Montag, Mai 14, 2007

SMS Generation


Wenn ich hier von meinem Sitz aus zwischen den zwei grossen Palmen hindurch auf den blauen Ozean hinaus schaue, könnte ich - wäre der Nordatlantik nicht so enorm gross - eigentlich die französische Küste sehen. Gerade die Weitläufigkeit dieses Tümpels machen die Flüge nach Miami sowohl interessant als auch ziemlich mühsam.
Interessant darum, weil die fast neuen Stunden Flug über dem offenen Wasser gut geplant werden müssen. Zwischen der Position des Flugzeuges und dem nächsten Ausweichflughafen liegen immer einige hundert nautische Meilen und das Wetter ist an diesen abgelegenen Orten nicht selten ziemlich garstig.

Auch die Sehenswürdigkeiten sind auf dem offenen Meer dünn gesät. Mit Glück erblickt man hie und da ein Frachtschiff oder Überfliegt den Ort, wo sich die Titanic 1912 auf ein Duell mit einem Eisberg eingelassen hat. Dies alles - natürlich ausgeschossen des Titanicunglücks - wäre nicht halb so schlimm, müsste man nicht alle paar Minuten eine Positionsmeldung über Funk abgeben.
In der heutigen Zeit, wo ich praktisch aus jedem Entwicklungsland heraus für ein paar Cents mit Skype nach Hause telefonieren kann, sollte die Kommunikation über eine Distanz von ein paar hundert Kilometer kein grosses Hindernis darstellen – sollte.

Als Fluggesellschaft, die stolz die Flagge des hochtechnologisierten Landes Schweiz auf der Flosse trägt und Tochter einer Mutter aus dem Land des Exortweltmeisters ist, haben wir in der Regel den letzten Schrei der zertifizierten Technik eingebaut. Dies bezieht sich sowohl auf die Geräte im Cockpit als auch die Espressomaschine aus dem Hause Nespresso. Zu dieser Technik gehört ein kleines schnuggeliges Gadget, das über dem weitläufigen Nordatlantik automatisch Positionsmeldungen abgibt. Dies in Kombination mit der schon erwähnten Espressomaschine, steigern das Wohlbefinden im Cockpit ungemein.

Doch keine Regel ohne Ausnahme! Ausgerechnet ein Flugzeug hat dieses kleine Kommunikationswunder noch nicht eingebaut und da selten ein Unglück alleine kommt, fehlt ausgerechnet in diesem Airbus 330 auch noch die Nespressomaschine. Wer nicht mehr weiss wie Filterkaffee schmeckt, dem empfehle ich einen Ausflug nach Deutschland und wer sich kein Bild über die schlechte Qualität der Kurzwellenkommunikation machen kann, der sollte sich mit zwei Joghurtbechern und einer Schnur ein Kindertelefon basteln.

Beim Verlassen des Europäischen Hoheitsgebietes etwas südlich von England beginnt die fast siebenstündige Funkübung. Die Kopfhörer werden aufgesetzt und das Volumen bis scharf an die Schmerzgrenze aufgedreht. Mein erster Gesprächspartner nennt sich «Shanwick Radio» und sitzt unweit des Flughafens von Shannon in Irland in einem klimatisierten Büro. Die Frequenz ist gut genutzt und vergeblich versuche ich meine Nachricht abzusetzen. Auf der gleichen Frequenz arbeitet auch der Kontroller von «St. Maria Radio » mit Sitz auf den Azoren. Immer wieder stört der heissblütige Portugiese die Gespräche zwischen mir und dem irischen Gentleman in Shannon. Ich bin gezwungen so laut in das Mikrofon zu schreien, dass sich die Kolleginnen in der Küche fragen, ob wir im Cockpit eine handfeste Auseinandersetzung haben. Nach fünf Minuten brennen die Ohren und mein Hörvermögen ist mit Sicherheit wieder ein paar Promille schlechter geworden.
Zwei Positionsmeldungen später dann der Wechsel zu der Kontrollstelle «Gander» in Neufundland und ein paar Stunden später zu den Herren in New York.
Als sich endlich Miami auf der UKW Frequenz in fast glasklarer Qualität nach über neun Stunden Flugzeit meldet, lege ich die Kopfhörer erleichtert zur Seite.

Die totale Entspannung folgt aber erst nach der Landung auf unserem Zielflughafen in Florida. Ein schaumiger Espresso, gebraut von einer Kaffeemaschine aus der Innerschweiz, läuft langsam in einen grossen Pappbecher und wird vorsichtig von frischgeschäumter Milch bedeckt. Jetzt bin ich endlich angekommen und jetzt kann ich meinen «Fastgehörsturz» an der South Beach pflegen.

Kommentare:

  1. haha... also, ist's noch sclimmer als das Relaying ueber Afghanistan?? - immerhin sprechen die Herren aus Irland und den Staaten normalerweise verstaendliches English...

    Gruss aus metro-England
    Andreas


    PS. Ist's die IQQ, oder die IQR, die das besagte Teil nicht hat, oder gleich beide?

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  2. Heißt das, dass sie -in modern ausgestatteten Maschinen- über dem Atlantik garnicht mehr zu funken brauchen?

    Grüße,
    doc_holiday

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  3. Welches Teil mit der Positionsmeldung ist da genau gemeint? Also für mich hört es sich verdächtig nach der Funktion des Transponders mit dem Squawk an, jeodoch haben dies ja auch bereits die Flugzeuge die doppelt so alt sind wie ich.

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  4. @Andreas:
    Würdest Dich wundern, wie gut die Funkqualität über Afghanistan heute ist. Übrigens, es war die IQQ.

    @doc & Kantiblogg:
    CPDLC (controller pilot data link communication heisst die "neue" Technik und erleichtert die Arbeit ungemein. Neben den automatischen Positionsmeldungen können auch Requests (z.B. Levelchanges) abgeschickt werden. Ganz für die sms Generation entwickelt :-)
    Das Ganze hat nichts mit dem Transponder zu tun. Wir funken nur noch zur Verbindungskontrolle beim Einflug in eine neue Kontrollarea.

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  5. Und so sieht das Teil aus..

    http://www.airliners.net/open.file/0959121/L/

    *die zwei kleinen Bildschirme mit "NO ACTIVE ATC"

    nff, korrigiere mich bitte, falls nicht..;)

    Gruss
    Andreas

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  6. Ach soo... Das hab ich halt noch nie real gesehen, da ich noch nie im Cockpit von Langstreckenjets war. Bisher war ich immer nur im A320-200, A320-200E, A321.

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  7. Na dann, noch einmal... im Einsatz ueber dem Atlantik

    http://www.airliners.net/open.file/1028375/L/

    Andreas

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  8. oje, dann hoffen wir mal für dich, dass das OPS gnädig ist und eine andere Maschine für den Rückflug nach MIA schickt... ein Nachtflug ohne Nespresso-Maschine ist ja wirklich Höchststrafe ;-)

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  9. keine nespresso maschine...dass ein 330er so überhaupt operiert werden darf, mir scheint, die MEL ist unvollständig. die sorgen von longhaul copis müsste man haben :-) der einzige ort, wo ich on duty einen nespresso geniessen kann (ausser bei mir zuhause) ist in TLV,wo's in jedem zimmer eine hat...(nicht nur) drum langstreckenfeeling light :-)

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  10. Habe ich das denn richtig verstanden das nicht alle Maschinen dieses Gadget haben? Wie heisst das Gerät dennn genau?

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  11. @G!:
    Warte nur, es geht schneller als Du meinst, bist Du in einem A330 sitzt!

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  12. weil die fast neuen Stunden Flug

    Sag mal, werden bei Euch die Stunden sonst recycled? :)

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  13. ...im moment bin ich auf den "kleinen" ganz glücklich, zumal ich den kaffee nur wegen dem koffein konsumiere ;-)

    aber ich frage mich, wie lange es geht, bis ich mich auch "langstreckensorgen" plagen ;-)

    schöni ferie, G!

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