Freitag, Dezember 26, 2008

... aus der weiten Welt


.... ich glaube Dekadenz ist das richtige Wort dafür.
(gesehen im Hilton Millenium, Bangkok)

Mittwoch, Dezember 24, 2008

Kapitänsdinner

Ich stehe dazu und ich oute mich. Ganz ehrlich, ich habe früher die TV Serie «Traumschiff» verschlungen. Beeindruckt hat mich nicht nur der Schauspieler Sascha Hehn, mit dem ich während meiner Pubertät schon die Geheimnisse der Schulmädchen er-kundete, sondern vor allem das immer am Schluss der Sendung zelebrierte Kapitänsdinner.
Die weiblichen Gäste scharten sich in ihren feinen Roben um ihre Ehemänner oder die liebgewonnenen Bekanntschaften und hatten doch nur einen Blick übrig für den schon etwas ergrauten Mann in der weissen Uniform mit den vier goldenen Streifen.

Je näher man am Kapitän sitzen durfte, desto grösser war das Ansehen. Der Stand spielte genauso eine Rolle wie der Geldbeutel und das Lobbyieren in den Tagen davor.
Während dann das Licht ausging, die Butler das mit Wunderkerzen beleuchtete Essen brachten und die Damen an der Seite des Kapitäns diesem in den Hintern kniffen, setzte Sascha Hehn die in seinen vorangegangenen Aufklärungsfilmen erlernten Fertigkeiten mit einer holden Dame in einer dunklen Ecke des Traumschiffs um.

Das Interesse an der Serie ist bei mir geschwunden, die Faszination an der Völlerei unter vierstreifiger Aufsicht nicht.
Ausgerechnet heute, am Heiligabend, darf ich mein erstes Kapitänsdinner unter der Sonne Thailands erleben. Das Hotel lädt ein und offeriert den ansässigen Crews ein grosses Buffet und reichlich Getränke.

Dieses Galadinner findet im «Gärtchen» statt und diese Lokation ist eine zugegebenermassen schön gestaltete Gartenumgebung mit exotischen Bäumen und einem Swimmingpool, der während des Tages fest im Griff der Aeroflot Damen ist. Eine hohe Mauer sorgt dafür, dass die Besucher des Gärtchens die notwendige Distanz zur siamesischen Wirklichkeit haben und das thailändische Buffet unter freiem Himmel geniessen können. Schmelzende Eisskulpturen - dezent beleuchtet, sorgen für eine weihnachtliche Atmosphäre.

Crews der Lufthansa, der Swiss, der Aeroflot, der Air Berlin und einigen anderen, kommen heute Abend in den Genuss von exotischen und scharfen Speisen.
Wir werden lachen, völlen, trinken, einander abstruse Fliegergeschichten erzählen und aus Angsthasen Helden formen. Wir werden auch an unsere Lieben zu Hause denken und den Weihnachtsliedern aus den Lautsprechern lauschen. Bei einigen geht es um Nächstenliebe und andere setzen alles daran, die Nächste zu lieben. Ich freue mich auf den Abend, habe aber noch zwei offene Fragen, die mich unglaublich beschäftigen. Erstens nimmt mich Wunder, wie ein Kapitänsdinner mit zwanzig Kapitänen funktioniert und zweitens möchte ich wissen, wer heute Abend die Rolle von Sascha Hehn übernimmt?

Es wird schon gut gehen! Wünsche allen schöne Weihnachten!

Montag, Dezember 15, 2008

Treten an Ort



Regelmässig schreit der manchmal vernachlässigte Body nach körperlicher Ertüchtigung. Ein Wunsch, den man seinem eigenen Fleisch und Blut nicht gerne abschlägt, aber in einer Grossstadt wie Hongkong gar nicht so einfach zu erfüllen ist.
Zum Glück gibt es das hoteleigene Fitnesscenter und glücklicherweise haben die Turnschuhe beim Packen den Weg in den Koffer gefunden. Mit trockenem Shirt und schwarzer Hose betrete ich ehrfürchtig den hellen Raum und schreibe mich in ein Buch ein, das mich stark an das Heiratsregister der Heimatgemeinde erinnert. Für jedermann ist jetzt ersichtlich, dass ich zumindest zwischen 17 Uhr und dem Nachtessen etwas Gutes getan habe.

Blitzblank stehen die Foltergeräte im Raum und warten auf meine Muskeln. Ich habe die Wahl zwischen Rudern an Ort, Laufen an Ort, Treten an Ort und Eisenheben an Ort. Bei Ersterem habe ich freien Blick auf den Pool und das vermittelt immerhin etwas Nähe zu der Realität des Ruderns. Da man auch in diesem Fitnesstempel unter ständiger Beobachtung der Mitsportler steht, installiere ich mich routiniert auf dem Gerät mit dem beweglichen Sitz, pflanze die weissen Kopfhörer in meine Gehörgänge und rudere die ersten Meter mit hoher Kadenz, während mir ein Unbekannter einen Roman aus der Feder von John Grisham vorliest.

Den virtuellen Kilometer 1 passiere ich mit Rekordgeschwindigkeit und der erste Schweisstropfen kullert zu meiner Freude auf mein graues Shirt, das die Spuren der Anstrengung aus farblichen Gründen so schön zeichnet. Bei Kilometer 2 geschieht in meinen Ohren ein Mord, dessen Beschreibung mich so in den Bann zieht, dass ich Kilometer 3 glatt verpasse.

Bei Kilometer 4 betritt ein ästhetisch geformter weiblicher Körper den Raum, was auch prompt die Aufmerksamkeit der anderen schweissnassen Mitsportler auf sich zieht. Die Dame hat sich in sehr kurze und eng anliegende Hosen aus dem Hause Adidas gezwängt und trägt ein Top, das genauso gross ist, dass der Schriftzug der eben genannten Herstellerfirma knapp darauf Platz findet. Einige schlecht rasierte Hälse drehen sich um und das Wesen, das etwa soviel wiegt wie ich Übergewicht habe, kommt auf mich zu und begrüsst mich zum Leidwesen meiner Mitsportler herzlich. Es ist eine Kollegin der anderen Besatzung und sie setzt sich neben mir auf ein Teil, dessen Bildschirm grösser ist als der Fernseher bei mir zu Hause.
Es liegt vermutlich an der männlichen Natur, dass ich unbewusst meine Kadenz erhöhe und virtuell vorwärts komme, wie in meiner Ruderkarriere noch nie zuvor. Meine Kollegin beginnt mit dem Radeln vor Ort und das keinen Meter von meinem Denkzentrum entfernt.

Der Kilometer 5 ist der psychologisch entscheidende. Er bedeute Halbzeit und als Ruderer vor Ort muss man darauf bedacht sein, dass die Schlagtechnik nicht nachlässt. Am besten kontrolliert man das mit einem seitlichen Blick auf einen der rundum montierten Spiegel. Man sieht dann ob die Beinarbeit den Ansprüchen genügt, die Arme die richtigen Bewegungen ausführen und der Rücken auch im korrekten Winkel steht. Leider erspäht man auch den entgegen des Gefühls immer noch präsenten Schwabbelbauch. Mit dem entdecken des ungeliebten Details ist die Krise da. Der Anblick der eigenen Bauchwölbung lässt die Kadenz bei Kilometer 6 einbrechen. Meine Kollegin merkt davon aber glücklicherweise nichts, räkelt sich zur Lockerung auf dem Sattel, was auch prompt zur Folge hat, dass ein bis anhin unbemerkter Mann chinesischer Herkunft abgelenkt wird und beim Laufen an Ort wegen eines Fehltritts fast auf dem Boden landet.

Kurz nach Kilometer 7 stöhnt ein Mitsportler so laut durch den Raum, dass man an etwas nicht Jugendfreies denken muss. Ein Blick über meine Schulter bestätigt mir, dass der Kerl den rechten Arm heftig auf und ab bewegt, dabei aber eine Hantel in der Hand hält und ununterbrochen auf seinen Bizeps starrt. Während die digitalen Ziffern auf meinem Gerät berichten, dass Kilometer 8 hinter mir liegt, läuft der Schweiss in Bächen an mir herunter. Ich spüre jeden Muskel und ein Glücksgefühl kommt auf, das in dieser Form nur Sportler kennen.

Einige Meter nach der virtuellen Kilometer 9 Flagge verlässt das reizende Wesen neben mir ihr Standfahrrad, schaut auf meinen Display und klopft mir anerkennend auf die nasse Schulter. Es ist aber nicht die Berührung, die mir Flügel verleiht, es ist der Blick auf die Uhr. In 17 Minuten habe ich mich in der Lobby für das Nachtessen verabredet. Es folgt ein Schlussspurt, den dieses Fitnesscenter noch nie gesehen hat.

Kilometer 10 - endlich! Ich trockne mein Gesicht ab und suche den Weg durch den Spiegelsaal. Kurz vor dem Tresen erblicke ich das helvetische Adidas-Girl wieder. Sie sitzt dem Tresen zugewandt auf einer mit Seilzügen versehenen Vorrichtung und trainiert die Abduktoren, indem sie gegen einen Widerstand beide Knie nach aussen drückt. Der Mann am Empfang ist nicht mehr zu gebrauchen und für mich ist es Zeit zu gehen.

Ich brauche jetzt dringend eine Dusche - und zwar eine kalte.

Freitag, Dezember 12, 2008

«V» oder der Tag vor der Nacht

Entscheidend ist am Tag des Abflugs nicht nur die Flugnummer, sondern auch der Buchstabe vor der meistens dreistelligen Zahl. Während die Ziffernfolgen Auskunft über die Destination geben, bestimmt der Buchstabe die Schicht, die man arbeiten muss.
Ein nebensächliches Detail bei den Flügen, die Zürich um die Mittagszeit verlassen, ein umso entscheidender Faktor bei den Starts nahe um Mitternacht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der menschliche Körper - oder was nach 13 Jahren Langstreckenfliegerei noch davon übrig ist, um Mitternacht ans Bett und nicht an den Steuerknüppel denkt. Glücklich also, wer als erster Schlafen darf, Arschkarte für den anderen Copiloten. Den Kapitän interessieren diese Diskussionen bei drei Mann Cockpitbesatzung nicht. Er isst sich nach dem Start durch das Erstklassmenu, geniesst danach einen feinen Espresso, liest die Tageszeitungen und verabschiedet sich während der grössten Krise seines Handlangers Untergebenen Richtung Schlafkoje. Der müde Copilot nimmt dann seinen Platz ein, rechtzeitig zum Frühstück wird der Chef wieder geweckt und eine menschenähnliche Gestalt macht des Kapitäns Sitz frei, verschwindet unter der noch angewärmten Decke und fällt in einen komatösen Tiefschlaf. Der Anblick dieser Gestalt könnte die Passagiere erschrecken, darum wird beim letzten Schichtwechsel auch immer der Vorhang zwischen der Küche und dem Gästeraum gezogen. Vielleicht hat es mit dem Vorhang zu tun, dass diese ungeliebte Schicht mit dem Buchstaben «V» gekennzeichnet ist.

Hat man wie ich heute Abend ein «V» im Einsatz, dann sollte man sich am Tag des Fluges seriös darauf vorbereiten. Jede Stunde Schlaf vor dem langen Nachtflug zählt. Ideal wäre natürlich, wenn Mister «V» am Morgen lange schlafen könnte, danach ausgiebig Frühstücken dürfte und nach etwas Sport in einen etwa vierstündigen Nachmittagsschlaf fallen würde. Genaus das versuche ich seit 13 Jahren und es ist mir noch nie gelungen. Fällt der Abflugtag auf einen Wochentag, dann kann darauf gewettet werden, dass irgend ein Handwerker in der näheren Umgebung um 7 Uhr in der Früh oder um 14 Uhr am Mittag den Presslufthammer in die harte Erde rammt. Samstags mähen dann die Nachbarn von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang um die Wette und am Sonntag läuten die Glocken der diversen Kirchen um die Gunst der wenigen Kirchgänger.

«V» zu sein ist kein Schleck, doch einer muss es machen. Zum wiederholten Male verschwinde ich jetzt mitten am Nachmittag im Schlafzimmer und versuche die Augen zu schliessen. Wenn dann der A340 heute Nacht so langsam in den Himmel steigt, als ob er Hongkong erreichen möchte ohne Zürich zu verlassen, werde ich sehnsüchtig an das Bett denken, in das ich heute Nachmittag vergeblich geschloffen bin. Gute Nacht Zürich!

Dienstag, Dezember 02, 2008

wilde Wasser

Hongkong ist wie ein Wildbach mit all seinen Gefahren und Überraschungen. Die Stadt ist voller Strudel, die einem in ungeahnte Welten ziehen können. Als ehemaliger Wildwasserfahrer weiss ich natürlich, dass man sich gegen den Sog nicht wehren soll, denn irgendeinmal wird man von selber wieder ausgespuckt.
Wie ein schwimmendes Stück Holz wird man als Fussgänger durch die Gassen gespült und fühlt sich dabei wie ein Spielball der Massen. Immer wieder kommt es zu Stauungen, verursacht durch Ampeln an den Strassenübergängen. Der Druck von hinten wird vor dem Rotlicht mit jeder Wartesekunde grösser und beim erlösenden grünen Signal kommt es explosionsartig zum Dammbruch. Die Menschenmassen auf beiden Seiten stürmen aufeinander los und geniessen für einen klitzekleinen Moment das offene Feld. Wie das Wasser auch, halten sich die Fussgängermassen an keinerlei Regeln und treffen in der Strassenmitte in voller Gewalt aufeinander. Die Geschichte mit dem «Gesicht verlieren» führt zu der grotesken Situation, dass keiner dem anderen freiwillig Platz macht und der Ellbogen hemmungslos eingesetzt wird, um den Weg freizukämpfen.
Derweil heulen die Motoren der wartenden Automobile auf, deren Fahrer damit unmissverständlich signalisieren, dass nur noch eine limitierte Zeitspanne zur Verfügung steht, um den Fussgängerknoten mitten auf der Strasse zu entwirren.
Die Ampel springt ohne orange Warnung auf Rot, die letzten Fussgänger retten sich mit einem Sprung vor der Blechlawine und die stinkenden Taxis rasen Zentimeter neben dem eigenen Oberschenkel in Höchstgeschwindigkeit vorbei.

Der Gehsteig wird schmaler und ein alter Mann mit krummem Rücken zieht einen quietschenden Wagen hinter sich her, auf dem stinkende Pakete bedrohlich schräg gestapelt sind. An ein Übersteigen des Hindernisses ist nicht zu denken und so entscheide ich mich für die vernünftige Variante, nämlich dem alten Herrn zu folgen. Nicht so meine Mitkämpfer. Links und rechts quetschen sich die wendigen Asiaten am Grossvater vorbei und bringen ihn regelmässig in Schräglage, nie aber zur Weissglut. Wer in dieser Stadt gross geworden ist, hat sich scheinbar an den täglichen Kampf um ein paar Zentimeter Privatsphäre gewöhnt.

An der nächsten Kreuzung biegt der Chauffeur des «quietsch-quietsch» Gefährts in eine Seitengasse ein und ich folge einer Dauertelefoniererin asiatischer Abstammung. Die Dame hat den Dreh raus und schlängelt sich durch die Massen, als wären die Passanten Kippstangen in einem alpinen Skirennen. Schon nach wenigen Metern lasse ich abbrechen und rette mich - nein nicht in einen Starbucks -, sondern auf die Fähre Richtung Lamma Island.

Obwohl der Sitzabstand zum vorderen Passagier gewohnt asiatisch eng bemessen ist, geniesse ich die paar Millimeter Abstand zum nächsten menschlichen Körper und wage einen Blick aus dem Fährenfenster. Draussen präsentiert sich der Ameisenhaufen «Hongkong», in dem sich die Arbeitstiere ununterbrochen abrackern, bis sie tot umfallen.

Zwanzig lange Minuten dauert die Reise in eine andere Welt. Zu meinen Ehren hat die Bevölkerung vom Lamma ein Spalier von Fahrrädern aufgestellt und der grosse Kaffee wird wie immer unter freiem Himmel direkt am Meer serviert. Es folgen ein paar Frühstückseier und ein Spaziergang über die Hügel von Lamma zum anderen Hafen. Unterwegs treffe ich auf grosse Kunst eines kleinen Künstlers. Eine Arbeitsameise hat ihren Handschuh über einen Besenstiel gestülpt und so freiwillig oder unfreiwillig eine grosse Skulptur geschaffen. Der Stinkefinger zeigt dem Betrachter unmissverständlich, dass es sich ab und zu lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Es braucht manchmal nur kleine Gesten, um Grosses zu vermitteln.

Montag, November 24, 2008

es muss nicht immer Bangkok sein






.... das Engadin ist doch viel schöner!

PS: die Loipen und die Pisten sind (noch) leer und die Wirtschaft kriselt auch ohne Euch :-)

Mittwoch, November 19, 2008

Dangerous Goods

Wie überall gibt es auch in der Fliegerei Angenehmes und Unangenehmes. Unter die Kategorie «unangenehm» fällt eindeutig alles rund ums Thema «Dangerous Goods». Zu diesen DG‘s, wie wir die gefährlichen Stoffe auch nennen, gehören sowohl Gifte als auch brennbare Materialien und Stoffe mit einem Strahlenschutzlabel.

Natürlich gibt es für den Transport solcher Güter in einem Passagierflugzeug unzählige Vorschriften und natürlich wird das Wissen über diese auch regelmässig überprüft. Einmal im Jahr geschieht das in Form eines schriftlichen Tests im Schulhaus in Kloten und sporadisch auch vor Ort auf dem Flugzeug, durchgeführt durch Fachpersonal vom helvetischen Flugamt.

Ich gebe zu, dass ich nicht in jedem Punkt mit den Behörden einig bin, aber gestern haben mich die Dame und der Herr restlos überzeugt. Warum zum Herrgott sollen die Test auch im feuchtkalten Zürich abgenommen werden, wenn dies auch im warmen Singapore geht? Natürlich sind die beiden nicht nur wegen meiner Person in eine der abgelegensten Städte auf unserem Streckennetz gereist. Gleichzeitig wurde auch der Flughafen des Stadtstaates auditiert (oder wie das heute im Mänätscher-Slang so heisst).

Solche Überprüfungen machen nur Sinn, wenn niemand davon weiss. So sass ich in den Socken, ohne Krawatte und zeitungslesend im Cockpit, als jemand hinter meinem Rücken an die Tür klopfte und sich in breitem Berndeutsch als Bundesbeamtin vorstellte. Da ich auch in Socken und offenem Hemd charmant sein kann, war die Situation schnell gerettet und Fragen ihrerseits prasselten Sekunden später auf mich ein. Fehlerlos bestand ich die Überprüfung und fand danach noch Musse, mit der nicht unattraktiven Dame etwas zu quatschen.

Trotzdem war die Pause im Arsch und plötzlich drohte mir die Zeit davonzulaufen. Keine halbe Stunde später heulten die Motoren auf und wir schwebten von der Piste 02C wieder Richtung Bangkok davon.

Der nächste Nespresso fand den Weg ins Cockpit und erleichtert wurden die Schultergurten gelöst. Ein seltsames Geräusch ertönte, als der Chef seine Dinger mit einem Handgriff in die Freiheit entliess. Das klang nicht wie sonst üblich und der mitgereiste Mechaniker bewaffnete sich sogleich mit verschiedensten Werkzeugen.

Der Schultergurt war verklemmt und schnell war klar, dass dieses Malheur in der Luft nicht repariert werden kann. Ein Blick in die Vorschriften zeigte, dass ein Weiterflug mit defekten Schultergurten auf der Kapitänsseite nicht erlaubt ist. Die Zentrale in Zürich wurde informiert und diese instruierte unseren Schraubenmeister sachgemäss. Nach längerer Erklärung verstanden auch wir pilotierenden Laien, dass der dritte Sitz als fliegendes Ersatzteillager dienen soll. Noch während des Reisefluges demontierte der Mechaniker in aller Eile die hintere Sitzgelegenheit und baute das gesuchte Teil aus, um am Boden sofort für den Wechsel bereit zu sein. Fein säuberlich deponierte er die losen Teile im Pilotenschlafzimmer und wir landeten währenddessen den 170 Tonnen schweren Flieger auf der Piste 01R in Bangkok.

Waren die Motoren endlich abgestellt, kam beim Mechaniker Hektik auf. Er rannte um das Flugzeug herum, machte vor der Sitzreparatur noch den Aussencheck und liess uns Steuermänner im Cockpit mit dem hinteren Sitzgerippe allein.
Mir blieb nichts anderes übrig als meine Unterlagen einzusammeln, das Gepäck zu schultern und die zwei benutzten Kaffeebecher des Mechanikers zu entsorgen. Lieblos stopfte er Schokoladenpapier und leere Kaffeerahmportionen in den oberen Pappbecher, was zusammen mit dem schmutzigen Löffel keinen schönen Anblick bot. Ich packte die zwei übereinander gestülpten Becher mit dem unappetitlichen Inhalt und schmiss sie in den Abfalleimer.

Bewusst, dass wir heute gute Arbeit geleistet haben, schlichen sich der Kapitän und ich Richtung Feierabendbier davon und freuten uns auf die scharfe Suppe im hoteleigenen Kaffeeshop.

Am nächsten Tag war der Sitzumbau natürlich Thema Nummer Eins. Ich fragte den Mechaniker vor dem Antritt meines zweiten Fluges nach Singapur, ob die grössere Reparatur auch geglückt sei. Er bejahte, beklagte sich aber über die Idioten der Putzmannschaft, die während seiner kurzen Abwesenheit den bereitgestellten Kaffeebecher gefüllt mit den Schrauben des Sitzes einfach entsorgt haben. Ich schwieg.

Montag, November 17, 2008

der Strich in Bangkok

So eine Woche Bangkok weckt Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Ach, was sind wir doch früher tageweise an den schönsten Orten auf der Welt herumgesessen, haben uns beklagt, wenn wir nur drei statt vier Tage vor Ort auf den Heimflug warteten und sind dabei nächtelang in Halunkenquartieren herumlungert.
Heute sind Kurzaufenthalte von knapp 24 Stunden die Regel und ich wage zu behaupten es noch zu erleben, dass ein schnittiger Jungmanager auf die Idee kommt Hotelkosten einzusparen und die Besatzungen nach einem Nachtflug gleich wieder auf den Weg Richtung Heimathafen zu schicken.

Keine Zukunftsmusik sind solche Ping-Pong-Flüge an fernen Destinationen wie Bangkok oder Sao Paulo, wo das Flugzeug an noch fernere Orte weiterfliegt und eine frische Crew die abgekämpfte ablöst. Liebevoll werden die Hüpfer von den Besatzungen «Turnarounds» genannt und zumindest auf der Langstreckenflotte sind diese alles andere als beliebt.
Das Wort «Turnaround» kommt mit grosser Wahrscheinlichkeit daher, dass immer dann der Wecker klingelt, nachdem man sich von einer Bettseite auf die andere dreht und sich auf weitere vier Stunden Schlaf freut. Diese Tage sind für Körper und Geist anstrengend und schlagen auf die Psyche.
Leider ist es weder ein Offizialdelikt noch sonst eine strafrechtlich relevante Handlung, wenn Besatzungen an Bord festgehalten werden, während die Passagiere an den paradiesischen Orten die trockene Röhre verlassen.

Dennoch haben diese «Turnarounds» auch eine gute Seite. Denn sie sorgen dafür, dass der Aufenthalt an den Destinationen für einmal länger als 24 Stunden ausfällt. Endlich einmal mehr als ein paar Unterhosen einpacken, endlich einmal Zeit verschiedene Kneipen zu beehren und endlich Gelegenheit, das schon lange angefangene Buch am Hotelpool zu beenden. Hat man dann wie ich das Glück, dass vor und nach dem ungeliebten «Turnaround» ein freier Tag im Einsatz steht, dann darf man schon fast von einem erholsamen Aufenthalt reden.
Auch diese freien Tage haben unter Besatzungen einen eigenen Namen erhalten. Man redet dabei vom «Strich» und das hat wiederum nichts zu tun mit dem gleichnamigen Gewerbe, das hier in Bangkok so verbreitet ist. Strich darum, weil der freie Tag in unserem Monatseinsatz als Linie erscheint.

So hielt mich während dem Nachtflug von Zürich Richtung Ferner Osten die Vorfreude auf den Stich in Bangkok wach. Damit meine ich zum zweiten Mal nicht das gleichnamige Gewerbe, das in Thailands Hauptstadt so verbreitet ist.

Nur leider kommt es erstens anders und zweitens als man denkt.

Meine Firma strich den Strich in Bangkok und schickt mich stattdessen auf den «Turnaround» nach Singapur. Nicht dass sie mir den Strich in dieser Metropole nicht gönnen würde, aber mein Kollege, der gestern den Strich in Bangkok genoss und sich dabei einen Käfer holte, hat heute keinen Druckausgleich, dazu eine laufende Nase und kann den «Turnaround» in diesem Zustand nicht antreten. So verzichte ich heute auf den Strich und jette hurtig in den Stadtstaat nahe am Äquator.
Morgen dann das gleiche Programm noch einmal mit einer anderen Crew, die heute den Strich geniesst. Am Mittwoch bin dann endlich ich an der Reihe und kann den Strich in dieser pulsierenden Stadt geniessen. Hoffentlich hole ich mir dabei nicht den gleichen Käfer wie mein Kollege einige Tage zuvor.

Habe ich schon erwähnt, dass ich mit dem Strich nicht das gleichnamige Gewerbe meine, das hier in Bangkok so verbreitet ist?

Dienstag, November 11, 2008

Crewbag Entsorgung


In ein paar Jahren werden wir uns beim Betrachten alter Fotos aus dem Fliegerleben den Bauch vor Lachen halten. Wir werden uns über die enganliegenden Sakkos amüsieren und erklären, dass dies am Anfang dieses Jahrhunderts halt so Mode war. Die Betrachter werden dann mit einem Finger auf die blaue Haftschale auf dem Kopf zeigen und fragen, warum ich denn keinen Hut getragen habe. Ich antworte dann mit dem gleichen Satz, mit dem ich mich über Jahre meinen Chef- und Checkpiloten erklärt habe: «Mein Kopf war für das grösste Standardmodel einfach zu gross.»

Am meisten Aufmerksamkeit wird aber das unförmige schwarze Ding auf sich ziehen, das ganze Horden von Piloten und Hostessen die Jahre über durch die halbe Welt getragen und gezogen haben. Die ersten Betrachter werden sich die Lachtränen aus den Augen reiben, wenn ich endlich erkläre, für was wir das Ding brauchten und dass die Abschaffung dieses Crewbags gar nicht so einfach war.

Den ersten Entsorgungsversuch startete ich unfreiwilligerweise letzte Woche in Chicago. Weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren, half ich einmal mehr als einziger dem Busfahrer die vom Einkaufsrausch gezeichneten Koffer einzuladen. Als letztes Teil kam mein Crewbag auf den Haufen und mit Mühe schlossen wir die Tür des altertümlichen Transportmittels. Hurtig bog der Fahrer auf den sechsspurigen Highway ein und genau so hurtig schob ich meine iPod Stöpsel in die Ohren. Just als «KT Tunstall» von einem «Funnyman» sang, hielt ein anderer Funnyman den Bus mitten auf der stark befahrenen Autobahn an und rapportierte, dass er soeben einen Koffer verloren hätte. Weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren, nahm ich den lebensgefährlichen Gang hinter das Fahrzeug in Angriff und zählte zusammen mit dem sich nonstop entschuldigenden Fahrer die Koffer. Tatsächlich fehlte ein Teil und dabei handelte es sich um meinen Crewbag. Das war mir eigentlich ziemlich egal. Im Bag befanden sich ausser ein paar Büchern der Firma und der Leuchtweste, die ich mitten auf der Autobahn liebend gerne tragen würde, nichts aufregendes.
Ich sagte dem Fahrer, er solle sich wieder auf den Weg Richtung Flughafen machen und das Missgeschick vergessen. Plötzlich waren die Stewards und Hostessen nicht mehr so beschäftigt und verstanden nicht, dass ich mich heimlich sogar über den Verlust freute. Endlich ohne das quietschende Teil durch die Flughafenhallen laufen, endlich frei, endlich erlöst von den Revisionen, die der Computer sowieso viel besser macht als ich!

Der Fahrer schwitzte vor Aufregung und ich begleitete Katie Melua mit meiner tiefen Stimme, als sie von neun Millionen Fahrrädern sang. In Chicago Obama O‘Hare angekommen, half ich als einziger dem Fahrer beim Ausladen der Koffer, weil die Stewards und die Hostessen ja so beschäftigt waren. Unglaublich dieses Gefühl von totaler Freiheit. Mit leichtem Gepäck lief ich hinter den Kolleginnen nach und erfreute mich über die neue Leichtigkeit des Seins.

Ein kleiner Schwatz mit dem Stationschef, die Flugunterlagen kontrollieren und dann ohne Crewbag zur Sicherheitskontrolle. Das war mein Plan, doch leider kam es anders. Durch die gläserne Eingangstüre rannte unser Crewbusfahrer auf uns zu und trug so ein schwarzes Teil in seiner rechten Hand, das mir ziemlich bekannt vor kam. So ein Pech! Einer seiner Kollegen vollführte auf dem Highway eine Vollbremsung, als er den Crewbag auf dem mittleren Fahrstreifen erblickte. Vorbei war es mit der neuen Leichtigkeit des Copilotendaseins, vorbei war der Traum vom crewbaglosen Leben. Doch ich gebe nicht auf, heute Abend habe ich in Südafrika eine neue Chance. Weil die Stewards und die Hostessen auch heute extrem beschäftigt sein werden, bleibt das Koffereinladen wie immer an mir hängen und so wird mein Crewbag wie schon letzte Woche zuoberst auf der Beige landen. Wer weiss, vielleicht öffnet sich der Kofferraumdeckel ein zweites Mal wie von Geisterhand betätigt und mein Crewbag findet damit eine neue Bestimmung in der südlichen Hemisphäre. Drückt mir die Daumen!

Freitag, November 07, 2008

Angebot gilt!



Da werde selbst ich schwach. Nach langem Überlegen bin ich zum Schluss gekommen, dass ich mein kleines Studio zu diesem Preis abgeben würde. Das 20 (venti) Quadratmeter grosse Objekt passt fast ideal in das Anforderungsprofil des potentiellen Käufers. Man kann mit den Skiern (unter Inkaufnahme eines kleinen Kantenschadens) direkt vor die Wohnung fahren und unser Personal (Hund) hat sich noch nie über seine Personaleinheit am Boden beklagt. Unter sonstigen Annehmlichkeiten verstehe ich das drei (tre) Quadratmeter grosse Bad, den zwei (due) Quadratmeter grossen Keller und die zwei (due) Herdplatten, auf denen sich schmackhafte Pasta zubereiten lassen.

Und wenn man den Streit mit den anderen Stockwerkeigentümern nicht scheut (care amici di paese Berlusconi), kann man den Parkplatz vor dem Haus das ganze Jahr benutzen.

Nach Überweisung der 150 Millionen Franken, erhält der Käufer ein handsigniertes Exemplar meines Buches "Suvretta Connection".

Dienstag, November 04, 2008

Demokratie macht glücklich

Es ist sprichwörtlich etwas im Busch heute Morgen in Chicago. Die Sonne wärmt für diese Jahreszeit unnatürlich intensiv und der Himmel zeigt sich von seiner schönsten Seite. Es ist noch nicht 7 Uhr morgens, aber die Leute strömen schon emsig aus allen Hauseingängen heraus auf die Strasse und halten sich an dampfenden Kaffeebechern fest. Menschen mit einem BMI unter 30 joggen in kurzen Hosen Richtung See und die mit 30+ suchen nach essbarem in Kaffeeshops und Schnellimbissen.

Es ist wirklich etwas im Busch heute Morgen in Chicago und das hat zum einen mit einem Bush zu tun und zum anderen mit einem der Söhne dieser Stadt. Es ist Wahltag in den Staaten und hier im Starbucks gleich neben der «Walgreens» Drogerie bin ich der Einzige, der in einer Zeitung liest, in der nicht die Präsidentschaftskandidaten auf der Frontseite lächeln. Das macht mein Umfeld natürlich neugierig. «Wo ich her sei», will mein Nachbar wissen und ich antworte mit Europa, um seine Geografiekenntnisse nicht zu überfordern.
Sofort schwenkt die Diskussion auf die amerikanische Politik um und der Herr aus der BMI Klasse 30+ will meine Meinung dazu wissen. Ich erkläre ihm, dass ich mich hüten werde als Gast dieses Landes meine Meinung kundzutun und verschweige ihm auch, dass eine ähnliche Aussprache mit einem United Captain letzten Monat in Narita fast in einem Handgemenge geendet hat.

«I voted for Obama», schreit die Verkäuferin hinter dem Tresen im Starbucks jedem Gast ungefragt ins Gesicht und sorgt damit für Erheiterung. «Er hätte auch für Obama gewählt», antwortet mein Nachbar neuerlich und merkt nicht, dass ich überhaupt keine Lust auf ein politisches Gespräch mit ihm habe. Mein Blick schweift ab und ich beobachte eine runderneuerte Blondine mit BMI 19-, die in «Hot Pants» direkt vor meinem «Hot Venti Latte» vorbeijoggt.

«Ihr Europäer hasst uns wegen der Politik George des Zweiten», behauptet mein Nachbar ungefragt. Bei dieser Frage kann ich nur verlieren. Bin ich ehrlich und schreie dem penetrant aufdringlichen Kerl meine Meinung ins Gesicht, dann könnte die Stimmung in diesem kleinen Raum schlagartig kippen. Lüge ich, dann müsste dies als Zustimmung der Politik des aktuellen Chefs aufgefasst werden und die Dame hinter dem Tresen mit dem ununterbrochenen «I voted for Obama» wird mir mit Sicherheit ihre Freundschaft kündigen. Aufgrund ihrer doch bemerkenswerten Erscheinung scheint mir auch dieses Risiko zu gross. Ich gehe.

Auf der Strasse angekommen, laufe ich langsam Richtung «Michigan Avenue». Ich schaue in die Gesichter der Passanten und erkenne da und dort ein Lächeln und Erleichterung. «Der Himmel trägt heute die Farbe der Demokratischen Partei», sagt mir eine ältere Dame auf dem Gehsteig. «Tatsächlich», kommentiere ich und lobe sie für ihren schönen Hund. «Es werde ein guter Tag werden für Amerika», meint die gepflegte Frau und schwärmt mir von alten Zeiten vor. Ich höre ihr zu und merke, wie glücklich die Menschen in diesem Land an diesem Tag sind, an dem sie endlich etwas zu sagen haben. Ich schenke den Gesprächen der Dame noch einige Minuten Gehör und beobachte, wie ihr kleiner Dackel ausserhalb des Blickwinkels des Frauchens ein stinkendes Häufchen setzt.
Es ist tatsächlich etwas im Busch heute Morgen in Chicago.

Mittwoch, Oktober 29, 2008

68er

Es sind noch keine sechs Tage her, das hockte ich am gleichen Tisch unter freiem Himmel, genoss einige Cappuccinos und schaute auf die grosse Statue von Nelson Mandela hinüber. Wieder sitze ich jetzt also an dem Ort, der einem grossen politischen Führer die Ehre erweist. Weisse und schwarze Hautfarben sind gleichermassen vertreten und laufen zumindest vordergründig ohne böse Absichten zu hegen aneinander vorbei. Es brauchte eine Revolution, bis die Apartheid verschwunden und die Durchmischung der Volksgruppen Tatsache wurde. Nicht dass die Probleme damit aus der Welt geschafft wurden, aber immerhin liegt dem ganzen Leben in Südafrika ein demokratisches System zu Grunde.

Mein dritter Cappuccino finden den Weg auf den wackligen Tisch und ich schaue wegen der doch schon drei Nachtflüge innerhalb der letzten sieben Tage leicht belämmert in das grelle Sonnenlicht. Über meinen Gedanken liegt ein nebliger Schleier und das Denkzentrum funktioniert in diesem rauschähnlichen Zustand, hervorgerufen durch den folterähnlichen Schlafentzug, erstaunlich kreativ und aufmüpfig.

Ich versuche den Link zwischen dem Gastland und meinem Helvetien zu machen und erinnere mich an die kleinen Revolutionen, die mein Heimatland in den vergangenen 50 Jahren erleben durfte. Obwohl ich keine der grossen Aufstände gegen das Establishment miterlebt habe, hege ich im jetzigen Zustand grosse Sympathien mit den Bewegungen, die ich nur aus den Zeitungen und Büchern kenne. Als die 68er gegen alles und jeden aufbegehrten, der das darstellte, was die damaligen Demonstranten heute sind, solidarisierte ich mich mit den Aufständischen und deponierte meine stinkenden Protestnoten in Stoffwindeln. Zwölf Jahre später brannte Zürich und ich war als Halbwüchsiger am äussersten Rande mit dabei. Um was genau es bei den Protesten ging, verstand ich nicht und es interessierte mich ehrlich gesagt auch nicht. Zu jung war ich für die politischen Botschaften, alt genug war ich aber um zu verstehen, dass wenn alle Polizisten mit Tränengas gegen die Revoluzzer kämpften, keiner der Uniformierten Zeit fand mich und meinen frisierten Puch Maxi zu kontrollieren.

Als ich dann aber alt genug gewesen wäre um die Welt zu verändern, geschah einfach nichts. Keine Revolution, kein Aufbegehren, einmal im Jahr etwas laute Musik am Limmatquai, aber nichts weltbewegendes, nicht wovon man später reden würde. Verstehen sie mich bitte nicht falsch, ich sehne mich nicht nach brennenden Containern oder nach eingeschlagenen Fensterscheiben. Im Gegenteil, als Bürger geniesse ich das beschauliche Leben der Schweiz. Aber eben, ich kann mich mit keinem Label wie «alt 68er» oder «AJZ Veteran» schmücken.

Der vierte Cappuccino wird unsanft auf dem Tisch abgestellt und etwas Milch schwappt über. Ich greife nach der Zeitung und kämpfe mich durch all die Kommentare und Analysen über die Finanzkrise. Lese von höheren Angestellten, die sich für Milliardenverluste selber belohnen und Konsumenten, die jetzt bitte schön weiterhin Geld ausgeben sollen, während ihre Pensionskassenguthaben wie der Schnee an der Frühlingssonne schmelzen. Ein Herr Stonebridge wettert über das Steuerparadies Schweiz, das sich selber wacker verteidigt, während es neben dem Parlament vorbei ein kleines Sümmchen genannt Rettungsanker auf die Cayman Inseln überweist.
Dieser Rettungsanker kommt einer Firma zugute, die - Ironie des Schicksals - Hauptsponsor einer Rennjacht ist.

Den fünften Cappuccino lasse ich aus. Nicht nur wegen des Koffeins, sondern auch wegen der Tatsache, dass die Heimatfront mein Geld braucht und nicht Südafrika. Ich habe etwas Respekt vor der Rechnung an diesem exklusiven Ort, obwohl ich mich in den letzten Tagen an grosse Zahlen gewöhnt habe:

700 Milliarden? Ein Klacks!
1.5 Billionen? Peanuts!
Nur 68 Milliarden? Ein Hoch auf unsere Banken!

Noch immer etwas gedanklich verwirrt packe ich meine sieben Sachen zusammen und laufe ehrfürchtig an der Statue von Nelson Mandela vorbei. Er hat für seine Revolution gekämpft. Ich kam glücklicherweise um meine herum. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht bin ich einer der «Neu 68er». 68 für die 68 Milliarden oder 68 für den zukünftigen Deckungsgrad meiner Pensionskasse.

Donnerstag, Oktober 23, 2008

vom Käse zum Fleisch


Herrlich ist der Herbst. Ich liebe die melancholische Stimmung und die feuchtkalten Spaziergänge durch den farbenfrohen Wald. Die Jacken werden wieder bis oben geschlossen und die Mediziner versuchen uns massenweise Grippeimpfungen anzudrehen. Ich persönlich ziehe als Arznei das Fondue vor. Es hilft vielleicht nicht gegen Fieberschübe, aber sicherlich gegen Schwermütigkeit.
Wer aber dem Frühling den Vorzug gibt, dem habe ich ein gutes Rezept parat: folgt mir nach Südafrika.

Zwischen dem beschaulichen Zürich und dem von Kriminalität geplagten Johannesburg liegen zehn Flugstunden und ein ganzer Kontinent. Afrika, diese unglaublich grosse Landmasse, bei der überirdisch eine inakzeptable Armut herrscht und unterirdisch überschwänglicher Reichtum, ist unser Gastgeber heute Nacht.
Das Flugzeug ist bis oben gefüllt und die Passagiere zum Teil auch. 228 Gäste, das sind 228 Erwartungen an den Flug und 228 Schicksale. Alle wollen sie nach Johannesburg, alle wollen sie etwas schlafen und alle schätzen es, wenn sie verwöhnt werden. Die Landschaften zehn Kilometer unter ihnen interessieren sie nicht. Afrika ist etwas Fernes, Unbekanntes, Unheimliches.

Uns Piloten interessiert sehr wohl, was sich unter uns abspielt. Alle zwei Flugstunden brauchen wir aus planerischen Gründen eine Landemöglichkeit. Das Wetter an diesen Orten ist für uns genauso wichtig, wie der Zustand des Flughafens. Über bürgerkriegsähnliche Zustände werden wir informiert, aber die für Afrika leider alltäglichen Gemeinheiten wie Hungersnöte und Grenzkriege finden in den Bulletins keine Erwähnung.

Nach etwas über einer Stunde fliegen wir über die Fischerinsel Lampedusa. Es sind nicht die Fische, für die diese Insel als Synonym stehen, es sind die Körper, die täglich aus dem Meer gezogen werden. Menschen, die ihren Bodenschätzen folgen und dabei ihr Leben lassen.
Die Lichter auf dem Meer sind spärlich. Vereinzelnd sind Fischerboote auszumachen, in der Ferne werden die Umrisse der Stadt Tripolis sichtbar und dahinter erscheint wie eine undurchdringliche Wand die grosse Dunkelheit der Sahara. Zwischen den nächsten beiden Ausweichflughäfen Tripolis und N‘Djamena liegen mehr als 1500 Kilometer. Es sind unsere einzigen Landemöglichkeiten in dieser Gegend. Aus aviatischer Sicht absolut unproblematisch, aus politischer weniger. N‘Djamena hat mehr als eine Million Einwohner. Obwohl die Metropole die Hauptstadt des Tschad ist, liegt sie am äussersten Zipfel des Landes genau an der Grenze zum Nachbarland Kamerun. Man könnte meinen, als warte sie auf den richtigen Moment, um über den Fluss Schari zu setzen und damit ihrer Armut zu entkommen. Der ganze Tschad ist von bewaffneten Konflikten geplagt und die Bevölkerung leidet entsprechend darunter. Ich bin froh, dass uns nichts dazu zwingt, hier zu landen.

Der nächste Ausweichflughafen ist Kinshasa in der demokratischen Republik Kongo. Der demokratische Gedanke wird in diesem Land speziell ausgelegt. Man schwört lieber auf die Kalaschnikov als auf die Verfassung und so wundert es nicht, dass es in Kinshasa und in der nur durch einen Fluss getrennten Millionenstadt Brazzaville immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen kommt. Auch keine meiner Wunschdestinationen.

Das Tageslicht zeigt sich und Johannesburg kommt immer näher. Der Anflug führt uns am Township Soweto vorbei auf die Piste 03R. Sanft berührend die Räder afrikanischen Boden und unser Bodenpersonal nimmt den A340 wenige Minuten später in Beschlag.

Im Frühling angekommen, freue ich mich auf das grosse Steak heute Abend und geniesse noch einen Kaffee unter freiem Himmel.
Neben mir ersäuft ein junges Pärchen ihren Frust schon zu früher Stunde im Alkohol, während der Nachwuchs unbeaufsichtigt am Pool spielt. Der Kleine planscht, lacht, schreit und wird dabei pudelnass. Irgendwann gewinnt die Kälte Oberhand über den Spieltrieb und das kleine Häufchen Mensch rennt weinend zu seinen alkoholgeladenen Eltern. Die Mutter erhebt die Hand, ruft eine Serviertochter herbei und verlangt lauthals, dass diese ihren Sohn bitte in trockene Kleider stecken soll.
Fassungslos sehe ich zu und realisiere, dass ich diesen Kontinent wohl nie verstehen werde.

Mittwoch, Oktober 15, 2008

Zutsuu ga shimasu (ich habe Kopfweh)

Unter Betroffenen spricht man vom «Canadian neck» oder von der «Österreicher Starre». Gemeint ist damit der versteifte Nacken nach einem Schlafversuch in der verwunschenen Schlafkoje unserer jüngsten A340 Kinder. Bei diesen Flugzeugen, die von österreichischen und kanadischen Fluggesellschaften übernommen wurden, sind gelinde gesagt leichte Baumängel im Bereich der Betten versteckt. Meines Wissens wird weder im Kreis der aviatischen Mediziner noch in den pilotischen Selbsthilfegruppen über dieses wichtige Thema debattiert.
Gut, bei den Wissenschaftlern kenne ich die Ausrede schon jetzt, die bei unbequemen und gesundheitsgefährdenden Problemen seit Jahren die Gleiche ist: «Für statistisch relevante Aussagen fehlen uns einfach die notwendige Anzahl genickstarrer Patienten.» Die statistisch relevante Grösse beginnt in der Regel so bei 1000 Personen, was bei 370 Crewbunkbenutzern in unserer Firma gar nicht so einfach erreichbar ist.



Einmal mehr werden lange Langstreckenpiloten mit ihrem delikaten Problem allein gelassen. Und glauben sie mir, mit einer Körperlänge über den magischen 195 cm muss man wirklich so liegen, wie es beiliegendes Foto dokumentiert. Die Füsse sind dabei rechtwinklig am Knisterwandteppich angelehnt und der Kopf verschwindet in der kleinen Delle, die eigentlich für den Geldsäckel der fürstlich verdienenden Kapitäne aus dem Herstellerland des Airbus gedacht ist.

Die Folgen dieser unfreiwilligen Yogastellung sind brennende Füsse, Genickstarre und Kopfweh - oder etwas japanpoetischer ausgedrückt: «Zutsuu ga shimasu». Da der japanische Ausdruck zugleich schöner als auch dramatischer klingt, entscheide ich mich das Leiden auf lokale Art zu lösen.

Vor dem Eingang zum Bad mit den heissen Quellen hat sich diszipliniert eine kleine Warteschlange gebildet, die ein älterer Herr mit perfekt passender Uniform wortlos dirigiert. Speditiv werden die Besucher nach Geschlechtern getrennt und entledigen sich schichtenweise ihrer Kleidung. Die Badehalle versprüht eine meditative Stimmung und nach dem bitte nicht zu kurzen Waschprozedere, wo sämtliche Körperporen gereinigt werden, sitzt der Besucher in einem Quellwasser, dessen Temperatur deutlich jenseits der 40° Grenze liegt. Langsam lösen sich die ersten Verspannungen, der Geist bekommt wieder genügend Betriebsstoff und damit wird Kapazität frei, um die Atmosphäre in diesem Bad zu geniessen.
Schnell gewöhnen sich die Augen an die nackten Männerkörper und man nimmt erleichtert zur Kenntnis, dass in Japan die Spezie der Zwangsexhibitionisten und der Längenvergleicher nicht existiert.

Auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit liegt ein leichter Nebel über den Bädern und trübt die Sicht für das Geschehen in der Ferne. In der Wanne mit dem salzigen Wasser habe ich die Erscheinung zum ersten Mal gesehen, im Sprudelbad neuerlich. Da huscht doch tatsächlich eine junge Frau in Uniform zwischen den vielen nackten Männern hindurch und verrichtet eine Arbeit, die ich auf Distanz und ohne Brille nicht genau erkennen kann. Im Adamskostüm schleiche ich mich an und beobachte, dass den jungen Frauen eine Aufgabe zugeteilt wurde, die ich so verachtenswert gar nicht finde.
Auf vier Pritschen verteilt liegen ältere Herren, die von den Damen abwechslungsweise mit einem Waschlappen und warmem Wasser gestreichelt werden. Was jetzt so anrüchig klingt, ist in diesem hochseriösen Etablissement eine normale Dienstleistung, die anständig und mit Sozialversicherungsanteil entlöhnt wird. Auch ich buche eine halbe Stunde.

So liege ich nackt auf einem Holzbett und werde mit einem Gartenschlauch genässt. Die Temperatur ist angenehm und die junge Dame verrichtet ihre Arbeit wie schon bei meinen älteren Vorgängern wortlos und professionell. Nach dem Benetzen meiner Körperoberfläche kommt der Waschlappen zur Anwendung. Dieser wird mit einem Mittel benetzt, den die weibliche Hälfte der Erdbewohner Peelingcrème nennt und wir Männer schlicht Kernseife. Die junge Dame raspelt am Oberkörper alte Hautresten von meinen Knochen und ich entspanne mich dabei herrlich. Auch die Behandlung des Brustbereiches lasse ich mir gerne gefallen. Als aber der Waschlappen Richtung Bauchnabel und Schenkelinnenseite wandert, bereue ich das Inanspruchnehmen dieser Dienstleistung zum ersten Mal. Man stelle sich nur die Schlagzeilen in der heimischen Boulevardzeitung vor, wenn …. - ja sie wissen schon. Nur der Gedanke an die letzte Steuerrechnung rettet mich vor einer Peinlichkeit und ich überstehe den Rest der Behandlung ohne unerwartete Zwischenfälle.

Mit der Haut eines 14-jährigen entsteige ich dem Behandlungstisch und bedanke mich mit einer tiefen Verbeugung bei der Kernseifenfrau. Für einmal ziehe ich das eiskalte Wasser den heissen Quellen vor und bewege den Nacken leicht von links und nach rechts. Die Verspannung ist noch immer nicht weg, aber glücklicherweise ist auch keine weitere dazugekommen.

Samstag, Oktober 11, 2008

was nicht passt wird passend gemacht

Unser kleines Studio am Fusse des Corvatsch wollte neu eingerichtet werden und natürlich stellte ich mich dieser Herausforderung. Meine Frau bereitete das umfangreiche Projekt hervorragend vor und stellte eine lange Liste voller Begehrlichkeiten zusammen. Mit einem A4 Blatt betraten wir vor Tagen das schwedische Möbelhaus und mit einem Berg schwerer Kartonschachteln und einem Auto, das sich bedrohlich nach hinten neigte, verliessen wir drei Stunden, zwei Hotdog und ein Softeis später das Areal wieder.

Das Auto bis oben voll mit IKEA Schachteln beladen und irgendwo dazwischen noch den Hund hineingepfercht, ging es Richtung Engadin. Wie genau wir das Engadin erreicht und wie viele Verkehrsregeln wir dabei verletzt haben, möchte ich an dieser Stelle gar nicht diskutieren. Einmal angekommen, begann das Renovationsprojekt wie Piloten es sich gewöhnt sind, nämlich mit einem umfangreichen Briefing. Wir schworen uns gute Teamarbeit und hofften beide, dass wir in absehbarer Zeit ohne Ehekrach vor dem neuen Interieur stehen werden. Die Rollenverteilung war von Anfang an klar: Ich war der Experte und sie wusste wie es geht.

Die erste Schachtel wurde noch vorsichtig ausgepackt und die Bauanleitung genaustens studiert. Die Akkubohrmaschine steckte im Holster und ich fühlte mich dabei wie John Wayne vor einem grossen Duell. Dementsprechend schwungvoll wurde die erste Schraube in das Holz gedreht. Der Akkubohrer jaulte auf und verrichtete seine Arbeit zur meiner Freude tadellos. Nur leider war mein Liebling auf das durchdringen von Stahl eingestellt, was auch prompt der Kreuzschraube ihr Kreuz kostete. Aus dem vormals katholischen Kopf wurde so ein konfessionsloser. Doch das kümmerte mich wenig. Ich hatte nicht vor, den soeben montierten Stützwinkel je wieder zu demontieren.
Flüssig nahm das Möbel seine Form an. Rückwand angenagelt und dabei nur zwei Mal auf den Daumen gehauen - ein voller Erfolg! Sechzehn Mal das Akkugeräusch «WüüüWüüü» und die Füsse waren angeschraubt.

Als das Möbelchen auf seinen filigranen Stelzen stand, warteten noch zwei Türen auf ihre Bestimmung. Schnell war die Montageanleitung dechiffriert und die Scharniere angebracht. Jetzt mussten die Flügel nur noch schrankseitig befestigt werden. Ohalätz, der Winkel war im Weg und musste wieder weg. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen meine Frau über den Konfessionswechsel der Schraube und die daraus folgenden Konsequenzen zu informieren. Kopfschütteln ihrerseits und ein Motivationschub meinerseits folgten. Vorsichtig schob ich den 3er Schraubenzieher unter den Winkel und hob diesen leicht an. Weg war er schnell, aber das Loch in der furnierten Spanplatte erfreute die Projektleiterin ganz und gar nicht.

Die folgenden Schränke waren dank der gewonnenen Erfahrung schneller aufgestellt und Löcher in den Seitenwänden konnten weitgehend vermieden werden. Wäre da nicht das Modell mit der Ausziehschublade gewesen, man(n) hätte von einem erfolgreichen Morgen sprechen können. Die Ausziehschublade erforderte grosse Aufmerksamkeit. Ich als Experte sah keine Probleme und die die weiss wie es geht anfänglich auch nicht. Zuerst den Winkel richtig montieren, dann die Schublade zusammenstellen, noch hurtig das Schubladenscharnier einpassen und dann die Schublade einhängen. So zumindest lautete der Plan. Das Scharnier passte perfekt, die Schublade liess sich prächtig einhängen, aber leider fehlte ein Fingerbreit, damit sich das Teil auch richtig schliessen liess.
Vierundzwanzig mal «WüüüWüüü» auf die eine Seite und vierundzwanzig Mal «WüüüWüüü» auf die andere und alles war wieder paletti.

Die Hutablage war als nächstes an der Reihe. Zwei Meter über Boden musste die Unterkante sein, damit Herrchen nicht sein Haupt deformiert. IKEA hat eine wunderbare Lösung bereit, die mit nur vier Schrauben befestigt werden muss und lächerliche 18 Kilogramm wiegt. Aus Mangel einer Wasserwaage musste das Augenmass genügen.
«Links ein bisschen höher, nein rechts höher, jetzt ist gut, nein links tiefer, nein rechts tiefer». Meine Arme zitterten und der Schweiss rann aus allen Löchern. Schlussendlich hatten wir für die vier Bohrlöcher zwölf mögliche Ansetzpunkte für den Bohrer aufgezeichnet. Die die wusste wie es geht verlangte ein neuerliches Massnehmen und der Experte setzte trotzig den Bohrer an der offensichtlich richtigen Stelle an, ohne den am Boden liegenden Fressnapf von Hundchen wegzuräumen. Acht Bohrlöcher, acht Dübel und unzählige Flüche später waren endlich die richtigen Löcher gefunden und die Hutablage hing über dem verschlammten Wassertöpchen vom staunenden Hundi.

Die nächste Ablage war kleiner, somit auch leichter und durfte etwas tiefer montiert werden. Die die weiss wie es geht wurde zum Halten verdonnert und der Experte nahm Augenmass. Einmal «rechts etwas höher» genügte unter männlicher Regie und die vier Bohrlöcher waren angezeichnet. Selbstverständlich passten diese perfekt und die Ablage wurde in Rekordtempo mit vier «WüüüWüüü» an die Wand fixiert. Der Experte war stolz und die die wusste wie es geht verkniff sich das Lachen.

Dass mein Augenmass etwas vom seitlich nach unten kommenden Armaturenbrett im Airbus degeneriert ist sah man subito, als die die weiss wie es geht die Äpfel auf die Ablage stellte und die Früchtchen dann ungefragt ihre Reise Richtung Kühlschrank in Angriff nahmen. Ich besann mich auf die Freiheiten des Künstlers und weigerte mich erfolgreich noch einmal vier Löcher in den Beton zu hämmern.

Irgendwann war das Projekt beendet und der Experte und die die weiss wie es geht wurden wieder zu einem normalen Ehepaar - IKEA sei Dank.

Mittwoch, Oktober 08, 2008

das ABC der Fliegerei

Immer wieder werde ich in diesem Blog oder über andere Kanäle angesprochen und man verlangt von mir Auskunft über verschiedenste Dinge in der Luftfahrt. Nicht immer bin ich der richtige Ansprechpartner und oft kann ich die detaillierten Fragen nur ungenügend beantworten. Ich bin halt ein typischer Generalist - von allem keine Ahnung.

Um weiteren Fragen und dem zunehmenden Mailverkehr etwas entgegen zu wirken, habe ich dieses kleine ABC der Verkehrsfliegerei zusammengestellt. Selbstverständlich bin ich für Anschlussfragen weiterhin erreichbar.

A für Abbreviation:
Abbreviation ist, wenn ich es recht verstanden und geschrieben habe, das angelsächsische Wort für Abkürzung. Nicht die unzähligen Nieten oder gar die zwei Piloten halten den Airbus in der Luft, nein es sind eindeutig die Abkürzungen!

B für Bier:
Aus unerfindlichen Gründen braucht der Mensch (übrigens geschlechterunabhängig!) nach einem Aufenthalt von mehr als zwölf Stunden in der staubtrockenen Flugzeugatmosphäre ein kleines Quantum Bier, um die Nieren wieder anzufeuchten. Die medizinische Abteilung des Bundesamtes versucht bei Umfragen immer wieder herauszufinden, wie gross diese Quantum beim Einzelnen ist. Die Besatzungen unterliegen bei diesen Umfragen dem gleichen Ehrenkodex wie Radrennfahrer an der Tour de France.

C für Crewbunk:
Disziplinierungsraum für renitente Copiloten mit einer Länge von über 190 Zentimeter.

D für Deadheading:
Flugreise als Crew ohne Duty, ohne Zeitung, ohne Kaffee, ohne Rechte.

E für Enlarger:
Copilot, der ganz im Sinne des Jobenlargement über den höchsten Bergen der Welt in die Rolle des Kapitäns rutscht, ohne dafür entschädigt zu werden.

F für Form 60.530:
Grünes Formular des Bundesamtes, das alle paar Wochen geändert wird und die Instruktoren zur Weissglut treibt.

G für Grippe:
Einzige Rotation mit 6 garantierten Freitagen.

H für Hut:
Ein Teil, das kleine Piloten gross macht und grossen Piloten zu klein ist.

I für iBag:
Mein schneeweisser Samsonitekoffer Grösse XXL, der mich schon in so viele Hotels begleitet hat und immer wieder zu Diskussionen Anlass gibt.

J für Jockerwunsch:
Das einzig gültige Eintrittsticket für einen Bangkokflug.

K für Krawatte:
Farbiges Verbindungsstück zwischen den beiden Hirnzentren der Männer. Ethnologen streiten sich darüber, wie sich das unbequeme und immer wieder in der Salatsauce schwimmende Seidenteil über die Jahrhunderte hat retten können.

L für Letztflug:
Garant für einen langen Bangkok.

M für Mitternacht
Zeitpunkt, wo ein normaler Mensch müde wird. Da immer irgendwo auf der Welt Mitternacht ist, sind Nomaden, die überall auf der Welt zu Hause sind immer müde.

N für Nullfünfacht:
Wenn diese Vorwahl auf dem heimischen Telefondisplay erscheint, dann verläuft das geplante Sozialleben bis zum Rest des Monats garantiert nicht innerhalb der geplanten Bahnen.

O für Observerseat:
Überzähliger Sitz im Cockpit, auf dem sich Pilotengattinnen zwölf Stunden in Kauerstellung hinsetzen um den lieben Ehemann bei der Ausübung seines Berufes zu bewundern.

P für PBS:
Ein Placebo innerhalb der Familie der Planungssysteme.

Q für Quebec:
Einzige Gegend der Welt, wo die Bewohner mit ähnlich schwerem Akzent Französisch sprechen wie ich.

R für Routecheck:
Flug mit einem Kapitän, der nichts weiss und darum ununterbrochen Fragen stellt.

S für Sicherheitsbeamtin:
Die einzige Frau vor der ich mich entblössen darf, ohne mit einer Anklage wegen sexueller Belästigung rechnen zu müssen.

T für Tip:
Trinkgeld, das in Amerika halt so erwartet wird. Der Copilot die arme Sau soll jeweils den zu bezahlenden Betrag berechnen, was immer wieder zu roten Köpfen führt.

U für Unique:
Hat das Zeug zum trendy Einkaufszentrum - wenn nur dieser nervige Flughafen nicht wäre.

V für variable Ferien:
Ferientage, die mir meine Firma frei zuteilen kann, es aber aus unerfindlichen Gründen nie tut.

W für Weihnachten:
Ein in der Aviatik unbekannter Feiertag.

X für X-Ray:
Pettingersatz für Besatzungsmitglieder im Dauereinsatz.

Y für Y-Class:
Aviatische Bezeichnung für die Holzklasse. Lagerort der leckeren Schokolade und Wirkungsort der jüngsten Hostessen.

Z für Zoll:
Eine Institution, bei der man verzollen könnte, wenn es sie im Operation Center auch gäbe. Wir müssen verzollen, können aber nicht, weil es keinen Zoll hat. Verzollt man aber nicht, wenn man müsste, dann hat es plötzlich Zollbeamte überall. Beliebt sind die unangemeldeten Kontrollen fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges unter Beobachtung der neugierigen Passagiere. Nicht aus Zufall ist der Buchstabe Z an letzter Stelle des Alphabets.

Dienstag, Oktober 07, 2008

Fünfzehn Wörter

Der monatliche Einsatzplan - oder Roster wie das Ding auf Neudeutsch heisst, wird von allen Fliegenden sehnlichst erwartet. Wenn dann der Computer am 23. jeden Monats erbarmen zeigt und das Ding ausspuckt, dann wird das Sozialleben um die Flüge herum geplant.

Wann die Yogalektionen besucht werden können spielt genauso eine Rolle, wie das Terminieren von Autoservice und das Treffen von Freunden. Diesmal blieben die Wochenenden weitgehend frei, was im Oktober das Verabreden mit Bekannten wesentlich einfacher machte.

Mails wurden verschickt und viel herumtelefoniert. Zum Glück haben sich die noch verbliebenen Kollegen mit meiner doch eher komplizierten Art Termine zu fixieren langsam arrangiert. Das schon längst fällige Treffen mit einer befreundeten Familie im Engadin konnte genauso gesetzt werden, wie das Fondueessen mit meinen in der Nachbarschaft lebenden Cousinen. Mein Patenkind und seine kleine Schwester freuen sich auf die Übernachtung bei uns und ihre Eltern auf den freien Abend ohne Kinder. Ein schon lange versprochenes Nachtessen mit einem befreundeten Pärchen passt an einem Sonntag perfekt zwischen einen Bombay Flug und dem Treffen mit einem ehemaligen Studienkollegen.

Soweit so gut. Bis zum gestrigen Telefonat lief alles innerhalb den geplanten Bahnen. «Wir müssen ihnen leider den Hongkong Flug wegnehmen und brauchen sie als Reserve morgen Dienstag.» Fünfzehn Wörter aus dem Mund einer Dispatcherin werfen den ganzen Monatsplan durcheinander. Fünfzehn Wörter, die das Oktoberblatt in meiner Agenda zur Makulatur machen. Fünfzehn Wörter!

Freitag, Oktober 03, 2008

die erste dunkle Oktobernacht

Der Wind bläst von hinten mit 132 Knoten, das sind 245 Stundenkilometer, und der nächste Flughafen St. Johns in Neufundland ist 90 Flugminuten entfernt. Zwischen uns und dem schäumenden Meer liegen 11‘600 Meter Luft. Das immer noch 200 Tonnen schwere Flugzeug wird von den Luftmassen hin und her bewegt und draussen ist es dunkel wie in einer Kuh.

Die Passagiere schlafen und in den Galleys harrt ein kleines Grüppchen Flight Attendants frierend auf einem Stuhl sitzend aus und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Die Lichter im Passagierraum sind gedimmt und nur ein leises Schnarchen stört hie und da die Stille. Das Flugzeug ähnelt irgendwie einem U-Boot das dem feindlichen Sonar entkommen will und sich so ruhig wie möglich stellt.

Unser Navigationsgerät sendet im Millisekundenrhythmus Positionsmeldungen nach Gander und ich versuche über die Frequenz 5616 die Dame hinter dem Mikrofon zu erreichen. Ein lautes Rauschen quält meine Gehörgänge, das mich irgendwie an den Lärm auf der Aussichtsplattform des Rheinfalls erinnert. Vier Stunden sind wir jetzt schon in der Luft und die Hälfte ist noch nicht vorüber.
Wenn sich die amerikanischen Piloten nicht über jede Bodenwelle auf der Luftstrasse beklagen würden, wäre es am Funk so still wie hinten in der Kabine. Nachtflüge sind kein Vergnügen.

In etwas mehr als vier Stunden wartet ein 3.2 Kilometer langes und 60 Meter breites Band Asphalt auf uns und das sollten wir so genau wie möglich mit unserem dann noch 210 Stundenkilometer schnellen Vogel treffen. Und genau darum müssen wir uns irgendwie während der Nacht aktiv erholen. Kreuzworträtsel lösen ist eine Option, kleine Power-Naps die andere.
Dieses Wachbleiben während der Nacht kann man nicht trainieren. Manchmal geht es besser, manchmal fallen die Augen im Minutentakt zu. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Intensität und die Menge der Nachtflüge im direkten Zusammenhang mit der eigenen Müdigkeit steht. Diesen Monat komme ich auf acht dieser Nachtreisen. Acht Nächte sind viel, vielleicht zu viel. Klar versuche ich mich vor und nach den Flügen zu erholen, aber immer klappt das auch nicht. Hat der Zimmernachbar im Hotel gerade eine kleine Party oder ist er nicht fähig die Tür stilvoll und leise zu schliessen, dann ist es um den Nachmittagsschlaf vor einem Nachtflug geschehen. Schwere Lider und eine noch längere Nacht sind dann die Folge.

Mittlerweile sind wir bei 48N/038W angekommen, es dauert noch vier Stunden bis zur Landung in Zürich und mein Chef kämpft mit dem Schlaf. Ich gönne ihm seine Ruhe, übernehme das Flugzeug und beschliesse diesen Artikel. Bald geht das Licht im Cockpit aus und ich werde dann vierzig lange Minuten in den dunklen Himmel hinausblicken. Damit ich nicht auch einschlafe, stellen wir zur Sicherheit einen Eierwecker. Man weiss ja nie.

Mittwoch, Oktober 01, 2008

there is really nothing special to say about this flight

In den Faserpelz gehüllt verlasse ich den Flughafenbahnhof um 11 Uhr am Morgen und kämpfe mich durch den Ameisenhaufen Richtung Operation-Center. Im Ohr stecken meine weissen Kopfhörer und der Sänger der Band Travis fragt mich mit Musik untermalt: «Why does it always rain on me?»
Kolleginnen und Kollegen kommen mir entgegen. Alle haben sie eine lange Nacht hinter sich und alle fokussieren sie die paar Meter Asphalt vor ihren Füssen. Sie kennen nur noch ein Ziel: Das heimische Bett.

Mein Ziel ist das Operation-Center, wo ich mich für den Flug nach Miami bereitmachen muss. Im Gebäude angekommen werden die üblichen Arbeiten verrichtet, ein kleiner Schwatz mit der Polizistin vor der neuen Sicherheitsanlage gehalten und meinen Chef unter dem Heer Kapitänen gesucht, die vor der Kaffeemaschine Schlange stehen. Zusammen erklimmen wir die Stufen zum Planungsbüro. Ein freundlicher Dispatcher begrüsst uns kollegial und breitet einen Stapel Papiere vor unseren Augen aus. «Er sei noch mit der Tokio Crew beschäftigt, komme aber gleich zu uns», meinte er beim vorbeigehen. Und dann kam dieser kleine Nebensatz über seine Lippen, der uns noch den ganzen Tag verfolgen würde: «There is really nothing special to say about this flight!»

Ich als fliegender Pilot lehnte mich über die Karte, die mit vielen Symbolen überzogen, die Grosswetterlage zwischen Zürich und Florida zeigt. Für die Zeit nach dem Start werden bedingt durch die Westwindlage einige Turbulenzen vorausgesagt, nach etwa einem Drittel der Flugstrecke werden wir einen der starken Höhenwinde durchfliegen und nach etwa der Hälfte der Strecke geht mein Bleistiftstrich genau durch den Buchstaben «a» des Namens Laura. Diese Laura ist weder eine botoxverschönerte Texanerin noch ein Codewort für einen netten Cockpitbesuch, sondern ein veritabler tropischer Sturm.
Die Wettervorhersage für Miami ist dafür gut. Entgegen den vielen Wetterseiten auf dem Internet und der meines iDingsbums, sagen die Wettergurus Miami einen gewitterfreien Tag voraus. Unsere Erfahrungen mit Miami und einer amerikanischen Laura (bzw. mit ihrem Gatten) ermutigen uns, die Treibstoffreserven grosszügig aufzustocken.

Irgendwann sitzen wir im Cockpit, haben alle Arbeiten erledigt, die brüsselbedingte Wartezeit abgesessen und die Leistungshebel nach vorne geschoben. Die Nase des A340 erhebt sich langsam Richtung Himmel, der Tennisplatz von Opfikon verschwindet unter unseren mit 79 Tonnen Treibstoff gefüllten Flügeln und ich lege die 250 Tonnen Flugzeug in eine leichte Linkskurve. Der Westwind schüttelt uns kräftig durch und nach drei Flugminuten schaut die Spitze des Airbus zum ersten Mal Richtung Miami.
Ein nach Trüffeln riechender Käse findet eine Stunde später den Weg auf meinen Teller. Grünzeug folgt und als Hauptspeise gönne ich mir Wildravioli an einer leckeren Sauce. Dazwischen ein Schwätzchen und als Abschluss einen Nespresso und zwei Sünden in Form von Pralinen aus edler Manufaktur. Nach diesen Stärkungen fühlte ich mich bereit, Laura tief ins Auge zu schauen. Wolken erschienen in der Ferne und das Anschnallzeichen wird eingeschaltet.
Der Wetterradar zeigt einige kleine Echos an, die wir elegant umfliegen, aber im Grossen und Ganzen müssen wir dem Dispatcher in Zürich recht geben: Laura ist noch zu jung zur guten Bläserin.

Die Anspannung wird wieder heruntergefahren, schliesslich warten noch fünf lange Flugstunden auf uns. Zwei Lachscanapés verschwinden in meinem Rachen und ein Tonic Wasser folgt. Jetzt braucht eine Pause um meine brennenden Augen zu schonen. Nach Absprache mit dem Chef ziehe ich die Augenbinde über meine roten Dinger, lasse den Sitz zwei Raster nach hinten fallen und schliesse begleitet von Iggy Pop mit seinem Song Passenger für eine halbe Stunde die Augen.

Irgendwann ist dann auch Miami in Sichtweite. Der Tower meldet noch zehn Minuten vor dem geplanten Aufsetzen leichte Winde in Pistenrichtung und eine gute Sicht. Unserem Airbus wird die Freigabe zum Anflug gegeben. Dunkle Wolken bauen sich vor uns auf und auch das Radarbild verspricht nichts Gutes. Die Winde nehmen zu und kommen aus verschiedenen Richtungen. Wir informierten den Tower, dass wir im Falle eines Durchstarts wegen der Gewitterwolken sofort nach Links drehen müssen. Der Satz ist noch nicht zu Ende macht eine Microburstwarnung einen Anflug unmöglich. Diese Microburst sind wohl eines der übelsten Wetterphänomene in der Aviatik und haben schon einige tragischen Unfälle verursacht.

Leistungshebel nach vorne schieben, sofort nach links drehen, aufpassen, dass die freigegebene Höhe nicht überschossen wird, die Geschwindigkeit unter Kontrolle halten und die Passagiere informieren. Der Flughafen Miami ist geschlossen, über dem geplanten Ausweichplatz tobt entgegen den Voraussagen ein starkes Gewitter und dieses zieht Richtung Orlando, der dritten Landeoption. Dank unseren Treibstoffreserven können wir noch eine Stunde über dem Meer warten oder auf den Flugplatz von Freeport auf den Bahamainseln ausweichen. Freeport meldet gutes Wetter, wäre also eine akzeptable Variante, wenn sich der Sturm nicht bald verzieht.

Tausend Meter über dem rauschenden Meer ziehen wir unsere Runden und warten auf Neuigkeiten. Die Flugüberwachung in Miami ist sehr kooperativ und informiert ausgezeichnet. Unter uns und über uns kreisen die Flugzeuge, denen alle langsam das Kerosin ausgeht. Ein deutscher Charterflieger verabschiedet sich als Erster. Er peilt Fort Myers an. Zwanzig lange Minuten später öffnet der Flughafen wieder. Die Fallwinde sind verschwunden und der starke Wind hat sich gelegt. Das im Zusammenhang mit dem starken Regen erwartete Aquaplaning auf der Piste können wir dank den schwachen Winden akzeptieren.

«Fifty - forty - thirty - twenty - ten - touchdown.» Der Radiohöhenmesser gibt und die Distanz zur Piste an. Die Räder berühren den Boden, volle Schubumkehr und Bremseinsatz folgen. Nach dem Verlassen der Piste stehen wir von Blitz und Donner begleitet hinter eine langen Kolonne von gestrandeten Flugzeugen, die uns den Weg zum Gate versperren. Zwölf Stunden nach der Freigabe zum Motorenstart stehen wir schwitzend am Gate in Miami. Schwitzend wegen des Anflugs, aber vor allem wegen der Hilfsturbine die den Dienst verweigert und so auch der Airconditioning die notwendigen Ressourcen nicht liefert.

Wie hat der Dispatcher nochmals gesagt: «There is really nothing special to say about this flight!»

Montag, September 29, 2008

Caquellòn

Ein fast undurchdringlicher Nebel hat sich über die Landschaft gelegt und raubt der Natur die Farben. Beim morgendlichen Spaziergang durch den wunderschönen Wald raschelt das Laub unter den Schuhen, der Kragen des Faserpelzes wird hochgeklappt und die Hände verschwinden in den Hosentaschen. Der Herbst, die schönste aller Jahreszeiten ist endlich angekommen.
Zur Feier des Tages gibt es geschmolzenen Käse und Weisswein aus dem Lavaux. Mit anderen Worten: Wir veranstalten ein Caquellòn. Wo und wann bleibt geheim, sonst laufen die Ordnungshüter und die Bürgerwehren wieder Amok.

Donnerstag, September 25, 2008

Umfinanzierung

Immer wieder trifft man interessante Geschäftsleute auf dem Flugzeug und schneller als einem lieb ist, dreht sich das Gespräch um das liebe Geld. Leider bin ich in dieser Thematik nicht ganz so sattelfest wie andere meiner Berufsgattung. Nach wie vor bin ich fest davon überzeugt, dass Geld zum Ausgeben und nicht zum Stapeln gemacht wurde und so lebe ich auch. Glücklicherweise bin ich am Ende des Monats noch nie in Versuchung gekommen das physikalisch unmögliche zu erproben, nämlich das Geld im Stile eines Perpetuum Mobile zu vermehren.

Vielleicht ändert sich das ja ab heute.

Zwischen zwei Nespresso begann ich in der ersten Klasse ein Gespräch mit einem Herrn Lehmann und seinem Bruder. Beide sind sie seit Jahren in der Finanzbranche tätig und kennen alle Tricks und Tipps aus dem Effeff. Ich, der immerhin auch einen Titel einer Fachhochschule der Wirtschaftswissenschaften tragen darf, hörte aufmerksam zu. Schnell merkte ich, dass mein Fachwissen nichts mehr zählt, sondern nur noch das der Bachelor und Master. Den Begriff Master kenne ich aus der Fliegerei und das bedeutet selten was Gutes. Master-Warnings treiben meinen Adrenalinpegel in beängstigende Höhen und führen nicht immer, aber immer öfters zu kleinen Inkontinenzen.
Mit dem Begriff Bachelor konnte ich nichts anfangen und musste meinen Oxford Dictionary konsultieren. Wenn ich das mit meinem Agglo-Englisch richtig übersetzt habe, dann ist ein Bachelor entweder ein männlicher Vogel, der wegen eines dominanten Konterparts sein Vögelchen nicht vögeln konnte (a male bird or mammal without a mate, esp. one prevented from breeding by a dominant male) oder ein junger Ritter, der unter einem anderen Banner dient (a young knight serving under another's banner). Beides scheint mir nicht erstrebenswert und so bin ich mit meinem Bünzlititel doch recht zufrieden.

Doch wieder zurück zu den Lehmann Brüdern. Sie beklagten sich etwas über den steifen Wind, der zurzeit durch die Mauer Strasse weht und attestierten den Schweizer Anlegern Mut und Unerschrockenheit, weil sie in grossen Massen noch Anteile von Schiffen kaufen, die schon bedenklich Havarie beklagten.

Mich interessierte nicht was die Anderen machen, sondern möchte jetzt, wo ich Blut geleckt habe, meine Nullen vor der Kommastelle vermehren. Nur leider fehlt ein wichtiger Grundstoff, nämlich das Geld.
«Kein Problem», meinte der jüngere der Lehmann Brüder. Nimm etwas dass dir nicht gehört, verkaufe Anteile davon und sorge dafür, dass diese wiederum weiterverkauft werden. Von jeder Transaktion kassierst du einen Anteil und kannst damit Kredit aufnehmen und das Spiel beginnt wieder von vorne.
Genial! Doch etwas skeptisch bin ich schon, darum versuchte ich es mit einem Teil, das mir nicht sonderlich sympathisch ist: Mit meinem Crewbag.
Der ältere der Lehmann Brüder fädelte alles ein und so bin ich jetzt sicher, dass ich steinreich werde. Nur einen Haken hat die Sache. Aus juristischen Gründen musste ich eine silberne Tafel an meine Ledertasche nieten, die alle Besitzverhältnisse aufzeigt. So prangert jetzt auf meinem verbeulten Uniformteil ein grosses Aluminiumschild mit der Aufschrift:

Notice to ownership
This crewbag is owned by Kastanienbaum finance 2 limited  company (owner) and is subject to a leave agreement between owner and Haselnussbaum finance V limited company and a sublease agreement between Haselnussbaum finance V limited company and the holder of this bag Mister NFF.
This crewbag is also subject to a mortgage in favour of Rüdisüli Brothers as security trustee.


Ich glaube ich habe die Finanzwelt jetzt begriffen.

Dienstag, September 23, 2008

von den kleinen Sünden

Der Urlaub ist zu Ende und alle körperlichen Leiden auskuriert. Die Uniform passt besser als noch vor den freien Tagen und um Peinlichkeiten zu vermeiden, bin ich mit dem Zug zum Arbeitsplatz gefahren. Bei der ständigen Bautätigkeit am Flughafen kann es einem schon mal passieren, dass der Weg zum Parkplatz nach längerer Abwesenheit nicht auf Anhieb gefunden wird.

Kurz, ich trat meinen ersten Flug bestens vorbereitet an. Routiniert schlich ich auf dem Weg vom Flughafenbahnhof Richtung Operationszentrum und nahm mit Freude zur Kenntnis, dass ich noch erkannt wurde. Da ein Schwätzchen, dort eine Aktualisierung der in der Firma kursierenden Gerüchte, ein Lächeln hier, ein Küsschen auf eine gepuderte Backe, noch schnell zu meinem Postfach, die Revisionen von den persönlichen Nachrichten trennen, einen der beiden Papierberge umweltgerecht entsorgen, den Automaten um 200 U$ erleichtern, der Versuchung widerstehen einen Kaffee zu trinken und dann der Blick zur Uhr - Panik!

Ich war noch nicht zu spät, aber mein Zeitplan duldete keine Verzögerungen mehr. Zielgerecht steuerte ich Richtung «Check-In Computer» und lief direkt in die Arme eines guten Kollegen. Im Wissen, dass gute Kommunikation die Flugsicherheit signifikant erhöht, wechselte ich einige Sätze mit dem humorvollen Redner. Unser heiteres Gespräch lockte einen anderen Kapitän hinter seinem Bildschirm hervor, der auch noch einige Bonmots zum Besten gab. Aufmerksam hörte ich zu, hielt mit meiner linken Hand die Post der letzten zwanzig Tagen und tippte mit der rechten mein Kurzzeichen und das Passwort in den Computer. You successfully checked in, meldete die Maske und mein Puls senkte sich merklich.
Hinter mir schlich sich ein anderes bekanntes Gesicht Richtung Ausgang, klopfte mir beim Vorbeigehen auf die Schulter und meinte kollegial: «Siehst müde aus, bis du gerade mit dem Sao Paulo Flug gelandet?» «Nein, ich trete meinen Flugdienst erst an….»

In der Ferne erblickte ich meine zwei Cockpitkollegen, die schon eine Landschaft voller Planungunterlagen ausgebreitet haben und mir erwartungsvoll zuwinkten. Beide kenne ich gut und der Zufall will es, dass wir vor ein paar Monaten exakt in der gleichen Zusammensetzung an die selbe Destination flogen. Los Angeles steht in grossen Lettern auf dem ersten Blatt und da ich die Landung ausführen darf steht es mir zu, den Papierberg abzuarbeiten. Aber Vorsicht, mein Kapitän ist abergläubisch und besteht darauf, dass wir vor der ersten Zeile einen Blick in seine Schnupftabakdose werfen. Ich will es nicht schon in den ersten Minuten mit ihm verbocken und beuge mich dem Gruppendruck. Sein Aberglaube scheint ausgeprägt zu sein. Keine Checkliste ohne Schnupf, keine Passagieransage ohne Schnupf und schon gar keine Landung ohne Schnupf. Das Ergebnis lässt sich sehen. Das erste Mal in meiner Karriere bekam ich ein Lob für die paar Französischen Sätze, die ich über die Lippen brachte und über die Landung möchte ich jetzt nicht sprechen, da Eigenlob ja bekanntlich stinkt. Nur etwas machte mir zu Beginn etwas Sorgen. Mein Rotz ähnelte stark meinem Stuhlgang und roch irgendwie auch so, was aber gemäss Aussage meines Chefs nach dem Konsum des Blechdoseninhalts ganz normal sei.

Irgendwann war dann auch der erste Flug nach meinem Urlaub zu Ende und wir sassen müde in der Hotelbar um das obligate Bier nach dem Flug zu geniessen. Herrlich, wie der gelbliche Saft den Gaumen erfrischt und die Lebensgeister zumindest kurzfristig wieder belebt. Zu meiner Erleichterung war des Kapitäns Schnupfdose leer und so konnte ich tränenlos meinen geliebten Hopfensaft kneipen. Was wäre das Leben bloss ohne die kleinen Sünden!?!

Mittwoch, September 17, 2008

Doktor

Der hier hat den Doktor gemacht und ich habe dafür gesorgt, dass die Doktoren nicht aussterben..... Ich ziehe vor lauter Respekt meinen Pilotenhut vor den Fähigkeiten dieser Herren. Der erwähnte schreibt, während er als Kurzstreckencopilot durch die Lüfte schwebt an der renommiertesten Uni der CH seine Doktorarbeit, der Chiropraktor befreit mich von meinem unnatürlich schrägen Gang und der Zahnarzt zeigt an einem Sonntag erbarmen mit einem einfachen Copiloten und erlöst ihn vom hämmernden Schmerz in der linken Oberbacke.

Alle guten Dinge sind drei und so hoffe ich doch, dass ich die paar verbleibenden Ferientage ohne Doktoren und beschwerdefrei geniessen kann.

Sonntag, September 07, 2008

Montag, September 01, 2008

ein trauriges Jubiläum


Der Gedenkstein im Operation-Center am Flughafen Zürich


Am 3. September jährt sich der Absturz des Fluges SR111 zum zehnten Mal. Ein persönlicher Rückblick auf die Tage, die mich veränderten.


Die schweren Monsunwolken hatten sich verzogen und das herrliche Wetter lud ein, das Frühstück im «Sun n’ Sand» in Mumbai unter freiem Himmel zu geniessen. Gerade als ich mich am besten Tisch breit machte, kam ein älterer Steward auf mich zu und blieb bleich und weinend vor mir stehen. «Wir haben heute Nacht ein Flugzeug verloren. CNN meldet, dass eine MD-11 an der Ostküste Amerikas abgestürzt ist.»

Ein Bild, das ich nie vergessen werde

Fassungslos rannte ich die zwei Stockwerke hoch und schalte den Fernseher ein. «Breaking News» stand am unteren Bildrand und ein Helfer zog an einem Fischerhaken einen blauen Crewbag aus dem kalten Meer. Da war sie diese Gewissheit, die einem jede Hoffnung nahm und betätigte, dass etwas Schreckliches passiert ist. Regungslos starrte ich auf den Bildschirm und wartete auf eine gute Nachricht - leider vergeblich. Wenige Minuten später beorderte der Kapitän alle Besatzungsmitglieder in einen abgeschirmten Raum und informierte über Fakten und Ungewisses. Seitens der Firma trafen in unregelmässigen Abständen Informationen zur Lage ein. Am späteren Nachmittag dann die schwierigste aller Meldungen. Der Stationsleiter übergab dem Kapitän schweigend die Crewliste des Fluges 111 und dieser las die Namen langsam vor. Ein äusserst trauriger und emotionaler Moment.

Die Heimkehr

Es war still - sehr still, als wir Tage später nach dem langen Nachtflug das «Operation-Center» am heimischen Flughafen betraten. Stumm liefen Kolleginnen und Kollegen durch die Gänge und wer wollte, konnte bei bereitstehenden Betreuern Rat und Trost suchen. Eine unglaublich bedrückende Stimmung lag über dem Gebäude und mich zog es nur noch nach Hause. In den folgenden Tagen rollte die unbarmherzige Medienlawine über uns hinweg. An die kurze Phase der sachlichen Berichterstattung reihte sich die Zeit der Spekulationen, gefolgt von der schwer zu ertragenden Suche nach Schicksalen und Tragödien. Es war unmöglich der Informationsflut aus dem Weg zu gehen und die ständigen Erkundigungen nach dem eigenen Befinden belasteten noch zusätzlich. Als mich dann der erste Journalist persönlich zu Hause anrief, knallte ich angewidert den Hörer in die Gabel.

Der Jahrestag

Ein Jahr später schien wieder die Sonne, als ich schweigend neben dem Leuchtturm von «Peggys Cove» sass und aufs Meer hinaus schaute. Neben mir kauerten der Kapitän und der Flight-Engineer, mit denen ich am folgenden Tag einen leeren Jumbo, der zuvor die Angehörigen für die Gedenkfeier einflog, nach New York bringen sollte. Es mag seltsam klingen, aber dies war ein versöhnender Augenblick. Dieser Ort, der uns im vergangenen Jahr ständig begleitete und als Sinnbild für Leid und Schmerz stand, hat ein Gesicht bekommen.
Als ich nach einer Nacht die Provinzhauptstadt Richtung New York verliess, waren viele Gedanken mit im Gepäck. Sie galten den Opfern, den Angehörigen und den vielen Helfern und Betreuern vor Ort und in der Schweiz.

3. September 2008

Zehn Jahre ist es also her, seit die HB-IWF vor dem Leuchtturm bei «Peggys Cove» abgestürzt ist. Beim Rückblick auf das traurige Ereignis wird einem bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Für die Besatzungsmitglieder und die Passagiere von Flug Swissair 111 ist die Zeit am 3. September 1998 um 01:31:18 UTC stehen geblieben. Lasst uns ihrer gedenken.


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Dieser Artikel erschien im Septemberheft der Aviatikzeitschrift COCKPIT

Freitag, August 29, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 7: NEW YORK




Die Meisten verwechseln Dabeisein mit Erleben.
Max Frisch


Der Crewbus rattert über die unebene Strasse vom Flughafen Richtung Manhattan. Vorbei am Tennisstadium und unendlich grossen Friedhöfen steuert der Busfahrer sein Gefährt durch den Stadtteil Queens. Draussen ist es 30 Grad, im Businnern etwas über 40. New York und die Airconditioning des Gefährts machen eine Pause, am Montag ist schliesslich «Labour Day».
Die Amerikaner gönnen sich ein langes Wochenende, was die leeren Strassen und die flüssige Fahrt bis zu unserem Hotel im Stadtteil «Turtle Bay» erklärt. «Turtle Bay» liegt zwischen «Murray Hill» und «Lenox Hill». Es gibt um unser Hotel genauso wenig Schildkröten, wie es von Hügeln auf Manhattan wimmelt, aber das kümmert hier genau niemanden.

Kurz bevor der Bus in die Tiefen des «Midtown Tunnels» abtaucht, bereitet uns ein Wald voller Reklametafeln auf die Welt nach dem schwarzen Loch vor. Aufsehen erregt bei meinen Kolleginnen und Kollegen ein übergrosses Poster, das für eine Unterwäschemarke mit dem Namen Calvin Dingsbums Werbung macht. Auf dem Plakat lehnt sich ein Jüngling mit wenig Textil bekleidet an eine Hausmauer und scheint genauso zu schwitzen wie wir im Bus mit dem defekten Klimagerät. Irgend ein Spassvogel hat dem transpirierenden Kerl mit der Photoshop-Software eine Hügellandschaft auf den Bauch gezaubert und genau diese erregt im wahrsten Sinne des Wortes die Aufmerksamkeit der Businsassen.
Dem jüngsten Steward fällt beim Anblick des weissen Textilteils fast der iPod Stöpsel aus dem Ohr und er ringt nach Atem. Bis zur kalten Dusche im Hotelzimmer wird unser Jüngster wie der griechische Gott Priapos durch die Gänge wandern.

Der weibliche Teil der Besatzung kommt nicht weniger ins Schwärmen und kommentiert die Bauchpartie des Herrn auf der Unterhosenwerbung eingehend. Von Wäsche und Waschbrett ist die Rede und dabei steigt die Temperatur im Bus stetig weiter. Und einmal mehr verstehe ich die Damenwelt nicht. Ein Waschbrett mag ja seinen Reiz haben, aber wenn es so richtig an die Wäsche geht, dann geht nichts über eine grosse Waschtrommel.

Der «Midtown Tunnel» spuckt uns aus und wenige Minuten später stehen wir schweissgebadet vor dem Eingang des schmucken Hotels im Quartier der Schildkrötenbucht. Schlüssel fassen, Fahrstuhl besteigen, Zimmer beziehen und so schnell wie möglich unter die Dusche. Das Wasser kommt ungewöhnlich effizient aus der amerikanischen Duschbrause und ich streichle mir zufrieden mit dem Waschlappen über meine Waschtrommel. Das schlaflose New York lasse ich heute aus. Dieser Monat hat mich geschafft und ich brauche nichts dringender als Schlaf. Gute Nacht!

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Danke für das Mitreisen in den letzten 31 Tagen. Über 94 Flugstunden habe ich abgesessen, 6 Nachflüge verdaut, unzählige Nespresso getrunken, einmal Durchfall gekriegt, 534 Mikrosievert Strahlung abbekommen (was 6 Thoraxröntgen oder einer Mamografie entspricht), einen grossen Berg Zeitungen gelesen, theoretisch tausende von Franken und eine Kaffeemaschine im Kreuzworträtsel gewonnen, viel gelacht, noch mehr gegähnt, einen Zusammenschiss von einem Fluglotsen gekriegt und selber niemanden zusammengestaucht - ein ganz normaler Monat eben.

Montag, August 25, 2008

In 31 Tagen um die Welt - Teil 6: YAOUNDE



Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besassen sie die Bibel 
und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. 
Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: 
Wir hatten die Bibel und sie das Land.
Desmond Mpilo Tutu


Die rote Erde ist überall. Sie klebt an den Autos, an den Schuhen und vermutlich auch am Flugzeug. Das ganze Land Kamerun sieht aus wie ein verwahrloster Tennisplatz. Uneben, überall spriesst Grünzeug aus dem Boden und dazwischen eben diese rote Erde. Die Metapher vom Tennisplatz passt überhaupt zu diesem Land. Umgeben von unendlich vielen Balljungen wohnen die Spieler im Hotelpalast indem ich gerade diese Zeilen verfasse und holen mit Hilfe ihrer Bediensteten das Letzte aus dem Boden heraus.

Dass die Länder im afrikanischen Äquatorgürtel eigentlich die reichsten der Welt sein sollten, sieht man auf den ersten Blick, wenn man die Tabelle der Rohstoffvorkommen betrachtet. Auf die Frage, warum Kamerun in der Rangliste der «pro Kopf Einkommen» am hinteren Ende anzutreffen ist, findet man die Antwort beim Studium der Herkunftsländer der Industriebetriebe.

Die Folgen davon sind offensichtlich. Sowohl das Geld, als auch die Rohstoffe und die Regierungsfamilie zieht es nach Europa. So sehr wir diese Willkommen heissen, umso abweisender reagieren wir auf die Einwohner, die im Sog ihrer Rohstoffe den Weg nach Europa suchen. Wir laufen gerne barfuss über unser Parkett aus Tropenholz, bieten dem Geldfluss unkompliziert Asyl, sparen aber nicht mit harschen Worten und Taten, wenn sich ein Einwohner Kameruns innerhalb unserer Grenzen verirrt, weil er vielleicht einmal seinen Präsidenten aus nächster Nähe betrachten möchte.

Jetzt bin ich also zwei Tage Gast in diesem herrlichen Land, das ich leider aus Sicherheitsgründen nicht bereisen darf. Verständlicherweise hat mein Arbeitgeber Interesse daran, dass ich Morgen wieder frisch rasiert und einsatzbereit das Flugzeug besteige. So beschränke ich meinen Rayon auf das Hotelgelände und lasse mich vom afrikanischen Schwermut anstecken, der wie eine schwere Bettdecke über dem Land liegt. Mein Körper wird mir den ruhigen Tagesablauf danken, denn dieser ist vom Mammutprogramm, das ich diesen Monat abfliegen muss, langsam aber sicher ziemlich müde. Trotzdem werde ich heute Abend die Festung Hotel verlassen um in einem afrikanischen Restaurant mein Nachtessen zu geniessen. Natürlich laufe ich dabei Gefahr, dass ich überfallen und bedroht werde. Vielleicht will mein Gegenüber dann meine Brieftasche, vielleicht will er auch nur die nackte Angst in meinen Augen sehen. Die gleiche Angst, die ich in seinem Gesicht sah, als er von zwei Polizisten begleitet das Flugzeug in Zürich betrat um ausgeschafft zu werden.
Dennoch lohnt sich das Risiko. Denn ich will dieses Land wenigstens ein bisschen spüren, an den Gerüchen teilhaben und etwas von der roten Erde an den Schuhsohlen mit Hause bringen. Dieser roten Erde, die hier in Afrika zugleich Fluch als auch Segen ist.



Küssnacht a. Rigi & Luzern

DIE Rigi

.... wer findet das Matterhorn?

Anflug Douala FKKD

Runway & Mt. Cameroon in Sicht