Donnerstag, November 22, 2007

Nahkampfgebiet Kowloon

Es gibt wohl kaum einen anderen Ort der Welt, wo man die freie Marktwirtschaft so hautnah erleben kann, wie in Tsim Tsa Tsui in Kowloon. Schon Sekunden nach dem Verlassen der Fähre, springen mich die indischen Händler an und versuchen Waren aller Art anzupreisen.
Kopierte Uhren fehlen genauso wenig im Angebot wie garantiert verwackelte Kinofilme auf DVD und frisch aus dem Hugo Boss Katalog geschneiderte Massanzüge. Diese indischen Strassenhändler sind vermutlich blutsverwandt mit den gefürchteten Telefonmarketingterroristen in unseren Breitengraden. Los wird man die Kletten nur, wenn man im Fundus der eigenen Anstandsregeln ganz tief unten die Schlechtesten hervorholt.
Fehlen für einmal die unfreundlichen Worte oder werden die abweisenden Gesten falsch interpretiert, hilft nur die Flucht in die nahe Starbucksfiliale. Mit liebe gebrauter Kaffee, Zeitungen aus aller Welt und ein offenes Internet bringen die strapazierten Nerven schnell vom gesundheitsschädigenden Niveau herunter.

Weiter geht mein Spaziergang Richtung Nathan Road. Baustellen machen den Ausflug zum Spiessrutenlauf und ziemlich deutlich wird dem Fussgänger aufgezeigt, wie tief er in der Verkehrshirarchie steht. Links in die Hankow Road hinein, am Peninsula Hotel vorbei, treffe ich vor dem Eingang zum Esprit Outlet auf zwei Flight Attendants unserer Crew. Eine kurze Begrüssung, einige Wortfetzen und weg sind sie wieder. Was bleibt ist die Frage, wie die Beiden die vielen Taschen am Abend in die Koffer bringen und die Erkenntnis, dass aufgrund der ungewöhnlichen Anhäufung der Wortkombination «ich muss ...» noch einige Taschen mehr dazukommen.

Bei der Abzweigung zur Nathan Road werde ich fast Opfer eines Verkehrsunfalles. Nicht etwa eines dieser roten Taxis oder ein stinkender Lastwagen hat mein Leib und Leben bedroht, sondern eine Horde Chinesen mit vollbeladenen Schubkarren. Als ob sie sich im Anschiebetraining für kommende Bobmeisterschaften befänden, pflügten sie ihre quietschenden Konstruktionen rücksichtslos durch die entgegenkommende Menschenmenge. Eine Kollision mit einem solchen Gefährt, hätte im besten Falle mit einem Splitterbruch des Schienbeines geendet.

Kaum war dieses Abenteuer überstanden, versuchte mich ein Chinese in seinen Elektronikshop zu zerren. Die neusten Speicherchips und Videokameras aller Formate fanden schnell den Weg auf den Verkaufstisch und es brauchte viel Geduld den Verkäufer davon zu überzeugen, dass ich keine Produkte mehr kaufe, auf denen nicht mindestens ein Apfel prangert. Sein Blick schweift vorsichtig nach rechts, dann nach links, er zwinkert mir zu und holt unter strengsten Vorsichtsmassnahmen ein iPhone hervor. «Hacked Software - working everywhere with every sim card», versichert mir der übelriechende Verkaufsprofi. Ich ergreife die günstige Gelegenheit beim Schopf und türme aus dem vollgestopften Verkaufslokal.

Als die Ampel auf Grün schaltet, ergiesst sich ein Strom von Menschen auf die vierspurige Strasse. Das Signal blinkt schon nach wenigen Sekunden wieder rot und macht die schwächsten aller Verkehrsteilnehmer darauf aufmerksam, dass die Blechlawine der roten Taxis schon bald wieder anrollt. Wieder stehen diese Schubkarren im Weg und verlangsamen den Fluss erheblich. Das akustische Signal verstummt, die Fussgängerampel wechselt auf rot und von hinten braust das erste Fahrzeug heran. Das laute Hupen lässt mich zusammenfahren und ich rette mich mit einem Sprung auf den nahen Gehsteig. Dabei stosse ich unglücklicherweise mit einem Inder zusammen, der mir sofort mit Angeboten von kopierten Uhren und Massanzügen in den Ohren liegt. Wo zum Henker liegt nur der nächste Starbucks?

Der Inder verfolgt mich und zupft alle paar Sekunden an meinem Ärmel. Hätte ich mich nicht in einem Giordano Kleiderladen verkriechen können, würde beim Inder anstelle der zwei gelben Schneidezähne jetzt ein blutendes Loch klaffen. Im gut gekühlten Textilgeschäft treffe ich wieder auf meine zwei Kolleginnen. Zu dem Berg roter Einkaufstüten, haben sich noch ein paar grüne und blaue gesellt. Man nickt sich höflich zu, verliert keine wertvolle Zeit und probiert wacker weiter.
Nachdem ich mich versichert habe, dass die Grösse XL selbst meinem Göttibub zu klein ist, verlasse ich mit leeren Händen das Geschäft durch den Hintereingang.

Der Inder scheint sich verzogen zu haben, dafür nähert sich mir eine etwa ein Meter vierzig grosse Chinesin von hinten. Ich muss sie während eines früheren Aufenthaltes schon einmal getroffen haben, denn ihre Beisserchen fehlen allesamt. Sie hält mir eine vergriffene Broschüre vor die Augen, auf der leicht gekleidete Mädchen dem Betrachter zulächeln. «Good Massage - you will like it!» Dies ist der Moment, wo ich äusserlich stumm, aber innerlich schreiend auf den Eingang der MTR Station zustürme, im Schlund verschwinde, den Zug zum Fährenterminal besteige, den Wellenschlag geniesse und wieder ein paar Augenblicke später an der Promenade der Discovery Bay sitze, guten Kaffee schlürfe, die Sonne anbete und in ALLER RUHE mein posttraumatisches Nahkampfsyndrom pflege.

Kommentare:

  1. genial geschrieben, wie wenn ich selber wieder live an der Nathan Road stehen würde. die kleinen details sind "leider" 100% realität! weiter so

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  2. Auch von mir als Nathan Road geschädigtem gibt es hier volle Zustimmung! Allerdings haben die zahlreichen Aufenthalte im "Kampfgebiet" bisher geholfen meine Strategie zur Abwehr der geschilderten Angriffe zu verfeinern. Einklares "Nei Dankä" in richtigem Dialekt hinterlässt sprachlose Händler ohne Gewalteinsatz.... ;-) Nur so als Tip! ;-)

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  3. "The Anarchy of established things"
    Welch ein Tohuwabohu!

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  4. Als tapferer und treuer Leser dieses Blogs kann ich nur eins dazu sagen: "Das ist wirklich Leiden auf hohem Niveau" ;-)

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  5. Es scheint so als ob jetzt dann doch Zeit wird für das CMD Rating und die Kurzstrecke ;-)

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  6. Also mit Starbucks kann ich nicht mithalten. Der Kaffee dort drinn ist mir zu Amerikanisch. Faad, aber King size. Da bevorzuge ich aromatisch dafür etwas bescheidener...
    Giordano kenn ich zu gut, hab ich auch immer von VHHH. Gefällt mir, für den Preis :D

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