Montag, März 17, 2008

Murgh und Marsala

Nichts hat mehr Respekt verdient, als das lokale Essen in seiner ursprünglichsten Form. Die Rezepte sind über Generationen gewachsen, haben sich den Lebensumständen angepasst und spiegeln auch den Charakter und die Seele der Bewohner des jeweiligen Landes wieder. Doch auch innerhalb des gleichen Kulturkreises gibt es erstaunlich viele Unterschiede.

Vermutlich lässt sich anhand des Essverhaltens auch einiges über den Menschen hinter dem Fressnapf aussagen. Ich mute mir an dieser Stelle keine Expertenmeinung zum Thema zu, mache mir aber aufgrund meiner Vorlieben trotzdem einige Gedanken.

Ich mag Fettnäpfe - und zwar in jeder Form. Ab und zu trete ich in einen, in schöner Regelmässigkeit esse ich aber daraus und verplatze fast aus Vorfreude vor dem nächsten Bissen. Während Lifestylekoriphäen so kurz vor Frühlingsanfang auf Zehenspitzen um Rohkostteller hüpfen und dünne Scheiben Vollkornbrot mit Lätta bestreichen, tunke ich meinen Weissbrotklumpen in eine blubbernde Käsemasse, drehe das Brot nach überlieferter Art und Weise im Kreise herum und führe danach die stinkende Masse mit Wollust an meinen Mund. Der folgende Schluck Weisswein aus einheimischer Produktion vervollständigt den Genuss und kann im Geschmack höchstens noch durch nachschütten von etwas Kirschwasser übertroffen werden. Dieses einfache Mahl schüttet bei einem einfachen Menschen wie mir literweise Glückshormone aus und das erklärt wohl zur Genüge, warum man vor genau diesen lokalen Köstlichkeiten - mögen sie noch so einfach oder fettig sein, Respekt zeigen sollte.
Ärgerlich, wenn man dabei gestört wird. Noch ärgerlicher, wenn es sich beim Störenfried um das Telefon handelt und unerhört, wenn am anderen Ende die eigene Firma lauert. Exakt in dem Moment, als mein kirschwassergetränktes Weissbrot im Caquelon untertauchte, durchbrach der Klingelton die mystische Mischung aus Ausgelassenheit und Ruhe und das andere Ende der Leitung wollte mich über einen Einsatz am folgenden Tag in Kenntnis setzen.

Weil der Copilot, der ursprünglich nach Delhi gebraucht wurde andersweitig gebraucht wurde, wurde ich gebraucht und zwar auf dem Flug nach Delhi. Während ich diese anspruchsvollen Zeilen zu verarbeiten hatte, schwanden im Wohnzimmer in erschreckender Geschwindigkeit die Pegel der Käsemischung, der Weissweinflasche und des Kirschwassers. Soweit die Geschichte des Fondueabends.

So sitze ich jetzt in der Lobby des Hotels in Delhi und versuche, die lokalen Rituale zu ergründen. Ich mache das nicht wie die Touristin am Tisch nebenan, die sich als einzige der zahlreich anwesenden Damen in einen glitzernden Saari gestürzt hat und dazu französisches Mineralwasser trinkt. Ich mache es, wie es sich für einen Vertreter meiner Zunft gehört: Ich widme mich den Fettnäpfchen. Nicht Käse soll es sein - oh nein, «Butterchicken» steht auf dem Speiseplan und dazu Naan mit Knoblauch versetzt.
Lifestylekoriphäen und Diätberater mögen schockiert sein, doch ich kann diese beruhigen. Zum «murgh makhani», wie sich das Hühnchengericht nennt, trinke ich gesunden Marsala Tee, der nur ganz leicht gesüsst ist und nur ganz wenig rahmige Milch enthält. Ich kann mich nur Wiederholen: Vor lokalen Köstlichkeiten soll man Respekt zeigen. Guten Appetit!

Kommentare:

  1. Hallo nff

    Du sprichst mir (und hoffentlich noch vielen Anderen) wieder einmal aus der Seele. Warst nicht auch du es, der mal in einem früheren Text von Zigerbrot geschrieben hat? Ist ja auch so eine Spezialität, welches jedem Lifestileguru die Haare zu Berge stehen lässt. Leider kenne ich die Indische Küche nicht, konnte dafür aber schon in der Chinesischen auf einige Wagnisse einlassen. Bisher war alles nur vom Feinsten.
    Ich geniesse deine Beiträge - weiter so!
    Gruss Peter

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  2. In diesem Sinne: En guete.

    Bei mir heissts auch ganz traditionell: Zwieback, Öpfelmues und Bouillonsuppe en masse.

    En liebe Grues,

    Sevo

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  3. prechiblog: da hast du was verpasst…
    indisch ist für mich... miam.. das beste Essen das es gibt.
    Zum Glück gibt's hier an der Costa Blance viele Engländer, dank dem gibt's hier viele indische Restaurants ;)

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