Samstag, September 08, 2007

Sagra dei Grotti

Immer am zweiten Freitag im September, kurz vor unserem Hochzeitstag, verwaisen die Wanderwege im Engadin und das Bike bleibt für einmal im Keller.
Unten - weit unten im Tal, in einer Stadt in einem fremden Land, werden die feuchten Lagerräume in den Felsen herausgeputzt, die süffigen Rotweine hervorgeholt, Salami geschnitten, Polenta gekocht, Gnoggi hingezaubert und die Grotti geschmückt. Kurz, Chiavenna lädt zum Grottofest und das will besucht werden.

Glücklich, wer einen Parkplatz ergattert; noch glücklicher, wer einen Tisch findet; ein Glückspilz, wer ein Nachtlager hat und ein kleiner König, wer eine nette Familie kennt, die alles im Rundumpaket organisiert. Und genau so fühlten wir uns.

Sekundiert von zwei Übersetzern links und zwei Übersetzerinnen rechts, die allesamt den Spagat zwischen der italienischen und der deutschen Sprache wesentlich besser beherrschten als ich, eroberten wir das Festgelände. Mit meinem Wortschatz, der aus den drei Wörtern «amore», «birra» et «pizza» besteht, wäre ich am Fest glatt verhungert.

Kaum am Tisch Platz genommen, türmten sich die leckeren Speisen vor meinen Augen auf. Eine kalte Platte, gefüllt mit Wurstwaren aus der Region, stillte den ersten Hunger und half, dass der reichlich fliessende Rotwein nicht ungefedert im Magen auftraf. Die Gläser füllten sich wie von Geisterhand gesteuert und schon einen Halbliter später dampften die selbstgemachten Gnoggi an einer Salbeibuttersauce vor meiner Nase. Schnell leerte sich der Teller und ein Augenzwinkern genügte, und die charmante Serviertochter brachte eine neue Portion.

Das war ja erst die Vorspeise! Plötzlich fanden gegrillte «Costini», saftige Rindssteaks, gebratene Kartoffelscheiben, Polenta mit Bergkäse und was weiss ich noch alles den Weg auf unseren Tisch und dies in einer Geschwindigkeit und Menge, als ob in der Küche ein Damm gebrochen wäre. Und wie das schmeckte!

Ein paar Karaffen Rebensaft nachher erweiterte sich mein Vokabular um den Satz «non che più fame» und das Verhalten des Küchenpersonals bestätigte mir Bruchteile später, dass ich an meiner Aussprache noch feilen muss. Käse war an der Reihe und nicht davon zu kosten, wäre eine glatte Beleidigung gewesen.

Der Bauch füllte sich stetig und noch war die heikle Kombination «Essen – Wein» im Gleichgewicht. Dann endlich die heiss ersehnte Frage nach Kaffee. Die Bedienung fragte mich etwas, ich antwortete gekonnt mit «Si», noch eine Frage – wieder ein «Si», dann verschwand sie in den Katakomben des Grotto.

Es brauchte mehrere Personen, um den finalen Gang an den Tisch zu bringen. Zwei verschiedene Kuchen, einer etwas hart mit Zucker darauf, der andere weich, luftig, süss und mit Anis bedeckt, landeten vor meiner Nase. Für den kleinen Hunger zwischen den Kuchenportionen gehörten ein paar Kekse zum Aufgebot. Gebranntes kam zum Schluss, eskortiert von einem dunklen Espresso.

Geschlafen habe ich danach gut, wenn auch in den Jeans. Nur aufgewacht bin ich etwas früher als geplant. Ein Kater schlich um meine Bettstadt, der – ich schöre es - am Vortag noch nicht zum Hausinventar gehörte. Auch das ist das Grottofest. Nächstes Jahr wieder!

Kommentare:

  1. Nächstes mal diesen "kulinarischen Orgasmus" (wieder so ein Wort, dass deine Seite mehr besucht wird ;-)) bitte im Voraus ankündigen! Du hast mir den Speck durch den Mund gezogen - da muss ich auch mal dabei sein! Hm, dem Kater bin ich eventuell auch schon begegnet...

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  2. Die Story erinnert schwer an die Bankette bei Asterix und Obelix. Auch etwas das auf meiner to do liste steht.

    Grandioses Essen, grandioser Wein und ein grandios nettes Volk... was will man mehr?

    Grües,

    Severin

    PS: nid Wasser am Kater zum trinke geh, sus gits no en ufgwärmte!

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  3. Danke für die Tipps. Der Kater ist wieder gegangen - die kalte Engadiner Bergluft scheint ihn vertrieben zu haben......

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  4. Hallo Herr nff,

    wieder ein toller Beitrag von ihnen!
    Nachdem Sie bereits an ihrer Aussprache gefeilt haben, ein Besserwisserischer Kommentar von mir zur italienischen Rechtschreibung:
    Die Grießklösschen heissen Gnocchi!

    Grüsse aus dem wieder schönen Süddeutschland

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  5. Danke für das Sprachtraining! Geschrieben habe ich es falsch, aber genossen wurden die Köstlichkeiten als wäre ich ein alter Italiener!

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  6. Das hört sich fantastisch an! Die Beschreibung der feinen Speisen, lässt mir das Wasser im Mund zusammen laufen...

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  7. Mir auch! Nur schade, dass dieses Wasser - auch schweres Wasser genannt-, sich leicht oberhalb der Hüften absetzt und dem Mann über 40 ziemlich zusetzt ;-)

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  8. na, das nenn ich mal schöne und soooo genüßlich beschriebene Gedanken. Schade, dass die jetzt so hungrige gewordene Leserin dies hier ja nur lesen kann. *seufz*
    Magenknurrende aber sehr herzliche Grüße da lass
    Thea

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  9. Ja Thea, wann immer ich Hunger habe, gönne ich mir ein paar Zeilen des Textes - macht garantiert nicht dick ;-)

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