Sonntag, Dezember 02, 2007

es knistert im Gebälk

Mal angenommen es gäbe irgendwo in der Welt eine fiktive Firma, die in einer beliebigen Branche recht erfolgreich ist. Diese Firma ist angesehen, beliebt, hat schon einige Turbulenzen überlebt, stand in ihrer jungen Geschichte schon einmal nahe am Abgrund und hat einen aufgestellten, motivierten und engagierten Personalkörper.
Kollegialer Umgang ist Tradition und Hierarchien werden dort und dann aufrecht erhalten, wenn es der Hierarchieobere als angebracht erachtet. Man sitzt gerne an seinem Arbeitsplatz. Es wird ohne Murren ab und zu länger gearbeitet und Treffen nach der Arbeitszeit sind häufiger als in vergleichbaren Firmen.
Die Mitarbeiter haben während der letzten Krise die Botschaft der Führung verstanden und sind der Aufforderung, den Gürtel enger zu schnallen, leicht zähneknirschend gefolgt. Wie immer wurden in den Medien die Repräsentanten für den erfolgreichen Rettungsversuch gelobt, der Oberste im Organigramm hat aber nicht vergessen, wer die Opfer brachte. Es folgten Apéros, Weihnachtsessen, Feste und Jubiläen.

Eigentlich typisch für diese Firma, denn Harmonie ist ein wichtiges Gut und wird dementsprechend gehätschelt und gepflegt. Sogar Richtlinien wurden entwickelt, wie der einzelne Mitarbeiter im Konfliktfall dem Anderen den Spiegel vorhalten soll. Zeiten, wo man sich spontan die Meinung sagte, sind Vergangenheit. Dafür gibt es in dieser Firma Checklisten, die praktischerweise in jeden Geldbeutel passen. Zuerst die Frage, ob das Gegenüber bereit ist, die sicherlich nicht allgemein gültige Meinung über sich zu erfahren. Lautet die Antwort «Ja», soll das Gesagte unbedingt mit den Worten «ich finde» beginnen. Jetzt sind wir schon beim ersten Problempunkt: Es funktioniert nicht bei nonverbalen Botschaften wie Stinkefinger um Luft abzulassen, Nase zuhalten bei unangenehmer Duftabsonderung oder leichtem Antippen der Schläfe mit dem Zeigefinger bei Denkausfällen. Dabei sind doch gerade diese Gesten der ideale Einstieg in ein hitziges und oft sehr fruchtbares Streitgespräch.

Auch die Teamarbeit wird in dieser Firma grossgeschrieben. Teamarbeit ist so ein Ausdruck, der nur positiv behaftet ist. Jedermann findet Teamarbeit gut, gelobt werden gute Teamplayer, geächtet teamunfähige Einzelkämpfer. Kennen sie jemanden, der sich selber nicht als guten Teamplayer hinstellt oder Teamarbeit schlecht findet? Ich nicht!
Natürlich gibt es gerade in dieser Firma Bereiche, wo gute Teamarbeit unumgänglich - ja lebensrettend ist. Doch wo Weiss ist, ist auch Schwarz.
Erstaunlicherweise hat niemand auch nur ansatzweise den Teamgedanken hinterfragt. Teamarbeit kann auch ein sehr anstrengender Prozess sein, indem die Gutmütigen durch Egoisten ausgebeutet werden. Es braucht viel Organisation, Zeit und Originalität werden vergeudet und die Kreativität und die Qualität können dadurch leiden. Ein guter Teamplayer passt sich idealerweise der Mehrheit an. So kommt das Team schnell zu Ergebnissen und es wird gelobt. Bei grossen Erfolgen ist der Teamchef der Held, bei Misserfolgen hat das Team als Ganzes versagt. Zum Glück stellt sich niemand in dieser fiktiven Firma gegen die gängigen Denkmuster, denn Widerstand stört die Harmonie und das gute Arbeitsklima.

Doch dann eines Tages knistert es im Gebälk. Es ist eine Kleinigkeit, die Unfrieden stiftet. Fast wie in der Ehe, ist man versucht zu sagen. Wut staut sich auf beiden Seiten auf. Es fallen unschöne Worte und man liegt sich in den Haaren. Die Ersten laufen davon, einzelne Produktionsausfälle sind zu verzeichnen und die Motivation fällt im freien Fall. Am Schluss zählt nur noch die gegenseitige Zerstörung.
Haufenweise Berater stürmen die Gänge und versuchen zu analysieren, was es zu analysieren gibt. Ordner werden gefüllt und Honorare fliessen - beides nicht zu knapp. Es hilft alles nichts, die Felle schwimmen davon.

Jahre später analysiert ein Philosophe das Geschehene. Beim Studium alter Personalakten stösst er unnatürlich oft auf die Wörter «gutes Feedback», «konfliktfähig», «kritikfähig» und «motiviert». Nach genauer Überprüfung der Geschehnisse realisiert der Gelehrte, dass genau diese hochgehaltenen Begriffe missverstanden wurden. Wer als konfliktfähig, kritikfähig und motiviert galt, war in Tat und Wahrheit ganz einfach stumm. Feedbacks gab es, aber in der Regel nur in einer Richtung.
Unter sein Untersuchungsdossier schreibt der Philosophe seine kurze Schlussfolgerung mit roter Tinte: In dieser Firma hat man vor lauter Harmonie das Streiten verlernt. Man hat nur noch geliebt oder gehasst, gestritten wurde nicht mehr.

Zum Glück ist diese Firma nur Fiktion.

Kommentare:

  1. ...Ich bin "stumm", aber nicht weil ich "konfliktfähig", "kritikfähig" und "motiviert" im genannten Sinn bin, sondern weil mir der Beitrag die Sprache verschlagen hat!

    Zum Glück passiert mir das nicht allzu oft ;-)

    Happy Landings, falls Du unterwegs bist, 28 lässt grüssen :-)

    G!

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  2. ... fliege erst wieder Morgen. Verkleisterte Nebenhöhlen haben mich vom Westwindtango ferngehalten.
    Doch eines ist sicher: in ORD wird auch wieder richtig mit dem Wind getanzt, nur spricht man dort wegen der vielen Parallelpisten von Linedancing :-)

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  3. ...that was rough, nff!
    Scharf beobachtet!

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  4. Sehr gut beobachtet und treffend formuliert..... Besser hätte man es nicht formulieren können :-)

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  5. puhhh!!!!

    nff danke, sehr gut beobachtet. leider bin mir aber sicher, dass es viele dieser fiktiven firmen gib.

    private und eben leider (das finanzieren wir alle) auch dia andern..
    gruss rosi

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  6. Hm, dann haben wir uns heute ja im Briefing verpasst bzw. übersehen. Dann viel Spass in ORD beim Linedancen... besser als Squaredancen ist's allemal:-) hoffe der Gruss ist angekommen bzw. kommt an ;-)

    G!

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  7. hab mich grad im Datum verschaut, da JETZT der 4. ist und du demzufolge erst fliegen wirst...der Gruss kommt aber sicher dennoch an ;-)

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  8. schön beschrieben... vor allem einige Tatsachen ans Licht gebracht. Ist nämlich tatsächlich so mit dem Teamwork.... "Toll en andere machts" kommt nicht von ungefähr...

    Guete Flug und liebi Grües,

    Severin

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  9. nff:

    ...Der mit dem Wind tanzt...

    Howgh

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