Samstag, April 07, 2007

Rechtschreibung

Schlaftrunken sitze ich an diesem Ostersamstag in der Lobby des Hiltons in Narita und lausche dem Wasserspiel des hoteleigenen Brunnens. Ich habe mich unter Aufbringung aller Kräfte nach nur vier Stunden Schlaf gezwungen, die warme und weiche Bettenstadt zu verlassen.
Zu gross ist die Angst vor einer weiteren zeitverschiebungsbedingten Freinacht vor dem langen Nachhauseflug morgen früh. Ob meine Schlaftaktik allerdings aufgeht, steht noch in den Sternen.

Was mache ich mir auch Gedanken, der japanische Tag hat seinen Höhepunkt schon überschritten und ich tröste mich der Tatsache, dass ich zumindest zeitzonenmässig der heimischen Gegenwart ein ziemliches Stück voraus bin. Seit mein Arbeitgeber entschieden hat, dass ich nur noch knapp für 26 Stunden Gast im Land der aufgehenden Sonne bin, ist dieser herrliche Flecken Erde für mich vom Reiseland zum Leseland geworden.
Neben mir stapeln sich Bücher, Wochenzeitungen und wichtige Artikel, die einfach einmal studiert werden sollten. Diese Ansammlung von Lesestoff macht mir keineswegs Angst, im Gegenteil, als Buchstabensüchtiger spüre ich sogar so etwas wie Vorfreude. Doch noch ist mein Nervenkostüm noch zuwenig koffeingetränkt, um konzentriert anspruchsvolle Artikel in «der Zeit» zu lesen.

So überfliege ich die mitgebrachten Computerausdrucke, die allesamt die Publikation von Texten zum Thema haben. Es geht darin um Rechtschreibung, Schreibstil, Satzlängen, Schriftarten, neue versus alte Rechtschreibung und andere germanistische Feinheiten. Keine Angst, ich habe nicht schon wieder ein Studium neben meiner Flugtätigkeit begonnen, sondern die ehrenvolle Aufgabe erhalten, in einer monatlichen Publikation eine Kolumne mit meinen so heiss geliebten Buchstaben zu füllen. Darum die Regeln, darum die Stilfragen.

Je länger ich aber die Vorschriften studiere, weiss ich, dass ich nichts weiss. Eigentlich gilt ja jetzt die neue Rechtschreibenorm, die Alte hat aber noch immer seine Daseinsberechtigung. Neben den schweizerischen, österreichischen und plattdeutschen Ausnahmen, möchte die Minderheit der Sudetendeutschen auch noch Spezialfälle geltend machen. In den Schulstuben wird darum mal nach der 15. Ausgabe des Dudens und mal nach der 23. korrigiert. Ich sehe ja ein, dass es ein Mindestmass an Regeln braucht, damit die Ansammlung der Schriftzeichen überhaupt interpretierbar bleibt, aber sollte die Sprache nicht auch leben, sich weiterentwickeln und Grenzen überschreiten? Wenn ich etwas mit verschachtelten Sätzen erklären möchte hat das seinen Grund. Bei diesen langen Wortgebilden kann man Gefühle, Stimmungen, Prioritäten und Nebensächlichkeiten einbauen und macht das Geschriebene dadurch interpretierbar.
Ein gutes Wortspiel ist für mich wie ein genial herausgespieltes Tor in einem Fussballspiel. Über viele Stationen erreicht der Ball plötzlich und unerwartet das Ziel. Zuschauer fallen in Ekstase und die Stimmung steigt auf den Höhepunkt. Mal resultiert aus einem schönen Spielzug nur ein Lattenschuss und manchmal gar ein Offside. Prägnante, kurze Sätze sind wie Elfmeter. Partien werden zwar dadurch gewonnen und ihre Aussagen sind unmissverständlich klar, doch welcher Sportfan wünscht sich ein Spiel, dass nur durch solch emotionslos zustande gekommene Treffer entschieden wird?

«Die Rechtsschreibung dient dazu, dass nicht alle wagen, zu ihrem Recht zu kommen.» Diesen schlauen Satz habe nicht ich erfunden, er stammt von Peter Bichsel, einem anderen buchstabensüchtigen Zeitgenossen.
Wie Recht er doch hat!

Will man sich gegen Ungerechtigkeit wehren, macht man das eingeschrieben und der Gegenspieler muss Stellung beziehen. Bringt man seine Probleme verbal zum Ausdruck, heisst es schnell, man hätte sich das eingeredet.

Das geschriebene Wort hat mehr Macht und Macht macht Angst. Darum wird reglementiert, korrigiert, gekürzt und eingeschränkt.
Ich habe mich entschieden, dass ich bei meinem Schreibstil bleibe. Obwohl ich von einem Weltklasseschreiberling weit entfernt bin, versuche ich meine Aussagen weiterhin über viele Stationen und mit viel Spielraum zu formulieren.
Ich bin sicher, dass ich beim einen oder anderen Leser damit ankomme, schliesslich gibt es immer noch Leute die einen Text nur darum lesen, um Rechtschreibefehler zu finden.

Kommentare:

  1. Was hat denn unsere belesene NFF bereits studiert? Ist das möglich während des Fliegens? Wäre nämlich für mich ein Interessanter Gedanke...

    Noch weiterhin viel Erfolg bei der Grammatik (ich habe bereits jetzt resigniert feststellen müssen, dass es nichts für mich ist....)

    E grues

    Severin

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  2. Hoffentlich bleibt Herr NFF bei seinem Stil! Denn so ist es viel amüsanter, spannender und abwechslungsreicher zu lesen als so manche "Weltliteratur".

    Gruss Stefan

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  3. Ein Tipp: Solltest du deinen Schreibstil verbessern wollen, dann lies das Buch: "Deutsch fürs Leben; Was die Schule zu lehren vergass" von Wolf Schneider.

    Lies dieses Buch, wie wir es vom Deutschunterricht aus müssen, durch und lerne die Regeln auswendig. Dieser Geniale Typ mit dem Ausdrucksstarken Namen "Lupus" oder "Wolf" macht einem auf erstaunlich einfache Weise klar, wie man seiner Meinung nach schreiben soll.

    Dieser obengeschriebene Text verstösst ganz klar gegen seine Regeln. Er mag wohl etwas orthodox sein, das muss ich zugeben, doch auch dieser Abschnitt, den ich mit diesem Satz beende, verstösst gegen die Regeln.

    Der Her Schneider hat zirka 40 Regeln gesammelt, wie man schreiben sollte. Er versucht einem, einen militär-bürokratischen-Schreibstil aufzubinden. Mit dem Versuch verseucht er auch den guten Hof der Sprache.

    Wie gesagt: Lies dieses Buch, präge dir die Regeln gut ein, und VERSTOSSE dagegen!!! Die Regeln sind meiner Meinung nach absolut unbrauchbar.

    Tut mir leid, Herr Schneider, sollten Sie dies gelesen haben :)

    Gute Nacht.

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  4. (...) ja diese Reglementierer! Werde mir Mühe geben weiterhin meine Gedanken so zu Papier zu bringen, wie es meine Hirnwindungen vorschlagen!

    @severin
    el ing fh; wirtschaftsing fh; stud oec unizh bis zum Beginn der Bolognareform - wobei die letzten Zwei neben 100% Fliegen (war es bitzeli viel)

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  5. Da haben wir uns mal wieder verpasst. Allerdings sind wir nicht im Hilton untergebracht, sondern im New Otani/Makuhari.

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  6. Hach, die Sache mit der Rechtschreibung. Ich glaube, da fällt jeder mal drüber, der sich irgendwie mit dem Produzieren von zusammenhängenden Buchstaben befasst. Ich hab das am Ende für mich ähnlich gelöst wie Du für Dich: Ich halte mich an die groben Regeln und lasse mir meinen persönlichen Spielraum. So wie beispielsweise das in D nach wie vor geltende ß nach Schweizer Art grundsätzlich zu ss-en.
    Richtlinien sind notwendig und OK, aber einen gewissen Interpretations-Spielraum braucht man ganz einfach :-)

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