Sonntag, Februar 04, 2007

Frostbeulen und Ledereier

Der Blick aus dem Hotelfenster verschlägt mir fast den Atem. In den vergangenen 11 Jahren habe ich den Himmel über Manhattan noch nie so blau und perfekt gesehen. Die Lebensgeister erwachen in mir und ich schreite schnellen Schrittes Richtung Badezimmer, wo ich mich vom gestrigen Bier befreie.
Natürlich läuft der Fernseher im Hintergrund und ich erhasche zwischen dem Rasieren und dem Duschen einige Wortbrocken der gerade laufenden Nachrichtensendung auf dem lokalen Fernsehkanal. Es ist die Rede von Frostbeulen, Windchill, Wetterwarnungen, Superbowl, Miami, wieder Frostbeulen und wieder Winchillwarnungen.
Der kühlende Schaum auf meiner Backe und die scharfen Klingen in meiner rechten Hand fordern meine ganze Aufmerksamkeit, so dass ich mich nicht um die sicherlich unwichtige Nachrichtensendung kümmern kann.

„Breaking News!“ schreit plötzlich eine Stimme am „Eyewitness News Channel“ und ich stürze von der boulevardesquen Berichterstattung getrieben direkt vor den Bildschirm. Die charmante Dame, gekleidet in einem Gucci-Zweiteiler, baut sich vor farbigen Graphiken auf und erklärt dem interessierten Publikum den Zusammenhang von Wind, Temperatur und Empfindlichkeit der menschlichen Haut. Im Moment sei es -5° C in der Innenstadt und der Wind pfeife mit 45 km/h durch die Gassen, was eine gefühlte Temperatur von -20° C ergäbe. Es folgt ein Werbeblock für Floridaferien und danach äussert sich ein Arzt zu den Gefahren für Mensch und Haustier. Es sei besser heute zu Hause zu bleiben, da sich bereits nach 30 Minuten Frostbeulen an den Backen bilden könnten und diese sofort vom Fachmann behandelt werden müssen.
Ich schmunzle, denn der Arzt hat mit seinen sorgfältig gewählten Worten so manchen Familienstreit im Keime erstickt. Denn heute ist Superbowl, der grosse Showdown der Football Liga und das hat hier in den Staaten etwa die gleiche Bedeutung wie Kitzbühl, das Fussball WM Finale, Formel 1 in Monza und Spengler-Cup zusammen. Die Männer wollen zu Hause bleiben, den ganzen Tag vor der Kiste hocken, Bier trinken und keinesfalls mit Kind und Kegel an die frische Luft. Der Wettergott ist zumindest am heutigen Sonntag auf den Seiten des sportliebenden Geschlechts.

Ich lasse mich von den Warnungen nicht beeindrucken, packe mich dementsprechend dick ein, betrete die Hotellobby mit Elan, nähere mich sportlich der Drehtüre und schnappe unter freiem Himmel sofort nach Luft. Meine Lunge rebelliert bei den Temperaturen, die an den Polarkreis erinnern und die Nase beginnt sofort mit warmen Flüssigkeiten die Nasenkanäle vor dem sofortigen Einfrieren zu schützen. Eigentlich wollte ich an diesem herrlichen Sonntag durch die Strassen schlendern, steuere aber sofort den nächsten U-Bahn Schacht an und verschwinde im Untergrund der Grossstadt. Die Station 34th, Broadway ist warm und das hat sich auch bei den Pechvögeln der amerikanischen Gesellschaft herumgesprochen. Sämtliche Sitzgelegenheiten sind von dick eingepackten Gestallten belegt, die nicht aussehen, als hätten sie die Nacht in einem warmen Bett verbracht.

Nach einigen Minuten trifft die scheppernde Blechkiste ein und ich besteige als einziger die Q-Line, die mich auf direktem Weg ins Soho bringt. Lächerliche drei Minuten zu früh treffe ich vor meinem Stammrestaurant ein und stehe mitten in einem winterlichen Orkan vor verschlossenen Türen. Die längsten drei Minuten meines Lebens! Keine der charmanten Damen, die im Innern des Lokals in T-Shirts gekleidet die Tische vorbereiteten, hatte Erbarmen mit mir.
Der wärmende Tee verschwand schnell in meinem Rachen und erst danach war es mir möglich, die Zeitung ohne mit den Händen zu zittern zu studieren.
Meine Taktik für den heutigen Sonntag ist klar. Bis zum Hotel sind es noch rund 20 Blocks. Wie in der Infanterie gelernt, werde ich mich geduckt von Deckung zu Deckung, bzw. von Starbucks zu Starbucks vorarbeiten und hoffentlich unversehrt im mässig geheizten Hotelzimmer eintreffen.

Es bleibt die Erkenntnis, dass es zumindest hier in Amerika noch richtige Winter gibt und Wetterwarnungen besser ernst genommen werden.
Wenn der Wettergott neben dem Football auch nur ein kleines Verständnis für die Luftfahrt hat, besteht die Hoffnung, dass der gestrige Gegenwind, der auf 7000 Meter mit 350 km/h geweht hat, immer noch am gleichen Ort ist und uns heute Nacht nach Hause treiben wird. Denn ich will zurück in heimische Breiten, da ist der Winter so schön kuschelig warm!

Kommentare:

  1. hallo,
    nun hab ich mich also noch ganz genau erkundigt.......ob es wirklich so *arschkalt* gwesen sei in N.Y.
    kommentar: an körper (gemeint damit wohl auch der *arsch* ) sei *sie* ja eingepackt gewesen aber das gesicht das wär dann auch für jemanden der über dem polarkreis geboren sei ungewohnt gewesen!
    nun also ich bin die freundin (fleissige blogleserin) welche ihren blog schon nach einigen tagen aufgegeben hat (nebelloch) und vielleicht irgendwann wieder einsteigt.
    inzwischen erlabe ich mich an den gedanken eines fliegenden............weiter so.
    freundliche grüsse aus dem unterland welches sich langsam weiss bedeckt.
    barbara

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  2. (...) danke für die Lobduselungen!

    Ich glaube nicht, dass die beschriebene Person wegen ihres Gebutsortes, der am Polarkreis liegt, in New York nicht gefroren hat, - es war vielmehr die Schlepperei der mindestens 1500 Bagles, die die werte Dame in NYC erstanden hat :-)

    Gruss nff

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  3. lobduselungen?
    was is denn das für ein wort?
    liebe gruess
    barbara

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  4. *wortgeburt*.oder so!
    dass sie(du) weiss immer noch nicht ob blogger sich duzen oder nicht kreativ sind ist ja kein geheimnis!
    hab mich gerade erkundigt .es waren etwa 140 beagles aber die fallen natürlich auch ins gewicht:-) ...und ich bekomme auch noch einen ab davon wie mir scheint:-)))))))))
    und nun auf wiederlesen
    barbara

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  5. au ja, so arschkalt wie es war, als ich mal in paar Tage in New York war, das habe ich ja noch nie erlebt. Endlich wusste ich, warum man in den Filmen immer New Yorker mit Ohrenschützern rumlaufen sieht... hab mir dann auch welche gekauft ;)

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