Dienstag, April 24, 2007

alles fliesst

Dunkle Wolken sind über Hongkong aufgezogen und in der Ferne hört man den Donner, der immer lauter wird. Tropfen fallen vom Himmel die so gross sind, dass einer genügt um meine verschmutzte Brille zu waschen.
Wer kann bringt sich vor dem Nass in Sicherheit und wartet, bis sich das Schauspiel verzogen hat. Selbst das Laufen auf dem Gehsteig macht Mühe, da einem das Wasser zentimeterhoch entgegenkommt.

In Hongkong ist alles im Fluss, während dieser misslichen metrologischen Verhältnisse sogar wortwörtlich. Die die müssen – und das sind einige, hetzten selbst im Dauerregen von Termin zu Termin. Das Rad muss weiterdrehen, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Gestern hat eine grosse Lokalzeitung geschrieben, dass die Obrigkeit in Peking das Problem der Umweltverschmutzung in China erkannt hat. Nachhaltigkeit und der Schutz der Ressourcen seien wichtig, Wirtschaftwachstum aber wichtiger. Das Rad wird also immer schneller weiterdrehen. Solange, bis es sich in seine Einzelteile zerlegt.

Seit über zehn Jahren darf ich diese faszinierende Stadt regelmässig beruflich besuchen. Erfreue mich an dem Neuen und geniesse die alteingesessenen Institutionen und Bauten. Mit Freude stelle ich jedes Mal wieder fest, dass weder an der alten Tramlinie noch an der Starferry gerüttelt wird. Das Peaktram ist noch genauso das Gleiche wie die alten Boote, die den hungrigen Copiloten jeden Morgen zum Frühstück auf die Lamma Insel bringen.

Sieht man einmal von den unzähligen Indern ab, die mir seit zehn Jahren erfolglos versuchen einen Anzug und gefälschte Uhren zu verkaufen, ist der ganze Rest der Stadt einer ständigen Veränderung unterworfen.
Wo sich das letzte Mal noch ein schmackhaftes Thairestaurant befand, werden heute andere thailändische Spezialitäten angeboten, die allesamt im leichtbekleideten, tänzerischen Bereich anzusiedeln sind. Wo gestern noch Meer war, steht heute das höchste Gebäude von Hongkong. Wahrlich eine verrückte Stadt!

Das Tempo kann den ungewohnten Besucher aber auch überfahren. Es gibt Momente, in denen man laut aufschreien könnte und alle vordrängenden Chinesen in die Wüste wünscht. Die Busse sind einem zu voll, die Kaffees sind zu laut und die Mobiltelefone zu zahlreich. Zeit eine der ruhigen Oasen aufzusuchen, Zeit um Kraft zu tanken.

Die Inseln bieten sich da richtiggehend an. Schon die Überfahrt beruhigt ungemein. Der Schiffsdiesel singt einen in den Schlaf und die Wellen der stürmischen See lassen die Barke hin und her wippen. Yoga für die Seele.
Auf dem Eiland angekommen spürt man sofort den langsameren Takt der Einwohner. Plötzlich respektieren die Leute den Mindestabstand, den zwei Personen einhalten sollten, solange sie kein Verhältnis miteinander haben und plötzlich wünscht man sich einen guten Start in den neuen Tag.
Hier lässt man sich gerne nieder, lädt die eigenen Batterien und entlädt die des Notebooks. Der Blick aus Meer hinaus ist traumhaft und der Kaffee schmeckt besser als sonst irgendwo in dieser Ecke der Welt.

Der Regen prasselt wieder stärker auf das Vordach und ich muss meine Füsse auf die Fussraste des Tisches stellen, damit meine Zehen nicht nass werden. Panta Rhei - alles fliesst, gilt selbstverständlich auch hier auf der Lamma Insel. Ich hoffe aber sehr, dass es sich an diesem wunderbaren Ort auf das Regenwasser beschränkt, das im Moment den Gehsteig vom Staub befreit. Bitte lasst mir diese Insel!

Kommentare:

  1. Das hört sich ja wirklich nach purer Erholung an, an alles, was die alten Chinesen für sich und den Rest der Welt entdeckt haben: Feng Shui; die Energie, das "Chi"; und dass eben alles irgendwie fließt, nicht nur Wasser und Straßenverkehr.
    Hoffen wir wirklich, dass sie ihrer Bevölkerung und ihren Besuchern diese Insel lassen !

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  2. Jaja... Panta Rhei in Tokyo, ignis nefastus (heisst das wirlich "Feuer verboten"?) in der Schweiz.

    Ich rate dir nun "Carpe diem" und auf keinen Fall "Memento Mori".

    Nachdem ich nun mein ganzes Lateinvokabular präsentiert habe, wünsche ich allen eine gute Nacht.

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  3. Severin Baerlocher25 April, 2007 14:39

    Du hast zwei dinge dich ich doch so dringend nötig hätte: Den Regen und das Paradies auf Erden zu deinen Füssen (so klingt es für mich immerhin).

    Nun es bleibt mir nichts anderes als dich darum zu beneiden und dir noch einen schönen Aufenthalt zu wünschen.

    E liebe Grues use de südende Schwiz...

    Sevo

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  4. Naja, je nach Inselseite sieht man auf Lamma ja auch die Quelle all der Energie, die Hong Kong verbraucht... ;-)

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