Freitag, Dezember 07, 2007

die nächtliche Jagd über dem Wasser

Es ist früher Abend in Chicago und mitten in der Nacht in meinem Körper. Nach einem schneereichen Tag, präsentiert sich die Stadt am Lake Michigan im besten Licht. Der Himmel ist wolkenfrei und lässt dank der bissig kalten Temperaturen den Sternenhimmel wundervoll erleuchten.
Wir stehen mit laufenden Triebwerken am Anfang der Piste 32R und warten auf die Startfreigabe. Der Himmel ist voll von fliegendem Blech. Links und rechts brausen startende und landende Flugzeuge an uns vorbei und die weibliche Stimme der Flugverkehrsleiterin redet wie ein Maschinengewehr. Wehe ein Pilot antwortet nicht sofort und wehe es wird nicht das gemacht, was sie befielt. Es braucht viel Konzentration der Dame zu folgen und im Cockpit ist es mucksmäuschenstill. Genau im Moment, als ich mir so vorstellte, wie das wohl wäre so ein schnelles Mundwerk zu Hause zu haben, schiesst unsere Startfreigabe durch den Äther: «Swiss 9 heavy, you‘re cleared for takeoff 32R». Als unsere A330 schon langsam Fahrt aufnahm, schoss noch ein landenden Flugzeug vor unserer Nase auf der kreuzenden Piste vorbei. Nichts ungewöhnliches hier in Chicago.

Knapp 150 Meter über Boden die Anweisung, sofort scharf rechts zu drehen. Vor uns erscheint die weihnachtlich beleuchtete Skyline der Millionenstadt. Ein wundervoller Anblick, der für die vorangehende Hektik mehr als entschädigt.
Dem Wetter sei Dank, sieht man in der Ferne bereits die Lichter von Detroit. In gut einer Stunde sollten wir Manhattan überfliegen und dann in die starken Winde des Jetstreams eintauchen. Diese Höhenwinde wehen heute mit einer Stärke von 150 Knoten, was so ungefähr 270 km/h entsprechen. Dementsprechend kurz ist unsere Flugzeit. Deutlich weniger als acht Stunden dauert die Reise über sieben Zeitzonen hinweg heute Nacht.
Der Wind nimmt langsam zu und als der Salat mit Balsamico Sauce gereicht wird, erscheint auf der linken Seite die Stadt Buffalo. Ausgerechnet über der Stadt New York tauchen die ersten Wolken auf. Auch nicht schlecht, so kann ich mich genüsslich dem Perlhuhn widmen, das zusammen mit etwas Gemüse und Mais an einer Morchelsauce vor meiner Nase steht.
Noch vor dem ersten Nespresso wird die Nordatlantik Freigabe eingeholt und die Route kontrolliert. Mit 82% der Schallgeschwindigkeit schickt uns der schlecht gelaunte Herr aus New York auf 38‘000 Fuss über das Wasser und wünscht uns nicht mal eine gute Nacht. Ein schwarzes Truffes aus der Manufaktur «Sprüngli» tröstet mich über die unfreundliche Kommunikation hinweg.
Etwa 300 Meter über unseren Köpfen schwebt ein Jet mit dem Ziel Frankfurt und 300 Meter unter uns die Kollegen aus Boston kommend.
Jetzt bläst der Wind mit 167 Knoten und es ist zu unserem Erstaunen ruhig wie in einer Kirche. Und genau wie in der Kirche während der Sonntagspredigt, fallen mir langsam die Augen zu. Ich erfrage beim Chef ein Timeout und bekomme es auch. Mein Sitz klappt nach hinten, die Augenbinde wird heruntergezogen und Sekunden später schwebe ich im Reich der Träume. Nach 35 Minuten das unsanfte Erwachen. Der Wecker schrillt und da bin ich wieder.

In regelmässigen Abständen werden die Flugzeugdaten überprüft und die Wettermeldungen der Ausweichflughäfen eingeholt. Positionsmeldungen macht über dem Nordatlantik seit gut zwei Jahren ein Computer, der mit Kurznachrichten die Bodenstation mit den notwendigen Daten füttert.
Es hellt langsam auf und die Sonne scheint uns direkt in die Birne. Vor uns fast in Griffweite noch immer die Kollegen aus Boston. Wunderschön, wie sich ihr Kondensstreifen in der Sonne abzeichnet.



Wir reduzieren etwas die Geschwindigkeit, um der Bodenstelle in Paris das Entflechten der Flugzeuge einfacher zu machen.
Basel kommt näher, Klappen werden gefahren, Bremsklappen aus- und wieder eingefahren, Gäste verabschiedet, die Räder herausgefahren und kurz vor dem Boden leicht am Sidestick gezogen.
Eine lange nächtliche Jagd geht zu Ende und zur planmässigen Ankunftszeit sitze ich schon in meinem Wagen und verlasse das Parkhaus am Flughafen.

Zur Mittagszeit bin ich zu Hause und erreiche den Autounterstand genau im Moment, als ein zünftiger Regenschauer über das Schweizer Mittelland zieht. Dies ist mir ziemlich egal, denn alles was jetzt zählt ist das weiche Bett. Guet Nacht!

Kommentare:

  1. sehr schöner beitrag :-)
    man war für ein paar minuten mit an board :-)

    gruß
    stefam

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  2. Die absolute Nord-Atlantik stimmung!! toll geschrieben:)

    Vorallem die der Sonnenaufgang, und die Landung am Fruehen Morgen entschaedigen wohl die Simulator-Quelereien!

    Gute Nacht!
    Andreas

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  3. Fast schon ein poetischer Einblick in deinen Berufsalltag! Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten!
    Gruess us HKG/TST,
    Tomy

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  4. toll beschrieben und ausserdem sehr informativ!
    ...dazu das Foti dieser Jagdszene -
    traumhaft.

    Danke für das Timeout!

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  5. Wenn ich Buffalo höre muss ich immer an dieses Gedicht denken. Es geht irgendwie so, ich kanns allerdings nicht mehr auswendig:
    "John Manard; wer war John Manard?
    Er war unser Steuermann..."
    Weiter weiss ich nur noch, dass das Schiff feuer fängt, und John sein Leben opfert um die Leute zu retten. Ein wunderschönes Gedicht.
    "Noch 10 Minuten bis Buffalo."

    Welchen Cost Index verwendet Swiss üblicherweise für die Performancedaten?

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  6. @ivi:
    CI 30 für normal Speed, üblicherweise CI75 wenn es mehr pressiert.

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  7. Schön geschrieben!

    Von wegen "für's fliegen" brauchst du einen Copi: "und kurz vor dem Boden leicht am Sidestick gezogen."

    -> da kann ich noch viel lernen, denn bei mir wird bekanntlich ordentlich "gerührt", gerade auch heute wieder :-)))

    Happy Flights (hab heute 5 (!!) davon)

    G!

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  8. @G!
    .... eigentlich würden wir auch rühren, aber meistens sind wir zu faul dazu :-)

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  9. Ja ja John Maynard...

    1
    John Maynard!
    "Wer ist John Maynard?"
    "John Maynard war unser Steuermann,
    Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
    Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard."

    10
    "Hier ruht John Maynardè In Qualm und Brand
    Hielt er das Steuer fest in der Han,
    Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
    Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
    John Maynard."

    Natürlich fehlt der Grossteil des Gedichts. Gottseidank aber dass wir nicht NFF solch ein Gedicht widmen müssen und dass NFF die Jagd heil und nicht als toter Held überstanden hat...

    E grues, Sevo

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  10. Was für ein schöner, stimmungsvoller Artikel. Super!

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