Donnerstag, Januar 24, 2008

Sturm auf die Bastille

Es scheint uns Menschen im Blut zu liegen. Gerne belagern wir die verschiedensten Dinge und versuchen diese dann im Sturm zu erobern. Sei dies die Bastille im Paris des 18. Jahrhunderts, das Einkaufszentrum am Samstagmorgen oder das Fussballstadion beim Spiel des Lieblingsvereins.
Wie gut und ob das Vorhaben auch gelingt, hängt im Wesentlichen von der guten Taktik und einer sauberen Vorbereitung ab. Manchmal reicht aber auch ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der sich chaotisch genug verhält, um das System in den Kollaps zu führen.

So zum Beispiel Flugbesatzungen, die nach einem langen Flug ihr Nachtlager beziehen. Nach der Ankunft des grossen Busses werden die Überseekoffer vom Chauffeur unter gütiger Mithilfe des Copiloten entladen. Der Rest steht desinteressiert herum, füttert das Handy mit dem persönlichen Geheimcode oder zieht an einer rauchenden Kippe herum.
Noch bevor der eigene Koffer aber den Asphalt berührt, geht der Sturm auf die Hotellobby los. Nur die bedächtig im Kreise drehende Eingangstüre verhindert eine Kollision zwischen vollbeladener Kundin und Hoteltresen.
Verschiedenste Interessen müssen innert kurzer Zeit unter einen Hut gebracht werden. Um Himmelsgottswillen kein Zimmer näher als 20 Meter vom Aufzug entfernt, bitte auch keines zur Strasse heraus, ein Raucherzimmer soll es aber sein, bitte aber nicht im ersten Stockwerk. Wenn es geht, wäre ein «Kingsize-Bett» nicht zu verachten und 200 lokale Geldeinheiten in kleinen Scheinen soll der Angestellte bei Gelegenheit auch gleich bereitlegen.
Es ist kaum zu vermeiden, dass sich eine Warteschlange bildet, die bis weit in den Eingangsbereich hineinreicht.
Wenn der Copilot den letzten Koffer entladen hat und sich den Staub von den Uniformhosen klopft, sieht die Hotellobby schon aus wie das Hallenstadion nach Spielschluss. Kreuz und quer stehen Koffer, Taschen und Crewbags herum und bringen den Lokalverkehr des Hauses zum Erliegen.
Kaum ein vorbeigehender Gast wagt es, höflich Durchgang zu erbetteln. Man sieht es den Belagerern an den Gesichtsausdrücken an, dass dies wohl keinen Sinn hätte. Zu wichtig ist die Eroberung des richtigen Zimmers und zu wichtig ist das Durchboxen der eigenen Interessen.

Andere Fluggesellschaften kämpfen mit hierarchischen Waffen gegen das Chaos. Immer wieder eindrücklich ist das Materiallager der asiatischen Airlines. Die Koffer stehen sauber aufgereiht in einer abgelegenen Ecke und die Besatzungmitglieder warten höflich, bis sie aufgerufen werden um ihren Schlüssel in Empfang zu nehmen. Beim Anblick der fernöstlichen Kollegen, die in dieser Aufmachung jede Inspektion der Schweizer Armee mit Bestnote bestehen würden, frage ich mich immer wieder, wie die Piloten es schaffen, die Flight-Attendants, die ausschauen als kämen sie alle aus gleicher Produktion, auseinander zu halten.

Eine meiner Kolleginnen zwängt sich an mir vorbei, fährt mit den Kofferrollen über meine Uniformschuhe und meint mürrisch, ich solle doch etwas aus dem Weg gehen. Ich rasple mir den schmutzigen Abdruck vom Schuhleder ab und schreite an die Reception. Endlich bin ich an der Reihe. Die Lage in der Lobby hat sich wieder beruhigt und die freundliche Dame am Empfang wischt sich eine Schweissperle ab. Das Blatt, auf den sich die Besatzungsmitglieder eintragen müssen, präsentiert sich wie ein Schlachtfeld. Die Zimmerzuteilungen, die eine Angestellte vor unserer Ankunft so gewissenhaft gemacht hat, sind Makulatur. Es wurde umgeteilt, neu zugeteilt, gewechselt, geschoben und verändert. Unmengen von Korrekturflüssigkeit zeugen davon.
Nur hinter meinem Namen steht eine Nummer unverändert stolz auf dem Blatt Papier. Schwarz steht die Ziffer wie ein Fels in der Brandung. Ich weiss, dass auf mich ein grosses Bett in einem Nichtraucherzimmer wartet und dieses nicht an eine tobende Kollegin abgegeben wurde. Privileg des Copiloten? Nein, ganz und gar nicht.
Ein e-Mail vor dem Flug und Schokolade nach dem Flug wirken Wunder. Diesem Chaos kann man unbeschadet nur durch List und Charme entkommen.

Kommentare:

  1. Cleveres Bürschchen,dieser nff *murmel* ;-)

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  2. Genial:-)
    Mit e-mail und Schokolade kämst du bei mir auch ganz gut weg.

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  3. Filmreif! nff!
    Stoff für eine TV-Serie.

    Ich will den FILM zum Blog!
    "COPILOT", oder so, oder
    "Copilot & Co"....

    Es soll ja schon abgesagte Flüge gegeben haben, oder umgeleitete oder unvorhergesehen zwischengelandete, mit einer Jumboladung von 300 gestrandeten Passagieren.
    Da muss dann dringend ein Nachtquartier her, aber subito!
    Eine Truppe von 300 überwiegend verärgerten, stinkesauren Passagieren, die in der Hotellobby anstehen...
    da möchte ich als Hotelangestellter nicht gerade Dienst an der Reception haben müssen...

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  4. ... scheolina, Dir bringe ich die Schoggi doch gerne persönlich vorbei :-)

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  5. Das ist Sozialdarwinismus auf schweizerisch. Bei uns geht alles immer noch sehr hierarchisch zu. Ich bin meist auf Platz vier ;-)

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  6. ... wir im Arbeiter- und Bauernstaat haben schon jeher ein Problem mit Hierarchien. Wer es unbedingt braucht, für den haben wir seit 1506 n.Ch. diese Einrichtung mit dem Namen "Schweizergarde" eingerichtet. Man(n) muss dazu allerdings nach Rom reisen und in ein skurriles Gewand schlüpfen.
    Die dort unten nehmen es allerdings auch nicht so genau mit der Rangordnung. Eigentlich steht der Chef dort unten seit über 2000 Jahren fest. Dieser ist aber nie da und darum hat ein Deutscher den Posten übernommen. Ihr habt das irgendwie einfach besser drauf als wir!

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  7. Eine Schachtel feine Swiss-Schöggeli kann auch bei TWR Jungs und Mädels wahre Wunder vollbringen :-)

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  8. ... Message ist angekommen :-)

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  9. Na wo soll das denn enden? Gilt dieses Angebot auch für nicht "SWISS"-ler? Etihad fliegt zwar (noch) nicht nach Zürich, wir könnten aber neben Schoggi feinste Datteln, Mandeln, und Nüsse anbieten. Oder auch ein Säckchen "Shisha-Tabak"....
    Gruss
    Dide

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