechlawinen am Morgen 200 Kilometer in die eine Richtung und am Abend in die andere.

Der Stau ist aber nicht nur Ärgerniss, er ist auch Einkommensquelle für viele Paulistanos. Fenster werden ungefragt geputzt, Zeitungen verkauft, Süssigkeiten angeboten und ab und zu auch mal Wertsachen freundlich oder weniger freundlich entwendet.
Trotz allem Ungemach lohnt sich eine kleine Spritztour im Taxi allemal. Das ständige auf und ab der Strassen verleitet die Taxifahrer zu beschleunigtem Fahren. Grosse Schlaglöcher und tiefe Regenrinnen verlangen von den kleinen Massas und Sennas alles ab und als Passagier tut man gut daran, den Sicherheitsgurt satt zu tragen.

Aber eben, wer einen Termin einzuhalten hat, findet das Ganze weniger amüsant. Und genau so einen Termin habe ich heute Abend. Der Flieger verlässt den Flugplatz Guaruhlos um 1835 Uhr und ich sollte an Bord sein. Darum weiss ich zur Zeit noch nicht, wann der Bus das Hotel verlässt. Experten bestimmen den Zeitpunkt nach Konsultation der aktuellen Staukarten.
Ob gerade 160 Kilometer oder 220 Kiometer Stau herrschen, kann schnell eine Stunde ausmachen. So warte ich am Nachmittag im Hotelzimmer auf den Weckruf, schaue etwas auf die «Avenida Paulista» herab und höre den landenden Helikoptern zu. Auf unserem Hotel hat es übrigens auch eine Landeplattform. Vielleicht lesen ja diese Zeilen auch ein paar Vertreter des Managements:

ES HAT AUF UNSEREM HOTEL EINE HELIKOPTERPLATTFORM!



Mittwoch, April 09, 2008

ein Damenslip im Schlafsack



Einmal im Jahr trifft sich die Pilotenklasse 2/92 auf einer Alp beim Pilatus zum zweitägigen Psychohygieneseminar. Nach dem obligatem Begrüssungsbier wird der beschwerliche Aufstieg auf die 1320 M.ü.M gelegene Alphütte in Angriff genommen, wo zuerst der Vorplatz vom Schnee befreit wird und Bruchteile danach die erste Flasche Weisswein das Zeitliche segnet.

Es geht selten lange, bis die ersten Geschichten über böse Checkpiloten, unmögliche Flight Attendants, harte Landungen von Kapitänen und sonstige Anektoten aus dem Leben eines Copiloten die Runde machen.
Selbstverständlich kommt an diesem lizenzrelevanten Anlass auch die Weiterbildung nicht zu kurz.
In noch nüchternen Zustand werden die Checkprogramme ausgetauscht, die wichtigsten Neuerungen in unseren Flugverfahren besprochen und zu guter Letzt hält unser geschätzter Kollege Dr. P jeweils einen interessanten Vortrag aus der Welt der Medizin.
Wurden letztes Jahr die Unterschiede der Wirkungsweise von Viagra und Cisalis erläutert, stand dieses Jahr die Vasektomie auf dem Vorlesungsplan. Der Chirurge und Klassenkollege hat uns bei Rotwein aus dem Supermarkt aufgeklärt, dass bei falscher Ausführung der eigentlich einfachen Operation der Schuss nachher buchstäblich nach Hinten losgehen kann.

Nach diesen interessanten Vorführungen geben wir uns wieder den leiblichen Gelüsten hin. Und damit meine ich dem Essen, dem Trinken und dem Zigarrenrauchen. Ab und zu steht ein Kollege vom gemütlichen Tisch auf, legt ein Scheit Holz auf das lodernde Feuer, erleichtert sich in den Schnee oder holt eine volle Flasche Wein aus dem Vorrratsraum.

Unnötig zu betonen, dass die Nacht kurz wird, von heftigem Schnarchen begleitet ist und am Morgen danach der Griff zur Wasserflasche grosse Erleichterung bringt.

Unsere Frauen wissen genau, in welchem Zustand wir am späten Nachmittag zu Hause ankommen. Unrasiert, nach Rauch stinkend und leicht verkatert, schleichen wir wie geprügelte Hunde ins Wohnzimmer. Die schmutzigen Kleider und der stinkende Schlafsack werden im Keller neben der Waschmaschine deponiert und nach einer kurzen Dusche folgt ein etwas längerer Mittagsschlaf.

Nach dem Erwachen am frühen Abend sind die Spuren des Alpseminars von der Angetrauten in der Regel schon verwischt worden. Die frisch gewaschenen Kleider hängen an der Leine und der Schlafsack riecht wieder nach Bergfrühling statt nach Kafi Schnaps.

Nicht so dieses Mal. In meinem Schlafsack fand meine Frau einen sportlich geschnittenen Damenslip grün-gelber Farbe, der so gar nicht zu meiner Bergausrüstung passte. Bohrende Fragen folgten und nach ein paar Minuten konnte ich zumindest meiner Einschätzung zufolge meine Frau davon überzeugen, dass in der Hütte am Hang des Pilatus keine weiblichen Personen anwesend waren und mein Bettnachbar ein katholischer Innerschweizer war, der verheiratet ist und sexuell glücklich scheint.

Die Frage, wo ich denn den Schlafsack zum letzten Mal brauchte, beruhigte meine Gattin auch nicht wirklich. Das blaue Teil mit dem Namen Mammut pflege ich jeweils auf meinen Flügen im Crewbunk als Kuscheldecke zu benutzen.

Nicht dass jetzt der Haussegen schief hängt, aber Aufklärung tut Not - wem gehört dieser Slip? Wer sachdienliche Hinweise zur Lösung des Rätsels geben kann ist gebeten, dies mit Hilfe der Kommentarfunktion zu machen. Auch Damen dürfen sich melden.

Sonntag, April 06, 2008

der Untersuchungsbericht

Eine äusserst butterweiche Landung veranlasste die zuständigen Behörden, dieses seltene Ereignis genauer zu untersuchen. Experten analysierten die notwendigen Flugparameter und werteten den Cockpivoicerecorder aus. Gerade die Gesprächsprotokolle zwischen den Akteuern in der Flugzeugkanzel geben sehr gut Aufschluss darüber, wie die Zusammenarbeit, das Teamverhalten und die Fähigkeit, Wichtiges auf den Punkt zu bringen, ausgeprägt sind. Die Abschrift dieses äusserst spannenden Gesprächsprotokols möchten wir den Lesern nicht vorenthalten.


0214 UTC im afghanischen Luftraum:

(Zeitungsrascheln)
Copi 1: «Scheisse, da hat schon einer das Sudoku gemacht»
Copi 2: «Kannst meines machen, wenn Du mir das Kreuzworträtsel im Tagi lässt.»

ATC: «Swiss 182, report estimate ROSIE and your mach number»
Copi 2: «Rosie at 0245, Mach 0.82»

Copi 2: «Immer diese Funkerei!»
Copi 1: «Ein extremer Stress!»


0235 Uhr UTC:

Copi 1 gähnt
Copi 2: «willst Du ein kurzes Nickerchen machen?»
Copi 1: «Ja vielleicht»

«Bibibibi» (es klingelt an der Cockpittüre)
Copi 1: «Aha, die Corinne aus der Business.»

Klonk (die Türe wird entriegelt)

Corinne: «Hallo ihr zwei, möchtet ihr etwas?»
Copi 1: «Nein Danke, bin zu faul um etwas zu essen.»
Copi 2: «Bin auch wunschlos glücklich.»
Corinne: «Schön warm bei euch hier vorne.»
ATC: «Swiss 182, reduce to Mach 0.81“
Copi 1: «Wenn ich so überlege, wäre eine Banane nicht schlecht.»
ATC: «Swiss 182?»
Copi 2: «Eine Frucht! Was für eine gute Idee!»
Corinne: «Wir haben auch noch belegte Brötchen aus der Eco.»
Copi 1: «Nein, aber ein Kaffee mit Rahm und etwas Zucker wäre toll.»
ATC: «Swiss 182, do you read?»
Copi 2: «Ja genau, einen Espresso, grüne Kapsel im Becher mit einem viertel Rahm und etwas Assugrin würde mir helfen, die Nacht besser zu überstehen.»
ATC: «Swiss 182?»
Copi 1: «Did you call Swiss 182?»
ATC: «Yes, several times, reduce to Mach 0.81.»
Copi 1: «Wilco»
Corinne: «Entschuldigung, habt ihr wegen mir einen Funkspruch verpasst?»
Copi 2: «Nein, wir verpassen nie wichtige Anrufe.»
Corinne: «Also ich wiederhole, einen Kaffee mit Rahm und etwas Zucker; einen Espresso, grüne Kapsel im Becher mit einem viertel Rahm und etwas Assugrin; eine Banane und ein anderes Früchtchen für den Herrn Copiloten Nummer zwei.»
Copi 2: «Hast Du noch Pralinen?»
Corinne: «Muss ich in der First Class Küche nachschauen.»
Copi 2: «Oh, ich mag die aus der Business lieber.»
Corinne: «OK»

Die Türe fällt unsanft ins Schloss und das Zeitungsrascheln geht weiter.


0244 Uhr UTC:

«Bibibibi» (es klingelt an der Cockpittüre)
Copi 1: «Aha, die Corinne aus der Business.»

Klonk (die Türe wird entriegelt)

ATC: «Swiss 182, you passed ROSIE, contact Lahore on 124.10, good day»
Copi 1: «Bye!»

Corinne: «Einmal Kaffee mit Rahm und etwas Zucker; einen Espresso, grüne Kapsel im Becher mit einem viertel Rahm und etwas Assugrin; eine Banane und ein anderes Früchtchen für den Herrn Copiloten Nummer zwei.»
Copi 2: «Und wo sind die Pralinen?»
Corinne (leicht genervt): «Ich habe nur zwei Hände!»
Copi 1: «Und denk dran, für ihn aus der Business und für mich die aus der First!»

Das Flight Attendant verlässt das Cockpit und kommt nie wieder zurück.


0301 Uhr UTC:

Copi 1 gähnt schon wieder
Copi 2: «willst Du jetzt ein kurzes Nickerchen machen?»
Copi 1: «Ja vielleicht»
Copi 2: «Ich muss aber vorher austreten.»


0315 Uhr UTC:

Copi 2 kommt vom Toilettengang zurück mit einem Becher Kaffee in der Hand.
Copi 1: «Hat aber lange gedauert!»
Copi 2: «Vor meiner Schnauze ist eine Passagierin mit einem Schminkköfferchen in der Toilette verschwunden. Das dauert halt etwas.»
Copi 2: «Gute Nacht»
Copi 1: «Danke»


Miteinbezogene Psychologen sind sich einig, dass die gute Kommunikationsstruktur zwischen den involvierten Individuen dazu geführt hat, dass der Zwischenfall mit der butterweichen Landung nicht zur Katastrophe geführt hat.

Trotzdem wurden folgende Sicherheitsmassnahmen verordnet:

1. Ins Cockpit gehört eine Nespressomaschine.
2. Cockpitbesuche von Frauen erhöhen die Denkfähigkeit der Besatzungen und sind seitens des Arbeitgebers zu fördern. Dies trifft insbesonders dann zu, wenn sich zwei Copiloten auf dem Flugdeck befinden.
3. Kabul ACC muss endlich CPDLC installieren
4. Der «Blick» soll mindestens vier Sudokus abdrucken. Eines für jeden Copiloten und zwei für den Herrn Kapitän, der beim ersten Versuch sowieso immer einen Fehler macht.

Dienstag, April 01, 2008

unter Arrest



Nein, der Titel hat nichts mit meinem «Linecheck» zu tun, den ich im Moment auf meiner Rotation in den mittleren Osten zu bestehen habe, sondern eher mit der Hotelanlage, in der ich zur Zeit weile. Obwohl man natürlich gewisse Parallelen zwischen einem Checkpiloten und einem Gefängnisaufseher nicht von der Hand weisen kann. Beide passen auf, dass die zu beurteilenden Individuen keinen Mist bauen und beobachten, ob die sozialen Verhaltensmuster und die manuellen Kompetenzen genügend ausgeprägt sind, damit die Insassen des Gefängnisses bzw. des Cockpits wieder auf die Allgemeinheit losgelassen werden können. Es gibt nette und böse Wärter und auch bei den Checkpiloten lassen sich die Lager aufteilen. Meiner ist übrigens mehr als OK.

Doch jetzt zurück zur Hotelanlage. Ich bin zu Gast im Sultanat Oman, das so reich an Geschichte und schöner Natur ist. Die Sonne brennt auf den trockenen Boden und das Thermometer hat sich so bei 35 °C eingependelt. Am Meer weht eine leichte Brise, was den Aufenthalt im Liegestuhl zumindest für die Touristen, die ein Hotel am Wasser erwischt haben, recht angenehm macht. Unser Hotel liegt im sandigen Landesinnern. Hotel ist vielleicht der falsche Ausdruck, es ist vielmehr eine äusserst gut bewachte Anlage, die ungefähr einen Kilometer lang und ein paar hundert Meter breit ist.
Stacheldraht und Überwachungskameras geben den Insassen Gästen das Gefühl totaler Sicherheit. Ein Labyrint von Strassen und Wegen schlängelt sich zwischen den Bungalows durch und wer wie ich gerne die Orientierung verliert, kann beim vermeindlich kurzen Marsch zwischen dem eigenen Zimmer und dem Restaurant Pfunde verlieren, die er sich eigentlich mit orientalischen Köstlichkeiten anfressen wollte.
Damit der Heimweg von der Bar oder der Ausflug zum gigantischen Pool bei diesem Wetter nicht zum Marathontraining wird, stehen Fahrräder zur Verfügung, die man sich einfach schnappen kann. Es liegt in der Natur der Sache, dass es an neuralgischen Punkten zu Mangelerscheinungen des Drahtesels kommen kann, was wiederum für den Betroffenen wegen des bevorstehenden Fussmarsches, automatisch mit sehr viel Schweiss verbunden ist.

Gigantisch präsentiert sich das Zimmer. Sicherlich 60 Quadratmeter misst das arktisch heruntergekühlte Temporärheim und beinhaltet Küche, Bad und Wohnraum mit Doppelbett. Grosszügige Fenster geben den Blick auf die mit Stacheldraht verziehrte Mauer frei und vermitteln dem Gast die Wichtigkeit, die sonst nur inhaftierten kolumbianischen Drogenbaronen zuteil wird. Grosszügig auch die Spannweite des Fernsehbildschirmes. Nur ist dieser wegen der Weite des Raumes soweit vom Bett entfernt, dass ohne ein technisches Hilfsmittel wie zum Beispiel einem Feldstecher, das Bild nur schemenhaft erkennbar ist.
Durch die Weitläufigkeit der Anlage ist der Lärmpegel auch angenehm tief, zumindest bist die Kolonie der omanischen Spechte um 5 Uhr in der Früh ihre Schnäbel wetzt.
Als lösungsorientierter Mensch ist man geneigt, den Wachmännern die Schrotflinten zu entreissen und den Vögeln den Garaus zu machen. Ob das allerdings in diesem Land angebracht wäre bezweifle ich, obwohl es im firmeneigenen Verhaltenskodex «Do‘s & Dont‘s» nicht explizit verboten wird.

So lasse ich den Aufenthalt in diesem Wüstenresort über mich ergehen, wundere mich, was die Haut meiner Kolleginnen an Sonne alles erträgt und schleiche von Schattenplatz zu Schattenplatz.

Es ist Zeit diese Zeilen zu beenden und langsam ins 800 Meter entfernte Zimmer zurückzukehren. Mein Fahrrad steht abfahrtsbereit vor der ….. - Scheisse, jetzt ist mein Drahtesel weg!