Freitag, Juli 13, 2007

no show

Auch wieder so ein typischer Ausdruck aus der Fliegerei. Als «no show» bezeichnet man einen Passagier, der zwar eine Reservation hat, aber aus verschiedenen Gründen den Flug nicht antritt. Ich kann an dieser Stelle betonen, dass Passagiere aus Datenschutzgründen keine Möglichkeit haben, die Namen der Besatzungsmitglieder vor Antritt ihrer Reise herauszufinden. Somit kann ich alle Schuld von mir weisen, dass ein Anstieg dieser «no show» Passagiere auf bestimmten Strecken in Korrelation mit meiner Anwesenheit im Cockpit steht.
«No show» ist man im Besatzungs-Slang auch, wenn man sich an den Destinationen von Gruppenaktivitäten wie gemeinsames Nachtessen, Apéro und Shoppingexzessen fern hält. Ausreden dafür gibt es genügend. Mal ist es ein Bekannter, den man schon lange nicht gesehen hat und ein andermal muss schlicht weg einfach die Müdigkeit als Grund für die Abwesenheit herhalten.

Ist man aber ehrlich, dann liegt es in der Regel an der Zusammensetzung der Besatzung. Ich für meine Person entwickle langsam aber sicher eine grosse Abneigung gegen Gruppen, die grösser als vier Personen sind. Einerseits kann ich nach einem langen Flug nur noch einer Person gleichzeitig zuhören und andererseits habe ich langsam aber sicher die Schnauze voll, am Schluss des Abends die Rechnung auszudividieren. In der Regel läuft das nämlich so: Flight Attendant A macht gerade die Brigitte Sommerdiät, bestellt einen «Cesarsalat» und merkt dabei gar nicht, dass sie wegen der schweren Salatsauce doppelt so viele Kalorien zu sich nimmt wie der Kapitän, der sich ein Rindsfilet «medium-rare» gönnt. Der Steward und ich bestellen einen Hamburger und ziehen so den Spott von Flight Attendant B auf uns, die gerade den Tisch von der Bluttgruppendiät überzeugen will und emotionslos an einem Salatblatt kaut. Flight Attendant A trinkt chloriertes Leitungswasser, nicht ohne Flight Attendant B darauf aufmerksam zu machen, dass es in ihrem «diet coke» von schädlichen Zusatzstoffen nur so wimmelt. Der Steward und ich bestellen einen Pitcher nach dem anderen und Herr Flugkapitän - der Einzige am Tisch, der mit khaki Hose und umgehängtem Lacoste Pullover nicht aussieht wie ein Penner – nippt an einem Glas Cabernet aus dem Nappa Valley.

Irgendwann kommt dann der Kellner mit der Rechnung und alle zeigen auf den Copiloten. Jetzt ist es an mir, die ganze Schweinerei auszurechnen.
Erschwerend kommt dazu, dass in Amerika ein Trinkgeld von 17% erwartet wird und der Staat noch eine Steuer von 6% erhebt. Ich rechne also. Frau Blutgruppendiät konsumierte einen «Gardensalat» für 3.99$, verlangte noch etwas extra Salatsauce, was mit 99 Cents und 300 Kilokalorien zu Buche schlug und trank ein «diet coke» für 1.49$ macht summa summarum 6.47$. Plus 17% Trinkgeld plus 6% Tax ergibt den runden Betrag von 7.95$. Was ich jetzt nüchtern mit dem Taschenrechner ausrechne, mache ich sonst nach ein paar Bierchen im Kopf. Flight Attendant B reklamiert, dies könne doch nicht sein, gibt mir murrend eine 100$ Note und erwartet, dass ich 92.05$ herausgeben kann. Jetzt meldet sich der Kapitän, legt weltmännisch eine 50$ Note hin und meint es sei schon gut so. Alle bedanken sich beim grossen Häuptling und Flight Attendant B meint, dass sie jetzt sicherlich noch 1 – 2 Dollars zu gut hätte, wenn sich der Kapitän so grosszügig zeigt.
Das gleiche Spiel beginnt mit Flight Attendant A und nur der Steward entzieht sich dem komplizierten Kampf um die grünen Noten. Am Schluss liegen vier 50$ Noten auf dem Tisch und alle erwarten vom Copi ihr Wechselgeld. Schnell realisiere ich, dass wieder einmal 5 der grünen Dollarscheine zu wenig auf dem Tisch liegen. Das Nachrechnen ergibt, dass ein Filet Mignon und zwei Gläser Cabernet verrechnet mit 23% den runden Betrag von 55 Dollar ergeben.

Herr Kapitän ist schon an die Bar disloziert und lässt sich von den beiden hübschen Diätmädchen für seine Grosszügigkeit feiern. Ich für meine Person bestelle noch einen Pitcher Bier für mich und den Steward, zahle murrend die 5$ vom Chef und wir lassen die anderen Drei an der Bar zurück.
Liebe Besatzungsmitglieder vom sonntäglichen Flug nach Boston – ihr könnt mich mal! Ich rate euch einen Taschenrechner und viel Kleingeld mitzunehmen. Euer Copilot ist nämlich «no show». Ihr könnt eure komplizierten Bestellungen selber ausbaden, denn Herr Copilot hat seine Frau dabei und bezahlt bequem und einfach mit der Kreditkarte an einem Zweiertisch.

Kommentare:

  1. Herrlich! Ich hatte ununterbrochen ein Schmunzeln im Gesicht, weil ich die Spielchen auch von Geschäftsessen kenne, bei denen kein Sponsor auftritt.

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  2. Dann wünsch ich euch doch 'En Guete', ohne das Lacoste Krokodil und diese lästigen Gazellen.

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  3. lieber herr nff,

    viele liebe grüße von einer kranich-stewardess, die grundsätzlich nie auf diät ist, am liebsten auch blutiges steak ist und bisher noch immer ihre rechnung alleine errechnen und bezahlen konnte! ;-) habe allerdings diverse crew-abendessen in ihrer erzählung wiedererkannt, vielen dank das sie mich so zum lachen gebracht haben!
    PS: viele liebe grüße an alle swiss-kollegen und ihren kollegen G!, ich mache schon werbung bei meinen kollegen für einen rück-umzug ins foyer des equipages in GVA!

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  4. Da bimmeln bei mir sämtliche "Master Warnings": Werde sofort meine Khaki Hose und den Lacoste Pulli in die Altkleidersammlung geben. Und nur noch VOR dem Essen die Bar besuchen...
    Gruss aus der Wüste

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  5. Keine Panik Dide. Die khaki Hose ist bei Wüstenfüchsen natürlich toleriert - Lacoste Pullover scheinen ja wieder in Mode zu sein und dass man nur noch vor dem Essen an die Bar geht, wäre ja auch schade. Einfach nicht den untersetzten, scheuen Copiloten vergessen, der am grossen Tisch die zerknüllten Dollarnoten sortiert :-)

    Gruss von einem, der nach dem gestrigen Refresher wieder 6 Monate genug von "MASTER WARNINGS" hat.

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  6. Liebe Kranich-Stewardess

    Werde die Grüsse ausrichten und seien sie versichert, wir werden in der Swiss alles daran setzten, dass sich die konzerninternen Festlichkeiten in Zukunft nicht nur auf das "dust till down" in HKG beschränken, sondern auch wieder im "foyer des equipages" in GVA stattfinden.
    Selbstverständlich darum, dass Kollege G! auch etwas davon hat.

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  7. Einfach ein herlicher Bericht!

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  8. Hallo nff
    Genau so läuft das. Habe aber auch schon festgestellt, dass die eine Crew in einer Disco auf der einen Seite und die andere Crew auf der anderen Seite der Disco sitzt. Mehr als ein freundliches Nicken von beiden Seiten lag nicht drin. Und das in YOU im Hilton....

    Greez

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  9. Lieber NFF

    Herrlich, etwas anderes kann man dazu nicht sagen. Hat mich an die Swissair-Zeiten erinnert, denn in der neuesten Kurzstreckenzeit hält sich diese Copiduty in Grenzen (bisher max 1x in dieser Form!), da sich die älteren Semester regelmässig vor dem Essen verabschieden und damit meistens nur noch das Cockpit und ein Kabinenkücken übrig bleiben. Da hält sich der Rechenaufwand in - selbst für mich bewältigbaren - Grenzen.


    Liebe Frau anonyme Flugbegleiterin (so heisst das doch bei unserer Mutter korrekt)

    Vielen Dank für die anonymen Grüsse und die Werbung für's Crewhouse in GVA. Hab bei meinen Schweizer Copikollegen von der Kranichkurzstrecke ebenfalls schon ein paar Werbeminuten gebucht, hoffe die kommen ihrer Pflicht nacht. Bekanntlich bin ich ja regelmässig in GVA anzutreffen und hätte nichts gegen Gesellschaft von KranichInnen. Auf hoffentlich bald in "unserem" Crewhouse!

    G!

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  10. Leider ist so was ein gern gespieltes Spielchen. Kennt scheinbar jeder. Am besten ist, man hat es entweder "passend" oder nur einen großen Schein.
    Mein Flugerlebnis auf dem Weg nach Schottland war auch nicht gerade spassig..

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  11. und was haben wir aus diesem Text gelernt! Grosszügig sein zur rechten Zeit am rechten Ort spart Geld und so manches Wort!

    Nicht zu vergessen die Belohnung an der Bar, wahrscheinlich wurde der Captain noch von den beiden Damen für seine Grosszügigkeit eingeladen. Freue dich auf deine Kapitänszeit NFF, und gniess s Esse ohni die Schwizer Pingus vom Flüger!

    E grues, Severin

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  12. Unglaublich, was man in 24 Stunden so alles Essen kann. Austern, Flaschen voller weissem Traubensaft, Scallops, Lachs zum Frühstück, Lobster aus Maine und und und.....

    Die Kreditkarte hat geglüht - Ende Woche gibts nur Hamburger in LAX :-)

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  13. Herrlich, diese Geschichten! Genau so war's schon vor 30 Jahren, als ich als Steward mit Swissair auch um die Welt flog. Und das Crew-House in GVA war auch als Screw-House bekannt ;-)

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  14. ... es gibt Sachen, die ändern sich nie -)

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