Montag, Dezember 31, 2007

Danke 2007

Bin viel geflogen, ausgiebig gewandert, habe viel gelacht, wenig geflucht. Gute Begegnungen mit interessanten Leuten bereicherten das Jahr ebenso wie das Zusammenprallen mit einigen mir nicht so sympathischen Zeitgenossen.
Liebes 2007, wünsche Dir heute Nacht einen Abgang mit Würde!

Limmattal in Februar 2007

Silvaplana im April 2007

Mutschellen im Dezember 2007

Donnerstag, Dezember 27, 2007

ET - Environmental threat


Zum zweitletzten Mal im 2007 bin ich heute über Turkmenistan aus der Schlafkoje gekrochen. Kleine Druckstellen an den Fusssohlen und am Haaransatz zeugen davon, dass dieses Ruhebett mit einer Länge von 195 cm unwesentlich von meiner Körpergrösse von 196 cm abweicht.
Zum zweitletzten Mal im 2007 füllte ich meinen überdimensionalen Becher mit Nespresso (what else?) und schaue auf die wunderschöne Landschaft hinaus.

Unter uns das iranisch-turkmenische Grenzgebiet, wo riesige Erdgasvorräte schlummern.
Ab und zu züngeln riesige Flammen aus einem Kamin und einmal mehr stellt sich mir die Frage, ob man das Erdgas nicht auch sinnvoller hätte gebrauchen können.
Umweltdiskussionen machen auf zehn Kilometern Höhe wenig Sinn und so träume ich stumm vor mich hin. Der Kollege links von mir - drei Zentimeter kleiner, sechs Monate jünger und 19 Kilogramm leichter, holt mich mit einer provokativen und indiskreten Frage aus meinen Tagträumen heraus. «Wie schwer bist Du eigentlich?»
Ich antworte wahrheitsgemäss, schliesslich hat man in meinem Alter keine Geheimnisse mehr. Noch während ich versuche unter einer dicken Dunstglocke die Stadt Delhi zu erspähen, kommt sein vernichtendes Urteil wie aus einer Kanone geschossen: «You‘re an ET - an environmental threat!»

Jetzt bin ich wirklich wach. Stirnrunzelnd betrachte ich meinen momentanen Chef und frage ihn berechtigterweise, warum ich zum Henker eine Gefahr für die Umwelt darstellen soll.
Schliesslich habe ich ein paar Stunden zuvor intensiv geduscht und ein Fürzchen ist mir, wie meine Nase sofort bestätigt, auch nicht entwichen.
Er zückt ein Blatt Papier und rechnet vor, wieviel Kerosin es mehr pro Jahr kostet, mich statt eines durchschnittlichen Crewmembers zu transportieren.
Jetzt muss man wissen, dass jedes Mitglied der Besatzung inklusive Gepäck mit 90 Kilogramm zu Buche schlägt. Ich bringe es nach dem Toilettengang zusammen mit dem Koffer, den Schuhen Grösse 48, der Jacke, dem iPod, dem Ersatzhemd, der Freitagtasche, dem Computer, dem Fotoapparat, den Flugunterlagen, der Zahnbürste, dem Duschmittel, dem Einwegrasierer, dem Schaum und dem Lesebuch auf sicherlich 150 kg. Sage und schreibe 60 kg Übergewicht!
Gleichzeitig erschreckend und interessant ist die Tatsache, dass auf einem Langstreckenflug der Transport eines zusätzlichen Kilogramm Masse rund 250 - 300g Kerosin kostet. Wegen mir - und nur wegen mir, sind also heute 20 Kilogramm oder 25 Liter Kerosin mehr verbraucht worden.
Bei etwa 100 geflogenen Teilstrecken pro Jahr, ergibt sich die beängstigende Summe von 2500 Litern. Das sind 50‘000 Km mit dem Toyota Prius oder 8‘900 km mit einem Hausfraueneinkaufswagen, genannt SUV.
Ich bin wirklich ein ET!
Trotz dieser Last, die ich noch jetzt trage, habe ich das Schiff sanft (und wie sanft!) in Hongkong gelandet. Kalt lässt mich diese Erkenntnis nicht, darum schlage ich folgende Massnahmen vor:

Kurzfristig müssen auf Flügen, auf denen ich als Copilot «on duty» bin, junge & knackige Kolleginnen geplant werden, die dank ihres Federgewichtes meine Wenigkeit etwas kompensieren.
Mittelfristig sollen Copiloten in meiner Gewichtsklasse deutlich weniger arbeiten und langfristig muss ich wohl oder übel 60 Kilogramm abnehmen. Wenn das kein Vorsatz für das Jahr 2008 ist!

Donnerstag, Dezember 20, 2007

auf der Schulbank

Einmal im Jahr trifft es jeden. Einmal im Jahr flattert der Marschbefehl des «Training Centers» ins Haus und fordert die einzelnen Crewmitglieder zum «Emergency Test» auf. Lizenzrelevat ist dies und ein Nichtbestehen des Testes kann zum temporären Grounding jedes Einzelnen führen.
Dementsprechend angespannt trifft man sich in aller Herrgottsfrühe im Schulzimmer und wartet auf die Inquisitoren, die pünktlich auf die Sekunde mit den Kurs beginnen. Flight-Attendants trifft es besonders brutal. Gerade einmal zehn Minuten nach Beginn des unendlich langen Tages werden sie zu der Prüfung aller Prüfungen aufgeboten.
Mit uns Piloten meint es der Planungsverantwortliche einmal mehr wesentlich besser. «Door Drills» steht als Programmpunkt 1 auf dem Tagesplan. Eine ausserordentlich charmante Instruktorin führt uns zur ersten Hürde des Tages und steht selbstsicher vor einer Flugzeugtüre, demonstriert in einer unglaublichen Geschwindigkeit die verschiedenen Öffnungsmöglichkeiten der hochkomplizierten Pforte und verlangt von uns exakt das Gleiche. Völlig unterkoffeiniert betrachten wir die komplizierten Griffkombinationen und versuchen beim Selbstversuch den Schaden an der Einrichtung in Grenzen zu halten.
Einwände, dass man zwecks Förderung der Flugsicherheit statt dem zackigen Öffnen von Flugzeugpforten einmal das sanfte Schliessen von Hotelzimmertüren üben sollte, werden unbeachtet in den Wind geschlagen.

Es geht weiter im Programm, denn der Tagesplan ist gedrängt. Beim Betreten des «Equipment Parks», wo der Umgang mit diversen Notfallhilfsmitteln geübt wird, spitzen wir die Ohren. Denn genau über diese Geräte, werden am nachmittäglichen Computertest unzählige Fragen gestellt.
So zum Beispiel über den Feuerlöscher. Für ein Gerät, - nein, schlichtwegs DAS Gerät -, das explizit dafür gebaut wurde, dass es ohne Bedienungsanleitung gebraucht werden kann, wurde eine Gebrauchsanleitung geschrieben, die wiederum von uns auswendig gelernt werden muss.
So ein Feuerlöscher nimmt man doch einfach in die Hand und benutzt ihn. Das ist irgendwie wie beim Pinkeln. Es käme auch niemanden in den Sinn, für das Wasserlösen eine Gebrauchsanweisung zu schreiben. Doch für den Feuerlöscher gibt es eine. Prompt werde ich vor versammelter Mannschaft etwas gefragt, dass ich nicht auf Anhieb und nicht mit den richtigen Worten beschreiben kann: Minuspunkt!
Dafür punkte ich bei den Notsignalsendern. Haben sie gewusst, dass der Notsignalsender vom A330 genau (!) 50 Stunden sendet und der des A340 über 48 Stunden? Ich schon! Pluspunkt!
Der Kapitän neben mir wird gefragt, wo sich die Megaphone und die Fireaxes auf dem Flugzeug befinden. Er zögert kurz und die Expertin dreht sich zu mir. Meine Eselsleiter die besagt, dass der Copilot viel arbeite und der Kapitän viel rede und sich folglich die Äxte eher auf der Copiloten- und die Megaphone auf der Kapitänsseite befänden, überzeugte die Instruktorin, nicht aber den Kapitän.

Weiter ging es im Programm und bald standen wir vor den Notrutschen. Die nächste Frage lautete im Wortlaut etwa so: «Falls eine Notwasserung klappen würde, die Notrutschen herauskämen und das Besteigen des Rettungsflosses gelänge, wo befände sich das Messer, falls der auf allen Kontinenten hundertfach zertifizierte Ablösemechanismus versagen würde und die Leine, die das Flugzeug und das Rettungsfloss verbindet, durchschnitten werden müsste?» Nein, in Wahrscheinlichkeitsrechnung war ich nie ein Hirsch und ich entschuldige mich hiermit hochoffiziell beim Professor, dass ich während den Vorlesungen an der Uni stets die Zeitung las, aber dieser Fall ist so herbeikonstruiert, dass ich die Frage nicht beantworten wollte und konnte: Minuspunkt!

Terrain gut gemacht habe ich bei den Problemstellungen betreffend Gefahrenguttransporten. So wusste ich zum Beispiel, dass Handgranaten weder ins Handgepäck noch in den Reisekoffer gehören. Deutschen Lesern ist dies schon lange klar, bei uns wehrhaften Schweizern kann solch eine Frage schon mal zu Stirnrunzeln führen. In einer Gruppenarbeit wurde die Handgranatenfrage übrigens danach noch vertieft.

Beim fachgerechten Überziehen der Schwimmweste stand ich wie jedes Jahr im Mittelpunkt. Das orange Teil, konstruiert von einem kleinwüchsigen Franzosen aus einem Kaff nahe der spanischen Grenze, lässt sich nicht, oder nur mit grossem Kraftaufwand über meinen Kopf mit einem Umfang von 64 cm stülpen. Da im Übungsraum keine Gleitcreme zur Hand ist, leuchten meine Ohren nachher wie die Signalraketen aus dem Rettungsfloss mit dem Messer, das sich an einem mir immer noch unbekannten Ort befindet.

Endlich Pause. Der Küchenchef verwöhnt uns mir Rehpfeffer, Spätzle und Rotkraut. Gefolgt von Kaffee und Panna Cotta, das schmeckt wie in einem Gourmetrestaurant an bester Lage.

Minuten nach dem der kalorienreiche Dessert im Gaumen verschwand, sitzen wir vor den Computerbildschirmen und Starten den Test. Die Messerfrage kommt nicht, die Handgranatenfrage auch nicht. Verfahren bei Druckabfall und beim Verschütten giftiger Flüssigkeiten werden abgefragt - ich brilliere! Auch zu Themen wie Flugzeugentführung und Sauerstoffflaschen weiss ich Bescheid! Alles richtig - 100%.
Nächstes Jahr komme ich wieder. Vielleicht weiss ich dann wo sich das Messer befindet und vielleicht haben sie bis dann grössere Schwimmwesten. Ich bleibe dran!


Nachtrag:
Nicht nur Informationen zu Notfallszenarien und -ausrüstung wurden uns mitgegeben, sondern auch richtig gute Tipps für zwischenmenschliche Begegnungen. So z.B. die SEX-RULES für die Layovers:

Sonntag, Dezember 16, 2007

pilotische Wünsche ans Christkind

1987:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass ich als Erster der DC-10 Flotte den neuen 911er abholen kann.
-dass ich nicht zwei Mal nacheinander den Einundzwanzigtäger Rio bekomme.
-dass ich auf dem Weg nach Hongkong nicht schon in Bombay Krach mit den Chef habe.
-dass ich keine meiner Ex-Freundinnen in Karachi auf dem Segelboot treffe.
-dass mich meine Frau nach drei Wochen Flugdienst noch kennt.
-dass die Knoblauchspaghetti in Dakar nie ausgehen werden.
-dass ich nächstes Jahr nicht mehr als 350 Stunden fliegen muss.
-dass der Lohn wieder mit zweistelligen Prozentzahlen steigt.
-dass der Chef einmal auf den Kaviar verzichtet.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1430 Uhr dauert.
-dass ich noch bis 58 arbeiten darf.
-dass ich nie mit 2 Triebwerken über den Atlantik fliegen muss.

1997:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass keines der Optimierungsprogramme nach mir benennt wird.
-dass mein Fahrrad im Keller des Swissôtels in Peking nicht geklaut wird.
-dass ich in Hongkong keine Ex-Freundin treffe.
-dass ich nächstes Jahr nicht mehr als 550 Stunden fliegen muss.
-dass der Chef einmal auf den Kaviar verzichtet.
-dass sich meine Firma aus Übermut nicht selber kauft.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1630 Uhr dauert.
-dass der Lohn um ein paar Prozentpunkte steigt.
-dass der Passat mit Allradantrieb erhältlich ist.
-dass ich mit 55 in die Rente gehen kann.

2007:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass der Lohn nur um ein paar Prozentpunkte sinkt.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 1830 Uhr dauert.
-dass ich nächstes Jahr nicht länger als 900 Stunden fliegen muss.
-dass mein Leasingantrag für den Toyota Prius bewilligt wird.
-dass ich im 2008 wenigstens einmal bestätigte Ferien habe.
-dass ich zum Thema Uniformreglement keinen e-Test machen muss.
-dass es vielleicht wieder einmal Kaviar an Bord gibt.
-dass ich wieder einmal eine Ex-Freundin treffe.
-dass ich 2008 keinen neuen Pin von der Firma bekomme.
-dass ich mit 58 in die Rente gehen kann.
-dass ich das Ferienreglement endlich verstehe.

2017:
Liebes Christkind, ich wünsche mir,
-dass ich wieder einmal einen langen New York bekomme, damit ich in den zwei Stunden Aufenthalt im Duty Free eine kleine Freiheitsstatue kaufen kann.
-dass der Groundschoolrefresher nicht länger als bis 2330 Uhr dauert.
-dass wenigsten einmal der Autopilot ausfällt und ich wieder einmal ein Flugzeug lenken kann.
-dass ich nächstes Jahr nicht länger als 1900 Stunden fliegen muss.
-dass die Ferien wieder eingeführt werden.
-dass die Copiloten wieder eingeführt werden.
-dass meine Freiwünsche beim Eisprung meiner Frau bewilligt werden.
-dass ich mit 75 in Rente gehen kann.
-dass ich nicht mit einem Triebwerk über den Atlantik fliegen muss.
-dass ich nicht im Cockpitsitz für ewig einschlafe.

Mittwoch, Dezember 12, 2007

Landschaften auf dem Weg nach Hongkong

höchstgelegener Starbucks der Welt


beim Dreiländereck Iran-Afghanistan-Pakistan


Wegweiser an der afghanisch-pakistanischen Grenze


Grenze von Pakistan und Indien bei der Thar Wüste


einer von tausend Flüssen in Bangladesh


Kunming, China


Lake Dian Hu, Kunming, China


in der Nähe von Nanning, China


Anflug Hongkong 25R


Piste in Sicht


Ziel erreicht

Dienstag, Dezember 11, 2007

Grounding eines Grounders

«Sind sie zufrieden mit dem Flug?»

«Ja, es ist nicht mehr wie früher, aber daran sind sie ja nicht ganz unschuldig.»

«Warum sind sie im Stress?»

«Aha, Abschreibungen, Kreditkrise. Ach wissen sie, ich interessiere mich schon lange nicht mehr für die Wirtschaft und die Politik.»

«Ja, diesmal trifft es die Banken, aber das ist bei ihrem Salär ja kein Problem.»

«Bonusrelevant? Was ist ein Bonus?»

«Jetzt verdienen sie halt einmal etwas weniger als dieser Chef der Pharmabude und der Euromillions Hauptgewinner von letzter Woche.»

«Ja gut, der Einbruch ihres Einkommens ist enorm, aber es bleiben ihnen ohne Boni ja immer noch weit über 2 Millionen.»

«Ja, wir sind immer und überall über Funk und Satellit erreichbar.»

«Warum wollen sie nicht erreichbar sein? Ein Mann in ihrer Stellung sollte doch immer seine wichtigen Entscheidungen kommunizieren können.»

«Aha, sie sind grundsätzlich für niemanden erreichbar! Nicht einmal für einen Bundesrat?»

«Also doch, für den machen sie eine Ausnahme. Der will ja auch kein Geld von ihnen, er hat ja selber genug davon. Ein kleiner Witz entschuldigen sie.»

«Ja, wir landen pünktlich in Hongkong.»

«Ja, die Banken haben dann noch offen. Wollen sie Kollegen besuchen?»

«Nein, das geht mich wirklich nichts an, Entschuldigung.»

«Aber Geld abheben können sie doch an jedem Bankomaten in der Schweiz.»

«Was zehn Milliarden? Nein, soviel hat kein Geldautomat gebunkert.»

«Also, ich muss jetzt. Das Flugzeug muss noch gelandet werden.»

«Ja, das macht bei uns auch der Copilot.»

«Ob das sicher ist? Klar, wir haben eine gute Ausbildung und Übung im Umschiffen von gefährlichen Hindernissen.»

«Aha, Kreditprüfung nennen sie das bei ihnen.»

«Wenn sie das nächste Mal ein paar Tipps brauchen, rufen sie ungeniert an. Wir scheinen im Einschätzten von Risiken mehr Erfahrung zu haben.»

«Ich ihnen auch. Adieu»

Freitag, Dezember 07, 2007

die nächtliche Jagd über dem Wasser

Es ist früher Abend in Chicago und mitten in der Nacht in meinem Körper. Nach einem schneereichen Tag, präsentiert sich die Stadt am Lake Michigan im besten Licht. Der Himmel ist wolkenfrei und lässt dank der bissig kalten Temperaturen den Sternenhimmel wundervoll erleuchten.
Wir stehen mit laufenden Triebwerken am Anfang der Piste 32R und warten auf die Startfreigabe. Der Himmel ist voll von fliegendem Blech. Links und rechts brausen startende und landende Flugzeuge an uns vorbei und die weibliche Stimme der Flugverkehrsleiterin redet wie ein Maschinengewehr. Wehe ein Pilot antwortet nicht sofort und wehe es wird nicht das gemacht, was sie befielt. Es braucht viel Konzentration der Dame zu folgen und im Cockpit ist es mucksmäuschenstill. Genau im Moment, als ich mir so vorstellte, wie das wohl wäre so ein schnelles Mundwerk zu Hause zu haben, schiesst unsere Startfreigabe durch den Äther: «Swiss 9 heavy, you‘re cleared for takeoff 32R». Als unsere A330 schon langsam Fahrt aufnahm, schoss noch ein landenden Flugzeug vor unserer Nase auf der kreuzenden Piste vorbei. Nichts ungewöhnliches hier in Chicago.

Knapp 150 Meter über Boden die Anweisung, sofort scharf rechts zu drehen. Vor uns erscheint die weihnachtlich beleuchtete Skyline der Millionenstadt. Ein wundervoller Anblick, der für die vorangehende Hektik mehr als entschädigt.
Dem Wetter sei Dank, sieht man in der Ferne bereits die Lichter von Detroit. In gut einer Stunde sollten wir Manhattan überfliegen und dann in die starken Winde des Jetstreams eintauchen. Diese Höhenwinde wehen heute mit einer Stärke von 150 Knoten, was so ungefähr 270 km/h entsprechen. Dementsprechend kurz ist unsere Flugzeit. Deutlich weniger als acht Stunden dauert die Reise über sieben Zeitzonen hinweg heute Nacht.
Der Wind nimmt langsam zu und als der Salat mit Balsamico Sauce gereicht wird, erscheint auf der linken Seite die Stadt Buffalo. Ausgerechnet über der Stadt New York tauchen die ersten Wolken auf. Auch nicht schlecht, so kann ich mich genüsslich dem Perlhuhn widmen, das zusammen mit etwas Gemüse und Mais an einer Morchelsauce vor meiner Nase steht.
Noch vor dem ersten Nespresso wird die Nordatlantik Freigabe eingeholt und die Route kontrolliert. Mit 82% der Schallgeschwindigkeit schickt uns der schlecht gelaunte Herr aus New York auf 38‘000 Fuss über das Wasser und wünscht uns nicht mal eine gute Nacht. Ein schwarzes Truffes aus der Manufaktur «Sprüngli» tröstet mich über die unfreundliche Kommunikation hinweg.
Etwa 300 Meter über unseren Köpfen schwebt ein Jet mit dem Ziel Frankfurt und 300 Meter unter uns die Kollegen aus Boston kommend.
Jetzt bläst der Wind mit 167 Knoten und es ist zu unserem Erstaunen ruhig wie in einer Kirche. Und genau wie in der Kirche während der Sonntagspredigt, fallen mir langsam die Augen zu. Ich erfrage beim Chef ein Timeout und bekomme es auch. Mein Sitz klappt nach hinten, die Augenbinde wird heruntergezogen und Sekunden später schwebe ich im Reich der Träume. Nach 35 Minuten das unsanfte Erwachen. Der Wecker schrillt und da bin ich wieder.

In regelmässigen Abständen werden die Flugzeugdaten überprüft und die Wettermeldungen der Ausweichflughäfen eingeholt. Positionsmeldungen macht über dem Nordatlantik seit gut zwei Jahren ein Computer, der mit Kurznachrichten die Bodenstation mit den notwendigen Daten füttert.
Es hellt langsam auf und die Sonne scheint uns direkt in die Birne. Vor uns fast in Griffweite noch immer die Kollegen aus Boston. Wunderschön, wie sich ihr Kondensstreifen in der Sonne abzeichnet.



Wir reduzieren etwas die Geschwindigkeit, um der Bodenstelle in Paris das Entflechten der Flugzeuge einfacher zu machen.
Basel kommt näher, Klappen werden gefahren, Bremsklappen aus- und wieder eingefahren, Gäste verabschiedet, die Räder herausgefahren und kurz vor dem Boden leicht am Sidestick gezogen.
Eine lange nächtliche Jagd geht zu Ende und zur planmässigen Ankunftszeit sitze ich schon in meinem Wagen und verlasse das Parkhaus am Flughafen.

Zur Mittagszeit bin ich zu Hause und erreiche den Autounterstand genau im Moment, als ein zünftiger Regenschauer über das Schweizer Mittelland zieht. Dies ist mir ziemlich egal, denn alles was jetzt zählt ist das weiche Bett. Guet Nacht!

Mittwoch, Dezember 05, 2007

dem Ingenieur ist nichts zu schwer


Beziehungen sind das Salz in der Suppe, der Zuckerguss auf dem Kuchen oder die Fettpölsterchen an den männlichen Rippen.
Es geht ohne sie, aber ohne sie wird die Perfektion nie erreicht.

Ein guter Pilot hat eine Beziehung zu seiner Frau, vielen Stammkneipen in aller Welt, der Schlaflosigkeit, den unzähligen Kleinlebewesen in den Hotelbetten und natürlich zu seinem Steuerknüppel.

Wir als Airbuspiloten haben da natürlich einen ungemeinen Vorteil gegenüber den Kutschern anderer Fabrikate, denn unser Knüppel ist wirklich etwas Spezielles. Er liegt fantastisch in der Hand, ist allzeit bereit, bocksteif, hat eine unglaublich ergonomische Form und versteckt sich dezent, wenn er nicht gebraucht wird.
Drückt man an der richtigen Stelle, jault das Flugzeug auf und lässt fast alles mit sich machen. Ein wunderbares Teil um damit zu spielen und ein wunderbares Teil, um darüber zu schreiben.
So habe ich während dem Flug nach Chicago ein Foto vom eben ihm geschossen, um es nachher richtig präsentieren zu können.

Fotografieren ist heute ja kinderleicht. Meine flache DSC-T1 lichtete wie befohlen ab und die Bildinformationen verschwanden im MEMORY STICK PRO DUO. Um jetzt das Foto in das MacBook zu bekommen, habe ich grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder ich verbinde den DSC-T1 über ein spezielles Kabel mit dem USB PORT oder ich operiere den MEMORY STICK PRO DUO mit meinen Wurstfingern aus dem DSC-T1 heraus, stecke das filigrane Teil in einen UNIVERSAL MEMORY ADAPTER und führe diesen vorsichtig in den USB PORT ein.
Die erste Variante fällt heute weg, da Spezialkabel und dazugehörendes Netzgerät zu Hause im Keller schlummern. Würde ich den UNIVERSAL MEMORY ADAPTER auch finden, wäre das Lichtbild schon längstens im Kasten. Doch wo ist bloss das grüne Teil? Es ist nirgends zu finden und ich suche verzweifelt nach Alternativen. Wäre mein DSC-T1 mit einen BLUETOOTH PORT ausgerüstet, könnte ich das Bild auch über eben dieses BLUETOOTH senden. Fehlanzeige.
In meinem elektronischen Werkzeugkasten finde ich drei Kopfhörer, zwei USB MEMORY STICKS, aber leider kein UNIVERSAL MEMORY ADAPTER.
Irgendwie ist dies alles so unerotisch, dass ich verstehen würde, wenn mein so gelobter Steuerknüppel schlapp herunterhängen würde - tut er aber nicht.

Kurz bevor ich fast verzweifelte, der Ideenblitz in letzter Sekunde. Ich starte das PHOTOBOOTH Programm und mache einen SCREENSHOT meines DSC-T1 Displays.
Einfach genial! Beim Betrachten meines Werkes stelle ich mir ernsthaft die Frage, was meine Kollegen früher in der wunderbaren Stadt Chicago auch gemacht haben, als es all diese wunderbaren elektronischen Spielzeuge noch nicht gegeben hat?

Sonntag, Dezember 02, 2007

es knistert im Gebälk

Mal angenommen es gäbe irgendwo in der Welt eine fiktive Firma, die in einer beliebigen Branche recht erfolgreich ist. Diese Firma ist angesehen, beliebt, hat schon einige Turbulenzen überlebt, stand in ihrer jungen Geschichte schon einmal nahe am Abgrund und hat einen aufgestellten, motivierten und engagierten Personalkörper.
Kollegialer Umgang ist Tradition und Hierarchien werden dort und dann aufrecht erhalten, wenn es der Hierarchieobere als angebracht erachtet. Man sitzt gerne an seinem Arbeitsplatz. Es wird ohne Murren ab und zu länger gearbeitet und Treffen nach der Arbeitszeit sind häufiger als in vergleichbaren Firmen.
Die Mitarbeiter haben während der letzten Krise die Botschaft der Führung verstanden und sind der Aufforderung, den Gürtel enger zu schnallen, leicht zähneknirschend gefolgt. Wie immer wurden in den Medien die Repräsentanten für den erfolgreichen Rettungsversuch gelobt, der Oberste im Organigramm hat aber nicht vergessen, wer die Opfer brachte. Es folgten Apéros, Weihnachtsessen, Feste und Jubiläen.

Eigentlich typisch für diese Firma, denn Harmonie ist ein wichtiges Gut und wird dementsprechend gehätschelt und gepflegt. Sogar Richtlinien wurden entwickelt, wie der einzelne Mitarbeiter im Konfliktfall dem Anderen den Spiegel vorhalten soll. Zeiten, wo man sich spontan die Meinung sagte, sind Vergangenheit. Dafür gibt es in dieser Firma Checklisten, die praktischerweise in jeden Geldbeutel passen. Zuerst die Frage, ob das Gegenüber bereit ist, die sicherlich nicht allgemein gültige Meinung über sich zu erfahren. Lautet die Antwort «Ja», soll das Gesagte unbedingt mit den Worten «ich finde» beginnen. Jetzt sind wir schon beim ersten Problempunkt: Es funktioniert nicht bei nonverbalen Botschaften wie Stinkefinger um Luft abzulassen, Nase zuhalten bei unangenehmer Duftabsonderung oder leichtem Antippen der Schläfe mit dem Zeigefinger bei Denkausfällen. Dabei sind doch gerade diese Gesten der ideale Einstieg in ein hitziges und oft sehr fruchtbares Streitgespräch.

Auch die Teamarbeit wird in dieser Firma grossgeschrieben. Teamarbeit ist so ein Ausdruck, der nur positiv behaftet ist. Jedermann findet Teamarbeit gut, gelobt werden gute Teamplayer, geächtet teamunfähige Einzelkämpfer. Kennen sie jemanden, der sich selber nicht als guten Teamplayer hinstellt oder Teamarbeit schlecht findet? Ich nicht!
Natürlich gibt es gerade in dieser Firma Bereiche, wo gute Teamarbeit unumgänglich - ja lebensrettend ist. Doch wo Weiss ist, ist auch Schwarz.
Erstaunlicherweise hat niemand auch nur ansatzweise den Teamgedanken hinterfragt. Teamarbeit kann auch ein sehr anstrengender Prozess sein, indem die Gutmütigen durch Egoisten ausgebeutet werden. Es braucht viel Organisation, Zeit und Originalität werden vergeudet und die Kreativität und die Qualität können dadurch leiden. Ein guter Teamplayer passt sich idealerweise der Mehrheit an. So kommt das Team schnell zu Ergebnissen und es wird gelobt. Bei grossen Erfolgen ist der Teamchef der Held, bei Misserfolgen hat das Team als Ganzes versagt. Zum Glück stellt sich niemand in dieser fiktiven Firma gegen die gängigen Denkmuster, denn Widerstand stört die Harmonie und das gute Arbeitsklima.

Doch dann eines Tages knistert es im Gebälk. Es ist eine Kleinigkeit, die Unfrieden stiftet. Fast wie in der Ehe, ist man versucht zu sagen. Wut staut sich auf beiden Seiten auf. Es fallen unschöne Worte und man liegt sich in den Haaren. Die Ersten laufen davon, einzelne Produktionsausfälle sind zu verzeichnen und die Motivation fällt im freien Fall. Am Schluss zählt nur noch die gegenseitige Zerstörung.
Haufenweise Berater stürmen die Gänge und versuchen zu analysieren, was es zu analysieren gibt. Ordner werden gefüllt und Honorare fliessen - beides nicht zu knapp. Es hilft alles nichts, die Felle schwimmen davon.

Jahre später analysiert ein Philosophe das Geschehene. Beim Studium alter Personalakten stösst er unnatürlich oft auf die Wörter «gutes Feedback», «konfliktfähig», «kritikfähig» und «motiviert». Nach genauer Überprüfung der Geschehnisse realisiert der Gelehrte, dass genau diese hochgehaltenen Begriffe missverstanden wurden. Wer als konfliktfähig, kritikfähig und motiviert galt, war in Tat und Wahrheit ganz einfach stumm. Feedbacks gab es, aber in der Regel nur in einer Richtung.
Unter sein Untersuchungsdossier schreibt der Philosophe seine kurze Schlussfolgerung mit roter Tinte: In dieser Firma hat man vor lauter Harmonie das Streiten verlernt. Man hat nur noch geliebt oder gehasst, gestritten wurde nicht mehr.

Zum Glück ist diese Firma nur Fiktion.