Donnerstag, September 20, 2007

in fremden Betten

Nun bin ich wieder unterwegs. Lang war die Pause nicht, aber sie genügte sehr wohl, um sich an das regelmässige Schlafen zu gewöhnen.
Schlafen im eigenen Bett, ausgestreckt unter der heimischen Daunendecke mit dem Kopf im zurechtgeknüllten Kissen, gehört doch zu den schönsten Erlebnissen überhaupt. Das ist so eine typische Selbstverständlichkeit, die man erst dann vermisst, wenn sie nicht mehr verfügbar ist.

Auf mich wartet in Los Angeles ein Bett der Extraklasse. Bequem, gross und mit einer wunderbaren Decke bestückt. Zur Auswahl stehen in der Regel acht Kissen mit unterschiedlicher Härte. Nein, zu klagen habe ich wirklich nichts, denn es gibt andere Schlafstätten mit zweifelhafterer Qualität auf unserem Streckennetz, aber eben, das gewohnte Kissen liegt zu Hause und die eigene Decke fehlt.

Eines der schlimmsten Nachtlager in meiner Wertungsskala ist die Herberge in Douala, Kamerun. Seit Kopilotengedenken das gleiche Bett und das gleiche Zimmer. Gross ist er ja, der selten moskitofreie Raum, aber nicht wirklich gemütlich. Auf dem Bett mit den blumigen Laken liegt eine Decke, die aussieht wie aus alten Armeebeständen rekrutiert und im Kopfbereich wartet eine Nackenrolle, in derer sich die menschlichen Ausscheidungen der vergangenen Jahrzehnte langsam kristallisierten und dadurch eine Kopfunterlage hart wie Stahl formten.

Aber was mache ich mir Gedanken über Kamerun? Los Angeles wartet auf mich. Welches Zimmer wird es wohl diesmal sein? King Size oder Giant Size? Neben einer Familie mit ununterbrochenem Fernsehkonsum oder einem viagragesteuerten Manager auf Dienstreise mit seiner Sekretärin? Meersicht Richtung San Diego oder nach Norden? Neben dem scheppernden Eisautomaten oder dem bimmelnden Aufzug? Flachbildschirm oder Röhrenkiste? Auf jeden Fall empfängt mich ein fremdes Bett, frisch bezogen zwar, aber fremd und unpersönlich.

Ich bin ein Kissenknuddler. Einer der die Kopfunterlage während der ganzen Nacht büschelt, zurechtlegt, wieder auseinander schüttelt, weich klopf und dann neuerlich zu einem bequemen Häufchen formt. Das ist nichts anderes als Schwerstarbeit und wo gearbeitet wird, da fallen bekanntlich auch Späne, oder etwas wissenschaftlicher ausgedrückt, da bleiben gehörig DNA Spuren zurück.
Kissenknuddeln ist keine Krankheit und schon gar kein neuer Trend, darum gibt es auch keine fundierten Untersuchungen über die Häufigkeit, die Intensität und die Heilungschancen dieser Verhaltensstörung. Doch ich denke, dass ich damit nicht alleine dastehe.

Da liegen sie nun, die acht Kissen des Hyatts und einen Sekundenbruchteil überlege ich, wie viel Vergangenheit von meinen unzähligen Vorgängern wohl zwischen den flauschigen Daunenfedern lagert. Ein Fehler - klar, wenn schon so ein tolles Zimmer auf einen wartet, dann soll man nicht buchstäblich das Haar im Kissen suchen.

Doch jetzt, wo ich todmüde das Zimmer betrete, ist mir das ziemlich egal. Das erste Mal nach einem zwölfstündigen Flug ausgestreckt dazuliegen ist wie der Himmel auf Erden. Die Beine pulsieren, der Rücken entspannt sich und der Kopf taucht tief in das weichste der acht Kissen ein.
Nichts geht schneller, als das Einschlafen nach einem Nordatlantikflug. Minuten später ist das Stadium des «KO-Schlafs» erreicht und das Kissen wird geknuddelt, gebüschelt und immer wieder neu positioniert – DNA Auswahl hin oder her.

Kommentare:

  1. Das hast Du sehr schön beschrieben. Genau so ist es auch. Kissen sind wichtig.

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  2. ich stimme dir voll und ganz zu! Das richtige Kissen ist goldwert für einen erholsamen Schlaf. Es gibt ja doch einige Airline-Mitarbeiter die jeweils ihr eigenes Kissen im Gepäck dabei haben... vielleicht ist das ja auch für dich eine Option?

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  3. Einspruch :-) Ich bin ein Kissenhasser und schlafe - was viele Leute nicht verstehen - gänzlich kissenlos. Damit bleiben mir einige DNA-Spuren erspart. Da ich aber nicht matrazenlos schlafe, habe ich deren genug... aber daran denke ich lieber nicht, auch wenn ich jetzt 4x im eigenen Bett schlafen darf :-D

    Schöne LA, G!

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  4. ..... voll der Gefahr bewusst, habe ich genügend Desinfektionslotion in Form von geniessbarem Alkohol eingenommen und siehe da, bis jetzt hat es ganz gut geklappt......

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  5. Du hast mir einen herzlichen Lacher zum abend bereitet, vielen Dank.
    Frag mich, wann Du schläfst, wenn Du so Dein Kissen klopfst und formst ;-)
    Wünsche Dir eine gute Nachtruhe, wo auch immer Du Dein Haupt hinbettest.
    Damit ich, egoistisch wie ich nun mal bin, weiterhin viele Deiner wortgewandten Texte lesen kann.

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  6. Leider ist im Moment das nächste Kissen noch sehr weit entfernt. Der Rückflug nach Zürich steht an und glaube mir, ich freue mich SEHR auf die heimischen Daunen ;-)

    Danke für das Kompliment.

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  7. Kissenschläfer leben gefährlich, jetzt hab ich DEN Beweis: ein Freund ist soeben aus den Ferien zurückgekommen und hat - genau da wo er mit dem Kissen gekuschelt hat - einen Ausschlag. Sah übel aus, ählich Rocky nach dem verlorenen Fight gegen Apollo Creed... Diagnose vom Arzt: Reaktion gegen ein Waschmittel...

    Also, Hände bzw. Kopf weg vom Kissen :-D

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  8. Gruß von Kissenknuddler zu Kissenknuddler!
    [Gibt es dafür Selbsthilfegruppen?]

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  9. Eine Paartherapie soll es geben, aber da müsste ich zuerst mit meiner Frau sprechen.

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