Montag, März 10, 2008

Zerfall

Es scheint ein Amerikamonat zu werden. Schon das fünfte Mal innert Monatsfrist habe ich den Nordatlantik überquert und in Amerika meine Zelte aufgeschlagen. Ich gewöhne mich langsam an die Zeitverschiebung, die Einwanderungsbeamten, das nicht immer über alle Zweifel erhabene Essen, das dünne Bier, die oberflächliche Freundlichkeit und das seltsame Selbstbild, das die Einwohner von sich haben.

Im Moment ist Amerika etwas abgelenkt vom Wahlkampf, der wie immer hart und gnadenlos geführt wird. Selbstverständlich interessieren die Äusserlichkeiten und die Prominenten im Hintergrund wesentlich mehr, als die politischen Inhalte der Kandidaten. Aber vielleicht tue ich den Amerikanern unrecht wenn ich behaupte, dass dieses Verhalten so typisch ist für dieses Land. Ist es bei uns nicht auch so?

Und überhaupt, darf ich mir als Gast ein Urteil über das politische System eines Gastlandes erlauben? Darf ich politische Führer kritisieren, die mit meiner Heimat nicht verbunden sind? Ich beantworte diese Fragen für einmal mit einem verhaltenen Ja. Schliesslich beinflusst der amerikanische Präsident paradoxerweise mein Leben mehr, als ein helvetischer Parlamentarier dies tut.

Ich mag Amerika am Morgen am meisten. Zu einer Zeit, wo das ganze Land Anlauf holt für einen neuen Tag. Einige fokussieren sich dabei auf die Maximierung ihres Gewinnes, die meisten versuchen aber einfach über den Tag zu kommen, - zu überleben. Am frühen Morgen lässt sich herrlich durch die Strassen schlendern. Aus einigen Ritzen strömt Dampf, grosse Auto fahren gemächlich durch die Gassen und vermummte Gestalten eilen mit heissen Kaffeebechern in den Händen vor der Kälte fliehend von Tür zu Tür. Es ist die Zeit, wo noch Emotionen gezeigt werden, wo noch nicht funktionniert werden muss, wo noch gelebt wird. Ist einmal der Arbeitsplatz erreicht, hat man zu reagieren und zwar nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Roboter. Ein künstliches Lächeln zaubert jeder auf die Lippen, das am Abend regelrecht abgeschminkt werden muss. Andrea Köhler hat dies vor nicht so langer Zeit in der NZZ auf den Punkt gebracht:

«Wer wie die Amerikaner dem Zwang nach Glücklichsein unterliegt, verdrängt die Melancholie. Eine Nation, die alles Grübeln mit «Prozac» austreibt, verliert nicht nur eine wichtige Quelle der Inspiration, sondern auch die Reflexionsfähigkeit.»

Dabei täte diesem Land etwas mehr Selbstreflexion gut. Aber eben, ich sehe die Probleme als Gast etwas anders als die Einwohner und als Gast sollte ich vielleicht etwas mehr Respekt vor der eigenen Kultur der Amerikaner zeigen. Ich wandere weiter. Hinein in neue Gassen und in neue Quartiere. Überall das gleiche Bild. Öffentliche Infrastruktur hat in diesm Land keinen grossen Stellenwert. Was privat ist und durch angeheuerte Hände gepflegt wird erstrahlt im besten Licht, öffentliche Einrichtungen verfallen regelrecht.
Warum fehlen in einem Land, das durch Innovation und Mut gross geworden ist, die Mittel und der Wille, die Struktur zu erhalten? «Erfolg gibt recht», sagt der Volksmund, nur leider haben die Erfolgreichen den Spruch zu ernst genommen und nehmen sich für sich jetzt jedes nur erdenkliche Recht heraus.

Liebes Amerika, ich gehe wieder hart mit dir ins Gericht, ich weiss. Aber du präsentierst dich im Moment wie ein Junkie, ein sterbender Schwan, dem man beim Verfall zusehen kann. Nimm dich endlich zusammen! Ich komme wieder, vielleicht schon nächste Woche.

Kommentare:

  1. Einmal mehr sehr schwere Gedanken eines Fliegenden...

    Du magst in der Betrachtung der USA Recht haben, das kann ich nicht beurteilen. Wenn ich aber den (politischen) Zustand der Schweiz (wo die von den Medien gehypte Bundesrätin mit der lustigen Frisur sich über die Verfassung hinwegsetzen kann, ohne dass dies in den Medien zum geringsten Aufschrei führen würde oder es Konsequenzen hätte) und Deutschland (wo sich der Staat illegaler Mittel bedient, um ans Geld seiner Bürger zu kommen und dabei nicht nur jegliche Rechtsstaatlichkeit, sondern auch das letzte bisschen Privatsphäre der Bürger - einer totalitären Diktatur gleich - opfert, und zudem einen unabhängigen Staat in völkerrechtlich bedenklicher Weise angreift) anschaue, müssen wir leider nicht in die USA um deine Schlüsse zu ziehen und vor allem sollten wir alle uns bewusst sein, dass auch wir schwerwiegende Probleme haben... und einmal mehr wäre es schön, wenn sich dessen die Politiker (jeder Couleur) bewusst wären und endlich einmal die eigenen Probleme lösen würden...oder es nur schon wollen...

    Hab versucht, den Satz länger noch länger zu machen, ist mir aber leider nicht gelungen, sorry ;-) Aber hat wohl eh niemand bis hierhin gelesen...habe fertig, ist ja auch genug.

    G!

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  2. Und wie Du Recht hast!

    Damit meine ich nicht den letzten Satz, sondern die Aussage Deines Kommentars. ;-)

    Es ist eine alte Weisheit, dass wir dem Vorbild Amerika in jeder Beziehung folgen. Egoismus, Selbstverwirklichung und Gleichgültigkeit stehen über Anstand, Vorbildfunktion und Nachhaltigkeit. Dabei werden nicht nur - wie Du richtig betonst - rechtsstaatliche Grundsätze verletzt, sondern auch volkswirtschaftliche und das ist über kurz oder lang ein Bumerang.

    Ich mag Amerika, wirklich. Auch ich schüttle den Kopf bei politischen Einstellungen und Ansichten zum Mittelpunkt der Erde, aber das Land bietet wirklich einiges.
    Nur wenn man sieht, wie mit der Infrastruktur, der Substanz umgegangen wird (dazu zähle ich auch die Menschen), wird einem Angst und Bange. Darum nehme ich mir als "guter alter Freund" das Recht heraus, Dinge auch einmal beim Namen zu nennen, was halt wiederum zu etwas "schweren" Artikeln führt.

    nff, der heute Sage und Schreibe zum ersten Mal die ILS28 herunterrutschte.

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  3. @ G

    Wow, an dem Statz merkt man definitiv was Dein "Ersatz" Beruf war ;-) Cool, das würde jeden Gegner beim Lesen sofort in die Flucht schlagen, diese Strategie muss ich mir merken ;-)

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  4. @NFF
    Freunde dürfen immer kritisieren, erst Recht, wenn Sie was wichtiges zu sagen haben, und das kann dann halt schwer werden. Richtig so.

    Säg rächt, zum erste Mol? Hoffe hät Spass gmacht, mitem (ganz?) Grosse uf die chli Piste? Unglaublich sowas....dänn häsch DU mi also geweckt *grins*

    @Anonym
    Strategie durchschaut... :-)

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