Montag, November 19, 2007

Szenen einer Ehe

Oft werde ich gefragt, wie es denn so sei, nächtelang mit einer mehr oder weniger fremdem Person im Cockpit zu sitzen. Meine Antwort ist auf diese Frage ist so vielfältig, wie meine Kollegen im Führerstand. Es ist aufregend, langweilig, spannend, ermüdend, abwechslungsreich, eintönig, lustig, ernst, locker, steif, endlos, kurzweilig, aber immer auch lehrreich.
Ich habe schon intime Details von Partnerschaften vernommen und unzählige Fotoalben von Ferienhäusern und Hunden gesehen. Blankpolierte Sportwagen wurden ebenso stolz präsentiert, wie der kurz geschnittene Rasen neben der Garageneinfahrt. Kein Verständnis zeige ich für Computerprobleme, die mit Windows zusammenhängen und taube Ohren habe ich bei religiösen Annäherungsversuchen. Ich lache herzlich bei stilvollen Witzen und aus Höflichkeit bei denen, wo sich der Erzähler selber blamiert. Ich mag gute Redner genauso, wie solche die mich beim Studium der Zeitung in Ruhe lassen. So hat jeder seine Macken und die gilt es zu akzeptieren.
Wo Menschen in engen Räumen zusammenkommen, geschehen seltsame Dinge, über die Analysten schon Bände gefüllt haben. Komplex wird es, wenn Aufträge unklar und Kompetenzen nicht verteilt sind. Dies ist zum Glück in einem Cockpit nie der Fall. Der Linkssitzer ist bei uns der Chef, der Rechtssitzer der Zudiener. So zumindest die formellen Strukturen.
Eigentlich sind wir im Cockpit temporäre Ehepartner mit dem Kapitän als Oberhaupt. Dabei gibt es Ehen, die sehr patriarchisch geführt werden, solche die an Kommunen der 70er Jahren erinnern (selbstverständlich ohne die sexuelle Komponente), andere die ohne Worte auskommen, die hitzigen, die abenteuerlichen und die lockeren.
In dieser temporären Ehe ist der Kapitän der Kopf und ich der Hals. Er bestimmt den Kurs und ich sorge dafür, dass er in die richtige Richtung blickt. Dieses Zusammenspiel klappt eigentlich schon seit Jahren sehr gut und hat sich bewährt.
Damit mögliche Ehekonflikte im Keim erstickt werden, sorgt die Gesetzgebung dafür, dass wir alle paar Monate in eine Eheberatung geschickt werden. Dies hat wie alle wichtigen Sachen einen englischen Namen und nennt sich Crew Ressource Management. Bis jetzt hat es genutzt. Handgreiflichkeiten hat es meines Wissens noch nie gegeben und wir akzeptieren uns so wie wir sind.
So kann ich auch morgen beim Briefing meinem Chef in die Augen schauen und sagen: Ja ich will.

Kommentare:

  1. Na Gott sei Dank gibt's CRM und somit wurde das Ende der Rosenkriege in so manchen Cockpit eingeläutet :-D

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  2. Jedes halbe Jahr das Ehegelübdnis erneuern. Nicht schlecht Herr Specht! Die hiesigen Standesamte wären permanent überlastet, so dass keine neuen Ehen mehr geschlossen werden könnten....

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  3. "In dieser temporären Ehe ist der Kapitän der Kopf und ich der Hals. Er bestimmt den Kurs und ich sorge dafür, dass er in die richtige Richtung blickt."

    Wahnsinn, das OM A in einen Satz zusammengefasst! Grossartig!

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  4. "selbstverständlich ohne die sexuelle Komponente" ??! ;-))

    Aha!

    ...tolle Ehe... tsss :-P

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