Dienstag, November 13, 2007

while you were sleeping

Die Kabine ist dunkel und in allen Klassen wird unterschiedlich laut geschlafen. Es sind jetzt fast fünf Stunden vergangen, seit wir in Zürich bei nasskaltem Wetter den Boden verliessen und unterstützt durch kräftige Westwinde, die Flugzeugnase Richtung Hongkong drehten.
Im Cockpit begrüssten wir die aufgehende Sonne vor ein paar Minuten mit unterschiedlicher Begeisterung. Einerseits ermöglicht uns das Tageslicht einen unvergleichlichen Blick auf das Tien Shan Gebirge, andererseits brennt die grelle Sonne in den müden Augen.
Fasziniert Blicke ich aus dem Cockpitfenster auf die Stadt Urumqi. Die Metropole, gelegen am Fuss eines 5445 hohen Berges, präsentiert sich wie immer im rauchigen Dunst. Reiche Kohle- und Erzvorkommen machen diese Stadt zu einem Zentrum der Stahlindustrie. Es sind jetzt ziemlich genau drei Jahre her, seit ein Feuer in einem Kohlebergwerk, das sage und schreibe 130 Jahre gebrannt hat, endlich gelöscht werden konnte. Ob sich die Luftqualität in diesem Moloch seither wirklich gebessert hat, wage ich zu bezweifeln.
In den nächsten drei Stunden bleibt es bergig und wir tun gut daran, mögliche Fluchtwege im Falle eines Druckabfalles in der Kabine bereit zu halten.
Entlang alten Pfaden der Seidenstrasse hält das Flugzeug südöstlichen Kurs und im Norden öffnet sich die weite Ebene der Wüste Gobi. Unter uns taucht die Stadt Hami, 200 Meter unter Meer gelegen, unter einer Dunstglocke auf. Die Gegensätze könnten grösser nicht sein. Aus dem rechten Fenster blickend die schneebedeckten Berge, deren Spitzen jetzt 6500 Meter überschreiten und links von uns diese unendliche Wüste.
Eine halbe Flugstunde später drehen wir über dem Funkfeuer von Jinchang eine leichte Rechtskurve. Gemäss meiner Karte müsste das westliche Ende der über 6000 km langen chinesischen Mauer ganz in der Nähe sein.
Das Gebirge faltet sich jetzt immer stärker. Nach Lanzhou, dem Ausgangspunkt der Eisenbahnstrecke nach Lhasa, die über den 5225 Meter hohen Tangulapass führt, ist es nicht mehr weit.
Hinten im Flugzeug schlafen die Passagiere noch immer tief und freuen sich auf die baldige Landung in Hongkong. Für viele ist die ehemalige Kronkolonie ein Höhepunkt ihrer Ferien. Die wenigsten realisieren aber, dass sie den Höhepunkt ihrer Reise schlicht und einfach verpennt haben.

Kommentare:

  1. Diese Aussicht würde ich ja unheimlich gerne auch mal erleben. Aber zum einen felhen hinten die Panoramascheiben und zum anderen habe ich noch jedes Mal einen Rüffel bekommen wenn ich in den verordneten 'Schlafzeiten' ein Fenster geöffnet habe...
    Danke & viele Grüsse
    Daniel, sleepless in Airplanes

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  2. Danke dass du uns einmal mehr mit nach HKG nimmst, der Beitrag hat mir sehr gefallen.

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  3. Deine Zeilen werde ich bei meinem nächsten Trip nach HKG anfangs Dezember beherzigen , und versuchen, endlich einmal etwas von der Route mitbekommen. Vielleicht ist ja dann die erste Nacht in HKG nicht mehr schlaflos, wenn ich etwas weniger schlafe auf dem Flug.... ;-)
    Grüsse, Tomy

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  4. Ja Fotos wären cool! Wobei es live zu sehen wohl um Welten besser sein wird!

    Schön be- und geschrieben,

    Lg Sevo

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  5. Das wäre ein Erlebnis.. Ich habe es auch noch nie gesehen. Fotos wären TOLL!

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  6. "in allen Klassen wird unterschiedlich laut geschlafen"...
    eine klassenlose Gesellschaft, letztendlich.

    Das Thien Shan Gebirge, Urumqui, ein unterirdischer Brand, der 130 Jahre andauerte, die Seidenstrasse, Hochgebirge rechts, die G(l)obiwüste links; wer kennt den Tangulapass?

    So schön be- und geschrieben aus eurem "Panoramastübli".
    So an s c h a u lich daß ich nicht mal die Fotos vermisse.

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  7. Wie Recht Du hast, das denke ich schon bei uns immer wieder. Ein Freund von mir hat grad vorgestern mit seinem Kranich 330er auf dem Weg nach BAH nahezu ganz Irak (!) überflogen. Das muss auch sehr beeindruckend gewesen sein, hat ihn aber auch nachdenklich gestimmt (aber zu ähnlichem im Afrika hast Du ja auch schon gepostet).

    So, Winterops und Refresher rufen... :-)

    Happy Flights, G!

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  8. .... Danke für Eure Kommentare. Da ich die nächsten Wochen nur nach HKG fliege (HIP HIP HURRA), versuche ich die Fotos nachzureichen.

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