Mittwoch, Oktober 03, 2007

Bedenkliches aus dem Wahlkampf

Meine Freitage gehen zu Ende und das Bündel für meinen nächsten Trip ist geschnürt. Die Sonne scheint und wer weiss, vielleicht rüsten wir zum letzten Mal das Gemüse für das Abendessen an der frischen Luft.
Während ich die Zwiebeln unter Tränen zu kleinen Würfeln schneide, beobachte ich eine Mutter, die mit ihrem Kind vom nahen Bauernhof Richtung unser Haus spazieren. Beide sind leicht übergewichtig und ich ertappe mich dabei, wie ich den vermutlich mütterlich verordneten Marsch zum Bioladen des Bauern gutheisse.

Die Zwiebeln sind zerkleinert und meine Augen trocknen wieder langsam. Auf Anordnung meiner Frau sind die Pilze an der Reihe und ich beobachte in meinem Augenwinkel, wie Mutter und Sohn vor dem Wahlplakat, das in unserem Garten steht, stehen bleiben. Unsere Hausgemeinschaft wirbt für die Sozialdemokraten und darum lächelt Chantal Galladé sympathisch vom Plakat.
Irgendetwas irritiert mich allerdings am Mutter-Sohn Gespann und ich beobachte dieses genauer. Meine Sinne sind geschärft und so höre ich auch dieses unappetitliche Geräusch sehr deutlich, wenn jemand den Rotz vom untersten Niveau seines Körpers hervorholt.

Der junge Mann - noch nicht volljährig, aber durchaus mündig, spuckt unverfroren auf das Wahlplakat, stumm beobachtet von seiner Mutter. Zum Glück ist meine Sprachlosigkeit nicht von langer Dauer. Ich stelle Mutter und Sohn zur Rede. Die Mutter grinst und der Sohn versucht diskret wegzuschauen.
Ob er gespuckt habe, frage ich ihn. Er bejaht und folgt meiner Aufforderung, wischt den Dreck weg und entschuldigt sich. Die Mutter läuft weiter - wortlos.

Die Enttäuschung ist grösser als die Wut. Wenn Jugendliche Sachbeschädigungen begehen, Gewaltexzessen erliegen oder Streiche aushecken, dann ist dies das Eine. Geschieht dies aber unter Aufsicht der Eltern, also mit anderen Worten der Autorität, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun.
Warum vergisst die Menschheit so schnell, wie viel Leid schon mit dem Bespucken von Gesichtern und Plakaten begonnen hat? Wer soll diesen pubertierenden Jüngling davon abhalten, wenn nicht seine Eltern? Warum gehen Anstand, Stil und die normalen Umgangsformen verloren?
Fragen, die wir dringend in unserer Gesellschaft klären sollten. Peter Bichsel meinte einmal sehr treffend, dass die Zunahme der Gewalt unter anderem auch damit zu tun hat, dass wir das Streiten verlernt haben. Wir können nur noch hassen oder lieben – streiten können wir nicht mehr.
Wann lernen die Wahlkampstrategen aller Parteien endlich, dass einige in ihrer Gefolgschaft nicht den Intellekt haben, den geschürten Hass ihrer Kampagnen zu deuten. Das unappetitliche Spiel mit Symbolen und das klassieren von politischen Gegnern mit Ausdrücken, die man sonst nur in Sportstadien hört, treiben ihre Blüten. Der spuckende Junge ist eine davon.

Ich mache mir wirklich Sorgen.

Kommentare:

  1. Welches Schweinchen möchtens denn gern?

    Hab' soeben was von Monesquieu gelesen, das dazu passt:

    Mais c'est une expérience éternelle que tout homme qui a du pouvoir est porté à en abuser; il va jusqu'à ce qu'il trouve de limites.
    Pour qu'on ne puisse abuser du pouvoir, il faut que, par la disposition des choses, le pouvoir arrête le pouvoir.
    (Montesquieu, Pléiade Oeuvres complètes II, p. 395)


    Meine Meinung zu dieser - gelinde gesagt - unfeinen Aktion kannst du dir ja denken.
    Xaverius

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  2. Ich bin auch immer fassungslos, wie heutzutage mit Allgemeingut (und sei es nur ein Wahlplakat) umgegangen wird.
    Es darf vandaliert werden und niemand mischt sich ein.
    Ich kenne das zur Genüge und kann einfach nicht meinen Mund halten und das tolerieren.
    Du sagst es, spucken ist der Anfang von vielen Dingen, die verhängnisvoll enden könnten.
    Bleib weiterhin couragiert.

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  3. In einem Land, in dem Erziehung ein Schimpfwort ist, in dem ein Bundesrat einen demokratisch gewählten Kollegen und seine Partei folgenlos als faschistisch bezeichnen kann und in dem der ganze Wahlkampf sich auf eine Partei und deren Bundesrat fixiert, statt die vorhandenen Probleme zu lösen, überrascht es mich aber leider nicht wirklich.

    Spätestens seit 2001 dürfte jedem klar sein, was für eine Bananenrepublik wir sind... Hochangesehene "Demokratie" (bis am Tag 1 nach den Wahlen) hin oder her!

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  4. wie wahr doch deine worte sind. diese verrohung der gesellschaft verheisst gar nichts gutes...

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