Samstag, Juli 21, 2007

midlife crisis

Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, wenn man nach ausgedehnter Joggingrunde am frühen Morgen mit müden und leicht pulsierenden Beinen vor einer grossen Tasse Milchkaffee sitzt, ein frisch getoasteter Bagel mit Creme Cheese seine Düfte verteilt, die Palmen leicht im Wind schwanken, vom Meer her diese einzigartig salzige Brise herüberweht und man solch lange Sätze schreiben darf, bei denen jeder Redaktor Tobsuchtsanfälle kriegen würde.
Damit mir auf keinen Fall langweilig wird, bietet der Chef des Kaffeehauses ein offenes Netz an und neben mir liegt die noch ungelesene Ausgabe der «Zeit». Mit anderen Worten ein perfekter Morgen im für mich nicht immer ganz perfekten Los Angeles.
Die Minuten verstreichen und verschwitzte Radfahrer betreten im gleichen Takt das sympathische Lokal, wie ich neue Tassen voller köstlichem Kaffee bestelle.

Irgendwann ist die Zeitung gelesen, der Text geschrieben und ich klicke unbedacht mein Mailprogramm an und sauge so die neusten an mich gerichteten Botschaften vom Netz. Dank meines Spamfilters, - der nach langer Zeit endlich gemerkt hat, dass ich sehr ungern schwarze Socken trage und zugegebenermassen ab und zu blaue Pillen gegen Mundgeruch schlucke, aber noch keine gegen Blutarmut in der Lendengegend brauche -, haltet sich die Anzahl Nachrichten in Grenzen.
Versteckt zwischen einer Einladung für ein Pizzaessen mit Kollegen, der ich natürlich wieder einmal aus Abwesenheitsgründen nicht nachkommen kann, und einer elektronischen Rechnung, finden sich ein paar Zeilen einer treuen Blogleserin aus Deutschland. Sie möchte noch etwas mehr über meinen Beruf erfahren, denn ihr Sohn steht an der Pforte zur Arbeitswelt und könnte sich vorstellen, so wie ich ein paar hundert Tonnen Flugzeug durch die Lüfte zu pilotieren.

Sofort fallen mir Argumente dafür und dagegen ein. Das verpasste Pizzaessen beweisst, wie schwierig es ist Termine zu fixieren und das gemütliche Frühstück in aller Ruhe am kalifornischen Strand zeigt die unbezahlbaren Momente, die wir mit unserem Lebensstil erleben dürfen.
Natürlich haben wir auch viel Negatives durchgemacht. Manager vom Rheinknie, die Klasse waren im Geldausgeben, aber von der Einnahmeseite keine Ahnung hatten. Aviatikfachleute, die ihre Modellfluggruppe erfolgreich reorganisierten und das gleiche Rezept an der neuen Airline ausprobieren wollten.
Diese Phase ist glücklicherweise weitestgehend vorbei und unser Ansehen ist dank weltweitem Pilotenmangel wieder im Steigen begriffen. Klar haben wir Federn gelassen. Alles ist ein bisschen kleiner geworden. Der Steuerbeamte im Dorf begrüsst einen beim Vorbeigehen nicht mehr mit dem vollständigen Namen und auch die Autos mit vier Auspuffrohren sind unter Piloten eher selten geworden.

Jetzt kommt die alles entscheidende Frage zum Schluss des Mails der Blogleserin: «Würden Sie den Beruf wieder wählen?» Eine gefährliche Frage – eine Frage mit viel Zündstoff! Statistisch gesehen – falls unser alternder Sozialminister das Pensionsalter nicht noch weiter in die Zukunft schiebt – bin ich jetzt genau in der Mitte meines Pilotenberufslebens und da muss man mit solchen Sinnfragen doch sehr vorsichtig umgehen. Zu gross ist die Gefahr, dass Zweifel über die Tiefe des Lebens aufkommen und MANN sich Momente später in einer peinlichen Midlife Krise wieder findet.
Ich beantworte darum die Frage spontan und ehrlich: Ja! - Ja, ich würde es wieder tun.

Jetzt bin ich mir natürlich bewusst, dass diese, nach kalifornischen Massstäben frühmorgendliche Abhandlung, nicht alle Fragen zum Beruf und Lebensstil der Fliegerzunft beantwortet. Als fortführende Literatur möchte ich auf die Blogs meiner Kollegen von der Kurzstrecke und von der sandigen Langstrecke hinweisen.

Doch Worte alleine genügen manchmal nicht. Hier helfen «die Flieger» mit ihren Liedern weiter. So treffend wie die Zwei das Leben im und ums Flugzeug besingen, werde ich es mit Buchstaben nie hinkriegen.