Freitag, März 07, 2008

der Marathon



Vor mir liegt die «Engadiner-Post» mit der Vorschau auf den Skimarathon vom nächsten Sonntag und neben mir wartet das Handy stummgeschaltet auf einen Anruf meiner Firma. Wieder einmal steht der Reservemonat an und wieder einmal beherrscht das Ungewisse meine Gegenwart.

Dabei wäre ich doch jetzt viel lieber auf den Loipen im Engadin, würde auf den vereisten Spuren Wachs und Skier testen, einen sportlichen Eindruck machen, unschlagbar wirken und so tun, als ob ich am Sonntag in der ersten Reihe stehen dürfte. Hoch erhobenen Hauptes durch das Werbedorf laufen tät ich genauso, wie einen Moment bei der Startnummernausgabe so tun, als ob ich zur Elite der Eliten gehörte. Im Wachsgeheimnisse horten käme ich genauso kompetent herüber, wie beim Nippen an farbigen Glasfläschchen mit zauberhaftem Inhalt. Und die längsten Stöcke hätte ich! Mindestens doppelt so lang wie das Podest und das Hirschgeweih zusammen, das jedem Sieger nach dem Zieldurchlauf zusteht.

Ach der Marathon im Engadin. Ich liebte ihn und ich mag ihn noch immer. Fünfzehn Mal habe ich das Spektakel mitgemacht, das erste Mal mit sechzehn Jahren und das letzte Mal mit der runden Zahl Dreissig auf dem Altersblatt. Es war nicht nur der Lauf der faszinierte, es war vielmehr das Ritual vor und nach dem Lauf, das süchtig machte.
Immer die gleichen Sprüche, immer die gleichen Abläufe, immer die gleiche Taktik vor und immer die selbe Ausreden nach dem Lauf.

Mit der Zeit und wachsender Erfahrung perfektionniert man das Vorgehen bei der Vorbereitung richtiggehend. Da es sich beim Engadiner weniger um einen Volkslauf, sondern mehr um einen Sturm nicht ganz friedlicher Gesellen handelt, spielt auch die psychologische Kriegsführung eine wichtige Rolle.

Auch wenn man wie ich nur ein Paar Skier hat, muss man beim grossen Skitest auf der Loipe unbedingt mitwirken. Kenner testen ihre Latten zur Tageszeit, wenn das Rennen gestartet wird. Amateure zeichenen sich dadurch aus, dass sie ihre Skier in der Mittagssonne testen. Mit guten Sprüchen gelingt es einem Routinier wie mir, genau diese Zielgruppe leicht zu demoralisieren. Steht man nämlich interessiert und in edle Stoffe gekleidet da, kommt nach ein paar Minuten unweigerlich die Frage, wie schnell man das letzte Jahr gelaufen sei. «Knapp über 1 Stunde 30» ist nie die falsche Antwort, denn auch mit einer Laufzeit von 2:45 Std. hat man dabei nicht gelogen. Das Gegenüber ist in der Regel tief beeindruckt.

Ach wie gerne wäre ich jetzt im Engadin! Es ist Freitag Abend und die Sportler studieren Wachstipps, essen soviele Teigwaren und Bananen, dass sie noch bis mindestens Ostern verstopft sind und legen schon jetzt Startnummer und Wettkampfdress für den Sonntag bereit. Es wird diskutiert, ob man am Stau bei der Schanze links oder rechts vorbei soll, ob der Wachstipp von Toko auch sicher bis Mittag einen schnellen Ski garantiert und ob der Wind von vorne oder von hinten blässt.

Morgen dann der Countdown. Es wird gelaufen, als ob man am letzten Tag noch Trainingssünden wettmachen könnte und es werden noch einmal die gestern gefassten Vorsätze bezüglich Wachs auf den Skiern und Ernährung vor dem Start über Bord geworfen. Körper werden am Abend mit Kampfersalben eingerieben, Wehwechen gepflegt und vereinzelt auch Blasen behandelt, die vom Laufen mit dem am gleichen Tag neu erworbenen Schuh herführen.

Ach wie gerne wäre ich im Engadin. Ich würde mitfiebern, mitlachen und wer weiss, vielleicht sogar mitlaufen. Heja!
Doch oh weh, ich schiebe Reserve. So interessiert mich der Wachstipp von Toko weniger, der des Speakers aber umso mehr. Wie sagte er jeweils ein paar Minuten vor dem Böllerschuss: «Das beste Wachs für jeden Schnee, das ist ne Flasche Beaujolais!» Prosit und Heja!

Kommentare:

  1. Ich habe in der Zeitung irgendwo gelesen, dass der Engadiner Langlauf Marathon im nächsten Jahr nicht mehr stattfinden wird. Du musst dich jetzt also beeilen ;D

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  2. ... das glaube ich nicht, denn es geht um viel zu viel Rubelchen...

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