Freitag, August 10, 2007

Brief an eine heisse Dame

Liebes Muskat

Unsere Beziehung stand in den letzten Jahren nicht unter dem besten Stern. Obwohl ich zugegebenermassen schon zwei ganz heisse Nächte mit Dir verbracht habe, werden wir nicht richtig warm miteinander. Zu gross sind unsere Unterschiede, zu gross die einzelnen Vorlieben.

Ich gebe ja durchaus auch zu, dass Du gute Seiten hast. Ohne grosses Vorspiel öffnest Du Deine feuchtheisse Pforte und lässt mich hinein. Als alter Pilot schätze ich diese Eigenart besonders. Es gibt genügend Andere, die die Ouvertüre dermassen übertreiben, dass einem danach die Lust vergeht, sich in ihnen zu vergnügen. Vielleicht hast Du schon davon gehört, aber im einem Land ganz weit im Westen, muss ich vor dem Eindringen sogar Fingerabdrücke abgeben – irgendwie pervers oder?

Im Gegensatz zu Deinem pubertierenden Bruder Dubai, der sich als Beweis für seine ungebändigte Art ein Phallussymbol von x-hundert Metern in Form eines Hochhauses hinstellt, hast Du Deine ursprüngliche, wilde und exotische Natur beibehalten.
In Deinem Schoss riecht man die Düfte des Orients und man spürt die ehrliche Hingabe, wie Gäste hier verwöhnt werden. Geschichtsträchtige Orte sind genauso greifbar, wie neugeborenes Leben in der farbenfrohen Unterwasserwelt.
Wenn dann die Nacht ihre Schleier über die Landschaft legt, zeigst Du Deine wilde, erotische und exotische Seite. Das Blut pulsiert in den Adern und wärmt sich dabei an der Hautoberfläche auf. Wallungen sind die Folge.
Trotzdem möchte ich nicht 1001 Nacht in Deinem Schoss verbringen.

Klar verstehe ich junge Leute, die den Versuchungen erlegen, Dir ihre halbnackten Körper regungslos präsentieren und sich dabei wollüstig mit glitschigen Salben bedecken. Ich beobachte dieses Schauspiel gerade von meinem gekühlten Hotelzimmer aus. In Posen, die nicht weit von hier Auspeitschungen zur Folge hätten, liegen sie aufgereiht an der Sonne und sind dir vollkommen ergeben.
Wenn ich diese Auswahl von epilierten, rasierten und durchtrainierten jungen Körpern sehe, die Dich offensichtlich verehren, frage ich mich ernsthaft, warum Du mich immer wieder herbestellst.

Liebes Muskat, lass Dir ein für allemal sagen, dass ich auf Dich verzichten kann. Du bist mir schlicht und einfach zu heiss. Vierzig Grad und eine Luftfeuchtigkeit die so hoch ist, dass der Wert 100 Prozent dies nur unvollständig beschreibt, sind einfach zuviel für mich. Nimm doch die in Deine Arme auf, die Dich verehren. Falls du bei der Auswahl Mühe hast, werde ich Dir gerne helfen. Aber in Prinzip ist es ganz einfach. Die Liebhaber des sommerlichen Muskats verlassen das Emirat Oman in der Regel vorsichtigen Schrittes, sind dabei bedacht, dass die Kleidung sowenig Haut wie möglich berührt und tragen im Gesicht die feuerrote Farbe zur Schau, die den ganzen Körper bis auf ein paar delikate Stellen bedeckt. Mach es gut Muskat, ich werde Dich heute Nacht einmal mehr verlassen.

Kommentare:

  1. Eine schöne Liebeserklärung an eine Geliebte?
    Hört sich eher nach einem erfreuten Abschied an.
    Jede Empfängerin würde sich über Briefe in diesem Stil freuen.

    Bin gespannt, wo Du landest...

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  2. Ich kann dich gut verstehen. Irgendwie zumindest, doch letztlich sind Temperaturen Einstellungs- und Gewöhnungssache. Dir ist nicht Muskat zu heiss, dir fehlen die Wälder, die Seen und die Berge. Und erst recht das Bier (das wir immer noch nicht getrunken haben) bei dieser Hitze. Schweizertracht statt Abaya. Alpenglühn statt Wüstensand. Eine indirekte Liebeserklärung an Mutter Helvetia. Aber wie immer witzig und wortgewandt. Gratulation!

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  3. Kannst du nicht dem Manfred Brennwald diesen Text auf den Tisch knallen? Vielleicht würde er dies im nächsten Monatsplan berücksichtigen. Oder wer ist neu für Flugoperationen zuständig?

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