Dienstag, Oktober 30, 2007

Deadheading

Ein Grund Pilot zu werden ist die Tatsache, dass man nicht jeden Werktag bei Dunkelheit und Nebel ins Verkehrschaos eintauchen muss. Heute ist das anders, heute ist sowieso alles anders. So sitze ich am Morgen knapp nach acht Uhr im Stau vor einem Nadelöhr Namens «Gubrist» und frage mich ernsthaft, was ich - oder besser gesagt, was all die anderen Autofahrer in dieser Herrgottsfrühe auf der Strasse machen?

Mein heutiger Einsatzbefehl verstösst grob gegen die wohl wichtigste Regel in der Langstreckenfliegerei: Piloten jagt man nicht so früh aus den Federn!
Nach New York muss ich heute und zwar nicht mit einem bequemen Direktflug, sondern über einen Umsteigeflughafen in der fernen Westschweiz. Ich komme mir vor, wie so ein Schnäppchenjäger aus der Aldi Zunft, der in der halben Welt herum fliegt, um das Ziel möglichst günstig zu erreichen. Im ersten Teil meiner Reise werde ich als Passagier nach Genf verfrachtet, damit ich im zweiten Teil als fliegender Pilot die A330 an die Ostküste bringen kann.

Dienstlich als Passagier zu reisen heisst im Airlineslang «Deadheading» und niemand weiss eigentlich genau, was das Wort bedeutet. Es ist so ein Wort wie «Mobbing», das nett klingt, aber ganz und gar nicht nett ist. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. versteht unter dem Begriff den Transport von Leercontainern. Leercontainer sind so Dinge, die innen hohl und aussen verformt sind, ausserdem stinken und nichts einbringen - Danke!
Die königliche Rosengesellschaft im fernen Britannien meint, dass der Begriff «Deadheading» den Akt der Entfernung der hängenden Blüte aus ästhetischen Gründen beschreibt. Auch nicht nett, oder?

«Aha, die Deadheading Crew kommt», meint der an der Türe stehende Kabinenchef leicht abschätzig und merkt an, dass wir ruhig etwas später hätten kommen können. Leicht gereizt (mein Fehler) greiffe ich zur bereitgelegten Tageszeitung (auch mein Fehler) und werde schroff zurechtgewiesen. «Zeitungen sind für zahlende Passagiere!» Jetzt verstehe ich die Methapher mit der geköpften Rose.
Der Gast neben mir, in beruflicher Mission in die Calvin-Stadt unterwegs, blättert in einer Boulevard Zeitung, die ich auch so gerne betrachtet hätte. Ich gehe einmal davon aus, dass der beschlipste (nicht beschwipste) Herr, sein Ticket auch nicht selber bezahlt hat.
Im voll besetzten Flugzeug befinden sich genau drei Personen, die über einen Zentner wiegen und für die zwei Meter fast auf Augenhöhe liegt. Man kann es getrost als logistische Meisterleistung werten, dass ausgerechnet diese Mannsbilder in der gleichen Dreierreihe sitzen - ich in der Mitte versteht sich.
Meine Knie liegen so satt am Fordersitz, dass ich auf das Festzurren der Sicherheitsgurten verzichten kann. Alle Drei können unmöglich zusammen nach hinten lehnen, da wir sonst die Schultern kompliziert übereinander schichten müssten. So verharre ich in einer unnatürlichen Position, die mich stark an meine Yogalektionen erinnert. Hätte ich keine Uniform an, ich würde glatt als meditierender Yogi durchgehen.

Auch meine «Deadheading» Zeit geht gottseidank einmal zu Ende und endlich sitze ich im Cockpit mit der Nase Richtung Westen. Unter mir rauschen die Bergspitzen des «Massiv Central» vorbei und es dauert nicht lange, bis die Küste am Horizont auftaucht. Momente später findet ein kürzlich verstorbener Lachs den Weg ins Cockpit und ich träufle liebevoll etwas Zitrone über den fantastisch riechenden Meeresbewohner.
Ein Kalb, das vor nicht langer Zeit das Zeitliche segnete folgt und meine kleine Welt sieht nach einem kräftigen Schluck «Chatêau d‘eau minerale séléctionée» schon wieder um einiges besser aus.
Bald liegen die Köstlichkeiten so schwer auf, dass sich mein Mund ein erstes Mal weit öffnet und sich die Müdigkeit in die Glieder schleicht. Damit ich die Augen offen halten kann, greife ich zur Zeitung, die ich noch vor ein paar Stunden so vermisst habe und löse das Kreuzworträtsel.

Stunden später scheint die Sonne flach und viel zu hell ins Cockpit und vor uns liegt die Piste 31R vom JFK Flughafen in Queens. Müde bin ich noch immer, aber das Gähnen unterdrücke ich, indem ich die Kiefermuskulatur unnatürlich zusammenziehe.
Im Hintergrund das Empire State Building und die einmalige Skyline von Manhattan. Aufsetzen, Schubumkehr aktivieren und voll in die Bremsen stehen. Koffersuche, Zollabfertigung und Einreiseformalitäten folgen.
Die Sonne verschwindet sanft unter dem Horizont und ich geniesse die Fahrt ins Stadtzentrum. Weder der Stau noch die holprige Strasse stören mich in meinem Zustand der absoluten Müdigkeit.
Die Wirkung meines Deos lässt nach, unter meiner Uniformjacke steigt ein leicht säuerlicher Geruch hervor, ich fühle mich leer und verbeult und will nur noch in Ruhe gelassen werden. Das mit dem Leercontainer scheint also doch zu stimmen.

Dienstag, Oktober 23, 2007

tun und lassen oder do's & don'ts

Flugvorbereitungen beschränken sich nach ein paar Flugjahren auf das Überprüfen der Wettervorhersagen an der Destination. Kleiner oder grosser Koffer? Badehose oder Winterstiefel? Regenschirm oder Sonnenhut? Fragen, die mich am Vortag des Abfluges unglaublich beschäftigen.
Steht mir ein Einsatz in eine Krisenregion, ein Kriegsgebiet oder eine besonders gefährliche Stadt bevor, studiere ich noch zusätzlich das von meiner Firma sorgfältig zusammengestellte Informationsblatt voll gepackt mit Sicherheitshinweisen. Ich tue gut daran, mich in diesen Ländern daran zu halten.
Neben diesen geschriebenen Gesetzen, existieren in der Fliegerei auch viele ungeschriebene. Diese werden über Fluggenerationen weitergegeben und sind im täglichen Einsatz fast ebenso wichtig, wie die oben beschriebenen.
Jetzt, wo endlich wieder junge Flight-Attendants, frisch ausgebildete Piloten und neu zum Langstreckenpiloten geschlagene Kapitäne zu uns stossen, ist es wichtig, dass diesen ungeschriebenen Gesetzen die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Beiliegende Liste kann ausgeschnitten, und in den Flugunterlagen mitgeführt werden.

tun:
mindestens einen Caipirinha in Sao Paulo trinken; das Firstclass Flight-Attendant mit Komplimenten überhäufen; den Hostessen vor dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; die Cockpittüre vorsichtig schliessen; Nespressokapseln auf den Tel Aviv Flug mitnehmen; gelesene Zeitungen anständig hinterlassen; den Copiloten für die schöne Landung loben; Trost spenden nach harten Aufsetzern; am Linecheck Hut mit Grösse 62 auf Kopf mit Grösse 64 setzen, auch wenn es lächerlich aussieht; Cockpitbesuch während Nachtflug; beim Eiscrèmeservice an die zwei Kollegen in der Kanzel denken; sms Eingang auf lautlos stellen; selber ausrechnen, was man beim Abendessen konsumiert hat; nicht - oder dezent parfümieren; gemäss Gewerkschaften: Eis im Bauch haben; am Simulatorcheck wissen, wann die seitliche Pistenbeleuchtung auf Rot wechselt (seit 15 Jahren werde ich das zwei Mal im Jahr gefragt);

lassen:
mehr als zwei Caipirinhas in Sao Paulo trinken; einem, der immer wieder betont, dass er sehr viel Wert auf ein ehrliches Feedback legt, ein ehrliches Feedback geben; den Hut am Linecheck vergessen; den Hostessen nach dem Einkaufsrausch beim Tragen der Koffer helfen; das Cockpit besuchen, wenn frisch parfümiert; einer 22-Jährigen widersprechen, denn diese Damen scheinen die Weisheit gepachtet zu haben; den Pass vergessen; am Funk schöne Weihnachten wünschen; am Schluss eines Schulungstages Fragen stellen; Passagieransagen auf der Tower-Frequenz machen; mein Kreuzworträtsel lösen; den Copiloten nach einer harten Landung tadeln; im Cockpit furzen; sich im Ausland auf das Orientierungsvermögen der Piloten verlassen; Hoteltüre zuknallen; vor der Crewbunktüre die Einkaufsliste mit der Kollegin besprechen; Fragen, wie lange die Turbulenzen noch anhalten; Träger von Schuhen mit Grösse 48,5 wegen ausgelatschten Tretern tadeln, denn Träger von Schuhen mit Nummer 48,5 können fast nirgends uniformtaugliche Flossen in der Grösse 48,5 kaufen; Träger mit Hutgrösse 64 kritisieren, dass sie den Hut mit Grösse 62 ausser am Linecheck nie tragen; Witze über alte Copiloten machen; vor Antritt des Rückfluges aus Tokio fragen, wie viel man geschlafen hat; im Crewbus das Handy läuten lassen; nach einem Raucherzimmer fragen, wenn der Rest der Besatzung einchecken möchte; Apple User mit Windowsproblemen belästigen;

Dienstag, Oktober 16, 2007

bin dann mal weg

Keine Angst, ich befinde mich nicht auf einem Pilgerweg Richtung Süden. Im Gegenteil, nach Osten hat es mich gezogen und statt katholischen Klöstern in den Pyrenäen, warten Zen Tempel in Japan auf meine spirituelle Anwesenheit.
Tja, schon wieder sitze ich in Narita und schon wieder frage ich mich, ob ich den japanischen Herbst bereisen oder am internationalen Flughafen meine Einsamkeit in «venti latte» ersäufen soll. Ich war in letzter Zeit schon so oft im Reich der aufgehenden Sonne, dass sich meine Frau bei mir bedankte, dass ich für die Herbstwanderung auf der Rigi extra aus der Ferne angereist bin.
Auch sehr nachdenklich stimmt mich, dass ich mit dem Flugverkehrsleiter von Khabarovsk in den letzten Wochen mehr Sätze gesprochen habe, als mit meinem besten Kumpel aus Zürich. So ist das Zigeunerleben halt und wer auf 39'000 Fuss mit Aussicht auf das schon verschneite Sibirien Zeitung lesen will, der muss dafür auch einen Preis bezahlen.
Jetzt habe ich also 48 Stunden Zeit, den Aufenthalt in Japan zu gestalten. Keine Angst, über das japanische Schlafparadox lasse ich mich heute nicht aus, das kann ich ja eh nicht ändern.

Grundsätzlich gesehen, darf ich in meiner japanischen Freizeit zwischen zwei Varianten auswählen: Einsamkeit oder soziale Aktivität. Entscheide ich mich für die Einsamkeit, dann kann sich mein Sprachzentrum auf die vier Wörter «venti latte», «hai» und «oischi» beschränken. Die letzten zwei bedeuten der Reihenfolge nach «Ja» und «lecker».
Ich setze mich dann in der Regel nach der Ankunft in einen Zug, fahre Richtung Tokio und bummle durch eine der verrücktesten Städte der Welt. Meistens beginnt der Tag dann mit Zeitung und Kaffee an der Ueno Station, gefolgt von einem Marsch durch die Gassen und zum Abschluss folgt ein ausgedehntes Bad im Sento. Ach, fast vergessen hätte ich die leckeren Gyosa in Kameido, von denen ich dem oben beschriebenen Kumpel dann in höchsten Tönen vorschwärmen kann.
Kontakt zu Einheimischen finde ich während solcher Exkursionen zur Genüge an den Zugsstationen, verteilt über die ganze Stadt. Fühle ich mich einmal sehr einsam, kaufe ich mir ein Ticket am Automaten der Verkehrsbetriebe und freue mich nach dem Einwurf des 500 Yen Stückes, wie sich die elektronische Figur artig bei mir bedankt und tief verbeugt. Es geht mir danach um einiges besser, weil wenigsten jemand ein paar Worte mit mir gewechselt hat.

Wähle ich die sozial aktive Variante, ziehe ich mit ungefähr 500 anderen Airlinern in einem streng vorgegebenen Muster durch Narita. Erster Treffpunkt ist das Aeon Shopping Center so ab 13 Uhr. Europäer sind noch schlaftrunken, die Amerikaner schon wieder müde und die Australierinnen müssen schwer beladen die ersten Einkaufstaschen deponieren. Wo geht das besser als im Starbucks? Es folgen Diskussionen über schwierige Passagiere, unmögliche Serviceabläufe und unzumutbare Arbeitseinsätze.
Nachdem alle absolut nutzlosen Mitbringsel eingekauft sind und sich die Karawane gestärkt hat, bringt der 200 Yen Bus die Weltenbummler ins Hotel zurück. Dort wird der Duft des Shoppingtages vor dem Abendessen mit einer kräftigen Prise Moschus übertönt. Pünktlich um 1815 Uhr fahren die Hotelbusse ab und der Run auf die Verpflegungsstellen im Städtchen kann beginnen.
Restaurants, die um 19 Uhr noch geöffnet haben, sind in Narita Mangelware und so folgt die Zuteilung der knappen Sitzplätze nach einem ungeschriebenen, aber über Generationen weitergegebenen Gesetz. Amerikanische Frachtpiloten treffen sich im «all you can eat» Laden, die partyversessene Crew der Virgin Atlantic würgt indischen Fastfood herunter und das Gespann Swiss und AUA prügelt sich um freie Sitze beim Sushimeister am Busbahnhof.
So geht das schon seit Jahren!
Irgendwann am frühen Abend schliessen die Gaststätten ihre Pforten und es bleibt nur noch der Gang zum Karaoke Lokal. Wobei Karaoke hier in Narita für karaffenweise Alkohol und räudige Airliner ohne künstlerische Eignung steht. Ich singe nie!

Jetzt sitze ich ganz alleine im Hotelzimmer und soll mich entscheiden, welche der beiden Varianten ich wählen soll. Ich bin noch fit, draussen scheint die Sonne, Hunger habe ich auch und auf Gruppenexkursionen habe ich keinen Bock – Tokio ich komme!

für einmal wortlos

Lassen wir für einmal die Bilder sprechen. Der Wunsch eines Lesers sei mir Befehl.

GRÖNLAND








ANFLUG AUF SANTIAGO DE CHILE ÜBER DIE ANDEN


SONNENAUFGANG IRGENDWO AUF UNSEREM PLANETEN


SIBIRIEN




KILIMANSCHARO (NOCH) MIT SCHNEE

Donnerstag, Oktober 11, 2007

japanische Freudenhäuser

Diese fernöstlichen Häuser der Lust, des Genusses und der Freude unterscheiden sich wenig von den wenigen Exemplaren, die ich von meinen heimischen Streifzügen her kenne. In der Regel legen diese Häuser auf Diskretion sehr viel wert. Ja man könnte fast von einer inszenierten Bescheidenheit sprechen.
Damit man im fernen Japan diese Lokalitäten auch findet, ist zumindest eine kleine Portion Ortskenntnis unumgänglich. In der Regel ist der Eingang zu diesen Genusstempeln mit roten Stofffetzen gut getarnt. Nicht selten prangern grosse Schriftzeichen auf diesen Tüchern und informieren den dem Japanisch mächtigen Besucher, über den gebotenen Service.
Langnasen wie ich sind da natürlich hoffnungslos benachteiligt und darum schreite ich jeweils mit einer gehörigen Portion Respekt durch die Pforte und freue mich dann umso mehr, wenn das Gebotene genau meinem Geschmack entspricht.
Es ist doch immer wieder ein befreiendes Gefühl, wenn man einen Ort der Leidenschaft betritt und inmitten Gleichgesinnter seine Lust befriedigen kann.
Auch optisch bieten die beschriebenen Häuser so einiges. Zumindest in Japan genügen diese Lokale hohem architektonischem Anspruch, sind immer peinlich sauber gehalten und garantieren höchste Genüsse. Natürlich bleibt auch immer ein kleines Restrisiko bestehen. So zeige ich für einen Kollegen durchaus Verständnis, der sich vor Monatsfrist geweigert hat, solch eine Institution zu betreten. Er hat zu Hause Frau und Kind, trägt Verantwortung und kann unmöglich mit einer Krankheit nach Hause kommen, für die es noch immer keine Impfung gibt.
Jetzt aber zurück zum Angebot. Japaner verstehen es einfach, das Frischfleisch im richtigen Licht zu präsentieren. Nachdem sich der Gast gesetzt hat und je nach Lust Bier, Sake oder Grüntee konsumiert, beginnt die unvergessliche Show. Auf einem Band laufen die entblössten Köstlichkeiten vor den Augen der Gäste vorbei. Das feuchte Tuch, das eigentlich zum Reinigen der Hände vorgesehen ist, wird auch gerne zum Abwischen des Speichels benutzt, der rege aus beiden Mundwinkeln läuft.
Zurückhaltung ist angesagt, denn der Zeremonienmeister lässt gerne am Anfang die günstigen Objekte vorbeisausen. Gäste, die sich nicht zurückhalten können, sind selber schuld, wenn sie aufgrund ihrer Ungeduld die alten und zähen Dinger erwischen. Auf zartes und weisses Fleisch folgen rosa Farbtöne auf grünem Beet. Sind an einzelnen Gerippen noch da und dort Haare zu erkennen, präsentieren sich andere glatt wie polierte Kugeln.
Kenner der Szene fragen sich jetzt natürlich, wie teuer der Spass wird und wie sich danach die Rechnung präsentiert. Wäre ja erstaunlich, wenn sich die Japaner hier nicht auch etwas Spezielles ausgedacht hätten. Die knackigen, jungen und zum Anbeissen schönen Objekte liegen auf verschiedenfarbigen Unterlagen und genau diese Unterlagen bestimmen den Preis. Je frischer desto teurer, mit dieser simplen Formel lässt sich die Preisgestaltung sehr einfach beschreiben.
Nur mit dem Schlankheitswahn von uns Europäern, halten die Japaner nicht wirklich mit. In diesem Land treibt der Fettanteil den Preis in die Höhe und da unterscheiden wir Europäer uns ja wirklich deutlich von den Insulanern.
Ja was soll ich Euch noch vom Freudenhaus erzählen. Hat man das Objekt der Begierde einmal ausgewählt, reichen Worte zum Beschreiben der empfundenen Lust einfach nicht aus. Wie soll ich einen Vorgang in Sätze fassen, der mir fast den Verstand raubt? Das muss man einfach selber erleben. Und glauben sie mir, es bleibt selten bei einer Sünde! Bald folgen Nummer zwei, Nummer drei und und und......
Üblicherweise schleicht sich beim Verlassen des Hauses das schlechte Gewissen ein. Zuviel wurde gekostet, zuviel wurde probiert und der Bauch schmerzt an allen möglichen und unmöglichen Stellen.
Ja so ein Besuch im Sushirestaurant macht wirklich Spass und grosse Freude. Da ist die Bezeichnung Freudenhaus sicherlich angebracht. Oder finden sie nicht?

Freitag, Oktober 05, 2007

Strandferien im Ramadan

Planungsstrategisch gesehen sind wir eine Crew vom Verlierern. Ich kenne keinen Ungläubigen und schon gar keine Ungläubige, die während der Fastenzeit gerne in ein muslimisches Land reist.
So versuchen die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen Destinationen wie Riad, Jeddah oder Muskat zu vermeiden. Es liegt in der Natur der Sache, dass dies nicht bei allen klappt.

Schon beim Studium der Flugunterlagen im heimischen Operationszentrum (wir nennen unseren Planungsraum Operationszentrum, weil wir da Flugplanoperationen durchführen – hört, hört!) werfen uns die Kollegen mitleidige Blicke zu. Auf ihren Planungsmappen stehen Namen wie Los Angeles, New York oder Tokio – auf unserem Tisch liegt ein Papierstapel beschriftet mit JED. JED steht für Jeddah.

Unter dem Deckblatt die ersten Informationen zu den Verhaltungsregeln während des Fastenmonats Ramadan. Die Liste ist lang und schon nach der ersten Seite muss ich kapitulieren. Unmöglich sich das alles zu merken, unmöglich die nächsten Tage nicht in ein Fettnäpfchen zu treten.

Zum Nachdenken bleibt keine Zeit und ehe ich mich besinne, stehe ich einen Steinwurf vom Mekka entfernt auf dem sandigen Boden vor dem Flughafen von Jeddah. Falls Datenschützer, Religionswächter, Sicherheitsleute und andere Individuen mitlesen, die dem Deutschen nicht ganz mächtig sind, möchte ich betonen, dass ich nicht bezwecke Steine auf Mekka zu werfen. Es handelt sich hier um eine Metapher und nicht um eine Ankündigung eines religionsfeindlichen Aktes.



Mittlerweile ist die Nacht Geschichte und ich sitze hier gut genährt in einem abgeschotteten Ressort am Strand vom Roten Meer. Um mich herum plantschen leicht gekleidete Ungläubige in knackigen Bikinis und mein Tisch ist übersät mit leeren Kaffeetassen, Speisetellern und Brotkrümeln.
Soeben habe ich ein alkoholfreies Bier geöffnet, im Hintergrund schaukeln die Palmen im Wind, das offene Internet ist schnell und beschallt werden wir mit der Musik von Radio Top aus Winterthur, empfangen übers Internet. Mit einem leicht schlechten Gewissen (warum eigentlich?) komme ich zum Schluss, dass ungläubig sein gar nicht so schlecht ist.
Neu ist diese Erkenntnis ja auch wieder nicht. Schon während meiner Ausbildung zum vollständigen Mitglied der reformierten Gemeinde vor fast dreissig Jahren, machte ich mir im Stillen Gedanken, warum so viele unnötige Zwänge mit dem Glauben und der Religion verknüpft sind.
Damals hielt ich es für besser die Schnauze zu halten. Heute an diesem sonnigen Tag am Strand von Jeddah ist das auch keine schlechte Strategie.

Mittwoch, Oktober 03, 2007

Bedenkliches aus dem Wahlkampf

Meine Freitage gehen zu Ende und das Bündel für meinen nächsten Trip ist geschnürt. Die Sonne scheint und wer weiss, vielleicht rüsten wir zum letzten Mal das Gemüse für das Abendessen an der frischen Luft.
Während ich die Zwiebeln unter Tränen zu kleinen Würfeln schneide, beobachte ich eine Mutter, die mit ihrem Kind vom nahen Bauernhof Richtung unser Haus spazieren. Beide sind leicht übergewichtig und ich ertappe mich dabei, wie ich den vermutlich mütterlich verordneten Marsch zum Bioladen des Bauern gutheisse.

Die Zwiebeln sind zerkleinert und meine Augen trocknen wieder langsam. Auf Anordnung meiner Frau sind die Pilze an der Reihe und ich beobachte in meinem Augenwinkel, wie Mutter und Sohn vor dem Wahlplakat, das in unserem Garten steht, stehen bleiben. Unsere Hausgemeinschaft wirbt für die Sozialdemokraten und darum lächelt Chantal Galladé sympathisch vom Plakat.
Irgendetwas irritiert mich allerdings am Mutter-Sohn Gespann und ich beobachte dieses genauer. Meine Sinne sind geschärft und so höre ich auch dieses unappetitliche Geräusch sehr deutlich, wenn jemand den Rotz vom untersten Niveau seines Körpers hervorholt.

Der junge Mann - noch nicht volljährig, aber durchaus mündig, spuckt unverfroren auf das Wahlplakat, stumm beobachtet von seiner Mutter. Zum Glück ist meine Sprachlosigkeit nicht von langer Dauer. Ich stelle Mutter und Sohn zur Rede. Die Mutter grinst und der Sohn versucht diskret wegzuschauen.
Ob er gespuckt habe, frage ich ihn. Er bejaht und folgt meiner Aufforderung, wischt den Dreck weg und entschuldigt sich. Die Mutter läuft weiter - wortlos.

Die Enttäuschung ist grösser als die Wut. Wenn Jugendliche Sachbeschädigungen begehen, Gewaltexzessen erliegen oder Streiche aushecken, dann ist dies das Eine. Geschieht dies aber unter Aufsicht der Eltern, also mit anderen Worten der Autorität, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun.
Warum vergisst die Menschheit so schnell, wie viel Leid schon mit dem Bespucken von Gesichtern und Plakaten begonnen hat? Wer soll diesen pubertierenden Jüngling davon abhalten, wenn nicht seine Eltern? Warum gehen Anstand, Stil und die normalen Umgangsformen verloren?
Fragen, die wir dringend in unserer Gesellschaft klären sollten. Peter Bichsel meinte einmal sehr treffend, dass die Zunahme der Gewalt unter anderem auch damit zu tun hat, dass wir das Streiten verlernt haben. Wir können nur noch hassen oder lieben – streiten können wir nicht mehr.
Wann lernen die Wahlkampstrategen aller Parteien endlich, dass einige in ihrer Gefolgschaft nicht den Intellekt haben, den geschürten Hass ihrer Kampagnen zu deuten. Das unappetitliche Spiel mit Symbolen und das klassieren von politischen Gegnern mit Ausdrücken, die man sonst nur in Sportstadien hört, treiben ihre Blüten. Der spuckende Junge ist eine davon.

Ich mache mir wirklich Sorgen.