Sonntag, März 02, 2008

schlafraubende Gedanken

Orte, die man von Zeit zu Zeit besucht, bekommen einen Platz im eigenen Bewusstsein. Zu Douala, der Hafenstadt in Kamerun, wo es im Moment während gewalttätigen Demonstrationen zahlreiche Tote gibt, habe ich genauso Bilder, Gerüche und Menschen in meinem Kopf gespeichert, wie zu der kenianischen Hauptstadt Nairobi, in der es seit Wochen zu Gewaltexzessen übelster Art kommt. Auch zu Sao Paulo, dem Moloch in Brasilien, wo es gemäss einer Statistik von 2005 im Jahr über 10‘000 Morde gibt, sind viele Erinnerungen in meinem Denkzentrum abgelegt.
Ich könnte noch weitere Städte aus unserem Streckennetz aufzählen, in der Leib und Leben von Besuchern und Einwohnern gefährdet sind. Diese Destinationen verlangen von uns Besatzungsmitgliedern besondere Verhaltensregeln und eine gewisse Vorbereitung. In der Regel verlaufen die Besuche an diesen Orten trotz latenter Bedrohung unproblematisch und das Leben in geschützter Hotelumgebung ist nicht weit entfernt von dem in anderen Ländern.
Wird man aber einmal selber mit direkter oder indirekter Gewalt konfrontiert, dann kommt nach der Angst und der Wut die Frage nach dem Warum. Im unbekannten Ausland keine einfache Sache. Aus ferner Warte betrachtet ist die Gefahr gross, dass wir pauschal aburteilen. Tote bei Demonstrationen in Afrika: Was kann man von diesen Wilden schon anderes erwarten? - Hohe Mordrate in Brasilien: Sind halt impulsive Menschen.

Und wie ist das bei uns in der heilen Schweiz? Auch wir teilen voreilig in Gruppen von guten und schlechten Menschen ein. Das eine Geschlecht kann prinzipiell nicht Autofahren, die eine Ethnie ist kriminell und Drogen dealen ausschliesslich Menschen mit gut unterscheidbarer Hautfarbe. Dies sind Vereinfachungen, die diskriminierender, zum Teil auch rassistischer Natur sind und die Probleme in keiner Art und Weise weder beschreiben noch lösen.
Es ist halt einfacher zu pauschalisieren, einen Schuldigen zu bestimmen und mit so vielen Fingern wie möglich auf die zum Teil willkürlich ausgewählte Person zu zeigen. Konfliktlösenden Diskussionen wird dabei genauso aus dem Weg gegangen, wie der eigentlichen Beseitigung des Problems.

Wir leben leider in einer Zeit, in der langjährige Beziehungen mit einer SMS aufgelöst werden und das Verfassen einer elektronischen Nachricht so schnell von Statten geht, dass zwischen dem Tippen der Zeilen und dem Drücken des SEND Knopfes nicht genügend Millisekunden liegen, um noch einmal kritisch den eigenen Text zu studieren. Irgend jemand redet uns andauernd ein, dass wir immer schneller werden müssen, ständig mit dem Drehzahlmesser am Anschlag funktionieren sollen und Zeit vergeuden, wenn wir unsere Kinder nicht schon mit drei Jahren ins Frührussisch stecken oder selber einmal die Füsse hängen lassen.

Irgendwie ist dadurch die Zeit zum Streiten abhanden gekommen - oder wie es der Schriftsteller Peter Bichsel beschrieben hat: «Die Zunahme der Gewalt könnte unter vielem anderen auch damit zu tun haben, dass wir das Streiten verlernt haben. Wir können nur noch hassen oder lieben – streiten können wir nicht mehr.»

Und genau dieser Hass führt bei mir zu diesen schlafraubenden Gedanken. Hass hat immer etwas Zerstörerisches, etwas Verletzliches und ist nie konstruktiv. Diese letzte der Konfliktstufen dient ausschliesslich dazu, dem Gegenüber Schaden zuzufügen. Ich bin erschüttert, wie viele Menschen sich in Diskussionen hemmungslos bereit erklären, sofort und ohne langes Zaudern zu Waffen und Gewalt zu greifen. Ich bin sprachlos wenn ich höre, wie leicht erwachsenen und nach gängigem Muster gut ausgebildeten Personen beleidigende und verletzende Worte über die Lippen gehen. Und ich bin zutiefst betroffen und schockiert, wenn wie letzte Woche geschehen, Menschenleben in Kauf genommen werden und mitten in der Nacht ein unter einem Holzhaus parkiertes Auto eines gewählten Volksvertreters angezündet wird.

Damit mir diese Gedanken nicht noch eine dritte Nacht den Schlaf rauben, gehe ich jetzt auf einen langen Spaziergang entlang der Southbeach in Miami. Ich muss meine Gedanken ordnen und dazu nehme ich mir Zeit. Würden sich doch andere nur auch etwas mehr Zeit nehmen!

1 Kommentar:

  1. Du hat vollkommen Recht. Wir leben in einer immer schnelllebigeren Zeit in der immer mehr Informationen auf uns herunterprasseln, die wir verarbeiten müssen bzw. müssten... Da macht der Mensch zum eigenen Schutz irgendwo Abstriche, leider oft am falschen Ort.

    Dafür dürfte dich Southbeach ein wenig (oder mehr) ablenken und dir die schönen Seiten des (Flieger)-Lebens zeigen :-)

    G!

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