Mittwoch, Februar 27, 2008

Longhaul Guide

Nach Jahren der Stagnation werden wieder neue Kolleginnen und Kollegen auf die Langstrecke umgeschult und frische Gesichter können im Flugzeug begrüsst werden. Verantwortliche Stellen bilden nach bestem Wissen und Gewissen aus, gestallten ganze Ordner mit «Hints und Tipps» für den gemütlichen Teil der Fliegerei, vergessen aber nicht selten die wichtigsten Details. Mit diesem Artikel möchte ich einen Beitrag zur Flugsicherheit leisten und die noch vorhandenen Informationslücken schliessen.

Crewbriefing:
Die Kollegen und Kolleginnen sitzen schon lange auf den harten Unterlagen und wollen vor der Abfahrt des Crewbusses noch auf die Toilette, eine rauchen, etwas quatschen und den Koffer in der Schengen/Non-Schengen Pforte durchleuchten lassen. Sie sitzen nur noch hier um die Flugzeit zu erfahren. Wenn etwas anderes als die Reisedauer kommuniziert werden soll, dann muss dies zwingend vor der Durchsage der magischen Zahlen geschehen. Nachher sind die Hörkanäle verschlossen.

Galleyorganisation:
Es lohnt sich gerade für die Piloten, sich mit den Hierarchien in den Bordküchen auszukennen. Uns wohl am besten bekannt ist das Erstklassgalley direkt hinter der Cockpittüre. Quelle der schmackhaften Mahlzeiten und des herrlichen Espresso mit cloney‘schem Touch. Die Küche ist in der Regel gut bewacht durch zwei WärterInnen mit viel Berufserfahrung. Meistens charmant, versuchen sie uns Flössern die Wünsche von den Lippen zu lesen. Trifft man aber einmal auf die Ausnahme, die jede Regel bestätigt, dann ist es von Vorteil, wenn man die Fressboxen gut kennt. Es lohnt sich, bei toilettenbedingter Abwesenheit der verantwortlichen Person, die Küche einmal auszukundschaften.
Nicht alles findet sich aber in der vordersten Küche. So ist die Businessklasse Hort des Lesestoffes, der Onigiri auf dem Heimflug von Japan, den kalorienreichen Snacks und den interessantesten Geschichten. Hier werden Verschwörungen geboren und Reputationen von Kapitänen zerstört. Der Feldwebel dieser Küche kontrolliert die Crewverpflegung und hat immer ein Menü für den hungrigen Copiloten auf Vorrat. Der Kaffee ist hier leider ungeniessbar.
Das Economygalley ist der abgelegenste Teil des Schiffes. Die Jungmannschaft hat hier die Kontrolle und dementsprechend wild kann es zu und her gehen. Meistens stehen drei bis vier männliche Passagiere herum und geben ihre Fluggeschichten zum Besten. Ausser vielen Worten finden sich hier die Schachteln mit den Schokoladentafeln und die «Yokohama Ice Cream» auf dem Heimflug von Japan. Den Kaffee kann ich hier auch nicht empfehlen.

Crewbunk:
Der Cockpitcrewbunk liegt direkt hinter der schusssicheren Cockpittüre. Jungcrews vergessen dies gerne und lassen die Pforte satt in die Scharniere fallen. Dies wiederum hat einen sehr direkten Einfluss auf die Flugsicherheit, da die arme Sau im Liegebett nebenan fast an einem Herzinfarkt stirbt.
Müde Kollegen im Cockpitsitz schätzen es ungemein, wenn die Ablösung so schnell wie möglich von Statten geht. Espresso trinken und die Morgentoilette erledigen, kann man auch nach dem Wechsel.

Crewbus Ent- bzw. Beladung:
Es gilt die Regel, dass wer an der Hotelreception die Nase zuvorderst hat, beim Beladen der Koffer zuhinterst anzufinden ist. Plötzlich hat der Copilot einen Stellenwert und plötzlich erinnert man sich dem kauzigen Kerl mit den drei Streifen. Ein Danke für die Schwerarbeit kann man nicht erwarten.

Crewbusfahrt:
Piloten, die in der Infanterie einen Offiziersrang belegen, sitzen gerne in der ersten Reihe im Bus. Dies ist aus zwei Gründen unsinnig. Erstens bläst die Airconditioning erbarmungslos von hinten in den Nacken und zweitens findet man sich nach dem Aussteigen zwangsläufig in der Poleposition für das Kofferausladen.

Hotelbezug:
Swissbesatzungen beziehen die Hotels nicht, sie nehmen sie ein. In der Regel ist sowohl die Lobby als auch die Reception für eine Viertelstunde blockiert. Besorgte Jungkapitäne kann ich beruhigen, es ist nicht nur in ihrer Besatzung so, sondern bei allen Swiss Crews.

gemeinsames Nachtessen:
Verliert zusehends an Bedeutung. Sinkende Löhne und steigende Copilotendienstjahre haben unweigerlich dazu geführt, dass die Dreistreifer nicht mehr bereit sind, die Rechnung auseinander zu dividieren und den Junghostessen zu erklären, was Trinkgeld und Steuer sind.

Müdigkeit:
Es gibt immer noch Arbeitnehmer ohne Teilzeitvertrag, Bürojob, Gewerkschaftsstelle, Instruktionstätigkeit und RAP. Diese haben kumuliert mehr Zeitverschiebung zu verdauen und bekommen in der Regel die Ferien nicht bestätigt. Eine höhere Grundmüdigkeit ist die Folge und sollte vom Gegenüber respektiert werden.

Mensch ärgere dich nicht:
Das Ärgerlichste am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen.

Wünsche schöne Flüge!

Kommentare:

  1. Herrlich ;-)!

    Wann bekommst du deinen 4. Streifen?

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  2. ähm, sorry, der vorherige Kommentar war von mir, bin der Technik nicht immer ganz so mächtig...

    Merci für die vielen brilliant geschrieben Texte!

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  3. ... ich bin der Technik auch nicht immer mächtig :-)

    Danke für die Lobesworte. Zu Deiner Frage: Wenn nicht noch ein Grounding dazwischen kommt und unsere Kapitäne nicht bis 75 arbeiten wollen, dann sollte ich noch dieses Jahrtausend an der Reihe sein....

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  4. ...na dann ist ja ein Ziel in Sicht! Obwohl, da fällt mir ein, dass unser Jahrtausend noch ziemlich lange geht......

    Gruss Tomy

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  5. einfach nur herrlich!

    es fehlt nur noch der abschnitt über die vierstreifer... ;)

    gruss aus IKA
    chris

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  6. Die Kollegen von der LH schlafen ja im Keller(container). Wieviel Sitzplätze macht das aus?

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  7. ... das ist so viel ich weiss nur in der Sklavengaleere (Zitat Frau Klugscheisser) so. Unsere Kabinenbesatzung schläft übrigens auch im Keller.

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  8. herrlich!! jezt weiss ich wenigstens warum ich nach jedem Flug mit euch immer Schwierigkeiten habe wenns ins Hotel geht, und warum es nie genug kaloriereiche snacks hat!


    ;)

    Gruss
    Andreas

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  9. @nff
    Dann drücken wir fleissig weiterhin die Daumen und freue uns wenn es heisst "Guten Abend meine Damen und Herren, im Namen von Captain "nff" und der ganzen Besatzung begrüssen..." und freuen uns auf deine Berichte von vorne links noch in diesem Jahrtausend ;-)!

    @anonym
    Schätzungsweise gehen bei LX 1-2 Eco Sitzreihen durch den Crewrest-Abgang verloren. Links und Rechts davon befinden sich jeweils Toiletten. (der Verlust hält sich also in Grenzen, ich vermute eher mal, das der Verlust aus nicht getätigten Frachteinnahmen mehr ins Gewicht fällt, aber so genau weiss ich das natürlich nicht.)

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  10. heute sah ich gerade einen A340 de Swiss bei heftigstem Westwind über unsre Hütte schütteln. Was sagt dein longhaul guide zu solchen Situationen?

    Passagiere mit einem Sturmcüpli ruhigstellen oder etwa mehr Papiertüten verteilen...

    Liest sich gut dein Text, süffig und flüssig wie so oft.

    Lg Severin

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  11. Wieder einmal ein Guide zum Ausdrucken und beseitelegen für die Zeiten auf den grossen Vögeln... :-D

    Schöne MIA,

    G!

    PS: Das mit dem Rechnung auseinanderdividieren habe ich auf der Kurzstrecke auch schon eingeführt oder besser gesagt: abgeschafft.

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  12. Hallo,

    was meinst du zu diesem Video?

    http://www.liveleak.com/view?i=ddb_1204404185

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