Samstag, Februar 09, 2008

warten an der Supermarktkasse

«Man bekommt nie eine zweite Chance für den ersten Eindruck», sagt eine bekannte Weisheit, die man fast in jedem Kundenbindungsseminar mindestens einmal zu Ohren bekommt. Auch souveräne Staaten haben dies erkannt und intensivieren die Bemühungen, Gäste, Fussballhooligans und sonstige Würdenträger stilvoll in die Arme zu schliessen.
Deutschland tat dies am Treffen der Schwalbenfreunde (Fussball Weltmeisterschaft) im Jahre 2006 vorbildlich und die Schweiz versucht es der grossen Schwester dieses Jahr nachzumachen.

Eine andere grosse Frauenfussballnation hat dies noch nicht erkannt oder hält es nicht für notwendig, auch nur im Ansatz so etwas wie Respekt oder Freude gegenüber dem eintreffenden Gast zu zeigen.
Genau im Brennpunkt zwischen der Villa von Spieler Beckham und dem Häuschen von Trainer Klinsmann, stehe ich in der Warteschlange vor dem Zoll in Los Angeles.
«CREW» steht in grossen Lettern auf den Anzeigetafeln 41 bis 45. Alle vier Schalter sind überraschenderweise auch besetzt. Nummer 41 ist mit seinem Stuhl beschäftigt, versucht die Höhe zu justieren und bleibt dabei im Zehnsekundentakt mit seiner geladenen Dienstwaffe am Tresen hängen. Nummer 42 gönnt sich eine Zwischenmahlzeit. Mit der linken Hand hält er den tropfenden Hamburger und mit den Fingern der rechten Hand tippt er auf der Tastatur herum. Nummer 43 arbeitet -langsam zwar, aber er verrichtet immerhin die Arbeit, für die er schlecht bezahlt wird. Nummer 44 hat seinen Kopf auf der rechten Hand aufgestützt und begutachtet lüstern die wartenden Flugbegleiterinnen.
Und von denen hat es viele in der Schlange vor dem Schalter 43. Im Moment in «Pole Position» die Damen der Aeroflot. Gezeichnet vom langen Flug versuchen sie Haltung zu bewahren und sich den Ärger nicht anmerken zu lassen. Nichts von Haltung hält der Kapitän der russischen Airline. Grimmig fixiert er den Mann in Uniform hinter dem Schalter 43 und verflucht ihn auf Russisch. Seine Einreise dauert heute etwas länger.

Nach den Russen, die wie ein wilder Haufen aussehen, wartet die Crew der Air Malaysia diszipliniert. Was sage ich da Crew, es ist eher eine Delegation. Dass bei so vielen Angestellten auch noch Passagiere im Flugzeug Platz finden, scheinen sich auch die Crewmitglieder der Mexicana zu fragen, die hinter den Asiaten in der Kolonne stehen. Nach den feurigen Mexikanern lehnen sich zwei Piloten der Martinair an die Abschrankung. Die sympathischen Holländer haben den Humor nicht verloren und beobachten mit einem Lächeln auf der Lippe, wie der russische Bär den ersehnten Einreisestempel auf dem Zollformular erhalten hat. «Next!»
Während ich im Rücken den ersten Fluch in Schweizerdeutsch höre, erzählt mir der Kapitän der Martinair, dass sie eigentlich gar nicht gedenken in Los Angeles auszusteigen, sondern das Flugzeug so schnell wie möglich wieder an den mexikanischen Ausgangsflughafen zurückbringen möchten. Dies geht in Amerika nicht ohne volles Zollprogramm. Personalien und Gepäck werden so gründlich gecheckt, als wollten sich die Beiden in Amerika niederlassen.
Hinter mir wartet die langsam ungeduldige Crew der Swiss, dahinter eine Weitere der Mexicana und einer Airline, die ich nicht identifizieren kann.
Schalter 41 hat sein Stuhlproblem gelöst, tippt eine Kombination in den Computer und verlässt die Szenerie. Von Rechts drängt sich eine Gruppe Rollstuhlfahrer vor. Unnötig zu erwähnen, dass die Wheelies Sonderbehandlung erhalten. Air Malaysia wartet, Mexicana wartet, Martinair wartet, Swiss wartet und all die anderen Crews hinter uns warten auch.
Schalter 42 hat sein Pausenbrot beendet. Er ist ein Langsamesser, was ja sehr gesund sein soll. «Next!»
Schalter 44 läuft das Wasser im Mund zusammen, als sich die Flugbegleiterinnen der Air Malaysia nähern. Endlich öffnet auch er seine Pforten. «Next!»
Die fliegenden Holländer sind an der Reihe. Als der Beamte sie fragt, wie lange sie gedenken in den USA zu bleiben, antwortet der Kapitän wahrheitsgemäss mit 10 Minuten. Schalter 43 ruft nach dem Supervisor. Die neu gewonnene Dynamik wird etwas gebremst.

Nach genau 53 Minuten in der Supermarktschlange bin ich an der Reihe. Linker Zeigefinger, rechter Zeigefinger, in die Kamera lächeln und dann knallt der Stempel wuchtig auf das Einreiseformular.
Ich hab es geschafft, bin im Land der grossen Freiheiten angekommen und frage mich ernsthaft, was die vielen Leute hier eigentlich wollen. Am Gepäckband angekommen treffe ich auf die Rollstuhtruppe. Die älteren Insassen stehen allesamt neben den Rollstühlen, bedanken sich bei den Schiebern und verlassen den Koffer ziehend die Halle.
Willkommen in Amerika!

Kommentare:

  1. Köstlich! =) Schön ist auch, wenn die Pausenbrotesser den Schalter dichtmachen, kaum dass sie das Brot fertig gemümmelt haben. *hmpf*

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  2. spannender blog. ab in den feedreader :)

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  3. Danke und Grüsse aus dem langsam erwachenden Long Beach, CA

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  4. wieder einmal ein super Beitrag! Danke

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  5. ein leidiges Thema, das die Brasilianer in der Anfangszeit humorvoll konterten: auf die einreisende USA-Crew wartete damals ein Herr mit Polaroid und schwarzem Stempelkissen. Sowas sollte man bei uns auch einführen - natürlich nur für die Amis.
    [ansonsten halte ich von den Maßnahmen nicht viel.]

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  6. ... ich plädiere für einen Wangenabdruck mit dunkelschwarzem Stempelkissen! Jawohl!

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  7. Ein Experte spricht über ein Expertenthema. Vielleicht solltest Du das nächste Mal erwähnen, dass Du den Marines beitreten möchtes (das macht es schneller), der Schalter dazu wäre übrigens ab und an vor der Zollkontrolle oder Du sagst etwas von einem Anschlag, dann dauert es noch etwas länger, aber ein VIP Treatment ist es alle mal.

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  8. Warum muss man in den Staaten ein Einreiseformular ausfüllen, wenn man lediglich 10 Minuten dort sein will, und das Flughafengebäude nicht einmal zu verlassen gedenkt?
    Kennst du den Film "the Terminal"?

    Gruss

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  9. @IVI:
    Amerika ist wie die Rekrutenschule - frage nie "warum"!
    Als wir früher mit dem 747 zwischen Boston & Phili pendelten, mussten wir auch - obwohl wir am Vortag das ganze Procedere schon in Boston machten - mit dem ganzen Gepäck einreisen und wieder ausreisen. Das Ganze dauerte bei einer Bodenzeit von 2 Stunden über 50 Minuten. Und das war vor 911....

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  10. He NFF, keine militärkritischen Bemerkungen ;-)

    Herrlich, ich freue mich auf die LH :-D

    NEXT...Beitrag!

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  11. Herrlicher Beitrag!! :)

    Wurden die Piloten von Martinair für ihren Humor in Ketten abgeführt?

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  12. "Mampf"
    ...eine bissige multikulturelle Satire, ha ha, habe die 4 so beschriebenen Beamten "The Fabulous Four" vor mir gesehen, fast wie im Comic!

    Die Rollstuhl-Trickser nehme ich ihnen aber nicht ganz ab.

    Gute Pointe, though.

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  13. ... die mobilen Wheelies heissen bei uns WCHR (R steht für "running") -> die gibt es mehr als sie meinen!

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  14. Da haben sie mich etwas verunsichert, weil ich CHR mit CH
    AIR in Verbindung brachte.

    "Running" hat aber auch was für sich. Vielleicht war es tatsächlich so - ein "Running Gag".

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