Samstag, März 31, 2007

Scheinwelten

Die kalifornische Sonne erwärmt schon wieder die Luft, die Heizstrahler, unter denen sich die morgendlichen Kaffeehausbesucher wärmen, werden abgeschaltet und die Sonnenbrillen gehören für die nächsten Stunden zur Standardausrüstung.
Es ist Samstagmorgen hier in Belmont Shore und wer was auf sich hält, hat vor dem ersten Kaffee schon mindestens eine Stunde Sport hinter sich.
Ich geniesse die unkomplizierte Stimmung, habe nach meinem stündigen Dauerlauf in der Morgendämmerung entlang dem noch einsamen Strand den gleichen glücklichen Ausdruck im Gesicht, wie alle anderen Besucher, die den angenehmen Geruch frischen Schweisses noch nicht mit penetrantem After-Shave überdeckt haben und beobachte von meinem Tisch aus das Hin und Her im gemütlichen Kaffee.

Die Morgenstunden sind für mich die glücklichsten hier in Kalifornien. Die Zwangsjacken, die einem in diesem Land so gerne in Form von Vorschriften, Verhaltenskodexen und Konsumzwängen angelegt werden, sind noch nicht so eng zugeschnürt. Man redet noch miteinander, man grüsst sich, man joggt zusammen und das Warten in der Schlange vor der Kaffeekasse ist noch nicht geprägt von Ellbögeln, das zum erklimmen der Karriereleiter scheinbar unumgänglich ist.
Selbst die Polizisten sind noch gut gelaunt. Mit Kaffeekartonbechern so gross wie eine Trommel Waschmittel und einem brauen Papiersack, gefüllt mit Bageln, sitzen sie im Kreis unter der Wärmelampe und stören sich in keiner Weise über die nicht immer korrekt fahrenden Radfahrer, die zahlreich Richtung Huntington Beach pilgern, also ob dort die Qualifikation für die nächste Tour de France stattfinden würde.

Verschwinden aber die letzten Morgennebel und wird das Sonnenlicht so grell, dass man sich trotz verdunkelter Brille nur noch mit verkniffenen Augen fortbewegen kann, kippt die Stimmung schlagartig. Es ist der Zeitpunkt, an dem die Konsumtempel öffnen und die Geldbeutel gefüllt mit diversen Kreditkarten griffbereit in der Hosentasche verstaut werden.
Plötzlich dreht sich alles nur noch um Gap, Victoria Secret, Banana Republic und wie die Läden alle heissen. Ketten, die sich wie ein Krake über das ganze Land verteilt haben und Stadtbilder ob im Osten oder im Westen genau gleich aussehen lassen.
Hektisch stürmen die vorher so relaxt sitzenden Kaffeetrinker und Zeitungsleser los und tauchen in die Scheinwelt ein, die selbst uns Europäer immer wieder anzieht wie der Dreck die Fliegen.

Klar, ich könnte ein Auto für 25$ mieten und raus aufs Land fahren. Nur leider beginnt das Land erst hinter der Stadtgrenze. Wer diesen Moloch Los Angeles kennt weiss, dass die Stadtgrenze immer mindestens 3 Staustunden entfernt ist, egal wo man sich gerade befindet. Ein Fahrrad täte es auch. Leider kostet das Mieten des Drahtesels ganze 2$ mehr als das Ausleihen eines Benzinfressers und letztendlich steht man damit im gleichen Stau und erst noch ohne Klimaanlage.

Jetzt ist es wieder da, das leicht depressive Gefühl, das mich bei meinen Besuchen in Los Angeles immer wieder überfällt. Wäre es doch immer Morgen in diesem Teil der Welt! Ich glaube, ich könnte Frieden schliessen mit diesem Erdteil. So suche ich Trost in meiner Stammkneipe der Kaffeerösterei , die mich so sehr an die feinen Gerüche erinnert, die der Herr Ferrari bei und im Dorf schon seit Generationen dezent über die Gegend verteilt.
Hier kann ich den kalifornischen Morgen verlängern, hier treffe ich andere Leute die der Scheinwelt entfliehen und hier kann ich Rolf Dobelli’s Bücher über berufliche Midlife-Krisen lesen, die mich interessanterweise nur hier in Kalifornien interessieren.

Kommentare:

  1. Herrliche Beschreibung der Atmosphäre; man ist gleich selber mittendrin .. Ihre Berichte begeistern mich immer wieder!

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  2. kann mich dem doc holiday nur anschliessen. deine berichte sind wirklich super!

    fuehle mich gleich wieder 24h zurueckversetzt, als ich selber noch in belmont shore rumgelaufen bin.

    hoffe du hast einen puenktlichen rueckflug als wir....

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  3. Wie herrlich! Ich kann es förmlich spüren. Auch ich werde treue Leserin

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  4. Danke für all die Kommentare!
    Nein, pünktlich waren wir auch nicht - die Fluglotsen im Caipi-Land haben uns gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht.

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  5. Hmm, dann warst du wohl der "Cruise Captain" auf meinem Rückflug (Push back around 23.25 local time). Habe bei der Begrüssung durch den Captain noch für einen Moment gedacht, vom Vornamen her könnte es der bloggende Herr Nff sein, der ab und zu auch in einem schweizer Luftfahrtforum anzutreffen ist....das lange warten hatte es wirklich in sich, obwohl im Vergleich mit anderen Airlines hat dein Arbeitgeber die Situation recht gut gemeistert. Und wer viel fliegt, muss ab und zu damit rechnen, dass nicht immer alles nach Plan läuft, ist manchmal auch ganz spannend :-)...

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