Sonntag, Februar 17, 2008

Die Psyche der Piloten

Gibt es einen besseren Zeitpunkt als den Sonntagmorgen, um sich um seine Psyche Gedanken zu machen? Als ich noch geregelt arbeitete und wie die Meisten schön regelmässig an den Wochenenden frei hatte, war die Beziehung zum Sonntag eine ganz andere. Der Sonntagmorgen war wie ein Zwitter. Einerseits war da diese wohlige Wärme am Frühstückstisch, die Zeitung, der frische Saft und die Aussicht auf einen freien Tag. Andererseits auch die bittere Gewissheit, dass der Montagmorgen vor der Tür stand und damit die schier unendlich scheinende Arbeitswoche von Minute zu Minute näher kam. Meistens gelang es aber, durch so schöne Aktivitäten wie Sport, Erotik und Ausspannen die nahende kleine Wochenenddepression etwas herauszuschieben. Nach dem Abspann des Tatorts war dann aber definitiv klar, dass die Welt böse, schlecht und ungerecht ist und ich am nächsten Tag viel zu früh aus den Federn musste.

Dank meines jetzigen Berufs ist es mir möglich, so tiefenpsychologische Momente wie den Sonntagmorgen in Kaffeehäusern Rund um die Welt zu verbringen. Der fehlende Frust vor dem Montagmorgen und der auf den lokalen Kanälen nicht ausgestrahlte Tatort, nimmt dem Sonntag aber die ganze Dramatik. Obwohl also offensichtlich kein Bedarf an kritischer Selbstreflexion da ist, lässt mich das Thema nicht mehr ganz los und so recherchiere ich in der Suchmaschine Google, was sich andere über meine Seele so für Gedanken machen.

Ins freie Feld tippe ich «Psyche der Piloten» ein und bekommen sagenhafte 28 Millisekunden später 54‘000 Links aufgezeigt. Der 5. Eintrag lässt mich grübeln. Da schreibt ein sicherlich intellektueller Denker folgenden bemerkenswerten Satz:

«Die Psychologie verzichtet darauf, eine Psyche des Piloten zu isolieren, und begreift Pilot und Flugzeug als Black Box, deren Reiz-Reaktionsverhalten sie aufzeichnet: Der Pilot ist ein Instrument unter Instrumenten, ein Maschinenelement, dessen Psyche in die Flugdaten eingewandert ist.»

Nur wie ist diese Aussage zu deuten? Nimmt der Author Bezug auf die emotionale, die körperliche oder gar die sexuelle Seite des Piloten? Im Zusammenhang mit Letzterem schmeichelt mir natürlich der Satzteil: «…. Instrument unter Instrumenten, ein Maschinenelement...» am meisten.
Der Vergleich mit der Black Box, die ja das grosse Unbekannte symbolisiert, gibt der Schreiber der grossen Aussage unfreiwillig zu, dass er einerseits vom Flugzeug (schon lange bekannt) und andererseits vom Piloten (auch nicht ganz neu) wenig Ahnung hat.

Jetzt mache ich aber genau das, was ich bei gewissen Journalisten immer wieder kritisiere: Ich reisse Wortfetzen aus dem Zusammenhang heraus. Das ist nicht fair und zeugt nicht von gutem Stil. So gebe ich halt ehrlich zu, dass mein intellektueller Horizont nicht ausreicht, um die Aussage richtig zu würdigen. Lassen wir sie stehen wie sie ist.

Wenn mich aber der Checkpilot beim nächsten Debriefing fragt, wie ich meine Leistung selber beurteile, dann antworte ich mit grossem Selbstbewusstsein: «Ich war ein Instrument unter Instrumenten, ein Maschinenelement, dessen Psyche in die Flugdaten eingegangen ist!»

Kommentare:

  1. - Köstlich - Ein Beitrag der mir den Sonntagabend wieder einmal gerettet hat!!

    Ach und wenn Sie beim nächsten Debriefing diesen Satz zum besten tragen, machen Sie doch bitte gleich noch ein Foto vom besagten Checkpiloten ;)

    lg from Cologne

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  2. Hab auch kurz mein Freund Google über die Psyche der Piloten gefragt, Nummer 4 fand ich auch noch recht interessant «Die vergessene Zeit» ;-)

    Seit ich nicht mehr zur Schule muss (Satzteile auseinander nehmen und so), kenne ich keine Wochenenddepression mehr.

    lg christoph

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  3. Einfach wieder ein herrlicher Beitrag! Er wirkt besonders, wenn man ihn am Montagmorgen mit den Nachwehen der Wochenenddepression im Büro liest. Schön zu wissen, dass auch Piloten mit ähnlichen Problemen kämpfen wie wir Passagiere.
    Beste Grüsse und freu mich schon auf die weiteren Texte
    Peter

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  4. @CBS: ... werde ich machen :-)

    @ Christoph: ... den muss ich mir noch zu Gemüte führen

    @Peter: ... wir sind zum Glück auch nur Menschen!

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  5. "Instrument unter Instrumenten, ein Maschinenelement" - das Ganze im Zusammenhang mit der körperlichen Seite des Piloten:

    Tja, da gibt es einen berühmten Song den James Brown immer wieder aufgeführt hat. Welchen?

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