Sonntag, August 19, 2007

die Schule des Lebens

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich bei der Ausübung meines Berufes verschiedenste Länder von Innen sehe. So unterschiedlich die Plätze auch sind, die Begrüssung ist immer die Gleiche.
Ein grimmiger Beamter, gekleidet in eine abschreckende Uniform, schaut einem in die Augen und scheint von der Obrigkeit den Auftrag zu haben, Besucher vom Eintritt abzuhalten. In der Regel handelt es sich bei diesen Beamten um Repräsentanten niedriger Chargen, die mit einem minimen Mass an Kompetenz ausgerüstet sind. Wer wenig hat, verteidigt dies in der Regel mit Wehemenz. Soweit meine einfache Erklärung dafür, warum man sich mit dieser Spezies Mensch nicht anlegen sollte.

Hat man diese Pforte durchschritten und ist damit staatlich geduldeter Gast, geht die Uniformmodeschau wacker weiter. Je nach Land sind die feschen Waffenröcke durchaus eines Blickes würdig. Der Klassiker ist die Polizeimontur der «Officers» in Amerika. Enge Hemden mit unzähligen Emblemen verziert, werden von einem viel zu straff angezogenen Gurt in der genauso viel zu enge Hose gehalten. Am Gurt baumeln diverse Utensilien, die blitzblank geputzt, allzeit Bereitschaft signalisieren.
Genau so uniform wie die Kleider sind die Haarschnitte der «Officers». Kaum einen Millimeter lang, stehen die Haarstoppeln 24 Stunden in einer Achtungsstellung am Kopf und lassen sich nicht einmal vom dem vom Hamburgeressen gestählten Doppelnacken aus der Ruhe bringen.

Sehr gut gefallen mir auch die Kleidungsstücke der chinesischen Soldaten. Eine giftgrüne Grundfarbe wird durchzogen von einem roten Streifen Stoff an der Aussenseite. Diese Farbkombination erinnert stark an die Farbe des Wassers der grossen landeseigenen Flüsse. Obwohl diese Armee die Rangliste der menschenfreundlichsten Organisationen nicht anführt, sind sie doch immer freundlich zu uns Swiss Piloten. Experten vermuten, dass es am ähnlich geformten Uniformhut liegt.

Wie der Leser nicht unschwer erkennen kann, begleiten mich die Armeen dieser Welt auf Schritt und Tritt. Selbst hier in den Schweizer Bergen erblickt man fast täglich einen Wehrmann in Tarnkleidung. In diesem Land, wo die Wehrpflicht zumindest für den männlichen Teil der Bevölkerung vorgeschrieben ist, man in vielen beruflichen Anforderungsprofilen den Zusatz «armeetauglich» als Grundbedingung findet und die Grundausbildung als «Schule des Lebens» gilt, gehört es sich nicht, dass man über den bewaffneten Trachtenverein spottet. Selbstverständlich halte auch ich mich an dieses ungeschriebene Gesetz.

Natürlich habe auch ich diese Schule des Lebens durchschritten. Schon am ersten Tag versuchte man mir anno 1986 die wichtigsten drei Kompetenzen eines Soldaten beizubringen: Den militärischen Gruss, das Kennen der letzten drei Ziffern der persönlichen Gewehrnummer und das Rauchen.
Den Gruss beherrschte ich sofort, die letzten zwei lernte ich bis zu meiner Ausmusterung nie. So blieb ich einfacher Soldat und genoss die Privilegien, wenn ich an freien Abenden meinen Schulterschmuck aus Copilotenzeit an das Soldatenhemd heftete und so im Range eines Obersten getarnt die Gaststuben betrat.
Erwischt wurde ich nie. Denn wenn jemand an meinem Schulterschmuck zweifelte, setzte ich den Blick der Immigrationsbeamten auf und das Gegenüber grüsste zackiger, als ich das je hingebracht hätte.

So gesehen ist die Bezeichnung «Schule des Lebens» nicht ganz ungerechtfertigt. Ich habe in der Armee vor allem eines gelernt: Ungehorsam, und genau dieser Ungehorsam hat mir schon einige Male den Kragen gerettet.

Der junge Rekrut, der hier im Engadin neben einer Gaststätte im strömenden Regen ein fast antikes Fahrzeug bewacht, hat diese Lektion noch nicht gelernt. Aber vermutlich kennt er dafür seine Gewehrnummer.

Kommentare:

  1. ...du hast die AHV Nummer vergessen...noch heute staunen die Damen auf den Ämtern oder zB. beim neuen Arbeitgeber, wenn ich diese auswendig weiss...Schule des Lebens halt :-)

    Über Sinn und Unsinn der Armee können wir uns gerne bei unserem gemeinsamen Aufenthalt in UUDD unterhalten, bevor wir uns am Tag danach von Svetlana "checken" lassen :-)

    Es grüsst der armeediensttaugliche fortgeschrittenen Grades

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  2. Himmel, es gibt immer und überall auf der Welt Menschen, die sich von Uniformen diktieren lassen. Selbst ein blöder dunkelblauer Hosenanzug verschafft den nötigen Respekt. Unglaublich

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  3. Auch mir besteht diese "Lebensschule" noch bevor. Da ich aber bei mir nicht das geringste Flair für Zahlen entdeckt habe, werde ich mich wohl ziemlich schwer tun, ein "guter" Soldat zu werden. Wird er mich nach meiner AHV oder einer sonstigen Nummer fragen, werde ich meine Telefonnummer samt Vorwahl runterleiern und hoffen, dass er den Unterschied (da bekanntlich ja wenig Kompetenz) nicht bemerkt.

    Nummer ist Nummer und so kommt es, dass ich vielleicht auch heute Abend um 17:00 Uhr den Fernseher einschalte und mich wundre, warum der Film der eigentlich um Sieben kommen sollte immer noch nicht kommt.

    Grüsse ins Engadin, (auch bei uns Warten sie den Feind zu tode!)

    Sevo

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  4. Ich bin armeeuntauglich, wobei ich mittlerweile daran glaube, dass es mehr mit meiner Unzähmbarkeit, als mit meiner Sportlichkeit zu tun hat.
    Ist besser so, das ich da nicht mitmachen muss, aber es hätte mich schon gereizt; Ein knapp zwei Meter Soldat degradiert mit einem «scharfen Blick» seinen jungen Offizier zum braven Schosshündchen – hui… das wäre vielleicht wieder eine Party gewesen.

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