Dienstag, Oktober 16, 2007

bin dann mal weg

Keine Angst, ich befinde mich nicht auf einem Pilgerweg Richtung Süden. Im Gegenteil, nach Osten hat es mich gezogen und statt katholischen Klöstern in den Pyrenäen, warten Zen Tempel in Japan auf meine spirituelle Anwesenheit.
Tja, schon wieder sitze ich in Narita und schon wieder frage ich mich, ob ich den japanischen Herbst bereisen oder am internationalen Flughafen meine Einsamkeit in «venti latte» ersäufen soll. Ich war in letzter Zeit schon so oft im Reich der aufgehenden Sonne, dass sich meine Frau bei mir bedankte, dass ich für die Herbstwanderung auf der Rigi extra aus der Ferne angereist bin.
Auch sehr nachdenklich stimmt mich, dass ich mit dem Flugverkehrsleiter von Khabarovsk in den letzten Wochen mehr Sätze gesprochen habe, als mit meinem besten Kumpel aus Zürich. So ist das Zigeunerleben halt und wer auf 39'000 Fuss mit Aussicht auf das schon verschneite Sibirien Zeitung lesen will, der muss dafür auch einen Preis bezahlen.
Jetzt habe ich also 48 Stunden Zeit, den Aufenthalt in Japan zu gestalten. Keine Angst, über das japanische Schlafparadox lasse ich mich heute nicht aus, das kann ich ja eh nicht ändern.

Grundsätzlich gesehen, darf ich in meiner japanischen Freizeit zwischen zwei Varianten auswählen: Einsamkeit oder soziale Aktivität. Entscheide ich mich für die Einsamkeit, dann kann sich mein Sprachzentrum auf die vier Wörter «venti latte», «hai» und «oischi» beschränken. Die letzten zwei bedeuten der Reihenfolge nach «Ja» und «lecker».
Ich setze mich dann in der Regel nach der Ankunft in einen Zug, fahre Richtung Tokio und bummle durch eine der verrücktesten Städte der Welt. Meistens beginnt der Tag dann mit Zeitung und Kaffee an der Ueno Station, gefolgt von einem Marsch durch die Gassen und zum Abschluss folgt ein ausgedehntes Bad im Sento. Ach, fast vergessen hätte ich die leckeren Gyosa in Kameido, von denen ich dem oben beschriebenen Kumpel dann in höchsten Tönen vorschwärmen kann.
Kontakt zu Einheimischen finde ich während solcher Exkursionen zur Genüge an den Zugsstationen, verteilt über die ganze Stadt. Fühle ich mich einmal sehr einsam, kaufe ich mir ein Ticket am Automaten der Verkehrsbetriebe und freue mich nach dem Einwurf des 500 Yen Stückes, wie sich die elektronische Figur artig bei mir bedankt und tief verbeugt. Es geht mir danach um einiges besser, weil wenigsten jemand ein paar Worte mit mir gewechselt hat.

Wähle ich die sozial aktive Variante, ziehe ich mit ungefähr 500 anderen Airlinern in einem streng vorgegebenen Muster durch Narita. Erster Treffpunkt ist das Aeon Shopping Center so ab 13 Uhr. Europäer sind noch schlaftrunken, die Amerikaner schon wieder müde und die Australierinnen müssen schwer beladen die ersten Einkaufstaschen deponieren. Wo geht das besser als im Starbucks? Es folgen Diskussionen über schwierige Passagiere, unmögliche Serviceabläufe und unzumutbare Arbeitseinsätze.
Nachdem alle absolut nutzlosen Mitbringsel eingekauft sind und sich die Karawane gestärkt hat, bringt der 200 Yen Bus die Weltenbummler ins Hotel zurück. Dort wird der Duft des Shoppingtages vor dem Abendessen mit einer kräftigen Prise Moschus übertönt. Pünktlich um 1815 Uhr fahren die Hotelbusse ab und der Run auf die Verpflegungsstellen im Städtchen kann beginnen.
Restaurants, die um 19 Uhr noch geöffnet haben, sind in Narita Mangelware und so folgt die Zuteilung der knappen Sitzplätze nach einem ungeschriebenen, aber über Generationen weitergegebenen Gesetz. Amerikanische Frachtpiloten treffen sich im «all you can eat» Laden, die partyversessene Crew der Virgin Atlantic würgt indischen Fastfood herunter und das Gespann Swiss und AUA prügelt sich um freie Sitze beim Sushimeister am Busbahnhof.
So geht das schon seit Jahren!
Irgendwann am frühen Abend schliessen die Gaststätten ihre Pforten und es bleibt nur noch der Gang zum Karaoke Lokal. Wobei Karaoke hier in Narita für karaffenweise Alkohol und räudige Airliner ohne künstlerische Eignung steht. Ich singe nie!

Jetzt sitze ich ganz alleine im Hotelzimmer und soll mich entscheiden, welche der beiden Varianten ich wählen soll. Ich bin noch fit, draussen scheint die Sonne, Hunger habe ich auch und auf Gruppenexkursionen habe ich keinen Bock – Tokio ich komme!

Kommentare:

  1. Hmm...der Text stimmt nachdenklich und mir kam in den Sinn "Kein Vorteil ohne Nachteil."
    Nun ja.. so denken wohl nur Menschen (ich), die lieber daheim als in der Ferne sind.Alle anderen beneiden Personen mit solch einem Lebensstil bestimmt.(Ausnahme: betroffene Ehefrauen).Wie dem auch sei...schöne Geschichte,regt zum Nachdenken an, danke.


    PS:Swiss und AUA-Crew prügeln sich??? Tsts...*gg*.

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  2. Ist man alleine will man weg. Ist man weg, kommt man dann gerne nach Hause, so kenne ich das jedenfalls ein bisschen. «go far come closer» stand mal so auf einem übergrossen Poster in der Stadt – natürlich nicht in tokyo ;-) – fand ich nicht schlecht.

    Carpe Diem, nff!

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  3. Ich kanns auch nachvollziehen. Erst einmal hört es sich toll an, heute hier und morgen dort zu sein.

    Aber ankommen ist auch nicht schlecht...

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  4. Schöne Geschichte.
    Jeder Nachteil hat einen Vorteil -
    hat mal irgend ein Fußballtrainer gesagt.
    Warst du schon einmal bei den Frachtpiloten im "All you can Eat"?
    Called "Freight Dogs" - muß ein ziemlich verwegener Haufen sein.

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  5. Danke für das Mitleid. Habe im Moment wirklich etwas den Koller..... Brauche Freitage - habt ihr das in der Planung gehört????!!!!!!

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  6. ...lost in translation...

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  7. Hmmm... So klingt das Pilotenleben richtig geniessbar...
    In weiter ferne und doch ein bisschen Heimat.

    Man geht weit weg, wo man nichts kennt und trotzdem hat man sein Ritual wie der Morgenliche Kaffee zu Hause aus der Nespresso-Maschine...

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  8. Hoi NFF, sei froh kannst du hin und wieder in die Ferne entfliehen. In der Schweiz wird es zunehmends ungemütlicher zum einen schneit es Schnee und SVP vom Himmel.

    Der Herbst könnte weit gemütlicher sein glaub mir!

    En Grues i d'ferni!

    Sevo

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  9. ...bin dann mal weg...

    ...wann kommste wieder?

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