Montag, November 05, 2007

im Banne bäuerlicher Traditionen

Die Amerikaner haben es nicht immer leicht. Obwohl der keltische Brauch der Geistervertreibung erst ein paar Tage zurückliegt, steht schon der nächste wichtige Meilenstein im vorweihnachtlichen Festmarathon bevor. Nach dem gruseligen «Hallo Wien» folgt schon in ein paar Wochen das Truthahnmassaker. Beides wichtige Termine im bäuerlichen Kalender der amerikanischen Grossstadtfarmer.

Immer wieder staune ich, wie sehr verbunden die Einwohner dieses grossen Landes mit der Agrarwirtschaft sind. Selbst in Molochen wie Miami, New York, Los Angeles oder hier in Chicago, verzichten die Einwohner auf zivilisationsgerechte Fahrzeuge und beweisen mit ihren Grossstadttraktoren die bewundernswerte Bereitschaft, jederzeit und überall sofort im Dienste der Agrarwirtschaft einen Kornanhänger aus dem Dreck ziehen zu können.

Wer im nebenstehenden Transportmittel eines zur Beförderung von Personen sieht, liegt nicht ganz falsch. Das für Amerika typische Stadtauto wurde auf Kosten des Besitzers so modifiziert, dass es auch dumme Kühe und Esel von einer Boutique Weide auf die andere bringen kann.

Auch das erwähnte Erntedankfest wirft seinen Schatten weit voraus. Wenn die meisten der 300 Millionen Bewohner einen Truthahn auf dem Teller wollen, dann muss der Fleischberg zuerst einmal angeschafft werden. Eine Tierschutzorganisation schätzt, dass für dieses Fest etwa 45 Millionen Truthähne geopfert werden. Ich kann die Zahl nicht überprüfen, mache mir aber Gedanken, wer diese Tiere alle jagt. Waffen zum Schiessen gibt es ja genügend in den Staaten.

Ich möchte jetzt das wichtigste Fest meiner jetzigen Gastgeber hier in den USA nicht ins Lächerliche ziehen. Eigentlich bin ich sogar etwas neidisch. Dieses Erntedankfest Wochenende ist in den Staaten so wichtig, dass fast das ganze Land still steht. Man feiert mit der Familie, reist im ganzen Land umher um die Liebsten zu sehen, kauft zusammen für Weihnachten ein, verzerrt einen der gerupften Truthähne und freut sich schon wieder auf das nächste Jahr.
Ich habe keine solchen Fixdaten. Während der «normale» Arbeitnehmer schon der Wochenenden wegen weiss, an welchen 104 Tagen im Jahr er frei hat, sind bei mir alle Tage des Jahres potentielle Flugtage. Bei Personen mit geregelter Arbeitszeit kommen dann noch einmal 6 Feiertage und 20 Ferientage dazu. Ein Drittel des Jahres wissen meine Freunde, Verwandten und Nachbarn also, wann die Agenda mit Parties, Sportwochenenden, Fondueabenden und Ferien gefüllt werden kann.

Ich habe 6 Wochen Ferien, die als Kompensation für das verpasste Sozialleben herhalten sollen. Fünf davon stehen zu meiner persönlichen Disposition zur Verfügung. Wunderbare Grafiken (nicht mackompatibel) und unglaubliche Datenbänke (auch nicht mackompatibel) stehen mir zur Verfügung, um die Chance auf bestätigte Auszeit zu erhöhen.
So habe von Zahlenbergen beschwipst meine Ferientage bis ins Jahr 2009 gesetzt und komme mir vor, wie an meinem ersten Schülerball - Absagen, nichts als Absagen! Dabei bin ich vorgegangen wie in meiner Jugend. Nicht die Begehrenswerteste, nicht die Attraktivste habe ich gewählt, sondern die, die versteckte Schönheiten verbirgt. Wer will schon im September Ferien? Wer im späten März? Wer friert sich im Januar die Finger beim Langlaufen klamm, wenn man sich im Februar auf der Terrasse in der Sonne wärmen kann? ICH!
Wie gesagt, im Moment ist alles abgelehnt oder auf Eis gelegt. An meiner ersten Schülerparty schaute mir die Holde bei ihrer Absage wenigstens in die Augen. Die nicht mackompatible Software redet nicht einmal in meiner Sprache mit mir. «Rejected» steht da ganz klein geschrieben. So etwas Ungehobeltes ist mir noch nie über den Weg gelaufen!

Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als mich den bäuerlichen Traditionen zu besinnen. Wie mein Nachbar zu Hause, auf dem landwirtschaftlichen Hof in unserer Sichtweite, werde ich also 2008 immer für meinen Arbeitgeber bereit sein. Murrend wie der Stier im Stall, aber immer abrufbereit, gut rasiert und noch besser vorbereitet. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag. Nur für die Feriensoftware habe ich keine gute Prognose, ich werde nämlich nächstens meinen Leoparden auf sie hetzen.

Kommentare:

  1. Tröste Dich, mir geht es nicht viel besser. Meine Software sagt mir beispielsweise, dass sie neue Hardwarekomponenten nicht erkennt, obwohl ich die beiden bekannt gemacht habe.

    Und was die Freitage betrifft, kann auch Gutes haben, wenn man sich mit der Ausrede "ich muss arbeiten" um weihnachtliche und andere Familienfestivitäten drücken kann.

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  2. Boah! 45 Mio Truthähne! Das "Stadtauto" - wie haben die bloss diese Parklücke ausfindig gemacht?

    Fast so schwierig wie die Unterbringung Deiner 5 Wochen Ferien "zur persönlichen Disposition" im Dienstplan.

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  3. Danke für das Mitleid. Brauche ich im Moment. Zur Zeit läuft es irgendwie nicht so rund, nicht mal Schlafen wollte es - das wird wieder eine Nacht über dem Nordatlantik....

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  4. "Controlled rest on flight deck"

    "It is the responsability of all crew members to be properly rested before flight" (siehe JAR-OPS 1.085)

    "IT IS" the responsability...
    "es" hat zu schlafen!!!

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