Montag, Februar 19, 2007

Psychologie einer Pässefahrt

Bevor ich meine hochintellektuelle Betrachtung eines Sonntagsausflugs beginne, muss ich mich erst bei ein paar Automobilisten entschuldigen.
Ich entschuldige mich in aller Form dafür, dass ich auf der Autobahn exakt 120 gefahren bin und damit ein Verkehrshindernis sondergleichen war. Ich entschuldige mich dafür, dass ich in der Linthebene wegen der geringen Sichtweite von ca. 80 Metern das Tempo noch zusätzlich reduzierte und den Mercedesfahrer, der mir 5 Meter aufhockte, mit meiner Nebellampe leicht blendete.
Ich entschuldige mich dafür, dass ich trotz meines fortschreitenden Alters die Tempovorschriftstafeln erkenne und diese respektiere, wie früher den Feldwebel in der Rekrutenschule.
Ich entschuldige mich bei allen Verkehrsteilnehmern dafür, dass ich ihnen den Rasersonntag vermasselt habe und sie dadurch wertvolle Parkplatzpositionen beim Sessellift in Savognin vergaben. Äxgüsi!

Der Berg rief und wir sind dem Ruf gefolgt. Sack und Pack für vier Tage Engadin im Passat verstaut, ging es am Sonntagmorgen nach dem Genuss von drei Schnitten selbstgemachtem Butterzopf Richtung Engadin. Unsere Rostlaube war schnell gepackt, die Heizung lief an diesem nebligen Morgen erstaunlich gut, kein unnötiges Geschwätz aus dem Radio, der schon seit drei Jahren aus technischen Gründen keinen Laut mehr von sich gibt und weit und breit kein anderes Fahrzeug, das uns bis zur Autobahnauffahrt im Wege stand.
Zürich kam schnell näher und wir begannen mit dem, was uns am sonst so langweiligen Autofahren so viel Spass macht: die Kategorisierung der verschiedenen Autofahrer.

Der Basler:
Er ist der pure Individualist. Wer als „Beppi“ zu Beginn der Fasnachtsferien nicht in ein farbiges Gewand steigt, nicht überdimensionale Lampions durch die heimischen Gassen trägt, nicht Richtung Wallis oder Berner Oberland in die Skiferien fährt, sondern den Umweg über Zürich ins Bündnerland wählt, scheut im Leben keine Abenteuer.
Der Basler legt sich nicht auf eine Automarke fest, liebt das flüssige Fahren durch die Westtangente trotz gut getarnter Radarkästen und ist - obschon das Nummernschild von den hundert Autobahnkilometern auf salznasser Strasse gezeichnet ist - leicht zu erkennen. Denn wo vor ein paar Jahren noch das FCB Banner an der Stossstange prangerte, das er im Fussballfeindesland Zürich stolz präsentierte, klafft heute ein grosses Loch.

Der Jungdynamische:
Er lässt sich vom grünen Geschwätz von wegen Umweltverschmutzung nicht beirren, fährt einen mit Schildkrötenwachs polierten SUV und würde, wären die Leasingraten nicht so teuer, seiner Freundin trotz Protest der Pelzlobby für den Sonntagsausflug in die Berge einen Nerzmantel kaufen. Der Jungdynamische leidet etwas darunter, dass die Szene von ihm verlangt, jede angesagte Bar im Kreis 5 zu kennen und genau diese angesagten Kneipen öffnen am Wochenende erst zu später Stunde. Kurz, dem Jungdynamischen fehlt der Schlaf und das macht ihn in Kombination mit seinem bulligen Auto zum Pitbull im Sonntagsverkehr. Man geht ihnen mit anderen Worten besser aus dem Weg.

Der Schnäppchenjäger:
Reist aus dem flachen Deutschland in einem Kleinwagen Marke Corsa an, der mit mindestens 5 Personen besetzt ist. Leicht zu erkennen ist der Schnäppchenjäger daran, dass er die Schneesportgeräte mit den Spitzen nach vorne auf den Dachträger schnallt.
Obwohl der Tacho seines Kleinwagens erst bei 180 Sachen endet, will der vollgeladene Kleine nicht wirklich über 130 km/h beschleunigen. Leichte Bodenwellen in der Autobahn machen ihm zu schaffen, drosseln das Tempo zwischendurch enorm und erstaunlicherweise stört sich keiner der Automobilisten daran. Wir waren alle einmal jung und hatten damals mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Der Schnäppchenjäger verlässt die Karawane bei Grüsch-Danusa.

Der Zweitwohnungsbesitzer:
Ihn erkennt man am fehlenden Skiträger, an der geringen Zuladung, am silbrig glänzenden Werbekleber seiner Zweitheimat in den Bündner Bergen und an der tiefen Autonummer, die er für einen fünfstelligen Betrag ersteigert hat.
Der Zweitwohnungsbesitzer mag sich aus Stilgründen an den pubertären Spielchen im Strassenverkehr nicht beteiligen und hofft, dass er wenigstens einmal in seinem Leben den Tempomat (Mehrpreis 5600.-) auf dieser gottverdammten Autobahn aktivieren kann.
Als Zweitwohnungsbesitzer fährt er die Strecke Richtung Chalet mehrere Male im Jahr und hasst dementsprechend die ungezogenen Rowdies, die seine Autobahn an diesem Sonntagmorgen verstopfen. Der Zweitwohnungsbesitzer meidet die Autobahnraststätten wie der Teufel das Weihwasser und freut sich mit voller Blase auf seine eigene Toilette im Chalet in den Bergen.

Der Bündner:
Ihm verzeiht man am ehesten, dass alle der vier Räder angetrieben sind. Der Bündner ist ein sympathischer Zeitgenosse, hat es nicht nötig, sein Image mit einem bulligen Blechhaufen aufzupolieren und kann es nicht dulden, wenn Hasenfüsse mit ihren Autos die Passstrasse blockieren.
Der Bündner weiss genau, in welcher Kurve er welchen Gang einlegen muss, wo im Winter die Schneeverwehungen sind, wann die Kantonspolizei Kontrollen macht und zu welcher Uhrzeit die Kinder in welchem Dorf nach der Schule die Strassen überqueren.
Er kennt die Grenzen seines 4WD, die Löcher im Strassenbelag, die Geraden wo man überholen kann und die Kurven, in denen gemäss langjährigen Überlieferungen noch nie jemand entgegen gekommen ist. Im Zusammenhang mit dem Bündner kann man nur einen Fehler machen, nämlich zu versuchen sein Tempo zu halten.

Ich:
Autofahren ist nicht meine Leidenschaft und eigentlich besteige ich viel lieber den Zug Richtung Engadin. Es ist die Bequemlichkeit, die mich immer wieder in die rote Rostkiste zwingt. Mit Gepäck durch die Bahnhöfe hetzten macht wesentlich weniger Spass, als die Gesellschaftsstudien auf der Strasse. Etwas egoistisch - ich weiss, dafür entschuldige ich noch einmal bei allen Baslern, Jungdynamischen, Schnäppchenjägern, Zweitwohnungsbesitzern und Bündnern. Äxgüsi.

Kommentare:

  1. Man vergesse nicht die Spezies der ausländischen Wohnugsbesitzer... Die im Harakiri Stil diverse Pässe hoch- und runterfahren, sich total überschätzen und permanent zwischen Vollgas und Vollbremsung wechseln. Einen schier in den Graben drängen, die Faust wütend schütteln, den Stinkefinger zeigen, sich an den Kopf langen, an einem vorbei preschen, mega knapp vor einem wieder einscheren und dann vor der nächsten Haarnadelkurve in den Eisen stehen, weil der Postbus um die Kurve kommt oder andere Dinge den Weg versperren.... Wie heisst es so schön: Eile mit Weile!

    Grüsse
    A.

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  2. Ich hätte da noch den Glarner( die haben nur eine Autobahn => dementsprechend langsamer)

    Die Sonntagsfahrer( älteres Pärchen mit lauter klassischer Musik)

    Den Hobbygangster( im silbrigen Mercedes mit offenen Fenstern und überlauten Musik das zehnte Mal um den Kreiselkurvend)

    und meine Mama (immer mit mind. 140 km/h Unterwegs, dem Töffnachtrauernd und eigentlich überhaupt nicht Frau am Steuer)

    Ich passe natürlich in keine Schublade ;)

    E grues

    Severin

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  3. Severin, Du hast 2 meiner Lieblinge vergessen ;-)

    Den mit der umhäkelten WC Papier Rolle und dem Autonummerkissen, mit Pfeife oder Zigarre im Mund und dem Hut auf dem Kopf, nach Möglichkeit mit Minimalabstand zum Lenkrad. Und last but least, den Macho im tiefgelegten, schwarzen 5er oder 3er BMW älteren Baujahrs, mit schwarz verklebten Scheiben und dem Standardsatz: "Ey Mann, was willst Du?" auf den Lippen...

    Gruss
    A.

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  4. Oh, wunderbar! Mit kleinen Abwandlungen kann man Deine Charakterstudie gradaus nach D übernehmen. Ich selber gehöre natürlich in überhaupt keine Kategorie, ha, die perfekte Autofahrerin, und den letzten (einzigen!) Strafzettel aus der Schweiz führe ich nach wie vor darauf zurück, dass in der Schweiz die Nicht-Schweizer im Radar benachteiligt werden (ich bin fet davon überzeugt, dass bei Nicht-Schweizer Nummernschildern früher geblitzt wird) ;-))

    Ich hoffe, Du bist momentan dabei, die Skifahrer ähnlich zu klassifizieren :-)

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  5. Tolle und wahre Studie. Wird es noch eine Erweiterung geben für die Wochentagsfahrer? Da ist doch noch einiges zu holen ;).

    Gruss,
    Michael

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  6. Danke für die vielen Kommentare! Ich sollte mehr über das Autofahren schreiben, bringt Leser & Kommentare :-)
    Wenn das nur nicht so gefährlich wäre (...)

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