Dienstag, Oktober 23, 2007

tun und lassen oder do's & don'ts

Flugvorbereitungen beschränken sich nach ein paar Flugjahren auf das Überprüfen der Wettervorhersagen an der Destination. Kleiner oder grosser Koffer? Badehose oder Winterstiefel? Regenschirm oder Sonnenhut? Fragen, die mich am Vortag des Abfluges unglaublich beschäftigen.
Steht mir ein Einsatz in eine Krisenregion, ein Kriegsgebiet oder eine besonders gefährliche Stadt bevor, studiere ich noch zusätzlich das von meiner Firma sorgfältig zusammengestellte Informationsblatt voll gepackt mit Sicherheitshinweisen. Ich tue gut daran, mich in diesen Ländern daran zu halten.
Neben diesen geschriebenen Gesetzen, existieren in der Fliegerei auch viele ungeschriebene. Diese werden über Fluggenerationen weitergegeben und sind im täglichen Einsatz fast ebenso wichtig, wie die oben beschriebenen.
Jetzt, wo endlich wieder junge Flight-Attendants, frisch ausgebildete Piloten und neu zum Langstreckenpiloten geschlagene Kapitäne zu uns stossen, ist es wichtig, dass diesen ungeschriebenen Gesetzen die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Beiliegende Liste kann ausgeschnitten, und in den Flugunterlagen mitgeführt werden.

tun:
mindestens einen Caipirinha in Sao Paulo trinken; das Firstclass Flight-Attendant mit Komplimenten überhäufen; den Hostessen vor dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; die Cockpittüre vorsichtig schliessen; Nespressokapseln auf den Tel Aviv Flug mitnehmen; gelesene Zeitungen anständig hinterlassen; den Copiloten für die schöne Landung loben; Trost spenden nach harten Aufsetzern; am Linecheck Hut mit Grösse 62 auf Kopf mit Grösse 64 setzen, auch wenn es lächerlich aussieht; Cockpitbesuch während Nachtflug; beim Eiscrèmeservice an die zwei Kollegen in der Kanzel denken; sms Eingang auf lautlos stellen; selber ausrechnen, was man beim Abendessen konsumiert hat; nicht - oder dezent parfümieren; gemäss Gewerkschaften: Eis im Bauch haben; am Simulatorcheck wissen, wann die seitliche Pistenbeleuchtung auf Rot wechselt (seit 15 Jahren werde ich das zwei Mal im Jahr gefragt);

lassen:
mehr als zwei Caipirinhas in Sao Paulo trinken; einem, der immer wieder betont, dass er sehr viel Wert auf ein ehrliches Feedback legt, ein ehrliches Feedback geben; den Hut am Linecheck vergessen; den Hostessen nach dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; das Cockpit besuchen, wenn frisch parfümiert; einer 22-Jährigen widersprechen, denn diese Damen scheinen die Weisheit gepachtet zu haben; den Pass vergessen; am Funk schöne Weihnachten wünschen; am Schluss eines Schulungstages Fragen stellen; Passagieransagen auf der Tower-Frequenz machen; mein Kreuzworträtsel lösen; den Copiloten nach einer harten Landung tadeln; im Cockpit furzen; sich im Ausland auf das Orientierungsvermögen der Piloten verlassen; Hoteltüre zuknallen; vor der Crewbunktüre die Einkaufsliste mit der Kollegin besprechen; Fragen, wie lange die Turbulenzen noch anhalten; Träger von Schuhen mit Grösse 48,5 wegen ausgelatschten Tretern tadeln, denn Träger von Schuhen mit Nummer 48,5 können fast nirgends uniformtaugliche Flossen in der Grösse 48,5 kaufen; Träger mit Hutgrösse 64 kritisieren, dass sie den Hut mit Grösse 62 ausser am Linecheck nie tragen; Witze über alte Copiloten machen; vor Antritt des Rückfluges aus Tokio fragen, wie viel man geschlafen hat; im Crewbus das Handy läuten lassen; nach einem Raucherzimmer fragen, wenn der Rest der Besatzung einchecken möchte; Apple User mit Windowsproblemen belästigen;

Kommentare:

  1. lieber nff,
    habe ihren rat befolgt, die liste ausgeschnitten und meinen flugunterlagen beigefügt. fühlte mich insbesondere davon betroffen, witze über alte co-piloten zu machen, war mir nämlich gar nicht im klaren auf was für hochsensible ohren diese treffen können! ;-)
    lg vom mini-kranich,

    CP

    PS: wie wärs denn mit nem amendment für uns kruzstrecken-flieger? falls sie sich an ihre kurzstreckenzeit noch erinnern können... :-D

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  2. kleiner Test: "Wann schaltet denn die Pistenbeleuchtung auf rot?"

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  3. Wann wechselt die Pistenbeleuchtung denn auf rot?

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  4. 2 Dumme, ein Gedanke :-D

    (Ich würde es aber wirklich gern wissen)

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  5. Sehr umsichtig von Ihnen, Ihre Berufserfahrung mit Neueinsteigern zu teilen!

    Es sollte viel mehr solche älteren Kollegen geben ..

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  6. Wenn auf jeden Langstreckenflug ein Einkaufsrausch folgt -
    was machen denn die Hostessen mit der ganzen Ware? Grosshandel?

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  7. Darf ich dich jetzt mal Kapitän nennen oder heisst es immernoch NachwuchsFlugzeugFührer?
    Ist manchmal schon schade, dass ich da nicht so mitreden kann - ich so als quasi Bodenpersonal - aber in einem Punkt kann ich dir gewiss Zustimmung geben: Äpfelliebhaber nicht mit Windowsfragen belästigen.

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  8. @CP: bin seit 1996 auf der Langstrecke. Meine Erfahrungen auf der Kurzstrecke liegen schon einige Zeit zurück...

    @severin: lass mich das in meinen Zusammenfassungen nachschauen :-)

    @benni:
    900m vor Pistenende wird die Mittellinienbeleuchtung weiss/rot
    600m vor Pistenende werden die Ecklichter orange
    300m vor Pistenende wird di Mittellinienbeleuchtung rot

    @richi: geh mal in Kloten an den ehemaligen Swissair Flohmarkt ;-)

    @christoph: immer noch Copi ergo noch immer NFF (bin ja erst im 15. Dienstjahr - grrrrrr)

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  9. Zwar kein offizielles Dokument, aber immerhin eines, das in den Sackbefehl gehört! Werde die jungen FA auf der Kurzstrecke dementsprechend "schulen", damit sie auf der Langstrecke wissen, wie man sich verhält :-).

    G!

    PS: Die Arbeit an der Kurzstreckenversion wird mit sofortiger Wirkung aufgenommen...

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  10. Also ich liebe Pax-Ansagen auf ATC Frequenzen ;-) möglichst mehrsprachig......

    Gretchenfrage: was machst du, wenn ich dir deswegen keine Landing clearance geben kann, sitzt du ab oder ziehst du aus?

    Gruss vom TWR Mädel

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  11. Die Rand-Pistenbeleuchtung, welche auf rot wechselt, meinst du da die vier Lämplein, welche je nach höhe weiss oder rot leuchten?

    Bei der Patrouille Suisse haben sie da so ihr Merksätzlein:
    Rot-Rot, bald bist du tot,
    Weiss-weiss du landest im Schei...

    So ist es nicht schwer... Also, zwei mal Rot, zwei mal Weiss ist optimal.

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  12. Hoppla, da sind ja plötzlich 10 Antworten, die kamen nun innerhalb von 5 Minuten. Naja, dann nehm ich meine Aussage zurück, meine gilt natürlich für die Landeeinflugszeichen am Anfang der Bahn.

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  13. Ich denke er meint schon die beidseitige Aussenmarkierung... sozusagen die leuchtende "Leitplanke" an der Piste.

    p.s. danke für die Übersetzung von: 2 Whites, is not quite right / 2 Red and by now you're...

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  14. Dieser Text voll (subjektivem)Insiderwissen ist für Wenigflieger ausgesprochen hilfreich.Habe mich zerwuzzelt vor lauter Lachen.

    PS: Die Seelenlage scheint wieder stabiler zu sein.;-)

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  15. Ist es auch schon vorgekommen, dass die Passagiere um eine Höhenfreigabe gebeten wurden?
    ...oder um eine Auskunft über bevorstehende Turbulenzen?

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  16. @TWR Mädel: keine Freigabe - keine Landung! Ich halte mich an diese Regel.

    @IVI: nein, das wäre die optische Anflughilfe genannt PAPI, VASI, .... -> googlen!

    @Lloyd: Seelenlage ist wirklich wieder ausgegleichen. Die Narita Rotationen sind verdaut und ich vermisse schon wieder die japanischen Freudenhäuser

    @Richi: in der Fliederei kommt grundsärtlich alles einmal vor :-)

    @G!: da bin ich ja mal gespannt auf deine Kurzstreckenversion!!!!!!

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  17. Gecheckt!
    Murphy's Law, im Grundsatz.
    Oder doch die Swiss Cheese Theorie in der Grundart? Die mit den Löchern und Käsescheiben evtl.

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  18. grins...

    wo fängt eigentlich die Langstrecke an und wo hört die Kurzstrecke auf?
    Oder andersherum gefragt:
    Wenn Züri - Tel Aviv Langstrecke ist, wären dann die Nespresso-
    kapseln im Larnaca Fall hinfällig?

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