Sonntag, April 22, 2007

brenzlige Situationen

Herrlich diese Stille im Hotelzimmer. Irgendwann verträgt man die Leute nicht mehr, irgendwann wird der Lärm zuviel und irgendwann muss auch der stärkste Copilot einmal in Ruhe auf die Toilette. Schön endlich ein paar Quadratmeter für sich alleine zu haben.

Der Rückenwind hat uns heute förmlich nach Hongkong geblasen und uns erstaunlicherweise ziemlich schüttelfrei an den 6500 Meter hohen Gipfeln des Tienschan Gebirges vorbei gebracht. Dieses Gebirge hat es ganz schön in sich. Als nördliche Begrenzung des Himalajas strotzt es nur so von hohen Bergen und Ebenen, auf denen es selbst höhentrainingserprobten Langläufern die Luft verschlägt.
Im Cockpit sind wir in diese Flugphase ständig am bestimmen der Mindestflughöhe und denken uns Varianten aus für den Fall der Fälle. Was wenn der Druck in der Kabine zusammenbricht und wir in lebensfreundliche Höhen absinken müssen? Welcher Flugplatz hat ansprechbares Wetter und welche Himmelsrichtung sollten wir während unseres steilen Sturzfluges tunlichst meiden? Fragen, die jederzeit beantwortet werden müssen und Fragen, für diese wir schon einmal das Sudoku unterbrechen.

Flugbegeisterte Fachleute und Laien fragen mich immer wieder, ob ich schon brenzlige Situationen erlebt habe. Natürlich habe ich das und leider passiert dies praktisch auf jeder Rotation. In unserem Job schweben wir konstant in Lebensgefahr und zwar immer, wenn wir nach dem Flug mit dem organisierten Transportmittel zum Hotel fahren. Wer schon mal im Taxi vom Flughafen JFK nach Manhattan gefahren ist, versteht mich. Wer schon einmal in Afrika den Verkehrsfluss beobachtet hat, kann meine Alpträume nachvollziehen und wer schon einmal am Atem eines Fahrers der Pekinger Taxigesellschaft gerochen hat, weiss wie selbstgebrannter was-auch-immer Schnaps riecht.

Doch dies ist alles nichts gegen den Verkehr an einem Samstagabend so gegen 2030 Uhr auf dem Zürcher Nordring. Am Wochenende zur «Prime Time» sind die partyhungrigen Teenager auf dem schmalen Streifen Asphalt anzutreffen, die nur eines als Ziel haben: möglichst schnell und cool zur nächsten Disko zu kommen. Papi hat den Tank gefüllt und als Dank dafür hat der Sohnemann das Auto in der Selbstbedienungsbox blitzblank poliert. Mutters Schlagerkassetten sind im Handschuhfach verschwunden und die neusten Gassenhauer aus der Hip Hop Szene lassen in regelmässigen Abständen die Scheiben nach aussen wölben.
Mittendrin im ganzen Getümmel ich. Mein altertümlicher Passat trägt noch Salzspuren vom letzten Schneefall im Dezember, ich halte mich diskret auf der rechten Spur und die Tachonadel zeigt den gleichen Wert an, wie die rot-weisse Tafel es von mir verlangt.
Von hinten rast eine Gruppe Kleinwagen mit bedrohlicher Schräglage heran. Die Kinder der Landstrasse geben zünftig Dampf und erkennen das Hindernis in Form meines Wagens sofort. Die ersten zwei stellen früh genug das Blinkzeichen und belagern die linke Spur. Mit tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappen überholen die Teenies ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Nummer drei hatte Pech. Sein roter Alfa fährt viel zu nah auf mich auf und versucht damit erfolglos, dass ich das Tempo etwas erhöhe.
Ich mache in dieser Situation das, was ich immer zu tun pflege. Ich betätige die Scheibenwischanlage und lasse die zähflüssige und giftgrüne Masse auf meiner Scheibe verteilen. Diese Lotion ist ein Geheimtipp und lässt das Wasser selbst bei Temperaturen von Minus 30°C nicht erstarren. Natürlich kriegt auch der Alfa Fahrer etwas davon ab und muss beobachten, wie die giftgrüne Masse seinen mit Schildkrötenwachs polierten Liebling verunstaltet.
Er betätigt die Lichthupe und zeigt mir den Vogel. Noch immer ist die rettende linke Spur belegt und der langsam hyperventilierende Rennfahrer sitzt schräger und schräger im Schalensitz. Mein Tacho zeigt genau hundert Stundenkilometer und ich bin mir keiner Schuld bewusst.
Endlich eine Lücke, der Alfapilot schaltet zwei Gänge tiefer, beschleunigt schnell, lässt dabei den Motor aufheulen, bringt den Stinkefinger in Position und freut sich auf den erlösenden Moment, wenn er das Hindernis endlich überholen kann.
Ich greife in der Zwischenzeit zu meinem Uniformhut, setze diesen mit ernster Miene auf und schaue bösen Blickes auf das Pickelgesicht im anderen Wagen. Mit einem Schlag verschwindet die Farbe des Jünglings aus dessen Gesicht, als er Hut und goldene Streifen an meinem Hemd sichtet. Brav lässt er den Stinkefinger sinken, greift mit beiden Händen an das Steuerrad, drosselt Geschwindigkeit und reiht sich sanft wie ein Lämmchen vor dem angeblichen Polizisten ein.
Idiotisches Spiel ich weiss, aber lasst mir doch wenigstens diese kleine Freude, es ist der einzige Moment, an dem ich meinen Uniformhut mit grosser Lust trage.

Kommentare:

  1. Ich werde das Gefühl nicht los, dass unser NFF oftmals am Sonntag DRS3 hört... Kann das sein? Ich habe ein bedeutendes Indiz. Seine Formulierungen lassen Grund zur Annahme, dass er jeweils Sonntags begeistert die neuste Folge von "Philip Maloney" reinzieht.

    Ich hatte vergangenen Freitag auch im Nordring zu tun. Auf der suche nach dem Möbel Pfister oder Interio hatten wir hinter uns auch so einen mit Minderwertigkeitskomplexen, die er dann mit einem "agressiven Fahrstil" kompensierte. Als er uns nach langer Zeit überholen konnte, und mit 120km/h auf der Kantonsstrasse an uns vorbeibretterte, erwies er uns noch alle Ehre und streckte seinen Mittelfinger in unsere Richtung...

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  2. Ui nein, wenn Maloney kommt, zappe ich weg. Nicht dass ich die Geschichten nicht mag, aber bei mir ist das Radio ein Hintergrundmedium und da hasse ich das ewige geblabbere.

    Ja die Rowdies auf den Strassen Entweder spinnen die alle oder ich habe einen Knall (nach meinen bisherigen Lebenserfahrungen zu schliessen, trifft sehr wohl auch das Zweite zu)

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  3. Tja, ich ärgere mich nur, dass bei sowas selten die Polzei zugegen ist. Die kontrollieren lieber Leute morgens um 7h auf der Flughafen Zufahrt und fragen einen sehr dümmlich was man denn hier wolle, Fingerdeut auf die eigene Kleidung, ergibt nur ein Schulterzucken. Was macht man wohl morgens um diese Uhrzeit, in Uniform einer Airline am Flughafen...

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  4. Vielen Dank lieber nff, nun hab ich doch tatsächlich endlich einen Nutzen für meinen seit 8 Jahren an der Garderobe verstaubenden Uniformhut gefunden, die Idee ihn im Auto liegen zu lassen für solche Fälle ist einfach genial :)

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  5. Ein Grund mehr warum man sofort Pilot sein muss...

    Vielen Dank

    Sevo

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  6. eine wirklich treffend formulierte geschichte. zu solchen zeiten meide ich ganz allgemein das autofahren.

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  7. (...) tja, wuerde ich gerne auch, aber wenn die Pflicht ruft

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  8. Was ? Der Taxifahrer in Peking hatte 'ne Fahne ? Ich dachte immer, Chinesen vetragen aufgrund eines fehlenden Enzyms für den Abbau von Alkohol in der Leber selbigen nicht ! Mannomann, wie muss der gefahren sein ;o)

    Ansonsten sag' ich auch immer: Das gefährliche am Fliegen ist die Fahrt zum Flughafen.
    Liebe Grüße :-)

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  9. Yep, ich hatte mich damals geweigert das Taxi zu besteigen.

    Und wie die Chinesen saufen! Im Kempinski in Peking gibt es übrigens einen Ableger des Paulaners (heisst der so?).
    Das stehen die Chinesen dann auf den Bänken und schwingen die Masskrüge wie die Australier am Wi(e)snfest..

    So, ich muss jetzt das Nachtleben von Hongkong geniessen :-)

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  10. ciao nff
    kein aufstarten des Pc ohne kurz bei dir vorbei zu surfen. Lohnt sich immer. Bei dieser Geschichte muss dir sagen das dieser Trick bei der Fahrt zu mir sicher nicht funktionieren wird. Bei einer unüberschaubaren Anzahl von Institutionen bei welcher schon der Hauswart in den Genuss des steifen Hutes kommt, nimmt der Respekt automatisch im Quadrat ab. Der Alfa Fahrer hätte bei uns aber trotzdem keinen Grund gehabt nahe aufzuschliessen den er hätte Dich einfach auf dem Pannenstreifen überholt.Was sagt Maloney immer: So geht das bei uns!
    Freue mich auf unser nächstes Treffen.
    Braulio

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  11. Und wieder einmal ein absoluter Hochgenuss! Merci vilmol.

    Gruss aus dem TWR - ich warte übrigens immer noch sehnlichst auf dein nächstes Buch...

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  12. Im Kempinski gibt's so ein Saufgelage?

    Ich kenne lediglich das Adlon in Berlin, aber kann mir nicht vorstellen, dass in solch edler umgebung gesoffen wird...

    Aber ja... Ich lese gerade (unfreiwillig) "Der abenteuerliche Simplicissimus" da erfährt man so manches über die Renaissance, und auch die haben in ihren Palästen gesoffen bis zum umfallen. Treffend hat es der Grimmlshausen formuliert: "Wein macht aus Menschen Narren, und aus Narren Säue."

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  13. @Braulio:
    Ende Mai stehen wieder Ferien an und dann werden wir unsere Zelte im Braulio-Land aufschlagen. Es ist höchste Zeit, erstens geht uns der edle Saft aus und zweitens freuen wir uns auf den Besuch in der Stadt der Grottos!

    Danke für die Kommentare. Sollte wirklich wieder einmal ein Buchprojekt starten. Vielleicht ergibt das Kürsli in Biel, dass wir zusammen mit Euch Controllern haben, Stoff für einen neuen Roman :-)

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  14. Da ich noch nicht das Vergnügen in Biel hatte, kann ich noch nicht abschätzen ob's dann nen Thriller oder was auch immer geben würde...

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  15. grossartige geschichte, ich werde den ostblock hut von nun an auf dem beifahrersitz deponieren...

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  16. @nff:

    Vor dem Experten der Scheibenwischerattake kann ich nur noch den Hut ziehen ;)

    Gruss,
    Michael

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  17. Köstlich die Geschichte...und alles so treffend. ;-)

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