Sonntag, April 15, 2007

Blockschlaf

Regelmässig schlägt mir Bewunderung entgegen, wenn ich meinen Kollegen bei der Flugplanung erzähle, dass ich freiwillig und gar nicht ungern nach Tokio fliege. Ich schwärme dann von den Flügen bei Tageslicht, dem grossartigen Essen, das den Weg bis in die hintersten Trendlokale Europas gefunden hat, dem würzigen Bier aus dem hohen Norden und den netten Leuten, mit der für uns so seltsam anmutenden Gestik.
In der Regel prallen meine Begeisterungsstürme am Gegenüber ab, wie der Squashball an der Hallenwand. Die Ursache ist einfach, es ist ein ganz menschliches Bedürfnis, das in diesem Teil des Erdballes aus unerfindlichen Gründen nicht befriedigt werden kann – der Schlaf.

Ich kann die Vorbehalte meiner Kollegen gut verstehen. Seit unser Aufenthalt in der Metropole im Land der aufgehenden Sonne auf 24 Stunden zusammengestrichen worden ist und die Zeit knapp noch reicht, um ein paar rohe Fische zu verspeisen, macht die Reise ins ferne Japan nur noch halb soviel Spass.

Was waren das noch für Zeiten, als wir uns in den verschneiten Bergen Nippons noch zusammen mit wilden Affen in heissen Bädern tummelten, durch die geheimnisvollen Strassen Shinshukus schlichen und in Kameido frische Gyosas genossen. Tempi passati, jetzt wird geflogen statt gereist und dabei kräftig in die Hände gespuckt.

Damit der Kurzaufenthalt auch überlebt werden kann, müssen die Kräfte gut eingeteilt werden. Das beginnt schon bei Arbeitsbeginn in Zürich am Flughafen. Cockpitbesatzungen mit dem Ziel Japan erkennt man in der Regel am langsamen Gang und den leicht hängenden Schultern. Auf dem Weg zur Flugplanung werden sie regelmässig von Artgenossen mit tief ins Gesicht gezogenen Hüten und straff sitzenden Uniformen überholt. Der Japanflieger vermeidet solche Hektik, es könnte ja Kraft kosten.

Kaum an Bord des Arbeitsgerätes, wird einer der Piloten mit dem Schlafparadox konfrontiert. Er muss sich für vier Stunden aufs Ohr legen, obwohl der Zeiger der Uhr die Mittagsstunde erst vor kurzer Zeit erreicht hat. Schlafen auf Befehl geht zwar nicht, aber immerhin sind den Ruhevorschriften damit Genüge getan.
Dieses Schlafparadox begleitet den Japanflieger bis zur Heimkehr nach Zürich. Denn immer wenn er schlafen könnte, muss er entweder Arbeiten, Pinkeln oder Nahrung zu sich nehmen. Gerne reden verantwortliche Stellen von der Wichtigkeit des richtigen Schlafmanagements. Nur leider existiert das richtige Schlafmanagement so wenig wie das todsichere System beim Roulette. Was letzten Monat noch bestens funktionierte, kann heute Schlaftechnisch gewaltig in die Hose gehen.

Ich huldige dem «laisser faire» Prinzip und schlafe, wenn ich zufälligerweise gerade müde bin. Das kann jederzeit und an einem beliebigen Ort sein. Lange sind dabei die Augen in der Regel nicht geschlossen. Mal sind es dreissig Minuten, mal ganze zwei Stunden. Ich nenne das «Blockschlaf», arbeite noch hart an der Perfektionierung des Systems und werde mit Sicherheit einmal reich damit.

Die Chance, dass ich folgende Nacht mehr als die üblichen zwei Blöcke à zwei Stunden schlafe ist gross, seit ich Zürich verlassen habe sind doch schon zwanzig Stunden vergangen und meine Augen waren noch keine sechzig Minuten geschlossen. Ich bin zuversichtlich-, alles wird gut!

Kommentare:

  1. Schlaf Käptn Schlaf, flieg über ein Wolkenschaf, mach die Augen zu und lass den Copi das Fliegen tun....

    Trifft dieses Wunderbare liedli die Arbeitsteilung bei euch :P

    E liebe Grues und e guete Schlof (Nacht sig jo schins nid passend)

    Severin

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  2. na ja.. auf NRT fluegen finde ich immer dass es hilft am vorabend, knapp eine Freinacht hinzulegen.. Dan ist man bis zum fruehen Nachmittag garantiert wieder fit fuer die Federn... Und wenn man dan bis Abends durchmachen kann in Japan, klappts meistens auch mit dem abendlichen Schlaf..

    Gruss
    Andreas

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  3. da ich soeben rausgefunden habe, dass bei mir am dienstag in LHR der wecker, das telefon, der fernseher oder was auch immer schon um 03:40 LT klingelt, werde ich mir wohl auch eine technik überlegen müssen, zumal bei uns bekanntlich die kojen fehlen...gute nacht;-)

    G!

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  4. Um diesen Aspekts ihres Berufs beneide ich Sie wahrlich nicht.

    In welchen "Städtchen" ihres Flugplans haben Sie denn den kürzesten resp. längsten Aufenthalt?

    Grüße,
    doc holiday

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  5. Klingt reichlich anstrengend. Und ich beneide dich nicht im geringsten um Tokio (wohl aber um die häufigen Aufenthalte im Engadin, das für mich zu weit und zu teuer ist).

    Schlaftechnisch gesehen hätte ich zwar den Vorteil, sozusagen auf Befehl jederzeit und überall und in jeder Stellung schlafen zu können, aber diese Fähigkeit hat leider die Kehrseite, dass ich bei müde und 'nix los' (so stelle ich mir das während des Fluges im Cockpit vor') wie ausgeschaltet einschlafen würde. Es gibt so gut wie nichts, mit dem ich das verhindern kann. Muss ich wohl am Boden bei Software bleiben ;-)

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  6. Danke für die Schlaftipps!

    Wenn ich in meiner ganzen Karriere eine Konstante gefunden habe, dann ist es die unglaubliche Müdigkeit die aufkommt, wenn man die Uniform trägt.

    Das nächste Mal lege ich mich in Tokio mit der Uniform ins Bett :-)

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