Freitag, März 16, 2007

Altpapier



Überstunden stehen heute an. Wenn andere sich schon lange vor den Schminktischen aufgebaut haben oder sich mit Kollegen ein Feierabendbier oder auch zwei genehmigen, habe ich an diesem Freitagabend noch ganze 5 Stunden Arbeit vor mir.
Gut, wirklich hart ist mein Reservedienst nicht, er ist aber durchaus mit Entbehrungen und Strapazen verbunden. So ganz ohne Pause zwölf geschlagene Stunden in den eigenen vier Wänden zu arbeiten, das ist wirklich nicht jedem gegeben. Wichtig dabei sind, - wie überall im richtigen Leben -, die minuziöse Planung und die gute Einteilung. Nicht auszudenken, wenn am Ende der Schicht das Telefon klingelt und einem noch mündlich der Marschbefehl für einen elfstündigen Nachtflug übermittelt wird.

Am besten beginnt man den anstrengenden Tag mit einem ausgedehnten Frühstück gleich nach dem Aufstehen so gegen Mittag. Es folgt eine entspannende Zeitungslektüre und ein Update der wichtigsten Internetseiten am Computer. Idealerweise, wenn der Reservedienst um 5 Uhr in der Früh begonnen hat, sind die ersten sieben Stunden schon vorbei, noch bevor man den Feuilletonteil der NZZ gelesen hat.

Wenn dann die Dinkelflocken und der am Vortag frisch gebackene Butterzopf im Magen gegen die Verdauungssäfte ankämpfen, damit den Organismus belasten und sich dadurch eine kleine Müdigkeit breit macht, empfiehlt sich der Gang vor den Fernseher. Als geübter Reservedienstschiebender hat man am Vorabend natürlich all die verpassten Filme aufgenommen und kann so die legendären Gerichtssendungen genüsslich weglassen.

Interessanterweise meldet sich spätestens nach dem zweiten Spielfilm das schlechte Gewissen. Warum weiss ich auch nicht, schliesslich bin ich am Arbeiten, aber vermutlich spielt hier die gute Erziehung zum schaffigen Schweizerbürschchen einen Streich mit mir.

Also verschiebe ich meinen Hintern langsam ins Bürozimmer, selbstverständlich nicht ohne mir vorher ein kaltes Plättchen mit etwas Schafskäse und Trockenfleisch zuzubereiten. Auf meinem Schreibtisch tummeln sich überall Rechnungen und der Stapel ‚zu erledigen’ droht beim leisesten Lüftchen einzustürzen.
Die Rechnungen werden sortiert, ich entdecke zwei Mahnungen der Swisscom und überprüfe danach sofort, ob mein Anschluss, über den mich die Firma vielleicht erreichen möchte, überhaupt noch in Betrieb ist. Er ist und die Rechnungen werden subito beglichen, damit Swisscom wieder Firmen kaufen kann.

Der Stapel wird kleiner und das Altpapier verteilt sich innert Kürze über den ganzen Zimmerboden. Altpapier bündeln, auch so eine Arbeit, die man wochenlang vor sich her schiebt. Etwas Hanfschnur aus dem Regal und mehr oder weniger Talent meinerseits, machen aus dem Papierchaos am Boden schnell drei Bündel reziklierbaren Rohstoff.

Völlig erschöpft trage ich die viel zu schweren Pakete vor die Haustüre, wo sie Morgen von jugendlichen Sportskanonen abgeholt werden. Auf der Strasse begegne ich einer Nachbarin, die mich völlig entgeistert anschaut. Ob es am Pyjama liegt, das ich so kurz vor 16 Uhr immer noch trage, oder am etwas chaotischen Zeitungsbündel, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Klar, ihre Bündel, die so tadellos Aussehen als ob sie in eine Form gegossen wurden, sehen schon beneidenswert aus, aber ich habe wenig bis gar keine Ambitionen, dies auch so zu tun.

Langsam schleiche ich wieder zurück in meine Wohnung und freue mich auf das Käsefondue heute Abend. Mit frischem Brot in heissem Käse zu rühren, gehört für mich zum Schönsten überhaupt. Getrübt wird das Festmahl aber leider durch die Tatsache, dass ich die Finger von Weisswein & Kirschwasser lassen muss. Da muss ich durch, schliesslich bin ich bis 23 Uhr am Arbeiten. Da soll mal einer sagen, Reservedienst sei ein Zuckerschlecken!

Kommentare:

  1. Das Leben als Pilot ist unglaublich strapaziös! Meine herzliche Mitleidsbekundung. (Irgendwie wird mir nun langsam klar warum Pilot mal ein Traumberuf war ;-)

    Um noch auf die Zeitungsbündel zurückzukommen. Die sind eher zu dick geraten. Wenn Sie es mir nicht glaube, heben Sie es bitte drei mal vom Grundlevel über den Kopf. Schliesslich sind nicht alle Zeitungsammler jugendliche Sportskanonen ;-)

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  2. doch, doch... zuckerschlecken soviel Sie wollen... aber eben kein kirsch-lecken ;)

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  3. Was mich noch wundernähme. Sind die abgebildeten Zeitungsbündel nun die deiner Nachbarin oder die deinigen.

    Wenn es deine sind würde ich dir gerne mal einen Kurs im Chaoten erteilen.

    Spass beiseite, ich fühle mit dir und wünsche noch einen guten Feierabend nach dem harten Tag!

    E liebe Grues

    Severin

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  4. Die abgebildeten Bündel sind selbstverständlich diejenigen meiner Nachbarin. Bei mir sieht der Bündel eher aus wie die Frisur des/der Tokio-Hotel-Sängers/Sängerin.

    Ich möchte mich für die Anteilnahme an meinem harten Reservetag bedanken :-)

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  5. Mit Tokio Hotel haben wir es jetzt aber.... Bitte nicht!!!! Bitte lieber den Kapitäns Song... ;-)

    Grüsse
    A.

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  6. Ich verspreche hoch & heilig, dass ich die oben beschriebene Lärmgruppe nicht mehr erwähnen werde.
    Mein neues Opfer für Vergleiche wird ab subito der Herr Bohlen sein.

    Wer meinen Favoritensong gerne hört, klickt beim kantonalzürcher Leadsänger an. (2 Mal auf "ÜBER MICH" klicken

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  7. Wie wäre es denn hier mit... ;-)

    http://www.youtube.com/watch?v=VvoueU1OcbA

    aber diese Version hier ist eigentlich vieeeeel besser, da kommt Nostalgie hoch... schnief...

    http://www.youtube.com/watch?v=cl9DJNdteGo

    Grüsse
    A.

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  8. Wenn wir schon beim Thema sind, kann ich ja gerade etwas Werbung machen:

    Der offizielle Werbefilm der SWISS VA:
    http://www.youtube.com/watch?v=D85_a0-C1Oc

    Der hier ist nicht von uns, wir sind jedoch der Phoenix dieser VA:

    http://www.youtube.com/watch?v=n0d-YUl6pZI
    Toller Text, nicht?

    Gruss
    Philipp

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  9. Was bin ich doch froh, dass du in der France profonde einen kommentar hinterlegt hast!

    So konnte ich mich zwischen kichern und gelächter bis zum juni 2006 zurücklesen und mir einen vergnügten abend machen.

    Carine aus dem wilden westen

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  10. Ein grosses Dankeschön für die Blumen aus Frankreich. Hätte ich mein erstes Französischbuch nicht für Comiczeichnungen missbraucht, würde ich jetzt stilvoll in der schönen Sprache Molières antworten, aber eben .....

    Grüsse aus N.Y.

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  11. dafür gehst du mit T.C.Boyle wohl lockerer um als ich :-))

    bizz, Carine

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