Samstag, Februar 23, 2008

Dangerous Goods Incident

Ziemlich genau einen halben Tag dauert der Flug von Zürich nach Los Angeles. Das sind zwölf Stunden in einer trockenen Röhre weit über unserem Planeten in der abgelegensten Gegend der Welt.
Nördlich von Island vorbei, führt uns die heutige Route nach Grönland, entlang dem 71. Breitengrad Richtung Baffin Island und dann über Kanada, die Rocky Mountains Santa Monica, Hollywood nach Downtown L.A..
Im Bauch des Flugzeugs verstaut sind rund 200 Passagiere, 13 Crewmitglieder, über 100‘000 Liter Kerosen, Unmengen von Essen, Getränken und Fracht. Nicht zu vergessen sind auch die Ängste, Hoffnungen und Erwartungen der Gäste. Dies alles ist eine gefährliche Mischung in einer gefährlichen Gegend auf gefährlich engem Raum.
«Dangerous Goods» nennen wir diese potentiellen Gefahren in der Fliegerei und ein Zwischenfall mit solchen wird selbsterklärend «Dangerous Goods Incident» genannt. Die Behörden fassen den Begriff «Dangerous Goods» enger als ich und beschränken sich im umfangreichen Regelwerk zum Thema auf explosive und giftige Stoffe. Die Vereinfachung hat aber seine Tücken.

Schon während dem Einsteigen der Passagiere geschieht der erste Zwischenfall. Ein hinterlistiger Steward deponiert auf dem Sitz hinter mir eine Schublade gefüllt mit Köstlichkeiten süsser und salziger Natur. Ohne den Fettgehalt und die Kalorientabelle zu konsultieren weiss ich, dass diese fliegerischen Grundnahrungsmittel schuld daran sind, dass mein Uniformgurt nur noch Dank des letzten Loches seine Funktion auch erfüllen kann. Die Behörden haben diesen Vorfall nicht vorgesehen und dementsprechend gibt es auch keine publizierten Verfahren zur Lösung des Problems, obwohl der «Dangerous Goods Incident» eindeutig an meinen Hüften sichtbar ist.

Schon nach in paar Stunden der nächste Zwischenfall. Ich werde in die mittlere Küche beordert, wo es angeblich nach Rauch riecht. Wenige Meter nach der Cockpittüre bestätigt meine Nase, dass es sich hier um keine Übung handelt. Zum Glück sind aber weder Hydrauliköl noch fehlgeleitete Elektronen die Übeltäter, sondern die in der Menuekarte so blumig angepriesene Suppe, die sich dank stundenlanger Erhitzung vom Aggregatszustand «flüssig» wieder in den Aggregatszustand «fest» verwandelt hat.

Zur Erleichterung aller Beteiligten ist der Rest des Fluges bezüglich den gefährlichen Gütern ereignislos. Los Angeles wird ohne Probleme gefunden, die Zöllner haben heute bessere Laune und Arbeitsmoral als noch vor zwei Wochen und auch der Verkehr zeigt sich von einer ungewohnt friedlichen Seite. Das Hotelzimmer ist schnell bezogen, das Wasser fliesst in angenehmer Wärme über den müden Körper und nur der Hals ist vom langen Flug in der trockenen Atmosphäre etwas pelzig.

Abhilfe schafft hier die nahe Brauerei an der Hauptstrasse. Serviert werden Gerstensaft, gegrillte Hackfleischfladen und frittierte Kartoffelschnitze. Aus unerfindlichen Gründen ist das Glas immer wieder voll und trotz grossen Anstrengungen kann ich mich gegen den immer wieder eintreffenden Nachschub kaum wehren. Jetzt, ein paar Stunden später brummt mein Schädel immer noch. Diese hinterlistigen «Dangerous Goods» lauern leider auch nach der Landung.


Grönland 71N/050W

Kommentare:

  1. Tja... kann passieren.
    Aber du hast ja noch genug Zeit, den Brummschädel wieder so zu optimieren, dass er wieder in den Uniformhut passt.

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  2. ... das mit dem Uniformhut stimmt leider nicht. Denn auf meinen Kopf mit Grösse 64 passt der Hut Grösse 62 per Definition schlecht.

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  3. Zu Dangerous goods incidents hatten wir dieses Wochenende eine Musterübung gemacht. Geburtstagsfeier, verkleidet als grosses Dessertfest. Nur logisch, dass der anfänglich noch passende Gürtel binnen eines halben Abends gesprengt wurde und der Schädel zu einem dicken Brummer verkam. Möchte nicht wissen, wieviele Kalorien in meinem "Keller" schlummern. Aber es ist ja Winter und Fettanfressen erlaubt oder?

    Oder war das im Sommer? Wie auch immer, kann mich gut in sie und ihre Probleme mit den köstlichen Genussmitteln der Erde hineinversetzen. Wünsche gutes Psychotraining um dem entgegenzuwirken (ziemlich aussichtlos, wünsche aber trotzdem Glück)

    Liebi Grües,

    Severin

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