Sonntag, August 05, 2007

Soi 8

Die Bar ist einfach eingerichtet. An der Wand eine «Coca-Cola» Werbung, ein selbst gezimmerter Tresen steht im Freien und darum herum stehen Stühle, die jedes Brockenhaus abgewiesen hätte.

Es ist noch ein Platz frei am klebrigen Tisch und das Bier kommt ohne es zu bestellen. Mein Gegenüber heisst Klaus. Seine Visitenkarte weist ihn als Doktor der Medizin und Geschäftsführer einer Pharmafirma aus. Zwischen seinen Lippen hängt eine rauchende Marlboro, der Schweiss tränkt sein weit geöffnetes Hemd und eine übergrosse Brille verunstaltet sein Gesicht.

Neben ihm Greg aus Sydney. Eine Karte hat er nicht, dafür aber einen zünftigen Rausch. Er sieht aus, als sässe er seit Wochen auf dem gleichen Stuhl und beobachte unaufhörlich die kleine Seitenstrasse an der Sukumvit Road in Bangkok. Trotzdem wirkt er friedlich und aufgeräumt.

Hannes ist der dritte Stammgast an der Stehbar und schwärmt vom Handeln und Reisen in Asien. Folgerichtig weist er sich als Handelsreisender aus und eine weitere Karte findet ihren Weg in meinen Geldbeutel.

Wir alle haben Muttersprachen, die für ihre Vielfältigkeiten bekannt sind. Dennoch unterhalten wir uns in einer Art Babyenglisch und geben uns keine Mühe, einen Wortschatz von mehr als Hundert Wörtern zu gebrauchen.

Immer wieder werden die belanglosen Gespräche unterbrochen und wir beobachten Zeitgenossen, die nicht aussehen, als hätten sie die Zeit je genossen. Ein paar verschwinden zielstrebig und verschwitzt im Eingang unter der Leuchtreklame mit der Aufschrift «Lolita» und kommen nach Stundenfrist frisch gepudert oder gut geölt wieder heraus. Zumindest diese Zeit scheinen die Zeitgenossen genossen zu haben.

Es ist weit nach Mitternacht und die Augen fallen allmählich zu. Da die Geschichten von Klaus und Hannes immer abenteuerlicher werden und die Wirtin das Lokal eh schliessen will, mache ich einen Zahlungsversuch. Drei kleine Bier in drei Stunden stehen auf meiner Rechnung. Der Endbetrag ist klein, der Abend war gut und ich beschliesse den ganzen Tisch einzuladen. Klaus winkt ab, zeigt seine Quittungen und ich sehe, dass sicherlich 20 Getränke aufgeführt sind. Auch eine thailändische Geschichte – eine eher tragische allerdings.

Durch die kleine Seitenstrasse laufe ich gegen die Sukumvit und suche ein Taxi. Die Leuchtreklame des «Lolita» ist dunkel, darunter steht ein enttäuschter Tourist und verlangt vergeblich Einlass. Noch auf den letzten Metern erinnere ich mich an den Roman «das Parfüm» von Patrik Süskind. Jean-Baptiste Grenouille, der finstere Held der Geschichte, würde jetzt sicherlich tief einatmen und die Geruchsnoten analysieren. Aus dem «Lolita» kommend würde er eine Duftwolke bestehend aus Putzmittel, billigem Eau de Toilette und Massageöl erkennen. Die stinkende Windel vom Kleinkind, das zu später Stunde immer noch auf der Strasse herumtollt, würde er genauso riechen wie der Mundgeruch vom mittlerweile an der Bar schlafenden Greg.

Das Taxi wird bestiegen und der freundliche Thai bringt mich ganz ohne Umwege über Blumentopfmanufakturen und Massagesalons zurück ins Hotel. Ich bin ihm ewig dankbar dafür.

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