Dienstag, Oktober 30, 2007

Deadheading

Ein Grund Pilot zu werden ist die Tatsache, dass man nicht jeden Werktag bei Dunkelheit und Nebel ins Verkehrschaos eintauchen muss. Heute ist das anders, heute ist sowieso alles anders. So sitze ich am Morgen knapp nach acht Uhr im Stau vor einem Nadelöhr Namens «Gubrist» und frage mich ernsthaft, was ich - oder besser gesagt, was all die anderen Autofahrer in dieser Herrgottsfrühe auf der Strasse machen?

Mein heutiger Einsatzbefehl verstösst grob gegen die wohl wichtigste Regel in der Langstreckenfliegerei: Piloten jagt man nicht so früh aus den Federn!
Nach New York muss ich heute und zwar nicht mit einem bequemen Direktflug, sondern über einen Umsteigeflughafen in der fernen Westschweiz. Ich komme mir vor, wie so ein Schnäppchenjäger aus der Aldi Zunft, der in der halben Welt herum fliegt, um das Ziel möglichst günstig zu erreichen. Im ersten Teil meiner Reise werde ich als Passagier nach Genf verfrachtet, damit ich im zweiten Teil als fliegender Pilot die A330 an die Ostküste bringen kann.

Dienstlich als Passagier zu reisen heisst im Airlineslang «Deadheading» und niemand weiss eigentlich genau, was das Wort bedeutet. Es ist so ein Wort wie «Mobbing», das nett klingt, aber ganz und gar nicht nett ist. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. versteht unter dem Begriff den Transport von Leercontainern. Leercontainer sind so Dinge, die innen hohl und aussen verformt sind, ausserdem stinken und nichts einbringen - Danke!
Die königliche Rosengesellschaft im fernen Britannien meint, dass der Begriff «Deadheading» den Akt der Entfernung der hängenden Blüte aus ästhetischen Gründen beschreibt. Auch nicht nett, oder?

«Aha, die Deadheading Crew kommt», meint der an der Türe stehende Kabinenchef leicht abschätzig und merkt an, dass wir ruhig etwas später hätten kommen können. Leicht gereizt (mein Fehler) greiffe ich zur bereitgelegten Tageszeitung (auch mein Fehler) und werde schroff zurechtgewiesen. «Zeitungen sind für zahlende Passagiere!» Jetzt verstehe ich die Methapher mit der geköpften Rose.
Der Gast neben mir, in beruflicher Mission in die Calvin-Stadt unterwegs, blättert in einer Boulevard Zeitung, die ich auch so gerne betrachtet hätte. Ich gehe einmal davon aus, dass der beschlipste (nicht beschwipste) Herr, sein Ticket auch nicht selber bezahlt hat.
Im voll besetzten Flugzeug befinden sich genau drei Personen, die über einen Zentner wiegen und für die zwei Meter fast auf Augenhöhe liegt. Man kann es getrost als logistische Meisterleistung werten, dass ausgerechnet diese Mannsbilder in der gleichen Dreierreihe sitzen - ich in der Mitte versteht sich.
Meine Knie liegen so satt am Fordersitz, dass ich auf das Festzurren der Sicherheitsgurten verzichten kann. Alle Drei können unmöglich zusammen nach hinten lehnen, da wir sonst die Schultern kompliziert übereinander schichten müssten. So verharre ich in einer unnatürlichen Position, die mich stark an meine Yogalektionen erinnert. Hätte ich keine Uniform an, ich würde glatt als meditierender Yogi durchgehen.

Auch meine «Deadheading» Zeit geht gottseidank einmal zu Ende und endlich sitze ich im Cockpit mit der Nase Richtung Westen. Unter mir rauschen die Bergspitzen des «Massiv Central» vorbei und es dauert nicht lange, bis die Küste am Horizont auftaucht. Momente später findet ein kürzlich verstorbener Lachs den Weg ins Cockpit und ich träufle liebevoll etwas Zitrone über den fantastisch riechenden Meeresbewohner.
Ein Kalb, das vor nicht langer Zeit das Zeitliche segnete folgt und meine kleine Welt sieht nach einem kräftigen Schluck «Chatêau d‘eau minerale séléctionée» schon wieder um einiges besser aus.
Bald liegen die Köstlichkeiten so schwer auf, dass sich mein Mund ein erstes Mal weit öffnet und sich die Müdigkeit in die Glieder schleicht. Damit ich die Augen offen halten kann, greife ich zur Zeitung, die ich noch vor ein paar Stunden so vermisst habe und löse das Kreuzworträtsel.

Stunden später scheint die Sonne flach und viel zu hell ins Cockpit und vor uns liegt die Piste 31R vom JFK Flughafen in Queens. Müde bin ich noch immer, aber das Gähnen unterdrücke ich, indem ich die Kiefermuskulatur unnatürlich zusammenziehe.
Im Hintergrund das Empire State Building und die einmalige Skyline von Manhattan. Aufsetzen, Schubumkehr aktivieren und voll in die Bremsen stehen. Koffersuche, Zollabfertigung und Einreiseformalitäten folgen.
Die Sonne verschwindet sanft unter dem Horizont und ich geniesse die Fahrt ins Stadtzentrum. Weder der Stau noch die holprige Strasse stören mich in meinem Zustand der absoluten Müdigkeit.
Die Wirkung meines Deos lässt nach, unter meiner Uniformjacke steigt ein leicht säuerlicher Geruch hervor, ich fühle mich leer und verbeult und will nur noch in Ruhe gelassen werden. Das mit dem Leercontainer scheint also doch zu stimmen.

Kommentare:

  1. Hey,
    ich liebe Flugzeuge und alles was mit Fliegerei zu tun hat. Leider bin ich bis jetzt nur mit einem alten klapperigen doppeldecker bei einem rundflug geflogen.

    Auf jeden fall hast du einen tollen blog.
    Falls du mal nach Kanada kommst, wäre es schön wenn du da auch mal ein paar Fotos machst ;)

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  2. Tja, es gibt solche und solche. Zu LH Deadheading Paxen sind die LX Leute immer mega nett, Zeitung und selbst auf dem kürzesten Leg gibt's immer viel Essen und nicht wie vorgeschrieben erst zahlend und dann der Rest.... Aber das was Du geschrieben hast, passiert dafür mit LH Leuten auf LH Flügen, am allerliebsten auf der Langstrecke. Da sitzt man und wartet bis man schwarz ist auf was zu essen und zu trinken....

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  3. Das trifft es doch...

    "Deadheading..."

    Deadheading in uniform......(deadheading is when a crewmember travels as a passenger, hence its a no-brainer or deadhead)... is not something I like to do...there is always some "joker" who asks loudly as I'm sitting down in the back of the airplane, "Aren't you suppose to be up front?".

    Well, one time I responded loud enough for everyone to hear (regrettably), "This is one of the newest airplanes in the world...it is totally computerized...and I'm onboard just in case something goes wrong...to reset the computer" (by the way, being a smart arse is not a good idea, anytime!) Later in the flight, the captain who was an old friend of mine sent a flight attendant back to ask me to come to the cockpit.....seems he was thinking of moving to Atlanta and wanted to pick my brain about where to look for a home.

    During this brief exchange the #2 generator faulted and the cabin lights blinked as the other generator picked up the load. I'd forgotten about the "computerized airplane business" completely. When I got back to my seat, the man's wife said to him, "See, I told you he was serious!"

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  4. @phil:
    Danke für die Lesertreue! Das mit dem Foto werde ich machen!

    @anonym:
    Scheint eine typische Eigenschaft in unserem Sprachraum zu sein. Man hat Mühe seinesgleichen etwas zu verwöhnen, anderen aber, liest man alle Wünsche von den Lippen ab.

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  5. Nun, der Begriff Deadhead ist ja schon seit PanAm-Zeiten bestehend. Jedenfalls seit Catch me if you can. Der Tote Kopf ist doch einfach der Typ welcher nichts tut, ausser still dazuliegen/sitzen/einigeklemmt sein in der Kabine.
    Aber die Swiss verwendet ja für Deadhead eh das Kürzel STD oder den Begriff Stand-by.

    Wie ist das, wenn du faul in der Kabine hockst, müsst ihr dann Economy fliegen? Ich ging davon aus, dass es Business sei, doch du sagtest "Zu dritt nebeneinander" was nach Holzklasse klingt, denn in der Biz hat man immer einen Freiraum.

    Im Cockpit erhält ihr wohli mmer Biz oder F-Food, richtig? Die letzten male als ich im Cockpit sass, gabs für mich nur das Beste :D Frisch aus Jungfrau Victorias Küche.

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  6. Alle sagen Deadheading. Alle? Nein, es gibt ein paar kleine Reste britischen Widerstands.

    Da heisst es dann "Positioning" da man zum nächsten Flug "positioniert" wird wie es dann eingedeutscht heisst.

    Als ich nach der Ausbildung in Bremen bei einer BA Tochter anfing musste ich mich da doch etwas umgewöhnen, inzwischen ist BA schon lange Geschichte, aber es heisst noch immer Positioning, auch wenn im Dienstplan DH steht.

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  7. @ivi:
    Zwischen GVA und ZRH fliegen wir Eco, sonst Business. Um Kraft und Kosten zu sparen tafeln wir im Cockpit aus der Küche, die am nächsten liegt :-)

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  8. @denti:
    ... wie man es auch nennt, es ist ein Sch....

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  9. Wie nett von euch, dass ihr aus geographischen Gründen und aus Mitleid mit den F/As, wenn sie mit ihren Absätzen durch die Cabin rennen müssten, den Ecos nicht das feine Essen wegschnappt und das eklige First oder Business esst.
    Gut, ich kanns verstehen. Stellt euch vor, ihr hättet auf kurzstrecken täglich lediglich ein Muffin oder ein Sandwich.

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  10. DH am Ende einer Rotation ist noch viel schlimmer...

    Wenn ihr eure GVA-Rotation nach dem BA "back to back" Muster umstellen würdet, dann fällt das lästige DH weg...zb. Rotation ZRH-JFK-GVA (Hotelübernachtung)-JFK-ZRH.

    (analog eines back to back von BA: LHR-JFK-LHR (Hotelübernachtung am Flughafen LHR) -BOS-LHR).

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  11. Wie liesse sich die "dead heading crew" eindeutschen? "positioning" ist schon besser.
    So einfach wie "come on board" = "komm an Bord" geht's wohl nicht.
    - eine totkopfende Belegschaft? Bleibt aussen vor, klingt zu sehr nach enternden Piraten.
    - Bereitschaftsmannschaft? Politisch unkorrekt.
    - Bereitschaftsbelegschaft?
    Geschlechtsneutraler aber immer noch ein Wortmonstrum.
    Mir fällt nix mehr ein, vielleicht hat jemand eine andere Idee...

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  12. bei uns "proceedet" man, während es im dienstplan trotzdem "dead head" heißt.
    bei interflug hieß sowas wohl "nachtransport", wie wärs denn damit?

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  13. @nff

    Das stimmt... Aber sei froh auf der Langstrecke zu sein. Kurzstrecke sieht das noch viel öfter, ich hab allein im November sechs mal das Vergnügen, davon zwei Tage rein DH. Einer davon ist besonders nett, HAJ-MUC-TXL, eine Strecke die mit der Bahn in 1.5 und dem Auto in 3 Stunden geht, mit dem Flugzeug dauerts (Samstagflugplan) knapp 7 Stunden. Die spinnen die Planer.

    Ach ja, der Mittelsitz ist eh immer unser da wir meist nur 30 Minuten vor EOBT einchecken können, da ist alles andere schon besetzt...

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  14. "Nachtransport" finde ich gut.

    Weniger gut die Bedingungen, die uns nff so anschaulich schildert.

    Aufstehen am frühen Morgen - dann Stau im morgendlichen Berufsverkehr - dann einchecken, womöglich unter heutigen Security Bedinungen - dann endlich der hirnlose (deadhead) Nachtransport auf dem schlechtesten Sitzplatz den eine Airline bieten kann (und unser nff kann nicht mal sein Kreutzworträtsel lösen weil ihm die Bordzeitung verweigert wird) also das ist der Gipfel!

    Und dann erst in Genf ins Cockpit
    bzw. Flightdeck um den Flug überhaupt anzutreten - die Arbeit anzutreten und die "duty hours" eines Langstreckenfluges!

    "Die spinnen, die Planer"
    da muss man dem Vorgänger wohl recht geben!

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  15. Na, na - haut mal nicht auf den Planern rum. So ist das halt. Lange Tage gehören zu unserem Beruf.

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  16. Wird wohl so sein.
    Die Planer unterliegen ja wiederum ihren eigenen Sachzwängen.

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  17. ...machen wir doch gern, Dich zur "Arbeit" bringen ;-)

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  18. ... habe das auch extrem geschätzt!

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  19. ...ganz vergessen zu erwähnen, dass es eine - selbst unter den von Dir beschriebenen Umständen - noch schlimmere Art des Deadheadingreisens gibt: PER ZUG!!! Selber erlebt in die Stadt am Rheinknie. Da kommt dann aber wirklich Schulreisefeeling auf...das wünsche ich keinem (erst Recht nicht in der zweiten Klasse!)...

    G!

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  20. .... ich liebe Zugfahren - ehrlich!

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