Dienstag, Mai 22, 2007

Verschwindsucht

Unglaublich dieser Ausblick aus dem kleinen Fenster hinaus auf den Silvaplanersee. Die Sonne verabschiedet sich langsam und tränkt die noch weissen Gipfel in ein tiefes Rot. Auf dem See freuen sich die ersten Kitesurfer über den starken Wind und neben mir dampft eine frisch gebraute Tasse Tee.
Zugegeben, es gibt wenige Momente, an denen ich literweise Tee in mich hineinschütte. Es braucht schon einen dreisten Gastgeber, der mir liebevoll einen Kaffee anbietet und dann Nescafé statt Nespresso auftischt, bis ich überzeugt zum Pfefferminzteebeute greife. Triefende Nasen, verstopfte Hinter-, Unter-, Vorder- oder Nebenhöhlen, ausschlagende Fiebermesser und/oder ein essensverweigernder Magen können aber durchaus auch dazu beitragen, dass ich Schweizer Alpenkräuter in heissem Wasser bade.

Ausgerechnet in den Ferien ist es wieder einmal so weit. Meine Nase, geplagt durch zwei Wochen Dauerlauf während der Pollenzeit, verweigerte am dritten Ferientag ihren Dienst, verschloss sämtliche Löcher und wechselte ihre Farbe streikgerecht auf Rot. Die Nebenhöhlen solidarisierten sich, verstopften sämtliche Öffnungen, zu allem Elend steigerte mein Körper die Betriebstemperatur und da lag ich nun schwach und kraftlos im Bett, fernab der traumhaften Bike- und Wanderwege des Engadins.

Ich bin ein Mann, Bartwuchs und Geschlechtsteil zeugen davon -, und ein Mann folgt einem bestimmten Muster, wenn er krank ist. Nach der Verdrängungsphase: «Nein, dieser Husten klingt nicht besorgniserregend», folgt die Erkenntnisphase: «Schatz, ich glaube es geht mir nicht so gut, könntest du mir die Fernbedienung reichen?» Unmittelbar später dann der Höhepunkt. Nichts geht mehr und die liebe Gattin ist fast rund um die Uhr gefordert, den schwerkranken Mann zu trösten, zu streicheln und zu versorgen. Wenn dann die Herzensdame an seiner Seite langsam müde wird und selber Ruhe braucht, fällt der Gatte in die Unvernunftsphase. Kaum ist der erste Kanal der noch immer in «IG-Metall» Farben leuchtenden Nase frei, wird zur Biketour geblasen. Glücklicherweis behält die Ehefrau wie meistens die Oberhand und das eher gesundheitsgefährdende Projekt wird noch vor dem Pumpen der Fahrradreifen gestoppt. All diese Phasen liegen jetzt hinter mir und gemeinsam mit der einfühlsamen Intensivkrankenschwester habe ich entschieden, dass ich wieder gesund bin.

Es bleibt die Frage nach der Ursache dieses plötzlichen Krankheitsanfalles. Ob es an den dauernden Klimawechseln oder der Zeitzonenhüpferei liegt? Gar ein Käfer aus fremden Landen und Kulturen eingeschleppt wurde, oder hat ganz einfach der Körper wieder einmal eine Protestnote hinterlegt und kundgetan, dass ihm das ewige Verschwinden langsam auf den Keks geht? So wird es wohl sein. Auch wenn die ersten Bergtouren dieser Verschwindsucht zum Opfer gefallen sind, waren es schöne Tage. Danke liebe Krankenschwester!

Kommentare:

  1. Herrje, da surft man bei seinem Lieblings-Piloten vorbei und hofft auf traumhafte Bilder vom Engadin und dann muss man sowas lesen.

    Auch wenn es offensichtlich schon ein wenig zu spät ist, weil ihr Dich für genesen erklärt habt: Gute (Rest-)Besserung.

    (Und ich hoffe der Rest vom Urlaub sorgt dann noch für ein paar schöne Bilder :-))

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  2. Streiken sei in. Coop und Migros verteilen deshalb seit einer Woche aus besorgnis um die Betreiber der Nasen schon einmal vorbeugend Hygienemasken.

    Die italienische Fluggesellschaft steht auch am Boden.

    Darum folgere ich als hobbydoktor, dass deine Nase einfach protestiert haben muss. Also nix mit Käfern, einfach ein Streik!

    Davon zeugt auch der geringe Durchhaltenwillen der Streikenden, denn glücklicherweise bist du bereits wieder gesund.

    No e schöni Wuche und e Grues

    Severin.

    PS: Lohn erhöchige würked bi verstopfte Nase erstunlich viel!
    PS2: umbedingt uf dere Site wo obe ageh isch underschriebe! Danke

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  3. Kommt mir verdammt bekannt vor. Während der Schulzeit käme mir niemals in den Sinn, krank zu werden. Sobald die Ferien kommen, liege ich flach. Anfangs nervt es einen, doch mit der Zeit gewöhnt man sich an die Fürsorge...

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  4. Sei doch froh, der nächste RED NOSE DAY kommt bestimmt und mit der IG-Metall Nase kannst Du solidarisch sein, ohne eine Nase zu kaufen ;-)

    Gute Besserung, G!

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