Donnerstag, Dezember 20, 2007

auf der Schulbank

Einmal im Jahr trifft es jeden. Einmal im Jahr flattert der Marschbefehl des «Training Centers» ins Haus und fordert die einzelnen Crewmitglieder zum «Emergency Test» auf. Lizenzrelevat ist dies und ein Nichtbestehen des Testes kann zum temporären Grounding jedes Einzelnen führen.
Dementsprechend angespannt trifft man sich in aller Herrgottsfrühe im Schulzimmer und wartet auf die Inquisitoren, die pünktlich auf die Sekunde mit den Kurs beginnen. Flight-Attendants trifft es besonders brutal. Gerade einmal zehn Minuten nach Beginn des unendlich langen Tages werden sie zu der Prüfung aller Prüfungen aufgeboten.
Mit uns Piloten meint es der Planungsverantwortliche einmal mehr wesentlich besser. «Door Drills» steht als Programmpunkt 1 auf dem Tagesplan. Eine ausserordentlich charmante Instruktorin führt uns zur ersten Hürde des Tages und steht selbstsicher vor einer Flugzeugtüre, demonstriert in einer unglaublichen Geschwindigkeit die verschiedenen Öffnungsmöglichkeiten der hochkomplizierten Pforte und verlangt von uns exakt das Gleiche. Völlig unterkoffeiniert betrachten wir die komplizierten Griffkombinationen und versuchen beim Selbstversuch den Schaden an der Einrichtung in Grenzen zu halten.
Einwände, dass man zwecks Förderung der Flugsicherheit statt dem zackigen Öffnen von Flugzeugpforten einmal das sanfte Schliessen von Hotelzimmertüren üben sollte, werden unbeachtet in den Wind geschlagen.

Es geht weiter im Programm, denn der Tagesplan ist gedrängt. Beim Betreten des «Equipment Parks», wo der Umgang mit diversen Notfallhilfsmitteln geübt wird, spitzen wir die Ohren. Denn genau über diese Geräte, werden am nachmittäglichen Computertest unzählige Fragen gestellt.
So zum Beispiel über den Feuerlöscher. Für ein Gerät, - nein, schlichtwegs DAS Gerät -, das explizit dafür gebaut wurde, dass es ohne Bedienungsanleitung gebraucht werden kann, wurde eine Gebrauchsanleitung geschrieben, die wiederum von uns auswendig gelernt werden muss.
So ein Feuerlöscher nimmt man doch einfach in die Hand und benutzt ihn. Das ist irgendwie wie beim Pinkeln. Es käme auch niemanden in den Sinn, für das Wasserlösen eine Gebrauchsanweisung zu schreiben. Doch für den Feuerlöscher gibt es eine. Prompt werde ich vor versammelter Mannschaft etwas gefragt, dass ich nicht auf Anhieb und nicht mit den richtigen Worten beschreiben kann: Minuspunkt!
Dafür punkte ich bei den Notsignalsendern. Haben sie gewusst, dass der Notsignalsender vom A330 genau (!) 50 Stunden sendet und der des A340 über 48 Stunden? Ich schon! Pluspunkt!
Der Kapitän neben mir wird gefragt, wo sich die Megaphone und die Fireaxes auf dem Flugzeug befinden. Er zögert kurz und die Expertin dreht sich zu mir. Meine Eselsleiter die besagt, dass der Copilot viel arbeite und der Kapitän viel rede und sich folglich die Äxte eher auf der Copiloten- und die Megaphone auf der Kapitänsseite befänden, überzeugte die Instruktorin, nicht aber den Kapitän.

Weiter ging es im Programm und bald standen wir vor den Notrutschen. Die nächste Frage lautete im Wortlaut etwa so: «Falls eine Notwasserung klappen würde, die Notrutschen herauskämen und das Besteigen des Rettungsflosses gelänge, wo befände sich das Messer, falls der auf allen Kontinenten hundertfach zertifizierte Ablösemechanismus versagen würde und die Leine, die das Flugzeug und das Rettungsfloss verbindet, durchschnitten werden müsste?» Nein, in Wahrscheinlichkeitsrechnung war ich nie ein Hirsch und ich entschuldige mich hiermit hochoffiziell beim Professor, dass ich während den Vorlesungen an der Uni stets die Zeitung las, aber dieser Fall ist so herbeikonstruiert, dass ich die Frage nicht beantworten wollte und konnte: Minuspunkt!

Terrain gut gemacht habe ich bei den Problemstellungen betreffend Gefahrenguttransporten. So wusste ich zum Beispiel, dass Handgranaten weder ins Handgepäck noch in den Reisekoffer gehören. Deutschen Lesern ist dies schon lange klar, bei uns wehrhaften Schweizern kann solch eine Frage schon mal zu Stirnrunzeln führen. In einer Gruppenarbeit wurde die Handgranatenfrage übrigens danach noch vertieft.

Beim fachgerechten Überziehen der Schwimmweste stand ich wie jedes Jahr im Mittelpunkt. Das orange Teil, konstruiert von einem kleinwüchsigen Franzosen aus einem Kaff nahe der spanischen Grenze, lässt sich nicht, oder nur mit grossem Kraftaufwand über meinen Kopf mit einem Umfang von 64 cm stülpen. Da im Übungsraum keine Gleitcreme zur Hand ist, leuchten meine Ohren nachher wie die Signalraketen aus dem Rettungsfloss mit dem Messer, das sich an einem mir immer noch unbekannten Ort befindet.

Endlich Pause. Der Küchenchef verwöhnt uns mir Rehpfeffer, Spätzle und Rotkraut. Gefolgt von Kaffee und Panna Cotta, das schmeckt wie in einem Gourmetrestaurant an bester Lage.

Minuten nach dem der kalorienreiche Dessert im Gaumen verschwand, sitzen wir vor den Computerbildschirmen und Starten den Test. Die Messerfrage kommt nicht, die Handgranatenfrage auch nicht. Verfahren bei Druckabfall und beim Verschütten giftiger Flüssigkeiten werden abgefragt - ich brilliere! Auch zu Themen wie Flugzeugentführung und Sauerstoffflaschen weiss ich Bescheid! Alles richtig - 100%.
Nächstes Jahr komme ich wieder. Vielleicht weiss ich dann wo sich das Messer befindet und vielleicht haben sie bis dann grössere Schwimmwesten. Ich bleibe dran!


Nachtrag:
Nicht nur Informationen zu Notfallszenarien und -ausrüstung wurden uns mitgegeben, sondern auch richtig gute Tipps für zwischenmenschliche Begegnungen. So z.B. die SEX-RULES für die Layovers:

Kommentare:

  1. Danke für die netten Zeilen. Einmal mehr hast du ein eher fades Thema super beschrieben. Habe mit Freude deine Zeilen gelesen!

    Ich freu mich auch jedes mal sehr auf den ganz spziellen Tag im Jahr.

    Grüsse René

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  2. Glückwunsch und vielen Dank für die interessanten Ausführungen, war wie immer sehr amüsant.
    Wie sehen denn die Weihnachtstage bei einem Copiloten aus? Gibt es frei?
    Ich wünsche schon mal fröhliche Weihnachten und freue mich auf weitere "Geschichten"

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  3. Das erinnert doch gleich wieder an unseren Tag den wir hatten, allerdings ohne Test am Schluss, dafür dann mit einem in Bern, aber egal, alles vorbei.

    Wegen dem Messer, wo sich das befindet wüsste ich auch nicht, aber wenn der Flieger versinkt löst sich das Floss von alleine, es hat noch eine "Sollbruchstelle", die reisst bei etwa 600 kg, wenn ich das noch richtig im Kopf habe :-)

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  4. Einfach genial dein Nachtrag. Hab erst beim zweiten Lesen den Witz begroffen :-)

    Einmal mehr super, Danke!

    Hat sich ausgezahlt, dass ich nochmals geschaut hab, ob wieder was neues publiziert ist.

    Grüsse René

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  5. Habe mich köstlich amüsiert, und bei diesen Geschichten gibt es immer auch den einen oder anderen "Bonus Track".

    Das was zwischen den Zeilen steht.

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  6. Gibts die zum Aufhängen und an die Wand hängen?.... :P

    Piloten sind echt vielseitig...

    LG Sevo

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  7. Danke für die Kommentare. Wünsche Euch allen schöne Festtage! Mich zieht es am 26. wieder nach ......
    Details in der nächsten Geschichte :-)

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  8. Die Eselsbrücke mit dem Arbeiten und Reden wird mir wohl ewig bleiben und mich bei einer allfälligen Frage in meinem ersten Test dazu genüsslich grinsen lassen...

    ...und das Foto hab ich mir grad ausgedruckt und in mein "NEED2KNOW"-Büchli geklebt... ich freue mich schon auf meinen nächsten Nightstop :-)

    schöni fiirtäg, ich warte mal drauf, für welchen Kollegen ich die Flüge am Heiligabend übernehmen darf, wenn mich das Christkind anruft...

    G!

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  9. G!
    Dann wünsche ich schöne Festtage. Ich hatte diesmal Glück. Ohne zu Bidden Weihnachten & Neujahr frei - dazu die ersten drei Wochen im Januar ohne einen einzigen Flug -> Maximalstunden lassen Grüssen!

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  10. Danke, wünsche ich Dir auch. Bisher hat's noch nicht geklingelt und ich warte gespannter als auf's Christkind :-)

    Maximalflugstunden? Wahnsinn... Je nachdem düfte es dann bald Probleme mit den Minimallandungen geben ;-)

    Schöne Feiertage, G!

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  11. Hallo, wo Sie gerade beim Auffrischen sind: Bei Golffox lass ich, dass Sie mal MD-11 geflogen sind (http://freighterdog.blogspot.com/2006/02/wie-bezwingt-man-eine-diva.html#links). Für die ist ein Mindestgewicht (sic!) vorgegeben. Haben Sie eine Ahnung weswegen?

    P.S.: Ich hoffe, mein Beitrag entspricht der ß-freien schweizer Rechtschreibung :-)

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