Mittwoch, Januar 09, 2008

ein bisschen wie früher

Im Laufe eines Arbeitseinsatzes wird früher oder später über die guten alten Zeiten geredet. In der Regel beginnt die Diskussion mit den Worten: „Weisch na früener?“ Sonst eher ruhige Kolleginnen und Kollegen kommen plötzlich ins Schwärmen, Meere werden blauer und blauer, Strände weisser und weisser und Aufenthalte an den schönsten Orten der Welt länger und länger.
Bis anhin habe ich bei solchen Gesprächen die Augen verdreht, mich zum jüngeren Teil der Besatzung gesellt und über die Alten geschmunzelt. Doch jetzt scheine ich mich an einem Scheideweg meines Lebens zu befinden. Immer mehr ertappe ich mich dabei, dass ich hie und da auch von den alten Zeiten rede und Kollegen zitiere, die ich zwar nie gekannt habe, mir aber dank den unzähligen Geschichten wie Verwandte vorkommen.
Beliebte Themen sind die Segeltörns in Karachi, die Caipirinas an der Copacabana, die wöchigen Aufenthalte in Peking in der «Post-Mao-Ära» oder das Eros-Center in Genf. Gesprochen wird natürlich auch über unmögliche Piloten und ewig junggebliebene Kolleginnen aus der Kabine (was eigentlich wieder beweist, dass man als Mann nur unvergesslich bleibt, wenn man sich wie ein Arschloch aufführt).

Auch das Strandleben in Dar es Salaam bringt es immer wieder zu hoher Tischpräsenz.
Das «Früher» habe ich nicht mehr erlebt, als die Kolleginnen und Kollegen fast eine Woche in Bungalows hausten, das Essen aus Hygienegründen aus der Heimat mitnahmen und sich den ganzen Tag um die Surfsegel und die Taucherbrillen stritten. Wenn man den Geschichten glaubt, muss es in den guten alten Zeiten im östlichen Afrika wild zu und her gegangen sein.
Zufälligerweise sitze ich im Moment in diesem Dar es Salaam und finde die Stimmung, die Lokalität und das Klima perfekt. Ich darf auf das blaue Meer hinausschauen, wo sich Surfer tummeln und die Fischer das Nachtessen für uns Gäste organisieren. «Wunderschöne Stimmung», sage ich zu meiner Kollegin am Nebentisch während ich die frische Mango geniesse. «Nicht schlecht, aber nicht mehr so wie früher!», kommt prompt die Antwort.
Ich lasse den Satz unbeantwortet verstummen und versuche herauszufinden, was denn jetzt in diesem Moment noch besser sein könnte. Die Ruhe hält nicht lange und meine Nachbarin fährt mit ihren Geschichten fort.
«Früher war Afrika ganz anders. Wir sind Destinationen angeflogen die du nicht mehr kennst. Accra, Brazzaville, Kapstadt und natürlich Lagos. Lagos war immer speziell. Ein schönes Hotel, ein herrlicher Pool und überhaupt.»

Natürlich schmeichelt es mir, dass mich die Kollegin so viel jünger einschätzt, aber ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass die Holde nie in Lagos war. Ungern erinnere ich mich an die Stromausfälle im Hilton Lagos, die aufsässigen Frauen, die mit lauten Klopfzeichen Einlass ins Zimmer verlangten, und den Marsch vom 8. Stockwerk in die Lobby, den wir aus Angst vor einem steckengebliebenen Lift mit dem schweren Koffer und in Uniform gekleidet bei über 30° C vor dem Abflug absolvierten. Nein, die Dame war nie in Lagos!

Überhaupt habe ich jetzt keine Lust mit jemandem, der den Moment nicht geniessen kann und ständig in der Vergangenheit schwelgt, über alte Zeiten zu plaudern. Sie wird Afrika nie begreifen. Afrika ist Gegenwart -, der Moment -, der Augenblick. Die Einwohner können es sich hier nicht leisten, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Was zählt ist das Jetzt.

Ich versuche mich in meiner privilegierten Lage an diesen Grundsatz zu halten, teile den wunderschönen Moment mit Euch und lasse in Form dieser kleinen Fotografie etwas Sonne nach Europa.

Kommentare:

  1. Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Mensch die Tendenz hat, alles schlecht zu verdrängen, dass wir alles was früher war besser finden als das heute....

    Gute Zeit in Tansania!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Danke für die Sonne, die können wir brauchen!!

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  4. Ich finde das ein sehr gelungenes, sonniges Foto.

    Es hat eine besondere Tiefenwirkung, hervorgerufen durch die Fluchtlinien dieser quadratischen Sonnenschirme und durch die zahllosen Überschneidungen von Pfosten, Möblierung etc.

    Jeder Zeichenlehrer hätte seine Freude daran...

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  5. @ richi: Ach,so kann man das Bild auch betrachten? Und ich Dussel fand es einfach nur schön. ;-)

    PS: Ähem...ich mach mal Werbung in fast eigener Sache (Sie freut sich bestimmt über jeden Klick. Wie das halt so ist, wenn man was ins inet stellt):

    http://www.myspace.com/tlessmusic

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  6. Ich will auch in die Sonne, egal ob wie frueher oder nicht!

    Gruss aus dem verregneten London!!
    Andreas

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