Dienstag, September 11, 2007

auch ein Ausländer

Der Winterflugplan meines Arbeitgebers ist publiziert und beim genaueren Studium der Schrift habe ich nachgezählt, dass ich Destinationen in 20 Ländern anfliege.

Nationen, die verschiedener nicht sein könnten. So zum Beispiel Amerika, das so faszinierend wie manchmal auch abstossend wirkt und Trendsetter spielt für einige positive und unzählige negative Verhaltensmuster. Die Länder in Afrika mit ihren unendlichen Gerüchen und einer Armut, die einem die Schamröte ins Gesicht treibt. Dann Asien, voller Leben und Energie. Ein Kontinent, der schneller zu drehen scheint, als der Rest der Welt. Oder Südamerika, Hauptquartier der Lebensfreude, aber auch Zentrum von Gewalt und Elend. Und «last but not least» natürlich der mittlere Osten, Lieferant des Rohstoffes aus denen unsere Träume sind und Wiege einer Glaubensrichtung, die in letzter Zeit Mittelpunkt von angsteinflössenden Politkampagnen in so manchem westlichen Land wurde.

In meinem Job habe ich das Privileg, die Länder regelmässig zu besuchen und die Kultur in homöophatischen Dosen zu studieren. Klar sind mir dabei Grenzen gesetzt. Grenzen in Form von Sprachbarrieren und natürlich ein Zeitlimit. Unsere Aufenthalte sind zu kurz, um tief in ein Land einzutauchen.
Trotzdem habe ich die Chance, zumindest etwas vom Fremden einzuatmen, zu spüren, zu essen und zu geniessen. Dazu braucht es nur etwas: der Wille das Fremde zu erkennen, zu sehen und zu akzeptieren.

Natürlich habe auch ich meine Phasen, in denen ich die Bereitschaft nicht aufbringe, die zu meiner eigenen Kultur verschiedenen Lösungsansätze zu akzeptieren, sondern im Gegenteil, ich verurteile sie. Selbstverständlich werde ich dann abgewiesen, links liegen gelassen und als Ausländer im konservativ schweizerischen Sinne behandelt. Oft bin ich dann frustriert, stelle das Gastgeberland in ein schlechtes Licht oder bezeichne alle Bewohner des Landes «in corpore» als Idioten. Ausländer bin ich so oder so. Eigentlich bin ich, wenn ich meinen Arbeitsplan betrachte, den meisten Teil des Jahres Ausländer.

Inländer, also Einheimischer, bin ich nur dort wo ich lebe. Ich kann dort wo ich lebe aber nur Einheimischer sein, wenn ich den Dialekt akzentfrei beherrsche. Meine Frau gilt im Berner Oberland als Einheimische, obwohl sie dort seit über 10 Jahren nicht mehr wohnt. Zusammen verbringen wir über 70 Tage im Jahr im Engadin. Einheimische sind wir dort nicht (höre ich die Engadiner im Hintergrund schon lachen?).

Langer Rede, kurzer Sinn, ich bin ein Fremder wo immer ich auch bin. Ich fühle mich in meinem Status die meiste Zeit willkommen und gut aufgehoben.
Jetzt bin ich aber verwirrt, denn es ist Wahlkampf in der Schweiz. Es ist von schwarzen Schafen die Rede und von kriminellen Energien, die im Lager der Fremden vorhanden sind. Damit muss ich gemeint sein. Schliesslich bin ich in der Nachbargemeinde ein Fremder, weil die Gemeinde zum Kanton Aargau gehört, in der Wohngemeinde bin ich ein Fremder, weil ich wieder in einer anderen Nachbarsgemeinde aufgewachsen bin. Politik ist kompliziert und so frage ich einen Vertreter der Volkspartei, die schwarze Schafe nicht mag, aber einen Geissbock verehrt, was sie denn gegen mich haben? Gegen mich hätten sie nichts, ich sei ja Schweizer, aber gegen die Ausländer, die unsere Kultur unterwandern, müsse etwas getan werden. Ich erklärte ihm, dass ich die meiste Zeit auch Ausländer sei und er entschuldigt sich, ich sähe halt so schweizerisch aus.
Er versteht mich nicht, oder will mich nicht verstehen. Ich verstehe ihn auch nicht und bedauere zu tiefst die Sichtweise seiner Partei. Denn was wäre die Schweiz ohne den Einfluss des Fremden.
Die Rösti würde uns genauso schnell zum Hals heraushängen wie das Frühstück ohne Kaffee. Ich würde es ihm gerne sagen, doch er ist schon weg und versucht einen Anderen zu überzeugen, dass seine Partei die urschweizerische Demokratie rettet. Eine Demokratie, die uns die Franzosen gebracht haben. Auch Fremde, auch Ausländer.

Kommentare:

  1. Langer Rede, kurzer Sinn, ich bin ein Fremder wo immer ich auch bin.

    Mit diesem Satz wir NFF in spätestens 100 Jahren zu Konfuzius, Gandhi und all den anderen aufschliessen.

    Chapeau ;-)

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  2. Ein toller Beitrag, danke!

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  3. da kann ich nur sagen: merci vöumou!!
    (oder eher: dakujem pekne?)

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  4. Wenn sich ein Jeder diese Wort zu Herzen nehmen würde, dann gäbe es auf der Welt ein wenig mehr Herzlichkeit untereinander....

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  5. Wobei der "französische" Überbringer der Demokratie ja seinerseits als Korse wieder ein Ausländer war...

    Wer verausländert hier nun wen?

    Sevo

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  6. Das mit den schwarzen Schafen finde ich schon sehr krass. Wer soll sich angesprochen fühlen? Du tust es ja. Eigentlich sehr bedenklich---

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  7. Danke für die Kommentare. Ich sehe, dass dieses Thema nicht nur mich beschäftigt.

    @BeGu:
    Wir spüren in der Schweiz seit ein paar Jahren einen wachsenden Rassismus. Eine Partei, leider die grösste im Lande, hat das Thema Ausländer quasi gepachtet und schlägt daraus immer wieder Gewinn. Als Wahlpropoganda bringen sie jeweils Plakate, die leider sehr stark an die dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern.
    Im Moment macht ein Sujet die Runde, in der ein schwarzes Schaf von den weissen aus der CH gekickt wird. (siehe www.svp.ch)

    Leider haben wir uns langsam an die primitive Werbung gewöhnt - leider.

    Ich wehre mich dagegen.

    Siehe auch : http://news.independent.co.uk/europe/article2938940.ece

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  8. Nun wird es aber politisch. Ich gehöre keiner Partei an es gibt für auch keine wirklich wählbare Partei. Trotzdem bin ich aber der Meinung, dass das Schafe-Plakat eine gewisse Berechtigung hat. NFF Du bist ein weitgereister Mann und führst dich im Ausland sicherlich korrekt und anständig auf.

    Ich glaube nicht, dass du dich z.B. in der Türkei getrauen würdest gegen ein Gesetz zu verstossen. Wieso können wir von unseren 'Gästen' nicht den gleiche Respekt erwarten?

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  9. Hallo NFF,

    Einmal mehr ein klasse Beitrag. Ich kenne das sehr gut da ich nur ca 4 Tage im Monat in der Schweiz bin und der Rest der Zeit bin ich auch Fremder, werde hier im EU Ausland geschätzt, aber trotzdem erhält man ein anderes Bild vom Fremd sein. Mit diesen doofen Plakaten in der Schweiz werden auch unzälig viele anständige Fremde schlecht gemacht und das lehne ich komplett ab.

    Danke für deine Beiträge lese Di immer mit grösstem Vergnügen

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  10. Ein toller Beitrag, es ist mir aufgefallen das vor allem in eigentlich sehr neutralen Ländern wie auch Schweden oder Dänemark ein hoher Anteil an Rassismus beherbergt wird. Gerade die Dänen haben eine ausgeprägtes Problem mit Ausländern selbst mit dem Nachbarn Schweden (offiziell bilden die Schweden eine Minderheit von 40. 000 Einwohneer in Dänemark) und gnade Gott man will länger als nur über den Urlaub in Dänemark verbringren. Da ist es mit der Freundlickeit sehr schnell vorbei auch wenn man Dänisch spricht wird schnell der übelste Dialekt aufgelegt um zu demonstrieren das man nicht dazu gehört und gehören soll. In Deutschland wird der Rassismus nicht wie in Dänemark oder Österreich offen ausgesprochen sondern unter der Decke. Aber ich habe das Gefühl das wir in Deutschland doch eher tollerrant sind denn dafür Leben zu viele Ausländer hier (das ist positiv gemeint). In Deutschland gibt es eher Probleme mit Regionalen- Konflikten unter Deutschen.
    Gibt es eigentlich eine Lieblingsregion in die du fliegst bzw. eine Region die du gar nicht magst?

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  11. Lieber NFF

    Guter Beitrag. Allerdings ist es mE. ein sehr grosser Unterschied, ob du "nur" ein Fremder/Ausländer bist (das bin ich auch - wie du richtig bemerkst - gerade in unserem Beruf) oder ob du gegen die Prinzipien des Rechtsstaats des Gastgeberlandes verstösst. Pauschalisierungen helfen nicht weiter, weder auf der einen, noch auf der anderen politischen Seite. Tatsache ist, dass der Rechtsstaat und die darin erlassenen Regeln für jeden gelten und erst Recht für Gäste. Ich vergleiche zB. auf unsere to do's und to dont's... Wer sich nicht daran hält - ob Ausländer, Fremder oder Einheimischer (Spitzenbeamten ausgenommen...) - hat die Konsequenzen zu tragen.

    Wenn wir beim Thema Wahlkampf sind, was sich die Linke in Sachen Plakate leistet schlägt mE. die schwarzen Schafe um längen. Wiederum von der Partei, welche die SVP Plakate seit Jahren verurteilt. (googlen nach: "sp plakat flugzeug AKW") Aber: es ist Wahlkampf. Und das zeigt, wie schlimm es in der Schweiz um die politische Kultur steht. Tragisch.

    Aber eben, wie du schreibst, Politik ist kompliziert und def. zu kompliziert in einem Blogbeitrag und einem Kommentar dazu abschliessend zu diskutieren. Wir können das Thema aber gerne auf unserem gemeinsamen Flug zu Svetlana aufnehmen :-)

    Happy Flights, G!

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  12. unglaublich. und wir denken immer, die schweizer sind so neutral und tolerant...

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  13. Ich möchte hier zwar keine politische Diskussion anheizen, aber es stellt sich doch die Frage wie weit diese Toleranz gehen muss und Neutralität hat nichts mit Toleranz zu tun. Nur weil jemand tolerant ist, muss er sich längst nicht alles bieten lassen. Ich gehöre bestimmt zu den Leuten die auch immer wieder und nicht selten Ausländer sind, zudem ich hier in der CH auch ein Ausländer bin. Ich würde nie einen Menschen werten weil er anders spricht, aussieht, isst, sich anders benimmt, aber ich werte einen Menschen an seinem sozialen Verhalten was er im Umgang mit der Umwelt an den Tag legt und wenn jemand während seines Aufenthaltes in einem anderen Land mehrheitlich im Gefängnis sitzt (nicht wegen Bagatell Delikten) dann sollte es dem Staat doch bitte überlassen sein, denjenigen evtl. nicht mehr zu dulden, denn auch ich als Ausländer hier in der CH muss die Kosten dafür tragen....

    Nachwievor kann ich aber nur sagen, wenn sich jeder die Worte zu Herzen nehmen würde die NFF hier geposted hat, dann gäbe es auf dieser Welt ein wenig mehr Herzlichkeit und Verständnis und Nächstenliebe.

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